© Foto by Matthias Baus
"Hektisches Geschiebe und Getriebe": Szene aus "Mandarin"

Theater Basel öffnet die Geheimkammern der Männerseele

Viel Bartók und ein nicht nachlassendes Gruselgefühl: "Herzog Blaubarts Burg" und "Der wunderbare Mandarin"


Von Sigfried Schibli


Drei Kompositionen des ungarischen Meisters Béla Bartók (1881–1945) fügen sich am Theater Basel zu einem dichten, geschlossenen Musiktheaterabend von knapp zweistündiger Dauer. Das Spezielle zunächst: Alle drei Werke sind wohlbekannt, alle hat man schon wiederholt gehört (eines davon ist sogar in Basel von Paul Sacher uraufgeführt worden). Doch die Kombination ist neu und in der weiten Welt der klassischen Musik so noch nie realisiert worden. Daher wohnte man gestern Samstagabend im vollbesetzten Stadttheater nicht nur einer Opernpremiere, sondern einer veritablen Welturaufführung bei.

Zuerst legt die Ballettpantomime "Der wunderbare Mandarin" mit ihrer modernistisch schroffen Musik und der düsteren, grausamen Handlung das Fundament. Nach einem in Ungarisch gesprochenen Prolog aus "Herzog Blaubarts Burg" (Nicolas Franciscus) setzt die Musik der Grossstadt mit ihrem hektischen Geschiebe und Getriebe ein. Und das Sinfonieorchester Basel unter seinem Chef Ivor Bolton (der zum ersten Mal eine Basler Opernproduktion leitet) definiert gleich das Niveau, das es den ganzen Abend lang hochhalten wird.

In dieser Ballettpantomime gibt es abgesehen von ein paar Chortakten keinen Gesang, aber eine klare Handlung: Drei Strolche setzen eine junge Frau als Lockvogel ein, und sogleich haben sie einen reichen Mann – äusserlich durch den schwarzen Anzug von den Tänzern unterschieden – an der Angel. Dumm nur, dass das Mädchen – die ungemein agile Tänzerin Carla Pérez Mora – zu dem grimmigen Mandarin Gefühle entwickelt, die von den Räubern so nicht vorgesehen waren. Ein Fall von Stockholm-Syndrom! Nachdem die Gangster den Mann mit aller erdenklichen Grausamkeit lahmgelegt haben, verharrt er wie in einer mittelalterlichen Pietà-Darstellung sterbend in den Armen der Frau.

Doch ist die Liebe stärker als der Tod, das will uns der virtuos choreografierende Regisseur Christof Loy in seiner schwer romantisch angehauchten Botschaft wohl vermitteln. Nach dem stillen Schluss des Balletts geht der Tanz der beiden Liebenden (mit Gorka Culebras als Mandarin) zu den feinen Streicherklängen aus Bartóks "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" weiter, das Licht verlöscht langsam, und nach 45 Minuten entlässt uns das Theater in die wohlverdiente Pause.

Noch ist von Bartóks einaktiger Oper abgesehen vom gesprochenen Prolog kein einziger Ton erklungen. Noch sind wir mit einer Frage beschäftigt: In was für eine Szenerie hat uns der Bühnenbildner Márton Ágh da eigentlich geführt? Auf der Bühne stehen unzählige überdachte Pfähle aus rohen Baumstämmen. Eine ausgediente Telefonzelle dient zeitweilig als Zufluchtsort für das Mädchen, alles spielt sich auf einem trashigen Platz am Rand einer anonymen Grossstadt ab.

Erst am Ende des Abends wird sich der Sinn dieser Installation enthüllen. Dann steht eine hölzerne, verschachtelte Burg auf der Bühne, bis sie knarrend in den Schnürboden hochgezogen wird und den ursprünglichen Pfahlbau sichtbar macht. Was man wohl so interpretieren darf: Die Liebesburg des Frauenverstehers und Frauenverdrehers Blaubart beruht auf Gewalt, sein Verhalten ist nicht weniger kriminell als die Machenschaften der Strolche im "Wunderbaren Mandarin".

