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"Wunderbare Ruhe": Holland-Fans, Public Viewing-Zone auf dem Basler Marktplatz

Schlusspfiff für die "Euro 08", doch die Fussball-Party geht weiter

Gedanken und eine subjektive Bilanz rund um die Fussball-Europameisterschaft 2008 in Basel


Von Peter Knechtli


"Wenn die Spanier so spielen wie gegen Holland, dann haben die Deutschen keine Chance", meinte ein Basler Berufsmann zu seinem Begleiter, als er vor dem Finalspiel den Rheinsprung hinunter schlenderte. Er hatte recht. Die Spanier zeigten EM-Fussball, dass es eine Augenweide war, und Torres schaffte mit letztem Einsatz das entscheidende Titel-Tor.

Aus für Deutschland, Ende für die "Euro 08". Ende für eine Grossveranstaltung, wie sie der Mitaustragungsort Basel noch nie erlebt hat. Jetzt ist die Hoch-Zeit der Auf- und Abräum-Equipen.

Um es vorwegzunehmen: Die Schweizer sind einfach die geborenen Organisatoren. Da scheint sich eine geballte Knowhow-Ladung an OK-Gestählten und Netzwerkern, Krisenstäblern und Kommando-Profis gefunden zu haben, dass nichts schief ging, was nicht schief gehen durfte. Das befürchtete Verkehrs-Chaos trat nicht ein, weil 80 Prozent der Fans mit dem öffentlichen Verlehrsmittel  das Stadion, die Fanmeilen und Fanzonen aufsuchten.


"Nichts ging schief,
was nicht schief gehen durfte."




Auch die Veranstalterin Uefa darf mit der Abwicklung des Mammut-Anlasses zufrieden sein: Alles für den geordneten Verlauf Entscheidende hat geklappt. Es kam weder zu befürchteter Massen-Panik noch zu nuklearen Anschlägen oder zu übermässigen Schlägereien – auch wenn vermutet werden darf, dass die Sicherheitskräfte in ihrer offiziellen Informationspolitik nach deutschem Vorbild wohl eher zurückhaltend waren.

Informiert wurden wir ja nicht durch eine neutrale Instanz, sondern sozusagen durch eine Sub-Veranstalterin mit der so volkstümlichen Bezeichnung "Host City Basel", die indes von der Reibungslosigkeit der Durchführung selbst überrascht wurde. Der tatsächliche Veranstalter, der Europäische Fussballverband, dagegen erschien der Öffentlichkeit kaum in Form realer Menschen – nicht einmal als Funktionäre –, sondern eher als anonyme Chiffre für ein gesichtsloses Kombinat und eine oft als anmassend empfunde suprapolitische Macht, die sich für die drei Wochen ihrer Inszenierung über übliche demokratische und kulturelle Gepflogenheiten hinweg setzte. Sogar Bundesrat Moritz Leuenberger tat mitten in der EM offen seiner Irritation über die "Uefakratie" und ihr mangelhaftes ökologisches Bewusstsein offen kund.

Doch nicht nur die fehlende ökologische Vorbildfunktion der Uefa war es, die sie auch unter zahlreichen Fussballbegeisterten subkutan zu so etwas wie einem Feindbild machte. "Fuck Uefa" oder sinngemäss "Die Stadt gehört uns, nicht der Uefa" hiess es auf Klebern, die an Hausfassaden und Abflussrohren prangten. Unbehagen und Unverständnis vielerorts: Diese Absperrungen, diese Eingangskontrollen, diese Uefa-zensurierten Fernseh-Bilder. Dieses verordnete Einheitsbier in den Ereigniszonen und dann dieser brutale Werbeauftritt dieses verordneten Einheitsbiers an denkmalgeschützten Fassaden, diese würde- und respektlose Platzierung eines Kühl-Containers dieser verordneten Einheitsbier-Marke vor der Galluspforte des Münsters, dem bedeutendsten romanischen Skulpturenwerk der Schweiz. (In Bern, so sagte uns der dort zuständige "Euro 08"-Manager, "hätte man uns eine Million zahlen können, das hätten wir nicht zugelassen".) Dieser dauernde Helikopterlärm über der Stadt. Dieser Bier- und Uringestank in den Gassen der Stadt.

