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Nazi-Kondolenz-Schreiben an Friedrich Traugott Wahlen: "Tragischer Tod"

Schweizer Besuch bei Nazi-Forschern

Enge Mitarbeiter Friedrich Traugott Wahlens waren über die B-Waffen-Forschung der Nazis womöglich zu gut informiert


Von Lukas Straumann


Ihre Reise ins Dritte Reich im Auftrag des späteren Bundsrates Friedrich Traugott Wahlen bezahlten Karl Roos und Gérard Défago mit dem Leben. Neue Dokumente zeigen: Vor ihrem tödlichen Unfall auf der Reichsautobahn besuchten die beiden Schweizer Beamten eine Forschungsstation, die für die Wehrmacht arbeitete.


Am Samstag, den 20. Juni 1942, gegen halb sieben Uhr abends, sprach ein Herr in der Privatwohnung des Schweizer Konsuls Ernst Suter in Stuttgart vor. Suter kannte diesen Herrn von früher. Er hatte ihm schon Einreisevisa in die Schweiz ausgestellt. Es handelte sich um Dr. Thiel, seines Zeichens Leiter des deutschen Kartoffelkäferabwehrdienstes. Thiel kam zu Suter, um den Konsul über den Unfalltod der zwei Schweizer Beamten Gérard Défago und Karl Roos zu informieren, die von Friedrich Traugott Wahlen mitten im Krieg zu "Besprechungen" in Sachen Schädlingsbekämpfung ins Dritte Reich geschickt worden waren.

Suter schaltete schnell: "Um möglichst rasch unsere Schweizer Behörden über das Unglück zu verständigen, rief ich noch in Gegenwart des Herrn Dr. Thiel Herrn Dr. Wahlen in Zürich an, da es sich um zwei seiner engeren Mitarbeiter handelt. Um ca. 19.30 Uhr erreichte ich Herrn Dr. Wahlen, der sich auch noch mit Herrn Dr. Thiel kurz besprechen konnte." Informiert über den Tod der beiden Bundesbeamten wurden auch die Abteilung für Auswärtiges in Bern und der Chef des schweizerischen Kriegsernährungsamts Ernst Feisst, ein erklärter Nazi-Sympathisant (vgl. Kasten). So steht es in einem von Konsul Suter verfassten Bericht, der ONLINE REPORTS vorliegt. Nicht vorhanden ist das aufschlussreiche Papier im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern - obwohl das Dokument seinerzeit im Bundeshaus in mehreren Durchschlägen existierte.

Geheime Schädlingszucht zur Feindbekämpfung

Thiel berichtete Konsul Suter, dass er zusammen mit den beiden Schweizer Agrarforschern Défago und Roos am Vortag - unmittelbar vor ihrem mysteriösen Unfall - "eine Dienststelle in der Nähe von Koblenz" besichtigt hatte. Damit konnte nur die Aussenstelle Kruft der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft gemeint sein. In Kruft, so fanden die Alliierten 1945 heraus, hatten deutsche Forscher in geheimem Auftrag der Wehrmacht Kartoffelkäfer und andere Schädlinge gezüchtet. Die Erforschung der Pflanzenschädlinge hatte schon seit Kriegsbeginn als "kriegswichtig" gegolten. So erwogen die Nazis im Rahmen ihrer B-Waffen-Forschung auch ein Abwurf von Insekten-Schädlingen über England. Mit dem Einsatz von Schädlingen sollte die britische Nahrungsproduktion geschwächt werden.

