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"Verust bei sozialen Ungleichheiten": Ressource Vertrauen

Schnell verspielt, schwer wieder aufgebaut

Der Report über die Kunst, trotz Rückschlägen immer wieder Vertrauen zu fassen


Von Elsbeth Tobler


Terrorattacken wie die Sprengung der beiden Türme des World Trade Centers in New York vor einem Jahr, aber auch Wirtschaftskrisen wie das Grounding der Swissair und berstende private Bindungen erschüttern auch die Grundlage des Zusammenlebens: Vertrauen. Dass die Debatte um Verlässlichkeit seit einiger Zeit Hochkonjunktur hat, ist kein Zufall.


An Vertrauen herrscht kein Mangel - jedenfalls im Internet. Wer das Wort in die Suchmaschine Google eingibt, erreicht mehr als eine halbe Million Treffer. Selten wurde über Vertrauen so viel geredet und geschrieben wie heute. Und in einem sind sich alle einig: Wir brauchen mehr davon. Mehr Vertrauen in die Politiker, in die Wirtschaft, in die neuen Technologien, in die Bürokratie, in das Bildungswesen und in das menschliche Miteinander sowieso, damit Kreativität, Produktivität und Wohlbefinden wieder gedeihen. Wissenschafter sagen, dass Vertrauen eine grundlegende positive menschliche Eigenschaft sei, eine Art Vorschussleistung auf die Vertrauenswürdigkeit des anderen. Vertrauen kann man schaffen oder gewinnen. Man kann jemanden ins Vertrauen ziehen oder einem System Vertrauen entgegenbringen und nimmt dabei die eigene Verwundbarkeit bewusst in Kauf. Denn schnell ist Vertrauen missbraucht oder verspielt.

Waren die beiden Türme des World Trade Center nicht himmelstürmende Vertrauensbeweise in die Macht des Geldes? Was war die Swissair anderes als ein Vertrauen erweckender Mythos? Und dann - das "Grounding". Das individuelle und kollektive Selbstbewusstsein bekamen dadurch einen ordentlichen Riss. Zumal der Alltag insgesamt von Erschütterungen nicht verschont blieb. Die Bluttaten von Zug und Erfurt machten erneut betroffen und ratlos.

Mangelnde Bindung

Krisenzeiten sind keine Zeiten des Vertrauens, obwohl gerade Vertrauen das beste Mittel gegen Krisen wäre. In Umbruchsituationen verlieren vertraute Lebensregeln ihre Gültigkeit, und eventuelle neue Regeln verunsichern. Von einer "kollektiven Befindlichkeitskrise" spricht Jürgen Margraf, Vorsteher des Instituts für Psychologie der Universität Basel. Laut einer repräsentativen Umfrage im vergangenen Winter fühlten sich bis zu 90 Prozent der 1'000 befragten Schweizer bedroht, hilflos oder waren in irgendeiner Weise nachhaltig besorgt. Lebensbereiche wie Beruf und soziale Bindungen würden zunehmend als unkontrollierbar empfunden. Ursache dafür ist nach Ansicht von Margraf "die mangelnde Vorhersehbarkeit, Kontrollierbarkeit und Berechenbarkeit von Menschen und Verhältnissen". Wie "enttäuschungsfest" ein Individuum sei, hänge unter anderem davon ab, wie sehr individuelle Freiheiten gelebt werden und die Risikowahrnehmung kognitiv und emotional bewertet wird.

Studien deuten darauf hin, dass Prädispositionen sowie belastende Kindheitserlebnisse wie Trennung, schwere Krankheit der Eltern oder existenzielle Ängste die Vertrauensbildung beeinflussen können. Während viele Menschen die Widrigkeiten dieser Welt wegstecken, quälen sich andere damit und werden krank. Das zeigt sich in den Arztpraxen: Rund jeder vierte in der Schweiz lebende Erwachsene leidet derzeit an leichten bis schweren Depressionen. Tendenz steigend.