Die beiden handelnden Personen, Judith und Blaubart, beide in Schwarz, wirken wie aus der Ballettpantomime übergelaufen, nur haben Opernsängerinnen und -sänger in der Regel halt nicht die Statur von Balletttänzerinnen und -tänzern. Die Burg des Herzogs Blaubart umfasst sieben Kammern, und jede von ihnen steht für einen Aspekt seiner Persönlichkeit: für sein Liebesbedürfnis und seine sexuelle Gier, für seine Güte und seine Grausamkeit, die auch Judith erdulden muss, für seinen unermesslichen Reichtum und seine unbewältigte Vergangenheit. Das Geschlechterverhältnis ist auch hier das grosse Thema, und wieder ist die Frau zugleich Opfer und Täterin: Als Judith dem Herzog Blaubart ihre Liebe gesteht, bricht dieser stumm zusammen.

Ihre hartnäckige Wissbegier prallt lange an Blaubart ab, bis er ihr die letzte Kammer widerwillig öffnet. Dort vegetieren seine früheren Frauen in lebenslanger Gefangenschaft. Zu ihnen wird bald auch Judith gehören. Dass die Regie diese Details nicht zeigt, sondern sie als Seelenbestandteile des Mannes deutet und alles Konkrete unserer Fantasie überlässt, macht die Aufführung etwas abstrakt und schwierig. Der Goldglanz der Schmuckkammer und das weite Land von Blaubarts Besitzungen – sie werden in der Musik erahnbar, dem sehenden Auge bleiben sie verborgen. Der Mann bleibt ein geheimnisvolles Wesen.

Evelyn Herlitzius singt den Part der Judith mit nie nachlassender Intensität und einer Prise operntypischer Hysterie. Sie lässt mit ihrer grossen, im Forte etwas flackernden Stimme keinen Zweifel daran, dass Bartóks Meisterwerk mit dem expressionistischen Monodram "Erwartung" von Arnold Schönberg (mit dem der "Blaubart" oft gekoppelt wird) blutsverwandt ist. Ihr Schrei nach der Vergewaltigung geht durch Mark und Bein.

Christof Fischesser ist ein Blaubart-Bass mit enormen Kraftreserven, der gleichwohl kultiviert singt und nie zum Brüllen neigt. Im Orchestergraben spielt das Sinfonieorchester Basel mit Einsatzfreude bei den brachialen Stellen und hoher Klangkultur im Piano. Dirigent Ivor Bolton – er leitet acht der zehn geplanten Aufführungen – steuert den grossen Apparat souverän und mit wachem Sinn für die Schönheiten dieser Musik, die auch nach gut hundert Jahren nichts von ihrer Modernität eingebüsst hat.

4. Dezember 2022

Weiterführende Links:


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)

Weitere aktuelle News

Sissach Iraner in der Postgasse von Landsmann erstochen
Büchercheck "Der Fluch": Kriminalroman von Wolfgang Wettstein
Basel Tibor Hochreutener wird Solands neuer Generalsekretär
Basel Regierung will Feier-Feuerwerk im Kanton einschränken
Basel Hacker-Angriff auf Computer des Erziehungsdepartements
Basel Drei Clubs und Bars foutierten sich um Lachgas-Verbot
Liestal Die heikle 3/5-Empfehlung der "Bürgerlichen Allianz"

www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

Theater Basel

"Die Aufdrängung"
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"In der Nacht auf Dienstag kam am Totentanz in Basel zu einem Totenfall."

nau.ch
vom 3. Januar 2023
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Ein anschauliches Fall-Beispiel.

RückSpiegel


Telebasel nahm im "Wahltalk" auf ein Zitat in einem OnlineReports-Artikel Bezug.

