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"Wie auf der Emmentaler Liebhaberbühne": Bankräuber Albert E.*

Albert Einsteins Kamikaze-Aktion im Emmental

In Burgdorf bewies das Kreisgericht, was ein wahrer Rechtsstaat auch sein kann


Von Ruedi Suter


Mit Bombe und Pistole bewaffnet, überfiel exakt vor einem Jahr, am 1. Mai 2000, ein junger Mann in Burgdorf die UBS-Filiale, um sich gleich widerstandslos verhaften zu lassen. Der kuriose Banküberfall brachte selbst die zuständigen Richter und Richterinnen des Kreisgerichts Burgdorf zum Schwitzen.


Als "Albert Einstein" mit seinen Waffen am Tag der Arbeit 2000 um 8.30 Uhr im Burgdorfer Neumarkt die UBS-Schalterhalle durchschritt, sah alles gefährlich professionell aus. Er wuchtete seine Bombe auf einen Hocker, zog die Antenne heraus, brachte Leuchtdioden zum Blinken und zog sich unter den Augen zahlreicher Zeugen mit Fernbedienung, Pistole und einem Sack vom Sprengkörper zurück.

Doch dann bemerkte Einstein plötzlich die Kameras, die Bankangestellten, die Zuschauer. Dem Mann hinter der Einstein-Maske dämmerte jählings, dass dies ein Banküberfall war. "Ich erschrak und wusste nicht mehr, was ich hier zu suchen hatte", erinnert sich heute Täter Albert Einstein (Name geändert) gegenüber OnlineReports. "Ich sagte nicht einmal: 'An die Wand!' oder 'Alle abliegen!' Anstatt zu schreien, mauschelte ich irgend etwas. Ich war in diesem Augenblick wohl der Unsicherste von allen. Ich fühlte mich wie auf der Emmentaler Liebhaberbühne. Die Bankleute hätten nur sagen müssen: "Sehen Sie, wir haben hier am Ticketcorner ein Spezialangebot, und ich hätte sofort aufgegeben."

127'000 Franken in Abfallsack gestopft

Statt dessen spritzte der Bankräuber ohne Autorität an diesem 1. Mai mit seiner Wasserpistole herum, in der eine stark verdünnte Ammoniaklösung mit Wasser aus der Emme schwappte. Derweil konnte ein Bankangestellter den Filialleiter informieren. Doch dieser soll zunächst die Alarmanlage nicht gefunden haben. So stopfte eine Bankangestellte dem Maskierten eilends 127'000 Franken in den hingestreckten 35-Liter-Abfallsack.

In diesem lag eine Collage mit der Botschaft: "An den Sheriff. Meist im Mai wird man frei, dies als Zeichen für den ewigen Schrei. Der Mensch stammt von der A-meise ab. Terror." Auch am Brett, an das die unheimlich tickende Bombe mit Isolierband befestigt war, prangte eine mit dem Bunsenbrenner eingebrannte Botschaft: "Richard der I. Respect and rest in peace - Braveheart."

"Ist das ein Kavaliersdelikt?"

Kaum lagen die Noten im Plastiksack, warf der Täter seine Pistole weg, streifte sich die Einstein-Maske ab, vergass seine Bombenattrappe und hastete in Richtung Bankausgang. Dort aber stellte sich ihm ein bärenstarker Bankkunde in den Weg. Albert E.: "Der Polier nahm mich einfach in den Klammergriff. Ich wehrte mich nicht, ich fragte ihn nur: 'Ein Banküberfall - ist das noch ein Kavaliersdelikt?' Ich stand völlig neben den Schuhen." Albert E. wurde bis zum Eintreffen der Polizei in den Banktresor gesperrt.

Eine Woche vor seiner sorgfältig vorbereiteten Tat hatte er drei von ihm verehrten Persönlichkeiten ein anonymes Paket mit einem "Kunstwerk" zukommen lassen. Inhalt: Ein Gummihandschuh mit braun eingefärbtem Mittelfinger und ein Tonband mit 13 Liedern, worunter von Stiller Haas, Peter Tosh, Charles Bukowski. Die Empfänger waren Bundesrat Moritz Leuenberger, Ex-Nationalrat Jean Ziegler und Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber.

Rebellischer Punk und Emmentaler

Als Albert E. im Banktresor von der Polizei abgeholt und mit dem Wagen durch Burgdorf gefahren wird, erkennt er durch das Fenster - Ironie des Schicksals - Bundesrat Moritz Leuenberger, der vor einer Menge die 1. Mai-Rede hält. Wie die meisten Gefängnisse im Kanton Bern befindet sich auch dasjenige von Burgdorf in einer dickmauerigen, nicht den modernen Gefängnisanforderungen genügenden Festung mit Blick über das Land. So wurde auch Albert E. zur Burg hochgefahren - ins Kittchen, gleich neben dem Burgdorfer Kreisgericht.

