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"Ein tränendes Auge": Hochwasserschutz-Bau in Niederdorf

Die Waldenburgerbahn wird gerade neu erfunden – und das Tal bald umgepflügt

Von der Schmalspurbahn zum Digital-Tram: Die 13 Kiliometer von Liestal bis Waldenburg werden zu einer einzigen Baustelle


Von Peter Knechtli


Das Waldenburgertal gleicht schon einer einzigen Baustelle: Gleichzeitig mit einem riesigen Hochwasserschutz-Projekt wird die bestehende Waldenburgerbahn (WB) durch eine hochmoderne Tramlinie ersetzt. Kostenpunkt insgesamt: 350 Millionen Franken. Mit WB-Projektmanager Fredi Schödler auf einer Inspektionsfahrt.


"Fazit: Am System Waldenburgerbahn ändert sich in den nächsten zwanzig Jahren nichts", schrieb OnlineReports am 16. September 2009. Soeben hatten die damals amtierenden Bau- und Umweltschutzdirektor Jörg Krähenbühl, WB-Präsident Urs Steiner und der Waldenburger Gemeindepräsident Kurt Grieder der Öffentlichkeit eine Studie vorgestellt, die den Status quo als Idealfall nachweist.

Kein Busbetrieb. Vielmehr tuckert die mit nur gerade 75 Zentimetern Spurweite die schmalste Schmalspurbahn Europas weiterhin durch die früher blühende Talschaft.

Am 6. April 0.55 Uhr ist Schluss

Doch fünf Jahre später begann alles anders zu werden, als OnlineReports Pläne einer Fusion der WB mit der Baselland Transport AG (BLT) bekannt machte. Um es kurz zu machen: Heute ist alles anders. Die Fusion ist Tatsache, die WB ist sei Anfang 2016 in die BLT integriert und schon bald ist das "Waldenburgerli" Geschichte. Ende 2022 wird ein hochmodernes Tram vom Typ "Tramlink" aus dem Hause Stadler Rail die bestehende Strecke bedienen.

Am frühen Morgen des kommenden 6. April, um 0.55 Uhr, verlässt das "Waldenburgerli" den Bahnhof Liestal zur letzten Kursfahrt in Richtung Süden. Tags zuvor finden in kleinem Rahmen unter Corona-Bedingungen die Abschiedsfahrten mit politischen Repräsentanten des Kantons und der Anrainer-Gemeinden statt, wie BLT-Vizedirektor Fredi Schödler (62, Bild) sagt. Er ist Leiter Technik und Betrieb des grössten Baselbieter ÖV-Unternehmens und Gesamt-Projektverantwortlicher der WB-Erneuerung.

WB-Gleis wird zwölf Meter verschoben

Mit ihm treffen wir uns am Liestaler Bahnhof, an dessen südlicher Flanke eine riesige SBB-Baustelle von der künftigen Bedeutung der Bahn als öffentlichem Verkehrsmittel zeugt. "Den 17. Dezember 2015 werde ich nie vergessen", sagt er. Dann entschied der Landrat die Spurweite auf einen Meter auszudehnen – um sie damit tramfähig zu machen.

Das Bähnchen fährt auf Gleis vier ein, das mit dem Vierspur-Ausbau des Liestaler Bahnhofs um zwölf Meter nach Süden in Richtung Oristal verschoben wird.

Bauen, soweit das Auge reicht

Wir fahren los, und von nun an ist auf der 13,1 Kilometer langen Strecke kaum noch ein Abschnitt zu sehen, der nicht auf begonnene oder noch bevorstehende Bauarbeiten hinweist. Am Werk ist eine Arbeitsgemeinschaft regionaler Baufirmen.

Teile der Tals der Vorderen Frenke werden regelrecht umgepflügt. Sowohl die Schieneninfrastruktur wie die Stationen und Haltestellen, das Depot und die Fahrzeuge werden komplett erneuert mit allem, was dazu gehört: Gleichrichter, Sickerbecken, Werk- und Wasserleitungen, Rodungen und Kunstbauten.

Gegen zehn Installationsplätze (Bild links) unterschiedlicher Grösse sind die Drehscheiben, die verhindern, dass es auf der Kantonsstrasse, die weitgehend parallel zum Bahntrasse verläuft, zu keinen oder höchstens geringen Behinderungen kommt. Fredi Schödler spricht von einer "Riesen-Materialschlacht".

Niederdorf: Grösste Eingriffe

Die grössten baulichen Eingriffe sind in Niederdorf zu beobachten: Dort wird auf einer Länge von rund 700 Metern zum verbesserten Schutz vor Hochwasser und wegen Platzbedarf der Geleise das Bachbett der Vorderen Frenke verbreitet. Eine Liegenschaft im Dorfkern musste diesem Projekt weichen. In Oberdorf muss das Gebäude der Kantonalbank ebenfalls wegen Platzgründen um sechs Meter rückgebaut werden.

