Der Schriftsteller und die Literatur

In der Ausgabe der Werke von Carl Albert Loosli ist ein weiterer Band erschienen


Von Aurel Schmidt


In ihrer Ausgabe der Werke von Carl Albert Loosli versuchen die Herausgeber Fredi Lerch und Erwin Marti, den Schriftsteller vom Odium einer "Schweizer Randfigur der Literaturgeschichte" zu befreien. Wer kennt Loosli heute noch, abgesehen von ein paar Literaturspezialisten? Das Schicksal, das Loosli ereilt hat, kommt daher, dass er kein Schriftsteller im gewöhnlichen Sinn war, der regelmässig einen neuen Roman publiziert, der dann wie ein heiliges Meerwunder vom Publikum bestaunt wird, sondern als homme de lettres zu gelten hat.

Der französische Ausdruck, der im Deutschen keine angemessene Übersetzung hat, meint eine weitläufige, offene Schreibpraxis. So gesehen, kann man sagen, dass Loosli ein "operierender" Schriftsteller war und das Schreiben als Einmischung betrachtete. (Den Begriff "operieren" erklären die Herausgeber in der Einleitung.) Loosli schrieb zwar Romane, ausserdem Novellen und Gedichte in Berner Mundart, aber vor allem war er ein Schriftsteller, der sich für seine Ideen und seine Überzeugungen n jedem passenden Medium einsetzte: Ein Voltaire, wenn man den Ausdruck noch einmal verwenden darf.

Genau das ist es, was Loosli schwer klassifizierbar macht, denn ohne Schublade zum Einordnen, Versorgen und Begraben geht es für die meisten Leser und Leserinnen nicht oder nur schlecht und für die Literaturverwalter schon gar nicht.  

Umso mehr kommt Fredi Lerch und Erwin Marti sowie dem Rotpunkt Verlag das Verdienst zu, diesen geradezu deklassierten Autor mit einer Werkausgabe wieder in die Öffentlichkeit zurückzuholen. Drei Bände sind bisher erschienen: Grund zum Lesen. Vier sollen noch folgen: Grund, gespannt zu sein.

Neu liegt der Band "Gotthelfhandel" vor, der Looslis Verhältnis zur Literatur und besonders zu den gesellschaftlichen Bedingungen der  Literaturproduktion enthält, zum Beispiel, wie der Schriftsteller aus Bümpliz (wo er wohnte) die Interessen des Berufsschriftstellers vertrat und verteidigte.



"Loosli brachte gehörig Unruhe
in den Schweizer Literaturbertrieb."




Es gab zu Loosli Zeiten unverhältnismässig viel mehr Publikationsmöglichkeiten als heute. Trotzdem stand Loosli oft an einem finanziellen Abgrund. Zahlreiche seiner Bücher veröffentlichte er im Eigenverlag. Der Grund, dass er gemieden wurde, scheint zu einem grossen Teil daran gelegen zu haben, dass er 1913 mit einer Gotthelf-Mystifikation gehörig Unruhe in den Literaturbetrieb der Schweiz gebracht hatte. Loosli behauptete damals in einem pseudo-wissenschaftlichen Stil, die Werke unter dem Namen Gotthelf habe gar nicht Albert Bitzius geschrieben, sondern ein Bauer aus Lützelflüh mit dem Namen Johann Ulrich Geissbühler. Was als Scherz gemeint war, hat ihm das versammelte Feuilleton, das darauf hereingefallen war, nie verziehen.  

Ein weiterer Grund war wahrscheinlich, dass Loosli wiederholt die Literatur als kreative Schöpfung gegen die "Geissel" der Philologen und sowie den "pangermanischen Geist" verteidigte.

Loosli eckte überall an, mit gutem Grund. Die scharfe kritische Auseinandersetzung mit der Schweiz wird einen Teil dazu beigetragen haben, dass Loosli in die Rolle des "Einzelkämpfers" gedrängt wurde, zum Beispiel im Streit gegen die "Administrativjustiz". Und was die Demokatie nach schweizerischem Muster betrifft, fand er schon 1912, dass in der Schweiz immer nur über "vollendete Tatsachen" abgestimmt werde.

Diese helvetische Kontroverse ist den kommenden Bänden 2 und 5 der Werkausgabe vorbehalten. Der neu vorliegende Band "Gotthelfhandel" ist von allergrösstem Aufschluss für alle, die sich ein Bild und einen Begriff vom Kulturleben in der Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machen wollen.

Carl Albert Loosli: Gotthelfhandel. Rotpunktverlag. 504 Seiten. 54 Franken.

11. September 2007


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