Aurel Schmidt: "Seitenwechsel"

[ 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | (...) | 119 ] >>

Bedeutung verloren: Linke Kampfbegriffe

Fast ein halbes Jahr lang hat die Linke sämtliche Diskurse beherrscht und viel dazu beigetragen, dass sich im Zeichen der politischen Korrektheit eine Einheitsmeinung bilden konnte, die jede Abweichung von ihr verteufelt hat. Der deutsche Soziologe Manfred Kleine-Hartlage spricht in seinem Buch "Die Sprache der BRD" von einer Verdächtigungsbranche, die sich ausgebreitet hat. Das gilt überall.

Kleine-Hartlage erinnert an eine Propagandakampagne in Berlin: "Diskriminierung hat viele Gesichter". Selbst wer sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, macht sich verdächtig. Vielleicht weiss er oder sie es nur noch nicht. Bei der Lektüre von Kleine-Hartlages Buch muss man sich fragen, wie es möglich war, dass sich eine verlogene Rechtschaffenheit breit machen konnte, für die der Begriff Pharisäertum gerade recht ist. Es herrscht Generalverdacht.

Immer mehr stellt sich politische Korrektheit als "Eigentor" heraus, wie der schweizerisch-israelische Psychoanalytiker und Publizist Carlo Strenger in seinem kleinen Buch "Zivilisierte Verachtung" analysiert.

Korrektes Verhalten ist eine axiomatische Grundregel. Doch immer häufiger stellt sich heraus, dass mit dem Begriff die Korrektheit einer Clique gemeint ist, die nur deshalb recht hat, weil sie durch Selbstermächtigung jede andere Meinung als ihre eigene ins Unrecht setzt.

Wenn Flüchtlinge, die einen Weg nach Europa suchen, im Mittelmeer ertrinken, dann lässt sich die Katastrophe nicht mit Empörung über Versäumnisse oder mit Schuldzuweisungen beheben. Das ist nur gut für das eigene Befinden. Wer sichere Korridore von Nordafrika nach Europa fordert, muss einberechnen, dass mit Garantie die Flüchtlingsströme zunehmen werden. In Afrika warten Millionen Menschen auf einen Transfer. Dass es sich dabei um ein Problem von globalem Ausmass handelt, zeigen ähnliche Zustände in Asien und Australien. Das Argument von der "Festung Europa" übersieht, dass die Situation, wie sie ist, nicht hingenommen werden kann und die Behörden einschreiten müssen.


"Wer heute Aufklärung sagt, macht sich
als Eurozentriker verdächtig."



D
ie Komplexität der Lage macht deutlich, dass ihr eine schicksalhafte Verknüpfung zu Grunde liegt. Wer Forderungen stellt, muss dann aber auch die Folgen in Kauf nehmen, zum Beispiel, dass sich Europa von Grund auf verändern wird. Was falsch war oder richtig ist, wissen wir in fünfzig Jahren, vielleicht schon früher.

Was wir aber heute sehen können, ist ein Mentalitätswandel und die Tatsache, dass der gutgemeinte Diskurs von 50 Jahren nicht mehr taugt. Die Welt ist nicht mehr bipolar, als es einfach war, sich für die eine oder andere Seite festzulegen. Sie besteht heute vielmehr aus unzähligen Polen, Parteien, Mentalitäten, Ideologien, und niemand besitzt für die auseinanderbrechende Welt eine abschliessende Antwort.

Was wir tun können und tun müssen, ist dies: über die Probleme kontrovers, aber fair zu reden. Das ist die einzige Möglichkeit, um bessere Ideen zu entwickeln. Werden differierende Meinungen zensuriert, wird das nicht geschehen, sondern werden sich im Gegenteil gesellschaftliche Verhältnisse unter dogmatischen, ideologischen, also diktatorischen Voraussetzungen ergeben. Niemand ist von Kritik dispensiert, aber niemand, der anderer Meinung ist, deshalb gleich ein Rassist, Populist, Islamophob, Verschwörungstheoretiker u.s.w. Einige aber schon.

Zur bisherigen politischen Korrektheit gehörte auch das Glaubensbekenntnis an die multikulturelle Welt, das der Linken als letzter Strohhalm geblieben ist, nachdem sie sich mit ihrem neoliberalen Flirt (Schröder, Blair, Hollande) selbst ihr Waterloo bereitet hat.

Das multikulturelle Amerika ist hundertprozentig amerikanisch, der Islam ist hundertprozent islamisch. Nur Europa ist bereit, sich zu vermischen und aufzugeben, bedingt durch die Erfindung des schlechten Gewissens wegen seiner Vergangenheit, etwa des Kolonialismus. Der aber war keine Fehlleistung der Aufklärung, sondern eine Verletzung von ihr, wie man zum Beispiel bei Denis Diderot nachlesen kann.

