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"Es dürften noch mehr sein": "Kindernäscht"-Betriebsleiterin Letizia Marioni

Viel Frauen-Gratisarbeit macht Kinderhort in der Basler City möglich

"Basler Kindernäscht": Der Hort für spontane Kinderbetreuung braucht eine sichere finanzielle Grundlage


Von Anna Wegelin


Das "Basler Kindernäscht" beim Marktplatz ist der ideale Ort für Eltern, die ihre Zöglinge spontan für ein paar Stunden in sicherer Hand wissen wollen. Das in der Region einmalige Angebot für kurzfristige familienexterne Kinderbetreuung braucht aber trotz viel Idealismus eine solide, längerfristig abgesicherte Finanz-Basis.


Freitagmorgen an der Gerbergasse 14 beim Marktplatz. Stünde nicht die grosse Tafel mit dem fröhlichen Mädchen- und Bubengesicht auf dem Trottoir: Wir wüssten nicht, dass sich im zweiten Stock dieser modernen Liegenschaft im Besitz einer Grossbank das "Basler Kindernäscht" befindet.

Der ideale Ort für Mütter und Väter, die einen verlässlichen Ort für die spontane Betreuung ihres Kindes brauchen: Weil der Chef kurzfristig eine ausserordentliche Sitzung einberaumt hat, die Arbeitskollegin krankheitshalber ausfällt, dem Kind nicht zugemutet werden kann, zur Frauenärztin oder in den Deutschkurs für Fremdsprachige mitgeschleppt zu werden – oder Mami wie Papi einfach mal eine Verschnaufpause brauchen.

"Basler Kindernäscht" hilft aus der Patsche

Wir klingeln an der Tür und betreten das "Basler Kindernäscht". Im Eingangsbereich stehen sechs Paar Kleinkinderschuhe in Reih und Glied entlang der Fensterfront, die mit Schneemännern und Schneekristallen geschmückt ist. Eine Mutter bringt ihre vierjährigen Zwillinge vorbei; ihr ältestes Kind ist im Chinsdgi. Sie reicht der "Basler Kindernäscht"-Mitarbeiterin Barbara Degen, Tagesmutter und selber Mutter eines Kindes, die zusätzlichen Kleider ihrer beiden Mädchen und gibt Instruktionen für das Mittagessen, das sie ebenfalls mitgebracht hat: Das Birchermüesli müsse beim Verzehr Zimmertemperatur haben, damit ihre Kinder kein Bauchweh kriegen. Die Frau bezahlt das Betreuungsgeld, hinterlässt ihre Natelnummer für Notfälle und teilt mit, dass ihre Schwägerin die Mädchen "zwischen 14 und 15 Uhr" abholen kommt.

Bevor sie sich wieder auf den Weg macht – die gelernte Sportlehrerin, die in der Herztherapie des Universitätsspitals arbeitet, muss für eine Kollegin einspringen –, gibt sie bereitwillig Auskunft: "Meine Mädchen kommen gern ins 'Kindernäscht'. Und ich fühle mich dabei immer wohl." Als sie noch auf einen Platz im Tagesheim für ihre beiden jüngeren Kinder gewartet habe, sei plötzlich die Tagesmutter ausgefallen, erzählt sie. Sie sei deshalb froh gewesen, als ihr jemand vom "Basler Kindernäscht" erzählt habe. "Ich bin auf diesen Ort angewiesen", so die teilzeitlich erwerbstätige Mutter.

Ihre eine Tochter kommt gesprungen: "Mami, da ist ein Englisch sprechender Bub, den ich nicht verstehe." Die "Basler Kindernäscht"-Betriebsleiterin Letizia Marioni kommt hinzu und sagt: "Dann helfe ich euch doch einfach beim Übersetzen."