Den Anwohnenden der Fan-Zonen wurde sehr viel zugemutet. Ob auch die Mehrheit der Gewerbebetriebe vom Grossanlass profitierte, ist fraglich. Eher das Gegenteil dürfte zutreffen. Wie gern hätte da mancher Politiker den Protest eingelegt, wäre dieser nicht zum Vornherein aussichtslos und würde jener nicht selbst auch eigene Interessen vertreten - und schweigen. Dennoch drängt sich die Frage auf, weshalb kein Politiker und keine Politikerin nicht zumindest öffentlich einige kritische Fragen stellte.

Hat da einer "Kulturlosigkeit" und "Bünzli-Basel" gerufen? Haben wir uns selbst nicht auch über ungenügende Anwohner-Information gewundert, uns (arbeitend) am Soundcheck-Gewummer gestört und an morgens schon grölenden Individuen. Haben wir uns nicht geärgert über Gäste, die an unsere Hausfassade pinkelten – und haben wir uns nicht schliesslich in Erinnerung gerufen, dass jetzt Toleranz statt Alltagsgemecker gefragt sei, da angekündigterweise nicht der Normalzustand fortdauert, sondern Ausnahmezustand eintritt? Fussball ist auch Kultur, Dabeisein ist Kult.

"Dieses globale Geschäft
hat eine endlose Nachspielzeit."




Es geht ja längst nicht mehr um die 25 Aktiven auf dem Import-Rasen und an seinen Seitenlinien. Diese rennenden Protagonisten sind nur unentbehrlicher Nukleus eines immensen globalen Geschäfts- und Gesellschaftsbetriebs, der eine endlose Nachspielzeit kennt, sondern sich dauernd weiter ausdehnt und sich immer mehr die Massen-Aufmerksamkeit zu sichern weiss. Wie idealistisch erscheinen uns die Bilder und Erinnerungen an Fussball-Grossereignisse in der sechziger und siebziger Jahren, als die Partien noch in Käppi und Krawatte genossen wurden. (Schon damals waren die guten Kicker und Keeper die Helden, und Wädli hatten sie auch schon, aber für sie und ihre ungestylten Frisuren interessierten sich noch keine Frauen.)

Fussball ist seither längst nicht nur Identität, sondern auch Inszenierung und Illusion geworden: Die Stars auf dem Feld sind das unerlässliche Rahmenprogramm der Geschäfts-, Gesellschafts-, Beziehungs- und Standortpflegenden dieser Zeit. Mindestens so bedeutungsvoll wie die Siege und Niederlagen der teilnehmenden Sport-Nationen ist das, was sich in VIP-Lounges, in den Merchandising- und Marketingabteilungen der Sponsoren, in den Zentralen der Rechte-Verkäufer und hinter den Schaufenstern des lokalen Gewerbes abspielt. Unterwäsche in Rot-Weiss, "Hopp Schwiiz"-Taschen, Flaggen, Fähnchen, Bälle, Perücken und Schminke jeder Art waren omnipräsent in einer Stadt wie Basel, die in "Public Viewing"-Zonen jenen Gästen Unterhaltung und Feststimmung versprach, denen der Zutritt zur Live-Arena nicht gegönnt war.

Ob die "Euro 08" für die Bevölkerung jener durchschlagende Erfolg geworden ist, der den im Vorfeld herauf beschwörten Erwartungen entspricht, ist bei allem Goodwill zweifelhaft. Sicherlich beflügelte das nasskalte Wetter zu Turnier-Beginn die Festlaune der Uhmacher-Nation ebenso wenig wie das rasche Ausscheiden ihrer Mannschaft um "Köbi National". Doch immer dann, wenn im Basler St. Jakob-Park Spiele ausgetragen wurden, ging in der Stadt die Post ab – erst recht, als die Holländer zum Kampf gegen die Russen antraten und von einer eigentlichen Invasion an orange gefärbten Schlachtenbummlern unterstützt wurden, wie sie Basel noch nie erlebte.

Zum Glück hatte Basel die Holländer! Die Oranjer trugen ansteckende Emotionen und Fröhlichkeit in die Stadt bis zum Augenblick, als die Russen sie überraschend besiegten. Tags darauf war die trinkfreudige Supporter-Armada aus dem Norden wie vom Erdboden verschwunden. Etwas gar weit ging die einseitige Sympathie der Gast-Stadt, als selbst der "Hammering Man" am Aeschenplatz in der niederländischen Fan-Farbe verhüllt wurde, während die Russen dafür auf dem Spielfeld umso erfolgreicher auf sich aufmerksam machten.