Das ist eine bedenkliche Diagnose. Denn ohne ein minimales Urvertrauen kann der Mensch sein Leben nicht bewältigen. Es beginnt schon frühmorgens beim Aufstehen. Wir vertrauen darauf, dass wir ohne Hindernisse zur Arbeit gelangen und den täglichen Anforderungen gewachsen sein werden. Der Archetyp des alltäglichen Vertrauens ist die abendliche Gewissheit, dass die Sonne am nächsten Morgen wieder aufgeht, dass unser Körper funktioniert und unser Herz auch den nächsten Schlag tun wird. Wie könnten wir sonst leben? Das Kind vertraut den Eltern. Und umgekehrt wissen diese, dass dieses Vertrauen auch ihr Vertrauen verdient. "Ohne das Vertrauen in die Liebe wäre das Leben nicht lebenswert", sagt der Arzt Lorenz C. (Name der Redaktion bekannt). Jeder sehnt sich nach Vertrauen, jeder ist skeptisch und hat Zweifel. Vertrauen ist aber überlebenswichtig.

Trau, schau, wem!

1967 analysierte der amerikanische Psychologe Julian B. Rotter, dass im zwischenmenschlichen Vertrauen das Geheimnis einer guten Beziehung liegt: "Vertrauende Personen sind zufriedener und lügen weniger." Gemäss Rotter spielen Erfahrungen eine wichtige Rolle in der grundlegenden Erwartungshaltung gegenüber anderen Individuen. Vor allem beim Interagieren mit Fremden. Der Psychologe unterscheidet davon das spezifische Vertrauen in eine konkrete Person, bei der wir in der Regel davon ausgehen, dass sie gutwillig und ehrlich ist. Bis zum Beweis des Gegenteils. Rotters Landsmann Erik H. Erikson spricht vom Urvertrauen ("trust"), das sich aus der frühesten Umsorgtheit in der Kindheit speisen soll. Und Vertrauensforscher Margraf stellt fest: "Je geringer die Bindungen in einer Gemeinschaft, desto grösser sind wiederum die Ängste, und umso schwieriger ist es für den Einzelnen oder fürs Kollektiv, eine Vertrauensbasis zu erarbeiten." Angst und damit ein Mangel an Vertrauen ist heute eines der Haupthindernisse für einen konstruktiven Dialog zwischen den Menschen.

Margraf belegt empirisch, dass das zwischenmenschliche Vertrauen in westlichen Industriestaaten seit Jahrzehnten abnimmt. Indikatoren dafür seien etwa hohe Scheidungsraten, zunehmendes Singledasein, der Geburtenrückgang, ein hohes Heiratsalter sowie die wachsende Gewaltbereitschaft. Wo soziale und ökonomische Bindungen bröckeln, fordert die Individualisierung ihren Tribut. Damit ist laut Experten der Zerfall der Normen und Strukturen des gesellschaftlichen Zusammenlebens programmiert. Und Anthony Giddens, der englische Soziologe und Leiter der London School of Economics, legt noch nach: Das Individuum sei durch "disembeddedness", durch ein Nicht-eingebettet-Sein, gekennzeichnet, da es mit den Lebensbedingungen, auf die es angewiesen ist, in keinem direkten Zusammenhang mehr steht. Genau hier kommt Vertrauen ins Spiel: Es muss den Mangel an Vertrautheit und Wissen kompensieren.

Vertrauen durch Rituale ...

Schon immer versuchten die Menschen, Vertrauen in das Unvorhersehbare herzustellen: durch Rituale und Religion. Wenn der Schamane die Geister beschwor, wurde es Frühling. Die Menschen des Mittelalters wussten, dass sie ständig bedroht waren von Hunger- und Naturkatastrophen, Seuchen und Gewalt. Wozu da morgens noch aufstehen? Statt zu verzweifeln, glaubten sie, dass über allem die göttliche Vorsehung herrschte. Sie vertrauten auf ihren jeweiligen Gott. Mit dem Humanismus der Renaissance und der Aufklärung verliess sich der Mensch - zumindest im christlichen Abendland - mehr und mehr auf Verstand, Logik und Wissen. Er entwickelte Selbstvertrauen und setzte auf neue Werte wie Demokratie, Rechtsstaat und soziale Verantwortung.

