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"Eine Form der Verkündigung": Neue Organistin Ekatarina Kofanova

Peterskirche: Mit Händen und Füssen zu neuen Orgelklängen

Am 1. März tritt die weissrussische Konzert-Organistin Ekaterina Kofanova ihre Stelle als Organistin zu St. Peter in Basel an – ein Porträt


Von Jürg Erni


Die Ablösung von der einen zur anderen Organistin an der Basler Peterskirche war nicht harmonisch. Umso spannender ist die Frage, was sich die neu gewählte Organistin Ekatarina Kofanova von ihrem Wechsel von der Berner Friedens-Gemeinde an die Innerstadt- und Universitätskirche verspricht.


Wieder eine Organistin zu St. Peter. An den Tasten und Pedalen von Basels Orgeln ist die Genderfrage weniger brisant als sonstwo. Frauen behaupten die Stellung an den Spieltischen der hiesigen Königinnen der Instrumente: Susanne Doll (Paulus), Barbara Katz (St. Jakob), Tiziana Fanelli (Zwinglihaus), Susanne Jenne-Linder (Titus), Nicoleta Paraschivescu (St. Theodor), Françoise Matile (Kleinhüningen), Susanne Böke-Kern (Offene Kirche Elisabethen). 


Mit der Wiederbesetzung der Orgelstelle zu St. Peter durch die 42-jährige weissrussische Konzertorganistin Ekaterina Kofanova als Nachfolgerin der umstritten gekündigten Babette Mondry schliesst sich der Kreis der Titularorganistinnen.

Fast alles Neuland

Erst einmal – beim Bewerbungsvorspiel – hat Ekaterina Kofanova ihre künftige Orgel spielen können. Auch punkto Kenntnis ihres Wirkungsorts und deren Geschichte ist sie eine Novizin. Der Name Johann Peter Hebel, dessen Büste den Platz vor der Kirche ziert, sagt ihr noch ebenso wenig wie sie sich im hiesigen Kulturleben auskennt. Eine Name ist ihr immerhin Verpflichtung: die Schola Cantorum Basiliensis. Zur Hochschule für Alte Musik hat sie eine Affinität wie auch zu ihrem Nachbarhaus am Petersplatz, dem Wissenschaftlichen Institut der Universität.


Sie ist in eine Musikfamilie hineingeboren. Ihre Eltern unterrichten am Minsker Konservatorium das Fach Dirigieren, während sich die Tochter schon früh auf Manualen und Pedalen einen Namen als Konzertorganistin der Saalorgel der Minsker Philharmonie machte. Sie erwarb etliche Diplome und Preise, so vor neun Jahren den Römer Primo Premio "Valentino Bucchi".

Bereits mit 18 Jahren verliess sie ihre weissrussische Heimatstadt, um das Orgelspiel am Moskauer Konservatorium zu vervollkommnen und dazu Musikwissenschaft zu studieren. Ihre Dissertation schrieb sie über den Renaissance-Komponisten Thomas Morley, einem Zeitgenossen von Shakespeare.

Die schönen Orgeln des Westens

2002 zog sie nach Heidelberg zu Martin Sander, dem heutigen Dozenten der Orgelklasse an der Musikhochschule Basel. Im Westen wollte sie die vielen schönen Orgeln kennenlernen. "Das war in Weissrussland leider nicht möglich", begründet sie ihren Wegzug. "Politische Gründe haben nicht direkt eine Rolle gespielt".

Nach dem feinen Heidelberg kam sie in die behäbige Schweizer Bundeshauptstadt als Kirchenmusikerin der Berner Friedenskirche. Hier konnte sie sich entfalten in den Gottesdiensten und den Konzerten als virtuose Organistin, als Leiterin eines Singkreises, als Konzertveranstalterin. Nach sieben Jahren wollten sie die Berner nicht gerne weiterziehen lassen. Die Bekanntgabe ihrer Wahl in Basel liess denn auch auf sich warten.

So hat sie sich entschieden, die Stelle der aus drei Quartieren und drei Pfarrämtern bestehenden Kirchgemeinde "Frieden" mit derjenigen einer Basler Citykirche und dem Gotteshaus der Universität zu tauschen. Voraus ging ein längeres Bewerbungsverfahren mit drei Bewerbenden in der Schlussrunde. Entgegen einer allenfalls unterstellten Bevorzugung sass ihr Lehrer Martin Sander nicht in der Wahlkommission.   

(Noch) keine Künstlerische Leitung

Warum der kühne Wechsel? Für die Organistin attraktiv ist die Situation einer "Innerstadtkirche mit grosser Tradition und dem Akzent auf Gottesdienste in ihrer 'klassischen' Form, bei denen die Musik eine wichtige Rolle spielt". Sie freut sich auch auf die Mitwirkung bei einer "etablierten Konzertreihe, auf den schönen Raum mit der guten Akustik und der schönen Orgel".

