© Fotos by Jan Amsler, OnlineReports.ch
"Keine einheitliche Szene": Kleinbasler Zentrum Claraplatz

Umstrittener Claraplatz: Die Waschküche Kleinbasels

Teils verrufen, teils geliebt: OnlineReports untersuchte das Kleinbasler Zentrum und sprach mit Polizisten, Politikern und Passanten


Von Jan Amsler


Der Claraplatz mitten in Kleinbasel steht seit Jahren im politischen Brennpunkt: Drogen, Gewalt und unerwünschte Gruppierungen geben zu reden. Doch die Meinungen sind geteilt: Vielen gilt das Zentrum auch für Vergnügen, Gewerbe und Begegnung mit internationalem Flair.


"Verlieben, verloren, vergessen, verzeih'n ...", dröhnt es aus einem Ghetto-Blaster neben der metallenen Sitzbank beim Claraplatz-Kiosk. Klar, den Schnulzensänger Wolfgang Petry mag man oder eben nicht, aber der Fleck ist gemütlich: Von dort aus überschaue ich die Gegend, beobachte den regen Kiosk-Betrieb und höre interessanten Gesprächen zu. Für reichlich Diskussionsstoff sorgt das neuste Smartphone ebenso wie das aktuelle Angebot der Gassenküche.

Auffällig dreckig ist es bis auf Zigarettenstummel und ein paar leere Bierdosen rund um die Sitzgelegenheit nicht. Wenn die Türe der dahinterliegenden, öffentlichen Toilette für einen kurzen Moment offen steht, weht den Sitzenden einen Moment lang Urin-Gestank entgegen.

"Sarg" heisst der umstrittene Treffpunkt

Die Menschen, die sich hier treffen, weichen vom gesellschaftlichen Durchschnitt ab. Die Sitzgelegenheit, ihren geliebten Treffpunkt, nennen sie "Sarg" (Bild). Um sich hier zu treffen, "muss man nicht mal anrufen, hier kennt man immer jemanden", berichten zwei Männer, beide mit einer ungekühlten Dose hellem Lager in der Hand, in aufgeräumter Stimmung. Zuvor noch versuchen sie mir glaubhaft zu machen, dass sie "sonst nie hier" seien. Wer will schon zu den "Randständigen", wie die Freaks von den Mittenständigen oft genannt werden, gehören. Auf meine Fragen reagieren sie denn vorerst nur zögerlich.

Dann aber sprudelt es aus ihnen heraus. Die bunt durchmischte Truppe verschiedener Nationalitäten und Altersgruppen hält die von Politikern oft geäusserte Kritik an den Verhältnissen auf dem Platz für heuchlerisch. So sei am Rheinbord der Abfallberg viel grösser als auf dem Claraplatz. Auch wehren sie sich gegen den Vorwurf, Sozial-Profiteure zu sein: Manche Kumpel hätten eine Arbeitsstelle und die meisten eine eigene Wohnung. Mit der Polizei verstünden sie sich auch gut: "Letzte Woche hörten wir etwas laut Musik. Drei Polizisten kamen auf uns zu und baten uns anständig, die Lautstärke zu reduzieren, was wir dann auch taten."

Auch wenn der "Sarg", wie es Politiker fordern, verschwinden sollte: "Uns vertreibt man hier garantiert nicht", wehrt sich S., der auf dem Claraplatz schon seit 18 Jahren Freunde trifft. Den Mann – trotz einiger fehlender Zähne sympathisch lächelnd – kennen hier alle. Er meint, dass der Ort erst nach Einbruch der Dunkelheit problematisch werde, aber dann sei seine Clique nicht mehr da. Für die nächtliche Verschmutzung sei sie zumindest nicht verantwortlich. Gelegentlich komme es zwar zu Raufereien, aber nur innerhalb der Gruppe, und am nächsten Tag trinke man schon wieder ein Bier zusammen.

Begegnungen mit Passanten

Mit Passanten stünden sie kaum in Kontakt, und schon gar nicht in Konflikt, sagt S. und sein Freund ergänzt: "Ältere Menschen zeigen sich manchmal schon ängstlich. Andere wiederum bringen uns Süssigkeiten oder sonst etwas zum Essen." Schlimm seien seines Erachtens die "Kügeli-Dealer", die abends hier Geschäfte machen. Aber mit denen – ein Handwerker spricht von "Gesindel" – hätten sie nichts zu tun.