Wer heute Aufklärung sagt, macht sich als Eurozentriker suspekt. Dabei ist sie die Grundlage unseres Denkens. Der slowenische Philosophen Slavoj Zizek hat sich kürzlich in einem Gespräch im "Spiegel" als "eurozentrischer Linker" bezeichnete. Das Erbe der Aufklärung müsse in eine neue europäische Leitkultur übergeführt werden, weil so und nur so die zentralen Werte von Freiheit und liberaler Demokratie gerettet werden können, erklärte er mit überraschender Entschiedenheit.

Weder Berufung auf den Multikulturalismus noch auf den kulturellen Relativismus, mit denen die westliche Tradition der Begriffe in einer schemenhaften Uneigentlichkeit vaporisiert werden, helfen uns weiter. In der Lage ist dazu nur ein Universalismus, der als Vermächtnis der Aufklärung über allen Fraktionen und Verschiedenheiten steht.

15. Juni 2015
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Aurel Schmidt, Jahrgang 1935, war bis Mai 2002 Redaktor der "Basler Zeitung" (vorher "National-Zeitung"). Er war mitverantwortlich für das jeden Samstag erscheinende "Basler Magazin" und verfasste zahlreiche philosophische Essays, Reise-Reportagen, Kommentare und Kolumnen. Schmidt, der heute als Schriftsteller und freier Publizist in Basel lebt, machte sich auch als Autor mehrerer Bücher einen Namen: "Der Fremde bin ich selber" (1982), "Wildnis mit Notausgang. Eine Expedition" (1994), "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen" (1998). Ausserdem liegen vor: "Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika" (2002), "Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden" (2006), "Auch richtig ist falsch. Ein Wörterbuch des Zeitgeists" (2009). Zuletzt erschienen: "Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte" (2011).

© Foto by OnlineReports.ch

aurel.schmidt@bluewin.ch

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Gemäss NNZ hat der Entwicklungsfonds 1MDB derzeit auf rund 11 Milliarden US-Dollar Schulden."

Schweiz am Sonntag
Ausgabe Basel
vom 26. Juli 2015
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Dieser Satz bietet nicht nur eine "auf"-Überraschung: NNZ. "Neue Nordwestschweizer Zeitung", ein bislang unbekanntes Projekt aus dem Hause Wanner?

RückSpiegel


Die Basler Zeitung zitiert in ihrer Recherche zum Zustand der "TagesWoche" aus dem Kommentar von OnlineReports.

Die Zeit zitierte in ihrer Schweiz-Ausgabe OnlineReports-Chefredaktor Peter Knechtli mit Aussagen zur Mediensituation, insbesondere die Wirkung der "Basler Zeitung" auf das politische Leben, in der Region Basel.

Die OnlineReports-Nachricht vom Unfall-Tod des Baselbieter alt Landrats Gerhard Hasler wurde von BZ online, der BZ Basel und der Basler Zeitung aufgenommen.

Die Schweiz am Sonntag zitierte die "Keine Ahnung"-Aussage von FDP-Präsident und Nationalrats-Kandidat Daniel Stolz in OnlineReports.

Den OnlineReports-Primeur über Christoph Eymanns Verzicht auf eine Ständerats-Kandidatur griffen das SRF-Regionaljournal, die Nachrichtenagentur SDA, srf.ch, die BZ online, die BZ Basel, die Badische Zeitung und Telebasel auf.

Das SRF-Regionaljournal, Telebasel, die BZ online, die BZ Basel und 20 Minuten übernahmen den OnlineReports-Primeur über den Veruntreuungsfall im Basler Papiermuseum.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm den OnlineReports-Bericht über das Baselbieter Kantonsgerichts-Urteil wegen Rechtsverweigerung gegenüber dem VCS auf. 

Die OnlineReports-Recherche über den Sichtschutz-Streit um die FCB-Trainingsplätze wurde von 20 Minuten und der BZ Basel aufgenommen.

In seinem Bericht über eine geplante Überbauung eines Hinterhofs im Basler Gundeldinger-Quartier nahm das SRF-Regionaljournal auf einen früheren Bericht in OnlineReports Bezug.

Die Basellandschaftliche Zeitung und die TagesWoche online nahmen in ihren Berichten über die Baselbieter Finanzpolitik auf OnlineReports Bezug.

Die Basler Zeitung berichtete über den Konflikt um die entlassene Basler Organistin Babette Mondry und ging dabei auf OnlineReports ein.

20 Minuten verwies in ihrer Nachricht über Carlo Contis Zukunft als Präsident der regionalen Alzheimer-Vereinigung auf OnlineReports.

Die Basellandschaftliche Zeitung bezog sich in ihrem Bericht über eine mögliche Ständerats-Kandidatur von Esther Maag auf OnlineReports.

