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"Türklinke in die Hand": Seltisberger Kinderheim "Auf Berg"

Heimleiter-Wechsel am Fliessband

"Struktureller Handlungsbedarf" bei der Trägerschaft des Seltisberger Kinderheims "Auf Berg"


Von Marc Gusewski


Nach einem weiteren Heimleiter-Streit sieht die Baselbieter Fachstelle für Jugendhilfe "strukturellen Handlungsbedarf" bei der Trägerschaft des Seltisberger Kinderheims "Auf Berg". Der Grund: Seit 1993 wechselte der Verein die Heimleitung vier Mal aus - und jedesmal im Zwist. Eine weitere, fünfte interimistische Heimführung äusserte sich auch negativ über die dort gemachten Erfahrungen.


Für Huberta Heinzl, Präsidentin des Katholischen Fürsorgevereins als Trägerschaft des Kinderheims "Auf Berg", sind Heimleiterwechsel "courant normal", wie sie sich gegenüber OnlineReports ausdrückte. Für den Kanton Baselland ist nunmehr "Handlungsbedarf" gegeben. So äussert sich René Broder von der Baselbieter Fachstelle Sonderschulung, Jugend- und Behindertenhilfe, dem die Heimaufsicht im Kanton obliegt. "Wir sehen heute vor allem in den Strukturen des Vereins Anpassungsbedarf", sagt er. An sich seien Heimleiterwechsel tatsächlich "nicht so ungewöhnlich". Im Fall Seltisberg sei aber eine Häufung vergleichbarer Konflikte festzustellen. Bereits sei ein Mitarbeiter der Fachstelle nach "Auf Berg" beordert worden, um die "Gewährleistung der Betreuungsqualität" zu kontrollieren.

Janiak vertritt Heimleiter

Heute Montagmorgen war durch OnlineReports bekannt geworden, dass der bisherige Heimleiter Simon Wiget nach nur zwei Jahren im Amt als Leiter des Kinderheims gekündigt hatte und danach vom Vorstand des Trägervereins mit "sofortiger Wirkung" beurlaubt wurde. Über die Gründe äusserten sich weder Präsidentin Heinzl noch Wiget. Er macht für die Kündigung jedoch "unüberbrückbare Differenzen" geltend. Zur Verteidigung offenbar noch offener Ansprüche verpflichtete abgetretene Heimleiter einen prominenten Anwalt: Den Juristen und Baselbieter Ständerat Claude Janiak.

Neben Simon Wiget hat das Heim einen zweiten empfindlichen Abgang zu verkraften: Die zur gleichen Zeit wie Wiget angestellte pädagogische Leiterin Sara Battista kündigte ihren Job per Ende April  aus den gleichen Gründen, wie sie Wiget ins Feld führt. Auch Sara Battista lehnte weitergehende Auskünfte zu ihrem Ausscheiden aus dem Heim ab.

Broder: "Vorfälle geben zu denken"

"Grundsätzlich sind die Arbeitsverhältnisse die Sache des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers", erläutert René Broder die Position der kantonalen Aufsichtsbehörde. In Seltisberg aber gäben die nunmehr immer gleichen Vorfälle "zu denken", so Broder weiter.

Die "Verschleissrate" des Katholischen Fürsorgevereins erweist sich bei genauerer Betrachtung  als überdurchschnittlich: Eingerechnet Sara Battista und Simon Wiget, haben sich seit 1993 fünf Mal die Heimleitungen die Türklinke in die Hand gegeben, und dies immer mit den mehr oder weniger gleichen Begleitgeräuschen: "Unüberbrückbarer Differenzen" mit der Vereinsleitung - und nicht allfällige Probleme mit dem Heim an sich. Diese Fluktuationsrate für Leitungspersonal in schweizerischen Kinderheimen ist somit vergleichsweise hoch. Die Parallelen der Kündigung von Sara Battista und Simon Wiget zu den vorherigen Heimleiterwechseln "Auf Berg" sind frappant.

Nächster Crash "vorprogrammiert"

Im Jahr 1993 verliess nach knapp fünfjähriger Tätigkeit Heimleiter Sander van Riemsdijk das Heim. Zu diesem Zeitpunkt ging zwischen ihm und der Heimleitung nichts mehr und eine Trennung wurde als die bessere Wahl betrachtet.

Im Jahr 1997 wurde dem damaligen Leiter Thomas Andreetti wegen "unüberbrückbarer Differenzen" mit dem Vereinsvorstand gekündigt. Der Fall sorgte für einigen Wirbel im der Presse und gelangte auch im Landrat zur Sprache. Der vor zwei Jahren verstorbene Andreetti wehrte sich bis zuletzt gegen "Mobbing" und kämpfte vergeblich für seine Berufsehre, die für seinen Eindruck ungerechtfertigt in den Dreck gezogen worden war. Die Fachzeitschrift "Information aus dem sozialen Alltag Region Nordwestschweiz" kommentierte den Fall bitter: "Da ehrenamtliche Mitglieder von Trägern nicht zu entlassen sind, werden Heimleitungen verheizt (…). Zu befürchten ist, dass sich die Mitglieder im Recht fühlen (…) – so ist der nächste Crash und die Wiederholungstat vorprogrammiert" – genau dies ist danach noch zwei Mal geschehen.

Immer wieder "schwere Tage"

Tatsächlich verliess 2005 der seit 1997 eingesetzte Heimleiter Rolf Vökt die Stätte seines längeren Wirkens, wegen "in letzter Zeit immer stärker auseinander driftenden, unterschiedlichen Auffassungen über das Heimkonzept und die pädagogische Ausrichtung", teilte damals der Vereinsvorstand in einer Medienmitteilung mit. Dies habe eine weitere Zusammenarbeit "unzumutbar" gemacht. War in den bisher genannten Heimleiter-Auswechslungen der Übergang jeweils durch die rasche Neubestellung eines Bewerbers gelöst worden, so war in "diesen schweren Tagen" der Beizug der kantonalen Fachstelle sowie des Zürcher "Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind" (MMI) notwendig, wie die damalige verlautbarung der Trägerschaft festhielt.

Auf Anraten von Kanton und dem MMI wurde eine Interims-Heimleitung bestellt. Die Leitung übernahm Georges Krieg, stellvertretender Leiter des Schulinternats Sommerau, in Kooperation mit Fred Aschwanden, dem erfahrenen Gesamtleiter derselben Institution. Über seine Erfahrungen mit der Führung des Kinderheims "Auf Berg" und seinem katholischen Trägerverein bemerkt Fred Aschwanden: "Wir haben dem Verein dringend empfohlen, seine Strukturen zu bereinigen und unbedingt zu professionalisieren". Geschehen sei aber  - "nichts".

18. Februar 2008

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"Kinderheime müssten regelmässig überprüft werden"

Sämtliche Kinderheime sollten unangemeldet zwei- bis viermal jährlich überprüft werden von unabhängigen Personen, betreffend Ordnung, Disziplin und speziell die Betreuung der Kinder und jungen Mütter. Ist hier genügend Sozialkompetenz vorhanden? Küche: Ist die Ernährung gesundheitsbewusst? Hygiene etc. Aber auch die Chefetage müsste mal überprüft werden.


Margrit Blatter, alt Landrätin, Reigoldswil



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