Dies obwohl eine Künstlerische Leitung, wie sie ihre Vorgängerin beim "Verein Orgelkonzert zu St. Peter" innehatte, (noch) nicht vereinbart ist. Und die Chorleiterstelle der Kantorei St. Peter ist seit 2013 mit dem deutschen Dirigenten Christof Metz besetzt. Immerhin ist die erwünschte Verbindung zur benachbarten Alma Mater durch die monatlichen Universitäts-Gottesdienste garantiert.  

Von ihrer neuen Stelle erwartet Ekaterina Kofanova "eine gute Zusammenarbeit mit den Pfarrern und allen Mitarbeitenden wie dem Kirchgemeinderat; Kontakte zu den Kolleginnen und Kollegen in Basel und der Region sowie zur Schola Cantorum und zur Universität".


Die Petersorgel und ihre Klangkronen

Von der 30 Prozent-Stelle ist ein Auskommen allerdings kaum zu bestreiten. Sie möchte ihr Pensum durch Konzerte und Chorleitung und Orgelunterricht ergänzen. Zum Stellenwechsel zieht sie auch einen Wohnortwechsel in Betracht zusammen mit ihrem Gatten, der als deutscher Elektroingenieur und Medizinphysiker an der ETH Zürich forscht.

Attraktiv ist die Orgelstelle zu St. Peter vor allem wegen ihrer Orgel, deren klangliche Schönheiten viele internationale Interpreten in Bann gezogen haben. Auf dem Lettner, der Mittelempore zwischen Kirchenschiff und Chor, umgibt ein edel geschnitztes Eichengehäuse das Orgelwerk.



Die Pfeifen stammen zum Teil aus der alten Orgel, die der berühmte Elsässer Andreas Silbermann um 1770 erbaut hat. 200 Jahre später hat die Neuenburger Firma Neidhart & Lhôte das Instrument gründlich restauriert und ihr wieder eine edle Klangkrone aufgesetzt. Die 33 Register sind auf drei Manuale und Pedal verteilt und tragen so sonderbar klingende Namen wie "Singend Cornett", "Metallgedeckt" oder "Glockenzimbel", was auf die Leuchtkraft ihrer Klangfarben hinweist.

"Frohe Botschaft" nicht in jedem Stück

Eine erste Begegnung mit der fliessend Deutsch sprechenden Organistin im Café Hebel am Petersplatz. Die Enge der Gaststube schafft Nähe wie eine neugierige Distanz. Ihre Antworten auf Fragen nach der Motivation ihres Wechsels, nach ihren Vorstellungen der Funktion von Kirchenmusik, ihrem Verhältnis zum Wort und seiner Verkündiger kommen behutsam, aber bestimmt. 


Die Musikerin versteht die Orgelmusik im Gottesdienst als "eine Form der Verkündigung mit einer eigenständigen Sprache", die "andere Saiten" als das Wort anklingen lasse. Gemeint ist nicht die Orgelmusik im Allgemeinen, wie die Musikerin schildert: "Ein grosser Teil der Orgelmusik, vor allem in der Romantik, hat einen ausgeprägten konzertanten Charakter und wurde nicht für den Gebrauch im Gottesdienst konzipiert." Das sollte man klar unterscheiden, damit nicht in jedes Orgelstück "eine frohe Botschaft hinein interpretiert" werden müsse.


Das Repertoire von Ekaterina Kofanova ist breit gefächert und reicht vom alten Engländer William Byrd bis zur Musik des 20. Jahrhunderts und seinem Orgelkomponisten par excellence, Olivier Messiaen. Zur Avantgarde hat die Russin weniger Zugang.
 
Die Orgel spielt und braust

Zum Fototermin öffnet sie vorsichtig die Pforte der Peterskirche. Die Orgel spielt, braust gar im vollen Werk. Die neue Organistin schreckt leicht zurück und meint lakonisch, so laut sollte man wohl eher nicht üben. Wie sie wohl übt und spielt? In Basel muss sie sich erst noch vorstellen. Am 1. März 2016 erhält sie die Orgelschlüssel, die ihr Tür und Tor zu einem weiteren Lebensabschnitt in ihrer Karriere als Kirchen- und Konzertorganistin öffnen. 

Am 6. März macht auch ihre Vorgängerin Babette Mondry einen Neuanfang mit einem Konzert an der Silbermann-Orgel im neurenovierten Dom zu Arlesheim. Auch beim Orgelspiel kann Konkurrenz das Geschäft beleben.

1. Dezember 2015

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