Flexibel, kinderliebend und bezahlbar

Das "Basler Kindernäscht" ist eine einzigartige Sache. "Keine Institution in Basel nimmt die Kinder so spontan", fasst Marioni die Eigenart ihres Angebots zusammen. Sie, seit zehn Jahren Herz und Seele des Kinderhorts, ist selber Mutter dreier Kinder, ausgebildete Körper- und Gesprächstherapeutin und erfahren in der Betreuung behinderter Kinder.

Vergleichbares in der Schweiz finden wir nur beim jüngeren "Chinderbahnhof" in Bern. Das Konzept, für das Letizia Marioni vom Familienservice "MünchnerKindl" inspiriert wurde, ist denkbar einfach: Eltern können ihre Kinder von 2 bis 12 Jahren Montag bis Samstag ab 9 Uhr – inklusive Schulferien – spontan oder gegen Voranmeldung getrost abgeben. Denn hier sind erfahrene Betreuungspersonen am Werk, die Kinder gern haben. 9 Franken pro Stunde kostet der Spass für das erste Kind, 6 Franken für jedes weitere Kind. Bei einem Zehner-Abonnement gibt es Rabatt und mit dem Familienpass wird es nochmals 10 Prozent günstiger.

Der Kinderhütedienst im Herzen Basels ist nur an den offiziellen Feiertagen geschlossen – und an der Fasnacht, erzählt Letizia Marioni: "Dann spielt sich das Leben in den Gassen ab und die Kinder gehören dort dazu." In den vergangenen zehn Jahren sei noch nie ein Kind verunfallt oder bei einem Tagesausflug verloren gegangen, betont sie – zum flexiblen Angebot des "Basler Kindernäscht" gehören auch Outdoor-Aktivitäten mit zusätzlicher Freiwilligenbetreuung, und zwar fix jeden Mittwoch während den Schulferien.

Freies Spiel für die Kinder

Das "Basler Kindernäscht" hat zwar keinen Raum im Freien, dafür aber viel Platz und Licht: Auf 190 Quadratmetern gibt es, neben einer modernen Küche mit Esstisch und zwei kindergerechten Toiletten, zwei grosse Zimmer. Das eine hat unter anderem eine Rutschbahn, Spielteppich, Bobby-Cars und eine Wandtafel. Demnächst soll es eine neue Gluggerbahn an der Wand geben, die ein wohlgesonnener Schreiner zimmert. Im anderen Zimmer gegen den Innenhof befindet sich ein riesiger Basteltisch, ein Töggelikasten – und sieben Achatschnecken hinter Glas, die gerade ihren Winterschlaf machen. Das Inventar, trotz des Verbots jeglicher elektronischer Geräte auch für nicht mehr ganz kleine Kinder durchaus attraktiv, ist gemäss Marioni "praktisch alles zusammengebettelt".

"Wir richten uns nach den Bedürfnissen der Kinder", fasst sie den erzieherischen Ansatz zusammen. Wichtig ist ihr auch, dass alle Kinder unabhängig von der sozialen und kulturellen Herkunft ihrer Eltern sowie Kinder mit den verschiedensten Fähigkeiten und Einschränkungen (beispielsweise Behinderung, Lebensmittelallergie) willkommen sind und die nötige Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen.

75'000 Franken Gratisarbeit

Das "Basler Kindernäscht" ist ursprünglich ein prämiertes Projekt aus dem Ideenwettbewerb "Basel denkt" der Christoph Merian Stiftung (CMS). Letizia Marioni reichte den Antrag zusammen mit der Juristin Yvonne Bollag und der Sozialpädagogin Jeanne Howald ein. Die drei Frauen, alle erwerbstätig, wohnten damals im selben Haus in Kleinbasel und hüteten sich gegenseitig die Kinder. "Wir waren das ideale Team", sagt Marioni. Am 2. Februar 2002 nahm "Ihre fröhliche, flexible und kompetente Kinderbetreuung im Herzen der Basler Innenstadt (Eigenwerbung) den Betrieb auf, mit 67'000 Franken Startbeitrag.