Die BZ Basel zog die OnlineReports-Erstmeldung über die Verhaftung eines Gewerbetreibenden nach.

Zum aktuellen Thema "Krise des Kulturjournalismus" bezeichnet die Basler Zeitung die Theater- und Opernkritiken in OnlineReports als "löbliche Ausnahme".

In ihrem Text über die Bundesratswahlen zitierte die Luzerner Zeitung aus dem OnlineReports-Leitartikel über die Basler Kandidatin Eva Herzog.

In seiner Bestandesaufnahme über Basler Online-Medien startet das Wirtschafts-Magazin Trend von Radio SRF1 mit OnlineReports.

Die Basler Zeitung ging in ihrem Bericht über den Telebasel-Weggang von Claude Bühler auf dessen Rolle als Theaterkritiker bei OnlineReports ein.

Telebasel zog den OnlineReports-Bericht über Fassaden-Probleme am Markthalle-Hochhaus nach. Die BZ Basel zog auch nach, unterschlug aber eine Quellennennung.

In ihren Presseschauen zu den Bundessratswahlen zitierten bajour.ch und primenews.ch aus dem OnlineReports-Leitartikel über Eva Herzog.

matthiaszehnder.ch nimmt die beiden News-Artikel aus OnlineReports zum Anlass, sich über die schrumpfende Kulturberichterstattung in den Schweizer Medien Gedanken zu machen.

Bajour zitierte OnlineReports in seinem Bericht über die Verwicklung von Bundesratskandidatin Eva Herzog in umstrittene Basler Geschäfte.

In ihrer Recherche über die sterbende Kulturberichterstattung in Basler Medien bezieht sich Bajour auf OnlineReports.

20 Minuten nahm die OnlineReports-Recherche über den Angriff auf den Stiefvater vor dem Muttenzer Gerichtsgebäude auf.

Die Basler Zeitung und die BZ Basel nahmen die OnlineReports-News über die Rückkehr von Christine Keller in den Basler Grossen Rat auf.

In ihrer Analyse über die unklare Gesundheitsversorgung des Laufentals ging die Basler Zeitung auf eine OnlineReports-Recherche ein.

Telebasel konfrontierte die SVP-Regierungsrats-Kandidatin Sandra Sollberger mit einem Kommentar aus OnlineReports (worauf sie die Stellungnahme verweigerte).

Die BZ Basel und die Basler Zeitung nahmen den OnlineReports-Bericht über Pläne zum Abbruch des Spitals Laufen auf.

Die OnlineReports-News über den Wechsel des Telefon-Anbieters durch die Basler Verwaltung wurde von der BZ Basel und Happy Radio aufgenommen.

In seiner Aufstellung über "Politiker, die Wasser predigen und Wein trinken", nahm der Nebelspalter auch auf einen Artikel in OnlineReports Bezug.

20 Minuten griff die OnlineReports-Meldung über einen Autolenker, der bei der verbotenen Fahrt durch eine Einbahnstrasse in Birsfelden eine Radfahrerin schwer verletzte, auf.

Die OnlineReports-Nachricht vom Tod des früheren Baselbieter Regierungsrats Urs Wüthrich nahmen Telebasel, die BZ Basel, die Basler Zeitung, das SRF-Regionaljournal, Prime News, die Nachrichtenagentur SDA, 20 Minuten und Happy Radio auf.

Weitere RückSpiegel

 

In einem Satz


Melanie Thönen übernimmt am 1. Mai die Leitung des Pädagogischen Zentrums PZ.BS. Sie folgt auf Susanne Rüegg, die Ende August 2022 pensioniert worden ist.

Sarah Baschung leitet ab 1. April den Swisslosfonds Basel-Landschaft in der Sicherheitsdirektion und folgt auf Heidi Scholer, die in Pension geht.

Basel-Stadt und Baselland wollen zusammen die psychiatrische Versorgung in der Gemeinsamen Gesundheitsregion weiterentwickeln.

