© Foto by Peter Knechtli, OnlineReports.ch
"Expertisen von weither": Barockorchester "La Cetra", Probe

Kampf der Orchester

Neues Fördermodell für Basler Orchester und eine international besetzte Fachjury werfen kritische Fragen auf


Von Jürg Erni


Eine Neuinszenierung auf dem Basler Orchesterpodium. Unter der Regie des staatlichen Kulturchefs Philippe Bischof und der Projektleiterin Caroline Specht soll künftig eine Fachjury die Qualitäten der hiesigen Profi-Orchester testen und die Auswahl der förderungswürdigen Ensembles vorschlagen. Das Modell einer Umwandlung in Subventionsgelder provoziert Fragen.


Leise rieselt vom Rathaus roter Sandstein. Eine Taube überbringt Basels Bürgerschaft eine bischöfliche Botschaft aus dem Präsidialdepartement: In der Rohrpost liegt das neue Fördermodell für die Basler Orchester. Es birgt kulturpolitischen Zündstoff.

"Notwendig ist heute eine Förderpolitik, die der Entwicklung, Profilsteigerung der künstlerischen Qualität der Klangkörper dienlich ist und eine gezielte Positionierung des Musikstandorts Basel anstrebt." Uff! Das tönt ohne Einstimmung auf einen Kammerton schon mal schön schräg!

Jetzt wird’s kompliziert: "Das neue Fördermodell basiert auf vier Förderinstrumenten, die einander ergänzen: Finanzhilfe (Subvention), Programmförderung (Neu), Projektförderung, Strukturförderung (Neu)."

Auserwählte Klangkörper

Flexibilität ist gefragt. "Mit dem neuen Fördermodell kann der Kanton Basel-Stadt künftig flexibler auf aktuelle Strömungen, strukturelle Veränderungen und Bedürfnisse im Basler Musikleben reagieren." Alles offen für die Orchester, die im  Modell "Programmförderung" eingebunden sind. Also, Privatorchester: Gesuche verfassen, aber subito bis 1. März!

Bei der "Programmförderung" sind unter "Ausgewählte Klangkörper" die Privatorchester ohne garantierte Subventionen angesiedelt. Sie müssen sich immer wieder neu um Förderungsgelder bemühen. Die Förderungslaufzeit reicht von vier Jahren (SOB), drei Jahren (Klangkörper), einem Jahr (Projektförderung) bis unbefristet (Strukturförderung Neu).

Eine auswärtige Fachjury soll's richten

Die baselstädtische Konzept- und Projektentwicklerin Caroline Specht nimmt sich der Gesuche an und leitet sie an eine Programmförderungs-Fachjury weiter. Diese soll "die eingereichten Konzertprogramme nach den öffentlich zugänglichen Kriterien beurteilen und dem Regierungsrat BS die Auswahl der zu fördernden Orchester vorschlagen".

Die neu besetzte Fachjury besteht aus zwei Schweizern – kein gebürtiger Basler ist dabei – und fünf deutschen Staatsangehörigen, darunter zwei Frauen. Die weit verstreute Jury (siehe Kasten) soll herausfinden, welches Orchester in Basel förderungswürdig ist. Nach welchem Schlüssel? Sind wir auf einer Orchesterbörse, die mit Kurswerten operiert?

Nach dem hoffentlich einvernehmlichen Urteil der sieben Weisen hat die Jury ihre Pflicht getan und dürfte einige Spesen und Honorare hinterlassen. Darüber liegen keine Zahlen vor.

Orchester liegen auf der Hand

Nun ist der Regierungspräsident an der Reihe. Guy Morin wird sich die Vorschläge anhören und die Orchester Revue passieren lassen: das Kammerorchester Basel, das mit seinen Gastspielen den Namen der Heimatstadt in die weite Welt trägt; die "Basel Sinfonietta", die sich organisatorisch gerade neu aufgestellt und in der Messe Basel zeitgenössische Musik vor vollem Haus gespielt hat; das Barockorchester "La Cetra", das unter Andrea Marcon auch schon mehrfach im Orchestergraben brilliert hat; das dirigentenlose, zweidutzend-köpfige Kammerorchester "Capriccio", das die Basler Chöre in ihren Barock-Oratorien begleitet; schliesslich das Collegium Musicum, das sich auf dem örtlichen Podium bisher ohne Subvention gemausert hat; at least das ewig "Neue Orchester Basel".