Der Kiosk nebenan läuft gut. Die Verkäuferin hat keine Zeit zum Plaudern – immer steht mindestens ein Kunde da und bestellt Zigaretten, Lose oder kauft sich einen Snack. "Glaareblatz, wüsset Dr", meint sie nur und zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch, während sie sich dem nächsten Kunden zuwendet. Eine rothaarige Frau, etwa um die fünfzig, die auf das nächste Tram Richtung Grossbasel wartet, findet die Zone um die Haltestelle zwar "nicht besonders ästhetisch", aber einen Konflikt zwischen den sich dort treffenden "Sarg"-Amigos und Passanten habe sie noch nie beobachtet. "Schliesslich müssen diese Leute auch irgendwo sein."

"Auf dem Claraplatz handelt es sich nicht um eine einheitliche Szene, sondern um verschiedene Gruppierungen, die einander fremd sind: Wohnungslose, Menschen, die ihr soziales Netz auf der Strasse pflegen, Randständige mit gesundheitlichen Problemen, Dealende oder Alkoholiker", betont Roland Frank, stellvertretender Leiter der staatlichen Kantons- und Stadtentwicklung, gegenüber OnlineReports.

Bei der "Puff-Laterne"

Wer vom Messeplatz her Richtung Claraplatz schlendert, kann den riesigen Fingerabdruck an der Fassade am Hausvorsprung links der Clarastrasse nicht übersehen. Kurz davor, wo die rote Strassenlampe (Volks-Jargon: "Puff-Laterne") steht, befindet sich die "Polizeiwache Clara". Im Parterre, gleich hinter dem Empfang, betrete ich Rudolf Koehlins Reich, ein schlauchförmiges Büro. Bei seiner Arbeit wird der Chef des "Community Policing" im Bezirk Kleinbasel gelegentlich von einem verwirrten Passanten gestört, der an die Fensterfront klopft. In Kleinbasel kennt sich Koehlin (Bild) aus: Schon seit 1994 ist er dort stationiert. Polizist ist er schon seit 1981.

"Der Claraplatz", betont der 56-jährige Ordnungshüter, "verbindet die Einkaufsmeile vor der Messe mit den Warenhäusern vor der Mittleren Brücke." Er bilde zudem "einen Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs". Auf dem Platz treffe man Menschen verschiedenster Herkunft. Wieviele Störungs-Meldungen wegen der Gruppierung rund um den "Sarg" bei der Polizei eingehen, sei "auch vom Wetter abhängig". Es gebe Monate ohne eine einzige Beschwerde, in anderen würden drei oder vier Vorkommnisse gemeldet. Betrunkene Personen, die sich selbst oder Dritte gefährden, landen in der kostenpflichtigen Ausnüchterungszelle im "Hotel Clarawache", wie es gelegentlich ironisch heisst.

Polizei: "Kein Hot Spot"

In letzter Zeit, so berichten laut Koehlin viele Beobachter, habe sich die Lage auf dem Claraplatz verbessert. Dies sei dem vernetzten Vorgehen zu verdanken, in das alle Anspruchsgruppen eingebunden seien. Dazu zählen unter anderem Ämter, Organisationen, die Bevölkerung – insbesondere die Anwohner des Claraplatzes – sowie das Community Policing-Team. "Die Kantons- und Stadtentwicklung bringt alle Player an einen Runden Tisch", erklärt der Polizist die Strategie und bekräftigt: "Entscheidend ist der Einbezug aller Beteiligter." Dass sich die Lage an der südwestlichen Ecke des Claraplatzes in den letzten Wochen beruhigt habe, bestätigt auch Stadtentwickler Frank mit Verweis auf die Wahrnehmung der Parteien am Runden Tisch.

In der Nacht sei es am Claraplatz eher ruhig, sagt Koehlin. Wenn nicht, dann sorgten eher Personen vor den örtlichen Clubs, zum Beispiel mit Schlägereien, für Anrufe an die Einsatzzentrale. Raub und Gewaltdelikte seien eher die Ausnahme. Ab und zu, so Koehlin weiter, verkehren auf der Verkehrsdrehscheibe auch Drogendealer. Die Situation im Kleinbasler Zentrum sei zwar "nicht für alle ganz befriedigend", und durchaus seien Probleme vorhanden, aber der Claraplatz sei keinesfalls ein "Hot Spot". Für einen Ort mit derart starkem Publikums-Verkehr komme es nicht zu überdurchschnittlich vielen Vorfällen, meint Koehlin. Es wird spürbar: Der Ruf des Bezirks liegt dem Ressortchef am Herzen, und er wirkt ein wenig so, als ob er ein Anwalt des Kleinbasel wäre.

