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"Lieber Zahnärztinnen als Kassiererinnen": Szene aus "Die Schöpfung"

"Die Schöpfung": Am Ende ist es doch nur Theater

Das Theater Basel macht aus dem Haydn-Oratorium einen nahrhaften Schulstoff: Premieren-Kritik


Von Sigfried Schibli


Man sollte noch einmal in die Schule gehen können, um eine solche Schulstunde zu erleben! Eine Stunde reicht allerdings nicht aus, um Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" darin unterzubringen. Zwei und eine halbe müssen es schon sein. Nicht eingerechnet die vielen Stunden der Vorbereitung auf einen Musiktheaterabend der Sonderklasse.

 

Es müssen spannende Lektionen gewesen sein, in denen sich die Schülerinnen und Schüler der Gymnasien Muttenz und Oberwil auf die Produktion mit drei Gesangssolisten, dem Theaterchor und dem Barockorchester La Cetra vorbereiteten, die gestern Samstagabend auf der grossen Theaterbühne Premiere hatte. Denn Haydns Oratorium auf einen Text von Gottfried van Swieten trägt den Stempel des späten 18. Jahrhunderts, als man die biblische Schöpfungsgeschichte noch wörtlich nahm, als Mann und Frau noch als Basis der Gesellschaft galten und die Natur noch nicht durch gentechnische Eingriffe verändert war.

 

Allein schon der Text dieses populären Oratoriums dürfte Anlass für lebhafte schulische Debatten über Kreationismus versus Evolutionstheorie, über die Geschlechterfrage und über unser Verhältnis zur Natur geboten haben. Und weil man bekanntlich durch kontroverse Diskussionen mehr lernt als durch pure Stoffvermittlung, darf man dieses Experiment eines partizipativen, Laien und Profis zusammenführenden Theaters getrost begrüssen. Auch wenn im Einzelnen Vieles kritisch anzumerken ist.

Das beginnt schon damit, dass der insgesamt zweieinhalbstündige Abend buchstäblich in zwei Teile zerfällt, und das durchaus beabsichtigt. Die erste halbe Stunde im dicht gefüllten Theaterfoyer – der Feuerwehrmann kurvte ganz nervös im Raum herum – bietet eine Kurzfassung des Oratoriums. Gesungen von Schülerinnen und Schülern, ebenso wie das Arrangement mit für Haydn ungewohntem Instrumentarium. Das tönt nicht immer schön, die Absicht ist aber immer edel und gut. Die bunten, fantasievollen Kostüme von Sietske Van Aerde dürften den jungen Akteuren manche Anregung für die nächste Fasnacht geboten haben.

 

Nach diesem Entrée zieht man in den Hauptsaal, da gelten die Sitzplatznummern, und da wird es musikalisch professionell. Das Ganze geht nochmals von vorne los, mit dem Lichtknall und dem Lobgesang der Menschen, die im Oratorium erst im zweiten Teil als Krone der Schöpfung erscheinen, wenn Sonne, Mond und Sterne und auch die liebe Tierwelt schon da sind.

 

Jetzt wird das Oratorium ungekürzt gesungen und gespielt, das Barockorchester La Cetra mit seinen stilgerechten Instrumenten klingt betörend farbig, der Theaterchor sieht alt aus und singt markig, und die Solisten Alfheiður Erla Guðmundsdóttir (Sopran), Ronan Caillet (Tenor) und Alex Rosen (Bass) sind ein homogenes, klangschönes Trio. Der Dirigent Jörg Halubek hält den grossen Apparat mühelos zusammen und ist jederzeit für frische, aber auch singbare Tempi besorgt.

 

Als Regisseur hat das Theater den Belgier Thomas Verstraeten verpflichtet. Und damit einen Mann, von dem man alles, nur keine konventionellen Inszenierungen erwarten darf. Hier hat er sich ganz dem partizipativen Theater verschrieben und die Grenze zwischen Darstellenden und Zuschauenden sowie zwischen Theater und Kino eingerissen. Und sich von der fixen Idee leiten lassen, dass Jugendliche pausenlos am Mobiltelefon hängen und filmen und posten, was das Zeug hält.

 

Ob diese Annahme zutrifft, bleibe dahingestellt; jedenfalls sorgt sie in der Basler Aufführung für ein paar reizvolle Momente, denn das ahnungslose Publikum im Theatersaal wird Zeuge der Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler. Zuerst, als die Jugendlichen aus dem Umkleideraum des Theaters in die Stadt strömen und sich dort, leichtfüssig und dauernd auf dem Sprung wie eine Herde Fohlen, via Steinenvorstadt, Heuwaage, Bahnhof und Rheinufer in der Stadt verteilen. Wir sind dabei, wenn sie im Supermarkt Chips kaufen, wenn zwei Mädchen Zuneigung zueinander finden, wenn die jungen Leute in einer Bar Drinks zu sich nehmen und tanzen.

Der Zufall schafft ansprechende Bilder. Da gibt es einen kurzen Moment, als die Jugendlichen an einer Kasse im Supermarkt Blickkontakt mit einer nur wenig älteren Kassiererin aufnehmen. Sie wollen wohl alle lieber Zahnärztinnen in Oberwil werden als Kassiererinnen im Supermarkt! Vor dem Bahnhof treffen sie auf einen fanatischen christlichen Verkündiger, der etwas vom "Licht des Lebens" faselt.

 

Spätestens da beschleicht einen das Gefühl, da sei doch viel mehr gestellt als nur gefilmt. In der Tat findet sich der Missionars-Darsteller auf dem Besetzungszettel. Er ist nur ein Schauspieler! Und ist die dauernd zur Schau gestellte Fröhlichkeit der jungen Leute echt oder ist sie von der Regie verordnet? Spielen die eigentlich sich oder sind sie sie selbst?

 

Wenig später treffen wir die zwei verliebten Mädchen auf einem Velo wieder, und da wird vollends klar: Das sind Hauptdarstellerinnen des Spektakels, und wer bis dahin glaubte, alle seien einander gleichgestellt und es sei alles spontan von den jungen Leuten erfunden und in jugendlicher Unbekümmertheit gelebt, sieht sich von der Regie getäuscht. Die ernüchternde Erkenntnis: Es ist alles Fake, alles gemacht, alles manipuliert, alles nur Theater.

 

Der Schluss des Oratoriums bildet eine besondere Herausforderung, wird da doch die Unterwerfung Evas unter Adam in einer Weise zelebriert, dass es einem den Emanzipations-Hut lupft. Regisseur Verstraeten hat die Peinlichkeit dadurch umschifft, dass er die lesbischen Frauen beim Frühstück mit Flocken und Hafermilch als Paar zeigt und die Frage der Fortpflanzung generös offen lässt. "Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit", singt wacker der vereinigte Chor. Gemeint ist der, pardon, das Gott, wenn nicht gar die Göttin. – Beherzter, etwas ratlos wirkender Premieren-Applaus nach einer Aufführung, die Spass macht und viele Fragen aufwirft.

23. April 2023


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