Die hiesigen, professionellen Klangkörper dürften beim Gang zur Krippe in Basels Kulturstall mit ihren Gesuchen über die Höhe der Zuteilung zittern.
 
Fragt sich nur: Wie setzt das Pas de Deux Bischof/Specht die qualitative Auswertung in klingende Münzen um? Etwas Bewegung kann im Orchester-Daig gewiss nichts schaden. Doch der Kuchen der Gelder wird nicht grösser und verteilt sich auf mehr Subvenienten. Der Verteilkampf ist eröffnet.    

Zu Futterneid anstiften?

Was soll die aufwändige Übung? Will unsere Kulturabteilung eine künstliche Konkurrenz schaffen, den Futterneid anstiften? Muss sie sich mit Expertisen von weither sagen lassen, dass das Orchester A besser oder schlechter klingt, als es in der Heimatstadt wahrgenommen wird? Braucht die Staatskultur-Abteilung Hörhilfen, um zu erkennen, wer am flexibelsten fiedelt?

Dabei herrscht zurzeit Aufbruchstimmung unter den Orchestern – trotz schwieriger Zeiten: beim "staatlichen", in zweistelliger Millionenhöhe subventionierten Sinfonieorchester, das mit Hans Georg Hofmann in der Orchesterleitung (vormals Kammerorchester Basel) zur Hochform aufläuft, wie die letzten Konzerte gezeigt haben,  ebenso wie bei den Privatorchestern, beim Reise-Kammerorchester oder bei der "Basel Sinfonietta", die sich dem Mief der Selbstbestimmung entzogen und einen Chefdirigenten geordert hat.

Und unter der jungen Generation im Orchesterkader herrscht ein seltenes Einvernehmen. Jeder kämpft auf seinem Posten mit seinen Mitteln ums Überleben.   

Das Grundversorgungs-Orchester

Das Orchesterförder-Modell klammert sich an ein Organigramm: Das Sinfonieorchester Basel (SOB) hat einen "Grundauftrag" und gewährleistet die "Grundversorgung". Eine Allgemeine Klasse im orchestralen Bürgerspital gleichsam.

Das Grundversorgungs-Orchester veranstaltet eigene Konzertreihen und spielt im Orchestergraben nach Dienste-Disposition etwa mit einer Klezmer-Band am Ballettabend bis gross besetzt in einer Wagner-Oper. Auf dem Musiksaal-Konzertpodium buhlen SOB wie die Privatorchester auf gleicher Augenhöhe um die Gunst des Publikums.

Qualitative Unterschiede sind dabei nicht leicht auszumachen. In den Profi-Orchestern spielen praktisch nur Musikerinnen und Musiker mit Hochschulabschluss. Sie helfen sich auch gegenseitig aus, zumal wenn seltene Besetzungen gefordert sind. Nur die Honorierung ist unterschiedlich. Ob nach Tarif des Schweizerischen Musikerverbands oder darunter, ist eine Frage des Angebots.   

Zweiklassen-Orchestergesellschaft

Das SOB ist als Basels Leading-Orchestra gesetzt. Es bezahlt seine MusikerInnen mit einem sozial abgesicherten Gesamtarbeitsvertrag, während sich die Mitglieder in den freien Orchestern um ihre Altersversorgung selber kümmern müssen. Eine Zweiklassen-Orchestergesellschaft. Auch das SOB kann sich aber nicht auf Lorbeeren ausruhen und muss eine halbe Million Franken einsparen, was auf die Zahl der Musikerpositionen drückt.

Der Orchesterförderungs-Prozess ist eingeläutet. Zu stoppen ist er kaum mehr bis zum Ende der Legislaturperiode, auch wenn damit die Planungssicherheit für die Orchester eher gewährleistet wäre.    

Es sollte doch in unserer Musikstadt eine Handvoll urteilsfähiger, unabhängiger Fachleute geben, die durch ihre Hör-Erfahrung vor Ort im Konzert und Theater sehr wohl zu unterscheiden wissen, welche Klangkörper mehr oder weniger Unterstützung verdienten.  