Am Waldenburger Bahnhof muss der benachbarte ehemalige Polizeiposten, der nach Oberdorf verlegt wurde, abgebrochen werden. Der Rückbau ist derzeit im Gang.

Aus "Lokführer" wird "Wagenführer"

Am Endbahnhof in Waldenburg treffen wir auf Heinz Grossenbacher. Er lenkt seit drei Jahren die Züge durch das Tal. Noch trägt er die stolze Berufsbezeichnung "Lokführer".

Im April, wenn die alte Waldenburgerbahn Geschichte ist, wird er während der Bauzeit in und um Basel als Tram-Wagenführer auf den Linien 10, 11 und 17 unterwegs sein. Der Abschied vom "alten Waldenburgerli" bereite ihm "auch ein tränendes Auge, aber wir sind natürlich auch offen für Neues".

Wie Heinz Grossenbacher wird ein Teil der insgesamt zwölf Lokführer als Wagenführer, ein anderer Teil wurde als Bus-Chauffeur ausgebildet, um den Bahnersatz-Betrieb im Waldenburgertal sicherzustellen. Wenn die neue Bahn dereinst gebaut sein wird, werden Führerstand-Profis auf dem neuen Rollmaterial ausgebildet. Einzelne ehemalige WB-Mitarbeitende werden im rückwärtigen Dienst der BLT eingesetzt.

Probleme mit Grundwasserzone

An der Linienführung der neuen Tramlinie (die nostalgisch immer noch als "Waldenburgerli" gilt) ändert sich nicht grundlegend Neues. Die Doppelspur-Haltestellen bleiben erhalten, sie werden aber verlängert, um den Fahrplan stabil zu halten. In Spitzenzeiten werden Doppeltraktionen von 90 Metern Länge eingesetzt.

Ein grösseres Problem ergab sich nördlich von Hölstein: Die BLT sah vor, die Frenke leicht ins Gebiet Helgenweid (Bild) zu verschieben und zu renaturieren, aus dem Liestal sein Grundwasser bezieht. Liestal meldete Widerstand gegen das Vorhaben an und das Bundesamt für Umwelt gab der Einsprache statt.

Folge: Der Abschnitt von Lampenberg bis Hölstein "musste komplett neu geplant werden" (Schödler). Jetzt werden die Kantonsstrasse leicht verschoben und Teile einer Böschung abgetragen. Wo Landschaftseingriffe nötig werden, schuf die Bauherrin Ersatzflächen im Tal, so durch eine Aufwertung von Wiesen und Seitenbächen.

Es geht gleich los

Am 6. April beginnen mit dem Rückbau der Fahrleitungen und der Gleise, dem Aushub, dem Aufbau von Fundament und Werkleitungen und dem Gleisbau die Hauptarbeiten an mehreren Ort des Projektgebiets. Anfang nächstens Jahres werden die Fahrleitungen und Sicherungsanlagen gebaut. Bis im Herbst 2022 soll der neue Waldenburger Bahnhof stehen, in dem auch künftig der einzige Laden des Städtchens integriert bleiben wird.

Der Terminplan erscheint sehr ambitiös. Aber Fredi Schödler ist optimistisch. Er weiss schon heute auf den Tag genau, wann die neue Tram-Bahn feierlich eingeweiht wird: 20 Monate nach Baubeginn, am Wochenende vom 10./11. Dezember 2022.

Bis dahin werden die Talbewohner mit Bau-Immissionen leben müssen. Dafür steht ihnen schon bald eine topmoderne digitalisierte ÖV-Infrastruktur zur Verfügung, die ihresgleichen sucht – und die Fahrzeit erst noch um eine bis zwei Minuten verkürzt. Das neue Tram fährt maximal mit 80, die heutige Bahn, die in die Slowakei verkauft wird, nur mit 70 Stundenkilometern.

Mehr über den Autor erfahren

5. Februar 2021

Weiterführende Links:


350 Millionen-Investition


Die Kosten des grössten Bauprojekts, das das Waldenburgertal je kannte, belaufen sind auf über 350 Millionen Franken. Davon werden 300 Millionen Franken aus dem Infrastrukturfonds des Bundes finanziert. Am Hochwasserschutz beteiligt sich auch der Kanton Baselland mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Die Beschaffung der zehn Fahrzeuge zum Preis von 54 Millionen Franken muss die BLT finanzieren.

In Abstimmung mit dem Bahnprojekt verlegt der Kanton über das gesamte Projektgebiet Kanalisationsleitungen, die mit der "neuen Bahn" aber in keinem Zusammenhang stehen.

 


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"In Gelterkinden wurden Waschbärennachwüchse gesichtet"

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Nachwüchse. Soso.

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