Dies hatte jedoch seinen Preis. Vor allem in der religiösen Heimatlosigkeit sieht Pfarrerin Astrid Maeder vom Synodalrat der Kirchen Bern-Jura eine Ursache für den Vertrauensschwund in der heutigen Zeit. "Der religiöse Individualismus, der zunächst wohl Freiheit bedeutete, hat eine Kehrseite: Die Gemeinsamkeiten gehen verloren."

... und durch Vorbilder

Keine Frage: Wo Verlässlichkeit herrscht, fällt Vertrauen leichter. Da der von Platon um 400 v. Chr. geforderte "Gutmensch" bis heute auf sich warten lässt, mussten immer mehr Gesetze, Normen und Verhaltenskodizes eingeführt werden, um das menschliche Miteinander zu regeln und auch das Vertrauen in das gesellschaftliche Umfeld zu stärken. Der Soziologe Ueli Mäder wünscht sich, dass die Menschen wieder mehr Vertrauen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gewinnen können: "Vertrauen kann sich nicht über die Moraldoktrin konstituieren, sondern über Erfahrung und Leitbilder." Der ausserordentliche Professor an der Universität Freiburg und Privatdozent für Soziologie an der Universität Basel hofft auf die positive Wirkung von Vorbildern, die durch verantwortungsvolles und transparentes Handeln Gemeinsamkeitsvorstellungen befördern. Den grossen Rest müsse der Einzelne leisten.

Allerdings haben sich viele Hoffnungen nicht erfüllt: Korruption, Betrug und Machtkämpfe, öffentlich ausgetragene Rosenkriege und Missbrauchsskandale dominieren die täglichen Nachrichten. Eine Informationsflut, die Mäder beunruhigt: "Durch all diese Bilder und Berichte kann beim Einzelnen leicht der Eindruck aufkommen: Alles, was ich tue, ist nutzlos, da kann ich sowieso nichts dagegen machen."

Einen Ausweg sehen die Politiker in noch schärferen Gesetzen und Kontrollen, aber absolute Sicherheit gibt es nicht. Und die Regulierung darf nicht überhand nehmen, sonst schwindet die Basis des Vertrauens noch mehr. Was kontraproduktiv wäre, denn Vertrauen steigert die Lebensqualität und die Effizienz.

Benedikt Weibel hat ein einfaches Rezept. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Schweizerischen Bundesbahnen setzt im beruflichen wie im privaten Alltag auf geschriebene und ungeschriebene Regelwerke. "Abgemacht ist abgemacht", lautet seine Maxime. "Wenn man einem Menschen trauen kann, erübrigt sich eigentlich ein Vertrag, und wenn man ihm nicht trauen kann, ist ein Vertrag ohnehin nutzlos."

Für das grundsätzliche Gewähren eines Vertrauensvorschusses und das Prinzip der Selbstverantwortung plädiert auch der deutsche Philosoph und Motivationsforscher Reinhard K. Sprenger. "In der künftigen Wirtschaftswelt geht es um Geschwindigkeit. Die kann nur jene Firma erreichen, die ihren Leuten vertraut", erklärt er in seinen Vertrauensseminaren. Wo der Einzelne angesichts der immer komplexer werdenden Abläufe Unsicherheiten empfindet, muss er zwangsläufig Experten und abstrakten Systemen Vertrauen schenken. Viele Unternehmen engagieren deshalb Kommunikationsberater, um die soziale Kompetenz ihrer Mitarbeiter zu fördern und sie für vertrauensbildende Massnahmen zu sensibilisieren.

