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"Regierungen haben sich aus der Verantwortung gestohlen": Slums in Chicago

Die Stadt von morgen – Leben im Horror

Buch: Immer mehr Menschen leben in Slums, die sich zu exterritorialen und "No Go"-Gebieten entwickeln


Von Aurel Schmidt


Die Menschheit sei an einem Wendepunkt angekommen, stellt der amerikanische Urbanist Mike Davis kritisch fest. In absehbarer Zeit oder sogar schon heute leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Aber von Städten zu sprechen ist ein Euphemismus. Es sind die Slums, die sich immer weiter ausbreiten, zu unübersehbaren Ballungsgebieten entwickeln und den Planeten wie ein Krebsgeschwür zerfressen.

In seinem Buch "Planet Slums" liefert Davis Zahlen und Hintergründe dazu. Die Horrorvision, die er entwirft, stimmt mit anderen ähnlichen Feststellungen überein wie etwa dem im Film "Darwin's Nightmare" von Hubert Sauper. Die Städte, sagt er, sind zum "Müllabladeplatz für eine überschüssige Bevölkerung" geworden. Er spricht dabei von einer "informellen Urbanisierung", die im krassen Gegensatz steht zu den glanzvollen Ansichtskarten-Vorstellungen von glitzernden Metropolen mit futuristischen Architekturen und eleganten Luxusgeschäften. Wir nehmen nur die gesponserten schönen Seiten der Welt zur Kenntnis.
 
Die Realität sieht anders aus. Die Megastädte sind Armutskonzentrationen in höchstem Mass. Wer sich davon nur eine blasse Vorstellung machen will, weil es hier schliesslich um einen kategorischen Imperativ geht, wird das Buch wie eine Science Fiction lesen, nur dass sie einen realen Hintergrund hat. Zwar macht sich Davis keinerlei Illusionen. Es wird keine Linderung geben, sagt er ernüchtert. Aber sich damit abfinden will er trotzdem nicht. Deshalb zerstört er radikal den schönen beziehungsweise falschen Schein und führt allen, die es wissen wollen, die nackten Tatsachen vor Augen. Und dann gibt es irgendwo auch noch eine Grenze des Anstands, die man nicht leichtfertig überschreiten kann.

"Die Menschen in den Slums müssen
Schmier- und Bestechungsgelder zahlen."




Das Leben auf den Strassen in den Slums ist nicht umsonst. Die "Pflasterbewohner" müssen Schmier- und Bestechungsgelder bezahlen an Verbrecherorganisationen und korrupte Polizisten. Unter dem Druck des Überlebenskampfes herrschen Kriminalität und Entsolidarisierung. "Statt nach oben führt die Treppe der sozialen Mobilität nur weiter nach unten." Studien der OECD, auf die sich Davis unter anderem beruft, gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2020 höchstens noch ein Viertel der Arbeitskräfte in Westafrika im formellen Wirtschaftssektor tätig sein wird. Die Regierungen stehen dem Problem ohnmächtig gegenüber und haben sich längst aus der Verantwortung gestohlen.

Davis macht die neoliberale Wirtschaftsideologie für die Entwicklung verantwortlich und begründet seine Behauptung plausibel. Strukturanpassungen im Sinn des  "Konsens von Washington" und des Diktats von IWF und Weltbank haben katastrophale Folgen.

So nimmt er zum Beispiel die Verhältnisse in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo (Zaire), als Exempel, um den Mechanismus von Verschuldung und auferlegter Sparpolitk aufzuzeigen. Das Land, das früher von Diktator Mobutu ausgebeutet wurde, wird jetzt von den bekannten Heuschrecken überfallen und geplündert. Die sogenannte Modernisierung der Landwirtschaft ist genau genommen eine Vertreibung der bäuerlichen Bevölkerung von ihrem Land in die Städte und gehört in den gleichen Ursachenzusammenhang.


"Es entstehen neue Formen
der Abhängigkeit und der Ausbeutung."




Die Folgen davon sind neben Korruption und Kriminalität vielfältiger Art: Frauenausbeutung, Prostitution, Kinderarbeit, Kindersterblichkeit, Gesundheitsschäden, ökologisches Desaster. Namentlich geht Davis auch auf den Organhandel ein sowie auf die Ausbreitung von religiösen Sekten in den Elendsvierteln, die nur vordergründig einen Ersatz für die Misere anbieten. In Wirklichkeit werden nur neue Formen von Abhängigkeit und Ausbeutung hervorgebracht.

Inzwischen beobachten Geheimdienste und zum Beispiel der deutsche Bundesnachrichtendienst die Situation und machen darauf aufmerksam, dass immer grössere Teile der urbanen Zentren sich in den Händen von kriminellen Banden befinden und diese das staatliche Gewaltmonopol übernommen haben. Es entstehen exterritoriale Zonen. Verwunderlich ist das nicht.
 
Sich der Lektüre des Buchs zu unterziehen ist eine harte Übung. Einfacher ist es, die Augen zu verschliessen. Die neoliberalen Verteidiger der Entwicklung werden sowieso abstreiten, dass sie die Welt in Unordnung und Elend stürzen, aber Davis widerlegt diese fadenscheinige Unschuldsbeteuerung einleuchtend. Denn die Realität ist allzu unerbittlich geworden.

Mike Davis: Planet der Slums. Aus dem Englischen von Ingrid Scherf. Verlag Assoziation A. 36.50 Franken.

11. April 2008


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