Dürfte die Publikums-Präsenz in den Public Viewing-Zonen den Erwartungen der Promotoren in der Mehrheit entsprochen haben, so jämmerlich zeigten sich die Fans an vielen Aufheiz-Auftritten lokaler Musikgruppen. Viele von ihnen müssen es als Enttäuschung, wenn nicht gar als Täuschung erlebt haben, als sie sich, wie etwa die populäre Allschwiler Reggea-Gruppe "Schwellheim" (Bild), nach einem aufwändigen Bewerbungs-Prozedere statt einem erhofften Massenpublikum bloss einem sich verlierenden Häufchen Zuhörenden gegenüber sahen. Die Differenz zwischen geschürten Erwartungen und tatsächlicher Performance lässt auf gravierende Konzeptschwächen schliessen.

Stark überhöhte Prognosen belasteten auch den Zulauf im "9. Stadion" in Bubendorf. Beelendend fast der Auftritt von René Häflinger und Oliver Kreuzer, die vor nahezu leeren Rängen in der "grössten in der Schweiz jemals errichtete Public Viewing-Arena" (Eigenwerbung) die Spiele zu kommentieren hatten. In der Bildschirm-Arena, die 6'500 gedeckte Sitzplätze bot, verloren sich während des Spiels Italien-Spanien gerade mal rund 300 Personen (Bild). Die Eintrittszahlen sanken auf ein Niveau, dass sie im offiziellen Tages-Communiqué der Host City gar nicht mehr erwähnt wurden und die Eintrittspreise angepasst werden mussten. Selbst nach Mega-Stars wie DJ Bobo bestand angesichts der Sättigung keine Nachfrage. Finanzielle Sorgen brauchen sich die Betreiber nicht zu machen: Im Defizitfall zahlt der Staat mit einer Garantie bis 1,2 Millionen Franken, ob ein Nachtragskredit nötig wird, ist noch offen und politisch brisant.

Nun könnte Veranstaltern, Promotoren, Kontrolleuren und Einsatzkräften jeder Art bis hin zur Armee vorgeworfen werden, sie hätten an Aufwand masslos übertrieben, ganze Heerscharen an Polizeieinheiten in den rückwärtigen Räumen Daumen drehen lassen und eine übertriebene Fest-Hysterie herbeigeredet. Tatsächlich ist die Europa-Meisterschaft keine Fussball-Weltmeisterschaft wie jene in Berlin, die hiesige Verantwortliche häufig als Vorbild auffassten. Doch es fehlte an vergleichbaren Referenzgrössen, was den Veranstaltern nicht angelastet werden darf. Sie mussten das Risiko eingehen, den einen oder andern Flop zu produzieren. Wehe, die Einsatzkräfte wären dem Anlass nicht gewachsen gewesen – die scharfen Kritiker wären flugs zur Stelle gewesen.

Die Schweiz ist eben ein Land der Individualisten, nicht der Gruppen-Menschen. Ihre Bewohner nehmen schon sehr wohl teil an dem, was vor ihrer Haustüre geschieht – aber am liebsten über die Mattscheibe hinter der Haustüre, Private Viewing sozusagen. Das hat auch seine Vorzüge: So legte sich in den meist prächtigen Sommernächten nach der EM-Halbzeit während mindestens 90 Minuten eine wunderbare Ruhe über die Dörfer ausserhalb der Fanmeilen. Dort gehörte die Aussen-Welt in der untergehenden Sonne den Amseln und die Weidenmeisen, die ihre "Euro" ungestört im fröhlichen Abendgesang absolvierten.

Das Prachtswetter der letzten Tage war den Veranstaltern sehr gegönnt. Die Bier-, Piss- und Kotzflecken an Gehsteigen und Hausfassaden sind eingetrocknet. Darum ist jetzt ein reinigendes Gewitter fällig.

30. Juni 2008

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"Diese Seite des Sachverhalts vergessen"

Hallo Matthias, wahrscheinlich hat Joël Thüring diese Seite des von dir beschriebenen Sachverhaltes zur Euro 08 schon ganz "vergessen", was mich eigentlich sehr wundert, war er doch Exponent und immer noch Mitglied der stadtbekannten Totspar-Partei.