Die Basler Zeitung verwies in ihrem Porträt des designierten Baselbieter SP-Co-Präsidenten Adil Koller auf OnlineReports.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz

• Vom 3. bis 14. August ist in Basel zwischen dem Barfüsserplatz und der Schifflände kein Trambetrieb möglich, weil am Marktplatz die Tramgleise ersetzt werden.

• Wegen der anhaltenden Hitze mussten bereits mehrere Baselbieter Bäche abgefischt werden – so der Homburgerbach in Thürnen, der Eibach in Gelterkinden und der Chrientelbach oberhalb von Sommerau.

• Ein "besseres Taxigesetz" mit besseren Rahmenbedingungen für Branche und Taxifahrer in Basel verlangt die Gewerkschaft Unia mit ihrem Referendum.

• Wegen eines Wasserleitungsbruches verzögern sich die Bauarbeiten zur Instandsetzung der Schlossgasse in Bottmingen um drei Wochen.

• Ab 1. November 2015 wird die Ethnologin Fleur Jaccard neu die Abteilung "Soziales" der Christoph Merian Stiftung leiten und Nachfolgerin von Walter Brack werden.

• Die baselstädtische LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein ist einstimmig zur neuen Präsidentin des Stiftungsrats der Pro Senectute beider Basel gewählt worden.

• Der Polizeiposten Riehen wird in der Nacht nicht geschlossen, worauf sich der Gemeinderat und das Justiz- und Sicherheitsdepartement geeinigt haben.

• Die deutliche Zunahme der Nachtflugbewegungen mit immer lauteren Flugzeugen ist für den Gemeindeverbund Flugverkehr (GVF) eine "Besorgnis erregende und inakzeptable Entwicklung".

• Die im März offiziell gegründete Frauen-Sektion der Basler SVP tritt bei den bevorstehenden Nationalratswahlen mit einer eigenen Fünfer-Liste an: Alexandra Faass, 1993, Verkäuferin / Vorstand Junge SVP Basel-Stadt; Susanne Hess, 1966, Kaufmännische Angestellte / Vorstand SVP Frauen Basel-Stadt; Jeaninne Heutschi, 1988, dipl. Pflegefachfrau HF / Vizepräsidentin SVP Frauen Basel-Stadt; Tanja Steiner, 1980, Kaufmännische Angestellte / Präsidentin SVP Frauen Basel-Stadt; Elena Wüthrich, 1947, Rentnerin.

• Zur Erweiterung und Sanierung des Stadt-Casinos Basel mit dem denkmalgeschützten Musiksaal beantragt die Basler Regierung dem Grossen Rat einen Beitrag von rund 38 Millionen Franken, was 49 Prozent der gesamten Investition von 77,5 Millionen Franken entspricht.

• In der Nacht vom 1. auf den 2. Juli wird das dritte "Flexity"-Tram der BVB mit der Nummer 5003 als Start der Serienauslieferung von Bautzen (Deutschland) im BVB-Tramdepot Wiesenplatz eintreffen.

• Die Energiestadt Reinach offeriert gemeinsam mit kmu Reinach ein attraktives Beratungsangebot: Unternehmen können die Energieeffizienz mit einfachen Massnahmen steigern.

• Die BDP Baselland geht mit folgenden Persönlichkeiten in die Nationalratswahlen: Marie‐Therese Müller, Reinach; Felix Weber, Reigoldswil; Doris Vögeli, Reinach; Beat Schmid, Oberwil; Franziska Were‐Imhof, Hersberg; Esther Meisinger, Bubendorf; Kevin Beining, Pratteln.

• Die EVP Baselland tritt mit folgender Liste zu den Nationalratswahlen an: Sara Fritz, Birsfelden, Landrätin und Studentin der Rechtswissenschaften: Daniel Kaderli, Biel-Benken, Gemeinderat und Stiftungssekretär; Andrea Heger, Hölstein, Landrätin und Primarlehrerin; Martin  Geiser, Gelterkinden, Chemiker und alt Landrat; Sonja Niederhauser, Liestal, Einwohnerrätin und ÖV-Managerin; Christian Muhmenthaler, Muttenz, Dienstleiter und IT-Spezialist; und Lukas Keller, Bottmingen, Mitglied Gemeindekommission und Bauführer.

• Die neue Buvette am St. Johanns-Rheinweg / Rheinschanze in Basel wird in den nächsten fünf Jahren von der Kaffeebar Saint Louis an der Elsässerstrasse 29 betrieben.

• In den vergangenen vier Jahren hat der Autoverkehr in Basel um 1,8 Prozent abgenommen, während der öffentliche Verkehr um knapp 6 Prozent und der Veloverkehr um rund 14 Prozent zugenommen haben.