Lob und Anerkennung wären nötig

Die Orchesterszene ist über das Fördermodell verstört. Nicht grundlos, ist es doch zeitraubend und mühsam, im Drei-Jahres-Rhythmus Konzepte immer wieder neu auszuarbeiten, die Leistungen und Erfolge auszuweisen, für einen Obolus anzustehen und sich von einer Fachjury aus der Ferne diktieren zu lassen, ob man mehr oder weniger akzeptiert ist.  

Eher verdienten die initiativen Klangkörper Anerkennung und Aufmunterung auf ihren Pfaden zum künstlerischen Erfolg unter ökonomischen Bedingungen, die zusehends härter werden, und die keine allzu weiten Bogenstriche zulassen.

30. Januar 2016


Die Qualitäts-Richter


Die Mitglieder der Fachjury für die Programmförderung Basler Orchester:

• Valerio Benz, Musikredaktor SRF 2 Kultur
• Michael Breugst, Musikredakteur WDR 3 Köln
• Roman Brotbeck, Publizist
• Björn Gottstein, Leiter Donaueschinger Musiktage
• Christine Lemke-Matwey, Feuilletonredakteurin "Die Zeit"
• Regula Rapp, Rektorin Musikhochschule Stuttgart
• Alexander Steinbeis, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

• Caroline Specht, Präsidialdepartement Basel-Stadt (ex officio)


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)

www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

fileadmin/templates/pics/gesehen.gif
BZ Basel
vom 17. April 2019
über Regula Rytz
fileadmin/templates/pics/gesehen.gif

Sie regularisiert einfach zuviel.

RückSpiegel


Die Nachrichtenagentur SDA nahm die OnlineReports-News über die Berufung im Fall des pädophilen Sekundarlehrers auf.

Die OnlineReports-Nachricht des Todes von Hannes Bertschi wurde von der Basler Zeitung, für die der Verstorbene auch gearbeitet hat, aufgenommen.

Die BZ Basel, Telebasel, das Regionaljournal, die SDA und die Basler Zeitung zogen die OnlineReports-Recherche über den Verzicht auf den Bau eines Forschungszentrums beim Basler Augenspital nach.

Telebasel, das Regionaljournal, die Basler Zeitung und die BZ Basel nahmen den OnlineReports-Primeur über die Massenkündigung von Mietern der Hochhäuser am Basler Schorenweg auf.

In einer Buchbesprechung über LSD zitierte die Basler Zeitung aus einem OnlineReports-Bericht aus dem Jahr 2006.

La Liberté zitiert in einer Vorschau Peter Knechtli zur geplanten Fusion der öffentlichen Spitäler in der Region Basel.

In ihrem Bericht über den Verkauf der "Winkler Livecom" durch die MCH Group zitiert die Basler Zeitung einen OnlineReports-Bericht aus dem Jahr 2007.

In ihrer Analyse über die Zukunft der Basler Medienlandschaft ging die BZ Basel auch auf OnlineReports ein.

Die BZ Basel schrieb OnlineReports eine Meldung über eine Baselbieter Richter-Karriere ab.

Die Basler Zeitung und Telebasel griffen die OnlineReports-Recherche über die aggressive Mietzins-Erhöhung der Schweizerischen Rheinhäfen gegenüber dem privaten Sportboot-Hafen auf.

Telebasel zitierte zur Einleitung des "Sonntalks" über Prämienverbilligungen aus dem OnlineReports-Kommentar "Anton Lauber muss sozialer werden".

Die NZZ nimmt in ihren Hintergrund-Artikel über "Basel in der Abseitsfalle" auf einen OnlineReports-Leitartikel Bezug.

Eine Kolumne in der Basler Zeitung erinnert daran, dass OnlineReports über die Verlegung der Tram-Haltestelle vom Spalentor in die Spalenvorstadt berichtet hat.

Die Basler Zeitung publiziert aus Anlass des 20-jährigen Bestehens von OnlineReports ein ausführliches Porträt zur Entwicklungsgeschichte.

Prime News führte aus Anlass des 20-jährigen Bestehens von OnlineReports ein ausführliches Interview mit Chefredaktor Peter Knechtli.