Bruno Heuberger, Oberwil



"Klarstellung eines beschämenden Sachverhaltes"

Halten wir fest: Die "Euro 08" hat Basel zu etwas "Instant Celebrity" verholfen, einem marketinmässigen Strohfeuer, das in Kürze vergessen sein wird. Die damit verbundenen Umtriebe wurden allerdings dank den perfekt funktionierenden, kantonalen öffentlichen Diensten (z. B. BVB, Kantonspolizei, Rettungssanität, Stadtreinigung) gemeistert. Diese bestehen aus genau denjenigen Leuten, denen in den letzten Jahren ein massiver Personalabbau und eine Verschlechterung der Pensionskasse beschert wurde, und denen die aktuelle Regierung eine zusätzliche Ferienwoche nach wie vor nicht gönnen mag. Nörgelei? Chabis – Klarstellung eines beschämenden Sachverhaltes!


Matthias Scheurer, Regionalsekretär VPOD, Basel



"Kein Verständnis habe ich mit gewissen Berufsnörglern"

Ich habe als Volunteer eine andere Seite der "Euro" kennengelernt. Es waren drei fantastische Wochen, welche nur durch das schwache Abschneiden der Schweizer und dem schlechten Wetter getrübt wurden (dafür kann wahrscheinlich die Uefa auch noch was...).

 

Kein Verständnis habe ich mit gewissen Berufsnörglern, welche alles an dieser "Euro" schlecht reden wollten und sich besonders an den strengen Regelungen der Uefa gestört haben. Es waren schlussendlich nur drei Wochen (was sind drei Wochen in einem Leben?) bei welchen gewissen Regeln aufgestellt wurden. Dafür haben wir dieser Organisation den drittgrössten Sportanlass und viele Fussballfeste (v.a. das Oranje-Fest) zu verdanken.

 

Auch waren die Kontrollen nicht übertrieben und die sogenannt "schlimme und böse deutsche Security" äusserst freundlich. Sie haben ausschliesslich durchgesetzt, was ihnen befohlen wurde. Ausländische Fussballgäste übrigens, ich habe dies selber vor Ort mehrfach erlebt, haben die Regeln der Fanzonen(keine Dosen, keine gefährlichen Gegenstände etc.) sehr viel schneller aktzeptiert und weit weniger gemotzt als gewisse Stadtbasler bei denen man sagen muss: "So wie man in den Wald schreit, so ruft's zurück!".

 

Zum Schluss haben sich übrigens gewisse Anwohner des Rheinbords für die ständige Präsenz der Securitys und auch der Volunteers bedankt - noch nie hatten sie so wenig Chaos, Dreck, Unordnung und Sicherheit an "ihrem" Rhein wie in den vergangenen drei Wochen. Vielleicht müsste die "Euro" und die Uefa öfters auf Besuch kommen?


Joël Thüring, Basel



"Ich habe mehr Licht als Schatten erlebt"

Kein Licht ohne Schatten – eine alte Weisheit. Woraus man schliessen kann: Wer den Schatten scheut, darf auch kein Licht anzünden.

 

Hat "Basel" nun vom Lichte profitiert oder unter dem Schatten gelitten? Wer oder was ist "Basel" überhaupt? Akademische Fragen – es gibt keine objektive Antwort, wie eine objektive Beurteilung solch eines Anlasses unmöglich ist.

 

Bei allen subjektiven, individuell erlebten "Schatten": Es ist alles gut gegangen. Keine grossen Unfälle, keine schrecklichen Anschläge, keine Massenschlägereien, kein Hooliganismus. "Basel" hat in der Welt wieder einmal einen guten (wenn auch anfänglich "nassen") Eindruck von sich selbst vermitteln können. Auch das ist nicht selbstverständlich; es ist nicht "von alleine" so gekommen. Von den Leuten der Stadtreinigung über die der Polizei bis hin zu denen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln – sie alle haben im Namen von Basel eine gut funktionierende, freundliche und offene Stadt repräsentiert. Auch auf sie darf "Basel" stolz sein und ihnen danken.

 

Soweit es mich persönlich betrifft: Ich habe – subjektiv - mehr Licht als Schatten erlebt!


Peter Waldner, Basel


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