Sicherheit und Gerechtigkeit

Wie die Forschung zeigt, hängt Vertrauensbildung wesentlich von wirtschaftlichen und ideologischen Faktoren ab. Wer sich materiell und immateriell sicher fühlt und auf Begriffe wie Gerechtigkeit und Sicherheit bauen kann, wird auch leichter einen Vertrauensvorschuss gewähren können. Ueli Mäder ist überzeugt, dass die epochalen Umbrüche und sozialen Reformen hier "Wesentliches" vollbracht haben: "Neben Autonomie und Rechtsstaatlichkeit können wir auf eine recht tragfähige Existenzsicherung und eine gute Ausbildung zurückgreifen und dadurch wichtige Ressourcen wie Selbstvertrauen und Vertrauen aufbauen." Gleichzeitig sind diese Grundlagen bedroht. "Ungleichheiten im Sozialsystem, in der Ausbildung und grosse Einkommensunterschiede können das Gerechtigkeitsempfinden stören und zu einem Vertrauensverlust führen."

Für den Karriere- und Erfolgszwang macht Ueli Mäder unter anderem den Rationalisierungsdruck und den verschärften Wettbewerb verantwortlich. Das fordert Opfer. "Verstärkt durch unsere konkurrenzgeprägte Sozialisation, erzeugt dies Neid und schwächt die Solidarität." Jeder muss also zusehen, wie er durchkommt. Gross ist die Angst vor Versagen und Konfliktsituationen in unserer Machbarkeits- und Perfektionsgesellschaft. "Es fehlt auch eine gesunde Fehlerkultur", befürchtet Ueli Mäder.

Wertefundus lässt hoffen

Indes scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen. So berichtete das "New England Journal of Medicine" nach den Ereignissen des letzten Jahres von einer Rückkehr traditioneller Ideale: Heimat, Familie und Religion rückten auf der Werteskala wieder weiter nach oben. Mäder registriert hierzulande allerdings eine höhere ausserfamiliäre Vernetzung der Individuen. Ob diese Sozialgefüge eine verlässliche Familie ersetzen können, hänge davon ab, inwieweit Verbindlichkeiten hergestellt werden. "Der grösste Teil - das gilt auch für die Jugend - strebt eine stabile und vertrauensvolle Beziehung an", konstatiert Mäder. Deshalb will er nicht Konsum, Spass und Egoismus als beherrschende Werte und soziale Inhalte ausmachen. Vielmehr beobachtet er das Wachsen von neuen Qualitäten. Speziell gefallen ihm viele junge Menschen mit "ihrer Lebensfröhlichkeit, ihrem Engagement, Ideenreichtum und ihrer Tiefgründigkeit, und zwar ohne Erwartungshaltung".

Dieser Wertefundus lässt hoffen: Denn ohne ein Mindestmass an Selbstvertrauen und Zuversicht in die Zukunft wird das Leben als Ganzes nicht lebbar. Gleichwohl müssen wir uns ein Leben lang um den Aufbau von Vertrauen in Menschen und Systeme bemühen. Und von einem Vertrauensmissbrauch werden die meisten Menschen nicht verschont bleiben. Die Erfahrung daraus muss jedoch nicht zwangsläufig in generellem Vertrauensverlust oder Vertrauensunfähigkeit enden. Ueli Mäder rät zur Kraftquelle der Selbstreflexion. Jürgen Margraf optiert hingegen für das entschiedene Antreten gegen die Angst vor Enttäuschung, um dem Entstehen einer neuen Vertrauensbasis eine Chance zu geben. Ein Patentrezept gibt es nicht dafür. Ausser es immer wieder zu versuchen - Vertrauen haben.


Literaturhinweise
• Christoph Bosshardt: Homo confidens. Eine Untersuchung des Vertrauensphänomens aus soziologischer und ökonomischer Perspektive. Peter-Lang-Verlag, Bern 2001.
• Reinhard K. Sprenger: Vertrauen führt. Campus-Verlag, erscheint im August 2002.
• Max Scheler: Grammatik der Gefühle. Das Emotionale als Grundlage der Ethik. DTV-Taschenbuch-Verlag, 2000.
• Martin E. P. Seligmann: Die erlernte Hilflosigkeit. Beltz-Taschenbuch-Verlag, 2000.
• Hannah Arendt und Mary McCarthy: Im Vertrauen. Briefwechsel 1949-1975 über Politik, Moral und Freundschaft. Piper-Verlag, 1996.

6. September 2002


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