In ihrem Bericht über einen hartnäckigen Streit um das Basler Restaurant "Löwenzorn" nimmt die Basler Zeitung auf einen früheren OnlineReports-Bericht Bezug.

Die Nachrichtenagentur SDA erwähnt OnlineReports und seine schwarzen Zahlen seit zwanzig Jahren im Zusammenhang mit der Einstellung der "Tageswoche".

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Der Arzt, Uni-Dozent, LDP-Grossrat, Meister E.E. Zunft zum Goldenen Stern und Aktivfasnächtler Raoul Furlano ist neuer Obersperber des Basler Sperber-Kollegiums.

• Eine Baselbieter Rentnerin übergab einem "falschen Polizisten" Schmuck im Wert von mehreren 10'000 Franken.

• Bei einem budgetierten Gewinn von 3 Millionen Franken schloss die Baselbieter Staatsrechnung mit einem Überschuss von 56 Millionen Franken.

• Die "Starke Schule Baselland" hat den Rückzug der Initiative "Niveaugetrennter Unterricht in Promotionsfächern" bekanntgegeben.

• Ein Referendums-Komitee hat am 30. März 5’000 Unterschriften für das Referendum gegen die "Lautsprecher-Beschallung" in Basel der Staatskanzlei übergeben.

• Die Rechnung 2018 des Kantons Basel-Stadt schliesst mit einem Überschuss von 283 Millionen Franken ab und liegt damit um 150 Millionen Franken über dem Budget.

• Die Universität Basel vergibt den Auftrag zur Realisierung des Ersatzneubaus Departement Biomedizin an das Basler Architekturbüro Burckhardt+Partner.

• Der Ständerat hat am 7. März einstimmig die Aufnahme der Projektierungskosten für die Durchmesserstrecke Herzstück in den Bahnausbauschritt 2035 beschlossen.

Michael Wilke wird neuer Leiter der Fachstelle Diversität und Integration in der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt und Nachfolger von Andreas Räss, der neuer Leiter des Baselbieter Amts für Migration und Bürgerrechte wird.

• Die Einführung von Mitarbeitergesprächen und einer leistungsabhängigen Lohnentwicklung bei den Baselbieter Kantonsangestellten führt dazu, dass die "Liga der Baselbieter Steuerzahler" ihre Verfassungsinitiative "Für eine vernünftige staatliche Personalpolitik" zurückzieht.

• Die Basler Regierung spricht sich im Rahmen der Konsultation zum Entwurf des institutionellen Abkommens Schweiz-EU für eine Unterstützung des vorliegenden Abkommens aus.

• Die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) haben mit fast 128 Millionen Fahrgästen letztes Jahr 2,2 Prozent weniger Fahrgäste befördert – dies vor allem wegen Gleiserneuerungs-Arbeiten.

• Das von SVP- und FDP-Kreisen getragene Komitee gegen das vom Grossen Rat beschlossene Neubauprojekt "Naturhistorisches Museum / Staatsarchiv" hat fristgerecht das Referendum mit über 2'700 Unterschriften eingereicht.

• Das Basler Tiefbauamt erteilt Gabriel Pellicanò und Alfredo Ogi den Zuschlag für den Betrieb des Gastro-Kiosks "Hamburgeria Pellicano" an der Feldbergstrasse, der ab Frühjahr in Betrieb gehen soll.

• Mit 18'000 Besuchenden, davon 14'000 Kindern und Jugendlichen und über 300 Schulklassen verzeichnet die "tunBasel" einen Besucherrekord, der sogar das Spitzenjahr 2017 übertraf.

• Die Juso Basel-Stadt haben ihre Nationalrats-Bewerbenden nominiert: Seyran Dilekci (20), Nicolas Eichenberger (28), Livia Kläui (21), Nino Russano (18) und Lucas Wirz (29).

Jochen Kirsch wird neuer Direktor der "Mission 21" und somit Nachfolger von Claudia Bandixen, die Ende August in Pension geht.

• Die Grünliberalen Frauen Schweiz haben die bisherige Vizepräsidentin, die Oberwilerin Tanja Haller, zu ihrer neuen Präsidentin gewählt.