SVP-Politiker mag internationales Flair

Kein dringender Handlungsbedarf sieht SVP-Grossrat Toni Casagrande (69, Bild): "Wen stören schon die Alkis auf dem Claraplatz?", fragt der Konservative, der viele Jahre nebenan am Claragraben wohnte, rhetorisch. Der Claraplatz mit seinem "Flair von Internationalität" habe ihn immer fasziniert. Der Ort funktioniere und er lade zum Treffen ein.

Idealisieren will er die rechteckige Örtlichkeit an der Seite der Clarakirche allerdings nicht. Vor Jahren, als die ersten schwarzen Dealer auf dem Platz erschienen, hatte der frühere Sicherheits-Unternehmer auch schon mal den Auftrag gehabt, Schüler in die Schule zu chauffieren oder Passanten nach dem Theaterbesuch Begleitschutz zu bieten. "Wie in der Waschküche eines Mehrparteienhauses treffen dort verschiedene Interessen aufeinander, was zu Problemen führen kann", meint Casagrande, der heute in Riehen wohnt. Meistens handle es sich dabei um spontane Aggressions-Entladungen, und die zufälligen Opfer seien zum Teil auch selber für die Auseinandersetzungen verantwortlich: "So wie man sich benimmt, so wird man auch behandelt – das gilt auf dem Claraplatz und überall auf der Welt."

Die Kleinbasler "Drehscheibe" ist gemäss Casagrande auch "ein Ausläuferplatz der Ghettos, wo die drei gut vernetzten Banden der Schwarzen, der Balkanesen und auch der Schweizer herrschen". Am späten Abend, ab 23 Uhr, werde der Ort ausserdem von Schwarzen und Nordafrikanern als Drogenumschlagsplatz missbraucht. Er selbst, berichtet er, sei auch schon angesprochen und gefragt worden, ob er Drogen kaufen wolle. Und genau dort liege – neben den erwähnten Bandenbildungen – das Problem: "Drogenhandel bedarf immer der Intervention", appelliert Casagrande und schlägt vor, den Platz mit Videokameras zu überwachen.

Blumentröge sollen "Sarg" ersetzen

Am Runden Tisch allerdings werden die "Kügeli-Dealer" nicht speziell thematisiert, sagt Stadtentwickler Roland Frank gegenüber OnlineReports, es lägen zu diesem Phänomen keine Beschwerden vor. Diese Wahrnehmung steht im Gegensatz zu jener von LDP-Grossrat André Auderset (55): In seinem parlamentarischen Vorstoss steht, dass "trotz zeitweise verstärkter Polizeipräsenz nach wie vor viele dealende Schwarzafrikaner anzutreffen" seien, und dass Passanten von ihnen belästigt würden.

Auderset gilt als einer der härtesten Kritiker der Verhältnisse auf dem Claraplatz. Er stört sich daran, dass bei der Sitzbank alle Passanten "vor den Zehenspitzen der Randständigen" vorbeigehen müssen. In seiner Schriftlichen Anfrage schlägt er darum vor, den "Sarg" durch Blumentröge zu ersetzen und stattdessen ein Wasserspiel einzurichten, um den Platz "für die 'normale' Bevölkerung" attraktiver zu machen. Auf der anderen Strassenseite, bei der St. Clarakirche, könnte sich die Gruppierung versammeln und würde so niemanden stören.

LDP-Politiker spricht von "Verkotung"

Handlungsbedarf erkennt Auderset, weil der Platz ein wichtiges Zentrum in der Achse Stadtzentrum-Messeplatz darstellt. "Man kommt nicht dran vorbei." Der "Sarg" sei zwar durchaus ein traditioneller Treffpunkt, aber die jüngere Entwicklung bereite ihm Sorgen: "Neu sind auch Junge mit grossem Aggressionspotential vor Ort", ausserdem sei "ein grösseres Ausmass an Verschmutzung und Verkotung" festgestellt worden.

Auderset, der "in Grossbasel schläft, in Kleinbasel lebt", sieht die Gassen-Organisationen in der Pflicht, "an diesem Unort für Ruhe zu sorgen". Er sei sich bewusst, dass das Problem im gesamtbaslerischen Kontext "nicht das grösste ist". Aber "als Kummerkasten Kleinbasels" wolle er auch Politik im Kleinen machen, im Interesse der Quartiere und der direkt Betroffenen - auch wenn er sich dabei nicht nur Freunde mache. Immerhin hätten auch Kleinbasler FDP- und CVP-Politiker ihm gegenüber positiv auf den Vorstoss reagiert.

