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"Bis in den Tod": Basler Kastanienbäume, Mottenfallen

Wenn das sexlustige Miniermotten-Männchen in die Duftfalle tappt

Die Basler Stadtgärtnerei will den kleinen Baumschädlingen mit Klebefallen an den Kragen gehen


Von Matthias Brunner


Kastanienbäume mit braun verfärbten Blättern wie im Herbst – mitten im Sommer. Dieses Phänomen tritt in Basel seit 1999 immer häufiger auf. Grund ist eine winzige Motte, der die Basler Stadtgärtnerei nun mit Klebefallen auf den Leib rücken will. Ein Sexual-Lockstoff soll nachhelfen.


Derzeit ist in der Stadt Basel ein merkwürdiges Bild zu sehen: Kastanienbäume, deren Stämme von zwei durchsichtigen Plastikmanschetten umfasst sind. Ist dies etwa eine neue Kunstintervention? Nein, es handelt sich um ein Experiment der Stadt, wie eine Hinweistafel der Stadtgärtnerei aufmerksam macht. Es sind ganz besondere Fallen für einen gefährlichen Baumschädling.

Die Kunststoffbänder sind mit Leim bestrichen und dem Botenstoff Pheromon versehen. Für die Rosskastanien-Miniermotten ist dies nichts anders als ein Sexuallockstoff. Doch wenn das Männchen im Sexrausch angeflogen kommt, wartet kein paarungsbereites Weibchen. Trotzdem entsteht ganz real eine dauerhafte Bindung fürs (kurze) ganze Leben, die tatsächlich bis zum Tod währt – denn das winzige Insekt bleibt hoffnungslos kleben. Andere Insekten gelangen kaum in die Fallen, da das Pheromon genau auf diese Mottenart abgestimmt ist.

Sex-Drang führt in die Falle

Projektleiter Stephan Bernhard hofft gegenüber OnlineReports, "dass möglichst viele Mottenmännchen in die Falle tappen". Dadurch sollen Erkenntnisse gewonnen werden, wie stark der Befall überhaupt ist und ob sich die Methode für die Dezimierung des Baumschädlings eignet. Die Klebfallen werden laut Bernhard derzeit an verschiedenen Bäumen am St. Galler-Ring, an der Klingelbergstrasse und auf dem Wolf getestet.

Gerade in diesen Tagen schwärmen die männlichen Miniermotten zum ersten Mal im Jahr aus, um die Weibchen zu befruchten, die bereits an den Baumstämmen im unteren Baumstammbereich auf sie warten. Anschliessend legt jedes Weibchen 30 bis 40 Eier auf der Oberseite der Blätter ab.

Schon im Sommer Laubfall

Diese Mottenart (Cameraria ohridella) ist so hochspezialisiert, dass sie bisher einzig der weissblühenden Rosskastanie schadet. Die rot blühende Rosskastanie befällt sie zwar hin und wieder auch, doch sterben die frisch geschlüpften Larven auf dieser Baumart ab.

Bei der weiss blühenden Rosskastanie sind die Folgen hingegen drastisch: Nach etwa drei Wochen schlüpfen aus den Eiern die Larven, die ins Blattinnere eindringen. Die Raupen fressen sich so durch das Blatt und höhlen es von innen aus, bis nur noch eine dünne Aussenhaut übrig bleibt. Die Blätter verfärben sich braun und mit dem nächsten Windstoss fällt das abgestorbene Laub zu Boden. So bietet sich im Hochsommer ein trauriger Anblick: Die Kastanienbäume sehen schon aus wie im Herbst.

Aus dem Osten per Zug eingeschleppt

Dieses Phänomen wurde in Basel erstmals bei den Kastanienbäumen am Hexenweglein entlang der Bahnlinie festgestellt. Vermutlich ist deshalb die Miniermotte als blinder Passagier per Zug aus Mazedonien eingereist. In ihrem ursprünglichen Heimatland wurde das winzige Fluginsekt erst 1984 in der Nähe des Ohridsees entdeckt. Seither breitet sich der unerwünschte Einwanderer in rasantem Tempo mit bis zu 100 Kilometer pro Jahr über ganz Mitteleuropa aus. Warum es plötzlich zu dieser explosionsartigen Verbreitung und Vermehrung gekommen ist, weiss bis jetzt niemand.

Tatsache bleibt, dass der exotische Falter in Basel zu einem Problem geworden ist, da er ausser den Kohl- und Blaumeisen sowie Spinnen hier kaum natürliche Feinde zu fürchten hat. Warmes, trockenes Wetter sind ideale Bedingungen, unter denen die Motte bis zu vier Generationen pro Jahr produzieren kann. Dann steigt der Druck auf die weiss blühenden Rosskastanien so stark, dass die Experten der Abteilung Grünflächenunterhalt befürchten, die Motten könnten auch auf den Bergahorn und den Spitzahorn als Wirtsbäume ausweichen.

Bau-Stärkung mit Kali

"Um die Abwehrkräfte zu stärken, düngen wir die Bäume zusätzlich mit Kali", erklärt Stephan Bernhard. Aber als einzige wirksame Massnahme hat sich bis jetzt nur das Einsammeln des abgefallenen Laubs bewährt, das anschliessend in der Kehrrichtanlage entsorgt wird. Denn die Miniermotten überwintern jeweils am Boden im abgestorbenen Laub. Das Projekt der Stadtgärtnerei könnte vielleicht weiteren Aufschluss über das lästige Insekt liefern und wie es effizienter bekämpft werden kann.

30. April 2012


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