Nicola Goepfert, seit Juni Mitglied des Basler Grossen Ratse, wurde als neuer Co-Präsident der Links-Partei "Basta" gewählt.

Heiko Vogel (47), der frühere Cheftrainer, kehrt am 1. Januar 2023 als Sportdirektor zum FC Basel zurück, um den "gesamten operativen Fussball-Alltag des FCB" zu verantworten.

Die Baselbieter Regierung hat die Mietung von Räumlichkeiten für das Amt für Migration und Bürgerrecht im Helvetia Tower in Pratteln beschlossen.

Auf die im Februar zurücktretende "Basta"-Grossrätin Beatrice Messerli (70) wird die Präsidentin des Jungen Grünen Bündnisses Nordwest, die Klimaaktivistin Fina Girard (Jahrgang 2001) folgen.

Lorenz Amiet, bisher Vizepräsident, wird neuer Präsident der SVP-Grossratsfraktion als Nachfolger von Pascal Messerli, der neu Parteipräsident wurde.

In Lörrach bewarf dieser Tage ein Unbekannter die Fassade der Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde mit Eiern.

Am Riehenring entsiegelt das Basler Bau- und Verkehrsdepartement als Versuch ab 31. Oktober insgesamt 14 Parkfelder, so dass dort zukünftig Regenwasser in den Untergrund geleitet wird.

Witterungsbedingt muss die Eröffnung der Kunsteisbahn Eglisee in diesem Jahr um zwei Wochen nach hinten verschoben werden, nämlich auf den 12. November.

Ab 1. November müssen sämtliche Personen, die den Kanton in strategischen Führungsorganen der Beteiligungen des Kantons Basel-Landschaft vertreten, ihre Vergütungen offenlegen.

Der Kanton Baselland beteiligt sich mit 900'000 Franken an der von der Wirtschaftskammer organisierten grössten Berufswahlmesse der Schweiz.

Am 29. Oktober, ab 10.15 Uhr, findet an der Oristalstrasse 100 A in Liestal die öffentliche Fahrzeug-Versteigerung von rund 140 Velos diverser Marken, 4 Autos (BMW X6 xDrive30d, Honda Civic 2.0i Typ R, VW T5 Kombi D 4M BMT, VW Polo Blue GT) und ein Arbeitsanhänger (BZS MA MA MA) statt.

Die Kunsteisbahn Margarethen eröffnet am 22. Oktober, die Eislaufsaison und eine Woche später; ab dem 29. Oktober, ist auch die Kunsteisbahn Eglisee geöffnet.

Die Evangelische Volkspartei Baselland (EVP) feierte am vergangenen 9. Oktober mit Partei- und ihren 100. Geburtstag.

Das Bau- und Verkehrsdepartement erteilt der Wyniger Gruppe den Zuschlag für den Betrieb der Flora-Buvette ab 2023; es soll sich um die "erste klimaneutrale Buvette" handeln.

Per 1. Januar 2023 übernimmt Christopher Henry Tütsch (49) die Geschäftsleitung des Ausländerdienstes Baselland als Nachfolger von Oliver Bolliger, der zum selben Zeitpunkt die Geschäftsleitung der Stiftung Wohnhilfe in Basel übernimmt.

Die Delegierten des Gewerbeverbandes Basel-Stadt haben am 20. September Hansjörg Wilde zum neuen Präsidenten gewählt.

Nach einjährigem Studium am Basler Gymnasium Kirschgarten konnten dieses Jahr 65 junge Erwachsene ihre Passerelle-Ausweise entgegennehmen, die ihnen nach der Berufs- oder Fachmatur den Zugang zu sämtlichen Studiengängen an den Schweizer Hochschulen ermöglichen.

In Muttenz beim Hallenbad beginnen im September /Oktober die Bohrarbeiten zur Erkundung des Untergrundes, da es dort zu Dolineneinstürzen und grossflächigen Absenkungen gekommen ist.