Fazit: Ein Basel im Kleinformat

Die vorgeschlagene Massnahme der "Sarg"-Verschiebung ist in der Tat fragwürdig: Damit wäre das Problem der Claraplatz-Gruppe – wenn es denn überhaupt eins ist – im Kern nicht gelöst, sondern viel eher so etwas wie Clara-Kirchturmpolitik betrieben. Denn vermutlich bekämen auf der gegenüber liegenden Platzhälfte andere Kreise ein Problem, die freilich nicht zu Audersets Klientel gehören.
 
Unbestreitbar ist nicht tatenlos hinnehmbar, dass die Ärzte beim Claraplatz, wie Auderset beschreibt, jeden Morgen die Eingänge zu ihren Praxen säubern müssen, dass die Stadtreinigung beim "Sarg" oft auf liegengebliebenen Müll trifft, und dass abends Drogen feilgeboten werden. Auf der anderen Seite stehen Interessen von Menschen, die ebenso zur Basler Zivilgesellschaft gehören wie diejenigen, die am Claraplatz nach der Arbeit auf ihr Tram warten. Die Verbannung von Gruppen am gesellschaftlichen Rand – wie sie auch vor dem Bahnhof SBB zu beobachten sind – kann nicht die Lösung sein.

Der Claraplatz ist nicht nur Treffpunkt für die Menschen der "Sarg"-Clique, die Stammkunden der anliegenden Beizen, die Bankangestellten und die Einkaufsbummler. Er funktioniert auch als Begegnungsort der verschiedenen Gruppierungen untereinander und repräsentiert so etwas wie ein "Bâle miniature".

SVP-Grossrat Toni Casagrande hält das Clara-Geviert gar für "einen der schönsten Plätze Basels".

14. Oktober 2014


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"Der Claraplatz lässt sich nicht zähmen"

Der Claraplatz; ein letzter Hort der Freiheit. Er lässt sich nicht zähmen. Nicht durch die Empörten, die mehr Polizei, mehr Sauberkeit und die Verdränung fordern. Aber auch nicht durch die Umsorger, die den Platz umgestalten, vermeintlich aufwerten und am liebsten noch mit Buvetten zur Sozialkontrolle versehen wollen.


Daniel Seiler, Präsident FDP Kleinbasel, Basel



"Ich mag den Claraplatz"

André Auderset sagt, dass er im Grossbasel schlafe und im Kleinbasel lebe. Das stimmt, ich habe ihn schon einige Male in einer sogenannten "Rotlicht-Bar" angetroffen. Ist doch prima. Auch was sonst im Artikel steht, stimmt. Ich mag den Claraplatz. Setzen Sie sich zum Beispiel mal draussen an eines der kleinen Tischchen vor dem "Schiefen Eck". Da zieht die ganze Welt an Ihnen vorüber. Schnatternde Gruppen von Japanern, die gerade von einem Messebesuch kommen. Die türkische Oma, die mit ihren Enkeln an der Greifengasse einkauft. Schwarze Eltern, die stolz ihr Kind im Wagen vor sich herschieben. Die Inderin in ihrem farbigen Sari. Schwarze Frauen in manchmal etwas zu kurzen Röckchen, Männer mit entblösster Brust und protzigen Goldketten, kichernde Teenies, Rentner, eine chic gekleidete Dame. Kurz: Menschen eben.


Peter Graf, Basel



"Ohne erhobenen Zeigefinger"

Jan Amsler sei herzlich gratuliert zu dieser ausgezeichneten Kulturreportage zum Claraplatz. Sie zeigt mir als Grossbaslerin ohne erhobenen Zeigefinger auf, dass Basel nicht beim Käppelijoch aufhört und erinnert mich an die "Zerstörung" unseres Treffpunktes, als uns Jungen die Klagemauer weggenommen wurde. Das Verdrängen sozialer Gruppierungen tut einer Stadt nicht gut.


Beatrice Alder, Basel


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• Der Kanton Basel-Stadt rechnet für das Jahr 2018 mit einem Budgetüberschuss von 138 Millionen Franken.

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Monique Juillerat, bisher als Mitglied der Geschäftsleitung von "familea" für die externe und interne Kommunikation verantwortlich, wird ab 1. September neue Kommunikations-Verantwortliche der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion.

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