Im "Basler Kindernäscht" arbeiten zurzeit fünf erfahrene Frauen in Teilzeit. Zusätzlich sind regelmässig zwei "Benevol"-Mitarbeiterinnen im Einsatz, eine junge Ärztin und eine Frau mittleren Alters, Amerikanerin aus Riehen. "Ohne mein Team wäre ich nirgends", so die Leiterin. Die geleistete Gratisarbeit hatte vergangenes Jahr einen Wert von 75'000 Franken – gut ein Drittel der Personalkosten.

2011 erzielte das "Basler Kindernäscht" 275'000 Franken Ertrag. Die Eigenfinanzierung durch Elternbeiträge und Eigenleistungen betrug 151'000 Franken. Dazu kamen 13'000 Spendenfranken. Drei Firmen der Innerstadt unterstützten den Betrieb mit insgesamt 50'000 Franken – die ehemalige ÖKK und heutige Vivao Sympany ist mit dem grössten Beitrag seit Beginn dabei, Coop City und Manor leisten seit ein paar Jahren ebenfalls ansehnliche Unterstützung. Für den restlichen Betrag von 60'000 Franken besteht eine befristete Subventionsvereinbarung mit dem Kanton.

Durchzogene Bilanz

Zum Gratis-Nachmittag für Kinder mit diversen Attraktionen lädt das "Basler Kindernäscht" am 4. Februar anlässlich seines zehnten Geburtstags ein. Obschon ein Grund zum Feiern, fällt die Bilanz der Betriebsleiterin durchzogen aus. Für Letizia Marioni besteht nach wie vor kein Zweifel daran, dass es das Angebot braucht: "Wo gibt es sonst mitten in Basel eine Institution, die derart flexibel und zuverlässig ist?".

Die Belegungszahlen des Kinderhorts, dem das Basler Erziehungsdepartement eine Betriebsbewilligung ausgestellt hat, lassen sich sehen: Jährlich durchschnittlich über 4'000 Kinder haben das "Basler Kindernäscht" in den vergangenen Jahren besucht, Tendenz leicht steigend. Konnten 2010 insgesamt 353 neue Kinder registriert werden, waren es letztes Jahr 387 Kinder. "Aber es dürften es noch mehr sein", meint Marioni, die im übrigen überzeugt ist, dass mehr Eltern das Angebot nutzen würden, wenn die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen für eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit vorhanden wären.

"Es genügt nicht, wenn wir an unserem arbeitsfreien Tag mit Flyern und Ballonen in den Kannenfeldpark gehen, um an der Kinderkleiderbörse für unser Angebot zu werben", sagt Letizia Marioni, die mehrmals während des Gesprächs betont, wie sehr sie die Unterstützung von Stiftungen, Gönnern und Partnern, etwa der Kiwanis-Club Riehen oder das Theater Arlecchino, schätze. Einsparungen liessen sich höchstens noch bei der Miete machen, so die "Basler Kindernäscht"-Leiterin. Diese kostet stolze 48'000 Franken im Jahr. Einen Rabatt hat die Gebäudebesitzerin noch nie gewährt. Die gemeinnützige "Basler Tafel" dagegen bringt einmal in der Woche Früchte, Gutzi und Joghurts vorbei.

CMS kritisiert "zu geringe Auslastung"

Einmal im vergangenen Jahrzehnt – 2010 – wurde die finanzielle Situation dramatisch: Die Christoph Merian Stiftung, die das "Basler Kindernäscht" bis dahin mit total über 250'000 Franken unterstützt hatte, beendete ihr Engagement endgültig.

"Wir haben von Anfang an signalisiert, dass dies keine Dauerverpflichtung wird", erklärt Walter Brack, Leiter der CMS-Abteilung "Soziales und Stadtentwicklung". Die Stiftung sei davon ausgegangen, dass andere, "insbesondere Geschäfte der Innenstadt, die vom Angebot profitieren", vermehrt finanziell einsteigen würden. Das "Basler Kindernäscht" habe sein Ziel nicht erreicht, kritisiert Brack: "Durchschnittlich fünf Kinder pro Betreuungsstunde ist eine zu geringe Auslastung." Für Betreuungsnotstände gebe es andere Möglichkeiten im Quartier, zum Beispiel Absprachen mit Nachbarn.