Diesem fiel nun die vertrackte Aufgabe zu, die sonderbare Aktion des 25jährigen Sohnes eines einheimischen SVP-Unternehmers zu beurteilen. Ein Krimineller? Ein Aktivist? Ein Spinner? Albert E. ist ein aufgeweckter Zeitgenosse, mit offenem Blick, freundlich, belesen und mit Hang zur Träumerei und kritischer Nachdenklichkeit. Er fühlt sich einerseits als rebellischer Punk, anderseits als knorriger Emmentaler, die durchaus Gemeinsamkeiten hätten: sich nicht provozieren zu lassen und für Gerechtigkeit einzustehen.

"Man überfällt eine Bank - und landet auf der Burg"

Er liebt Kunst, Musik und Theater, ist von Nietsches radikalem Denken und den alten Griechen fasziniert. Auch Gotthelf mag er: "Man überfällt eine Bank und landet auf der Burg." Den weit gereisten Hochbauzeichner, der mit Legasthenie zu kämpfen hat und neuerdings Bilder malt, beschäftigt überdies die enorme Kluft zwischen Arm und Reich, die Machtlosigkeit der Minderbemittelten, die Stimmabstinenz und allgemeine Überforderung: "Wer weiss schon, was BSE, die AHV-Revision und die bilateralen Verhandlungen genau bedeuten?"

Mit dem Überfall am 1. Mai vor einem Jahr wollte er "ein Zeichen setzen", versichert Albert E. Nicht, um berühmt oder reich zu werden, sondern als "Rebell für die Armen". Geraubtes Geld, ja, dass hätte er dann unter die Leute gebracht. "Ich bin eine rebellische Natur und habe eine anarchistische Ader. Wenn mich etwas stört, kann ich recht mudrig werden. Wir müssen in der Schweiz bessere Möglichkeiten schaffen, um den Unterbemittelten zu helfen", meint Albert E. etwa.

"Schlitzohr, Aktionskünstler, Weltverbesserer"

Was genau zu machen sei, weiss er zwar nicht, doch nimmt er die sich jetzt auch in seiner Heimatstadt Burgdorf überschlagenden Veränderungen feinfühlig wahr. Als er OnlineReports zum Tatort führt, bedauert er vor allem das Verschwinden des alternativen Musikladens seines väterlichen Freundes Helmut, der neben der Bank war und einem Ex Libris-Zentrum weichen musste. Albert E. leidet, so lässt er durchblicken, an den entwurzelnden Entwicklungen der Gegenwart. Diese hinterliessen Leere und menschliche Kälte.

Vielleicht war sein Aufsehen erregender Banküberfall, der in Burgdorf wie auch im Kanton viel zu reden gab, aber auch ein etwas ausgefallener Protest gegen Autoritäten. Wie die seines "patriarchalischen Pères" etwa, der eine Plattenlegerfirma besitzt, aktives SVP-Parteimitglied ist und ihm auch prompt den besten Verteidiger organisierte. Tiefentaucher, Bergsteiger und Bungee-Jumper Albert. E. will das gespaltene Verhältnis zu seinem Vater gar nicht abstreiten, spricht auch völlig offen über seine Nervenzusammenbrüche und seine psychiatrische Behandlung. Je nach Stimmung sieht er sich in einem anderen Licht, bezeichnet sich mal als "Schlitzohr, Aktionskünstler, Weltverbesserer", mal als einer "mit einem Sprung in der Schüssel". Manchmal fühlt er schlicht und einfach nur Reue und ärgert sich: "Das war Kamikaze."

Zurechnungs- oder unzurechnungsfähig?

Ein spezieller, ein delikater und unbefriedigender Fall, der die Grenzen der Justiz aufzeige, erklärte Gerichtspräsident Peter Urech bei der Urteilsverkündung Ende letztes Jahres im Burgdorfer Kreisgericht. Die wichtigste Frage, in welchem Zustand sich der Angeklagte beim Überfall befunden habe, könne bestenfalls mit einem psychiatrischen Gutachten erhellt werden. Dieses ergab, dass der Mann in der UBS unter einer akuten psychotischen Störung gelitten haben muss. Die Folgerung des liberalen Richters und der vier Laienrichter: "Albert Einstein" war "zur Tatzeit unzurechnungsfähig". Dabei spiele es keine Rolle, dass dem Angeklagten ein zweites psychiatrisches Gutachten, das seinen Zustand Monate nach dem Hold up untersuchte, nichts Psychotisches attestierte.

"Dass nit isch, was si söt"

Der von Verteidiger Walter Mäder geforderte Freispruch sei deshalb zwingend. Albert E. muss aber seine ambulante psychiatrische Behandlung fortführen. Hingegen braucht er nichts zu zahlen. "Mit einem Gefühl von Frustration und Unwohlsein", so der Richter, habe das Gericht sämtliche Kosten dem Staat aufgebürdet. "Im Zweifelsfalle für den Angeklagten", begründete Richter Urech das weise Urteil. Dann fügte er einen Satz hinzu, der weltweit nur in einer Sprache formuliert werden kann - auf Berndeutsch: "Und so chunnts öppedie einisch vor, dass nit isch, was si söt."

 

* Vor dem Tatort UBS-Filiale in Burgdorf

1. Mai 2001

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"Es hat eine Achillesverse."

OnlineReports.ch
vom 13. Juli 2020
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Achilles konnte eben auch gut dichten.

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