Thiels Aussagen gegenüber dem Schweizer Konsul sind bemerkenswert: So sollen Défago und Roos auf ihrer Deutschland-Mission bis unmittelbar vor dem Unfall in zwei verschiedenen Fahrzeugen unterwegs gewesen sein, eines gesteuert von Thiel selbst, das andere von Fahrer Hans Ostertag. Erst auf der verhängnisvollen Fahrt von Koblenz nach Heidelberg seien Roos und Défago im gleichen Auto gereist, weil sie noch Verschiedenes zusammen besprechen wollten. Abends um zehn sei Thiel allein losgefahren, während Défago, Roos und Ostertag noch in Koblenz zurückblieben. "Dr. Thiel fuhr ca. um 10 Uhr abends allein weg mit Ziel Heidelberg, um dort im Hotel Alt-Heidelberg für Zimmer, und da es schon spät geworden war, auch noch für Essen zu sorgen", schrieb Konsul Suter nach Bern. Als seine drei Reisegefährten am Samstagmorgen noch nicht in Heidelberg eingetroffen waren, habe Thiel mit der Gendarmerie Kontakt aufgenommen und so vom Unfall erfahren.

Seltsame Umstände der Fahrt von Koblenz nach Heidelberg

Doch an der Geschichte, die Thiel dem Schweizer Konsul präsentierte, scheint einiges ungereimt zu sein. Weshalb reisten die vier Herren erst so spät abends von Koblenz ab - bis Heidelberg waren es immerhin 150 Kilometer - und dies erst noch bei leerem Magen? Geplant war diese nächtliche Rückreise offensichtlich nicht, sonst hätte Thiel ja nicht noch eine Unterkunft organisieren müssen. Etwas musste geschehen sein. Denkbar wäre, dass die Offiziere Défago und Roos der militärischen Ausrichtung der Forschung in Kruft auf die Spur gekommen waren.

Bei der Ermittlung der Unfallursache hatte die Staatsanwaltschaft Darmstadt vergeblich nach einem Objekt gesucht, mit welchem der vollständig zertrümmerte Wagen zusammengestossen war. Der zuständige Oberstaatsanwalt führte den Unfall darauf zurück, dass das Auto mit Roos, Défago und Ostertag bei sehr hoher Geschwindigkeit ins Schleudern gekommen war, möglicherweise weil Rehe auf der Reichsautobahn waren. Zeugen waren keine vorhanden. Aufgrund der Höchstgeschwindigkeit des Unfallwagens scheint jedoch ein Selbstunfall, bei dem alle drei Insassen auf die Strasse geschleudert und tödlich verletzt wurden, wenig pausibel. Laut Thiel, der es als Teilnehmer der tödlichen Fahrt ja wissen musste, liess das Auto "keine grössere Geschwindigkeit als 60 km" zu. Die Frage drängt sich auf, ob Défago und Roos als Mitwisser der deutschen B-Waffen-Forschung bei einem arrangierten Unfall planmässig beiseite geschafft wurden.

Die Schweizer Behörden misstrauten jedenfalls der deutschen Version der Vorgänge und liessen die Leiche von Roos am Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Zürich nochmals untersuchen. Der Obduktionsbericht brachte jedoch nichts Ungewöhnliches an den Tag: "Die Leiche zeigte keine Schuss- oder Stichverletzungen und auch keine Kampfspuren. Die Sektion der Brust-Bauch-Organe und insbesondere auch des Magens ergab keinerlei Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Vergiftung."

Aus heutiger Sicht steht fest, dass Schweizer Landwirtschafts- und Ernährungsspezialisten in den Jahren 1941 und 1942 mit Nazi-Deutschland kooperiert haben. Rätselhaft dagegen bleiben Rolle und Auftrag der beiden zu Tode gekommenen Schweizer Wissenschafter auf ihrer Deutschland-Mission. Wahrscheinlich stellten sie den Deutschen ihr Knowhow über den chemischen Pflanzenschutz - ein wichtiges Problem der Kriegsernährung - zur Verfügung: in den Wochen vor ihrem Tod hatten sie mit dem in Deutschland noch unbekannten DDT experimentiert. Offen muss die Frage bleiben, inwieweit die Schweizer über den kriegstechnischen Aspekt der deutschen Schädlingsforschung und den geplanten Einsatz von Insekten als B-Waffen informiert waren.