Kanton: "Wichtige Institution"

Anders sieht es das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA): Es gewährt dem Verein "IG Kindernäscht" für die Jahre 2010 bis Ende 2012 eine Subvention von gesamthaft 150'000 Franken. "Wir fanden, dass die Institution für den Standort Basel wichtig ist", meinte Samuel Hess, Leiter des AWA-Bereichs Wirtschaft, gegenüber OnlineReports. Den vorübergehenden Betriebsbeitrag bezeichnet er als eine "Massnahme im Arbeitsmarkt": mit immer flexibleren Arbeitszeiten, kaum planbaren Einsätzen, zunehmenden Teilzeitanstellungen "gerade im Verkaufsbereich" und vielen alleinerziehenden Eltern. Das "Basler Kindernäscht" biete als "Walk in"-Ort, was kein anderes ausserfamiliäres Angebot mit fixen Betreuungszeiten vor Ort abdecken könne, so Hess.

Wie die CMS hält auch das AWA ein verstärktes finanzielles Engagement der Geschäfte in der Innenstadt für wünschenswert. Doch gibt Hess mit Verweis auf die jedesmal mühsame gemeinsame Finanzierung der Weihnachtsbeleuchtung diesem Szenario wenig Chancen: Durch die verstärkte Filialisierung mit Firmenhauptsitz im Ausland einerseits und die vom schwachen Euro zusätzlich geplagten Detailhändler andererseits sei ein solches Angebot nicht zu finanzieren. Laut Hess gibt es bei der Vereinigung "Pro Innerstadt" sogar Stimmen, wonach Kinder "verkaufsfördernd seien".

Manor erwägt zusätzliche Unterstützung

Der Sponsor Manor Basel ist da anscheinend etwas anderer Meinung. Die Warenhauskette, die bereits die reguläre familienexterne Kinderbetreuung ihrer Mitarbeitenden finanziell unterstützt, bezahlt die Hälfte des Elternbeitrags, wenn ein Kind "in einer Notsituation", also zum Beispiel bei kurzfristigem Ausfall der Tagesmutter oder der Grosseltern, ins "Basler Kindernäscht" geht, erklärt Anna-Bettina Schellert, Projektverantwortliche und Assistentin von Generaldirektor Bertrand Jungo. Da das Angebot des "Basler Kindernäscht" auch Eltern die Möglichkeit zu einem unbeschwerten Einkaufsbummel biete, überlege sich Manor aktuell, wie dieser Service auch der Kundschaft angeboten werden könnte.

In der Tat mag sein, dass die Auslastung des "Basler Kindernäscht" – nicht zuletzt mangels Marketing-Möglicheiten – zu wünschen übrig lässt. Letztlich zählen jedoch die Zufriedenheit und das Vertrauen der Eltern. Und die sind gross, wie der Blick ins vielsprachige "Elternbuch" der kleinen feinen Basler Institution zeigt. So schreibt etwa eine berufstätige Mutter: "Endlich kann ich aufatmen – denn ich habe eine flexible und professionelle Betreuung für meinen Sohn gefunden, der sich bei Ihnen wie zu Hause fühlt." Oder: "Sie füllen eine Lücke im Angebot. Flexible, spontane und qualitativ hochstehende Betreuung wird sonst nirgends angeboten!"

Service:
Basler Kindernäscht
www.kindernaescht.ch

Gerbergasse 14, 2. Stock, Basel
Telefon 061 261 49 39, infokindernaescht.ch
Offen das ganze Jahr über ausser an den Feiertagen: Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa 9-17 Uhr

10 Jahre "Basler Kindernäscht": Gratis-Betreuung mit Attraktionen für Kinder am Samstag, 4. Februar 2012, 14-17 Uhr. Die Anzahl / Betreuungszeit ist aus Platzgründen limitiert.

10. Januar 2012


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