Reichsadler und Hakenkreuz

So ungeklärt auch die Unfallumstände bis heute geblieben sind, so formell korrekt reagierten die Deutschen auf den Tod der ausländischen Gäste. Der Brief aus Deutschland "z.H.v.Herrn Dir. Dr. Wahlen" traf in der Woche nach dem Unfall beim Landwirtschaftlichen Departement in Bern ein. Sein Absender: Dr. Thiel vom Kartoffelkäferabwehrdienst Heidelberg. Das Couvert enthielt ein Kondolenzschreiben, Geschäftszeichen IIC9k 4798 Th/S.

Friedrich Traugott Wahlen überflog den kurzen, förmlich gehaltenen Text und brachte mit Bleistift sein Kürzel an, bevor er das Schreiben zur Erledigung einem Mitarbeiter weiterleitete. - Was mag Wahlen wohl gedacht haben, als er das Dokument in den Händen hielt? Vom Briefkopf blickte dem späteren Bundesrat ein über Eichenlaub und Hakenkreuz thronender Reichsadler entgegen, und auf dem dünnen Kriegspapier grüsste in Frakturschrift das Motto des Reichsnährstands: "Blut und Boden."

10. Juni 1999


Braune Sympathien im Kriegsernährungsamt



"Positive Einstellung zum Dritten Reich": Schweizer Agrar-Chefbeamter Ernst Feisst

An der Rückführung der Leichen der zwei verunfallten Beamten in die Schweiz war neben F.T.Wahlen und Konsul Ernst Suter auch Ernst Feisst, der damalige Direktor der Abteilung für Landwirtschaft im Volkwirtschaftsdepartement, beteiligt.

Dass Feisst bei dieser Angelegenheit mit von der Partie war, ist kein Zufall: Der wie Wahlen zum kleinen Kreis der "Agrartechnokraten" gehörende Chefbeamte hatte einen besonders guten Draht ins Dritte Reich. Schon 1937 hatte Feisst in einer Festschrift für den Schweizer Bauernführer Ernst Laur die "überspitzte liberale und parlamentarische Demokratie" beklagt. Im gleichen Jahr versorgte er die Deutsche Gesandtschaft in Bern mit vertraulichen Informationen aus der Abteilung für Landwirtschaft.

Als Feisst im November 1940 eine Berlin-Reise vorbereitete, kabelte der deutsche Gesandte Otto Köcher von Bern aus ein chiffriertes Telegramm in die Reichshauptstadt: "Wäre dankbar, wenn Wunsch von Dr. Feisst sich ermöglichen liesse, von Reichsminister Darré und Reichsführer SS Himmler, die ihm beide bekannt, empfangen zu werden. Als Schweizer in leitender Stellung hat er aus seiner positiven Einstellung zum Dritten Reich seit Jahren nie einen Hehl gemacht."

Ob Feissts kühner Wunsch in Erfüllung ging, ist unbekannt.

Auch wenn Feisst Chefbeamter war: der Empfang durch "Reichsbauernführer" Richard Walther Darré und Heinrich Himmler, den nach Hitler mächtigsten Mann des Nazi-Repressionsapparats, hätte nicht ganz dem diplomatischen Protokoll entsprochen. Doch Feisst verfügte über politische Protektion. Im Frühjahr 1942 machte Bundesrat Walther Stampfli den Agrarbürokraten mit der grossen Sympathie für das Dritte Reich zum Chef des Kriegsernährungsamtes. Nach Kriegsende wurde Feisst in den diplomatischen Rang eines Ministers erhoben und als Schweizer Gesandter nach Budapest befördert.

Autor
Lukas Straumann
Historiker und Freier Journalist, geboren 1969

E-Mail: lukasstraumanndatacomm.ch

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"'Fischer, nie eine vo uns!!!': Mit diesen Worten auf einem Transparent im Joggeli wurde Marcel Fischer im Juni 2015 von den FCB-Supportern empfangen."

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vom 2. August 2018
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