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"Alle wollten das Beste": Ukrainische Flüchtlinge

Irrungen und Wirrungen in einer Gastfamilie mit Ukraine-Flüchtlingen

Grund ist eine unglückliche Termin-Überschneidung bei der Zuteilung an die Kantone / SEM reagierte unbürokratisch


Von Fabian Schwarzenbach


Eine unglückliche Terminkollision führte im Baselbiet zu Irrungen in einem an sich guten Verhältnis zwischen ukrainischen Flüchtlingen und einer wohlmeinenden Gastfamilie. Die Bundesbehörde reagierte unbürokratisch rasch. Und doch wirken die traumatischen Erfahrungen nach. Ein Fallbeispiel.


Ein ukrainisches Ehepaar flüchtete aus dem Kriegsgebiet mit dem eigenen Auto in die Schweiz und kam am 8. April bei der Gastfamilie von Franz Meiringer (Name geändert) in einer Baselbieter Agglomerationsgemeinde unter. Der Mann wurde nach eigenen Angaben von der Druckwelle einer Bombe am Bein verletzt und geht daher an Krücken. Mit im Gepäck hatten sie ihren Hirtenhund. Der Cane Corso Italiano, freundlich gesinnt, bringt rund 60 Kilogramm auf die Waage.


Wohnung, drei Zimmer, Fernseher
 

Gleich am Ankunftstag meldete sich das Ehepaar mit Hilfe Meiringers online in der Schweiz an. Auch bei der Krankenkasse und der Sozialhilfe habe die Registrierung einfach geklappt, berichtet Gastvater Meiringer. Die Wochen vor und nach Ostern konnten sich die Schutzsuchenden im Haus der Gastfamilie, wo sie drei Zimmer mit Fernseher und Kochplatten beziehen konnten, einrichten. Dann bat das Staatssekretariat für Migration (SEM) die Geflüchteten zusammen mit ihren Gastgebern zur offiziellen Anmeldung ins Bundesasylzentrum nach Basel.

 

Der Termin war auf Montag, den 25. April, 9 Uhr, vereinbart. Unglückliche Termin-Überschneidung: Zeitgleich setzte das SEM den Verteilschlüssel für die Verteilung von Flüchtlingen auf die Kantone neu um. Bis dahin wurden die Schutzsuchenden pragmatisch nach vorhandenen Kapazitäten verteilt. Nun müssen alle Kantone proportional gleich viele Flüchtlinge übernehmen.

Umverteilung wegen Überlastung



Baselland hatte anteilsmässig zu viele Flüchtlinge aufgenommen. Dadurch wurde das Paar durch das SEM dem Kanton Luzern zugeteilt: Auf kommenden Montag, 2. Mai, wurde das Ukrainer-Paar aufgeboten, sich beim Migrationsamt in Luzern melden. Meiringers und die beiden Schutzsuchenden waren geschockt.

 

Der verletzte Ukrainer, ein ehemaliger Polizist, war den Tränen nahe und seine Ehefrau, eine Flight Attendant, starr vor Angst. Der Gastfamilie gab nicht nur der Transport eines vulnerablen Menschen zu denken. Irritiert waren Meiringers auch, weil sie im Gespräch im Asylzentrum noch gebeten worden waren, ihre Gäste mindestens drei Monate aufzunehmen. Etwas, das für sie selbstverständlich war und jetzt Widerspruch in ihnen auslöste.

 

In der Zwischenzeit musste auch der Hund seine Einreiseprüfung beim Tierarzt durchlaufen erfolgreich. Auch der Basler Veterinär wunderte sich über die behördliche Anweisung, das Flüchtlings-Paar in den Kanton Luzern zu verschieben und es aus einer funktionierenden Gastfamilie herauszureissen.


SEM korrigierte ausnahmsweise
 

Die Frage stellte OnlineReports am frühen Freitagnachmittag auch der Baselbieter Asylkoordination. Lea Wirz antwortete in Vertretung von Asylkoordinator Rolf Rossi: "Die Zuweisung ist Sache des Bundes." Das SEM habe am 25. April – genau am Tag als die beiden Flüchtlinge sich in Basel registrierten – den regulären Verteilschlüssel in Kraft gesetzt. So würden Kantone wie beide Basel, die viele Flüchtende aufgenommen haben, entlastet. "Das ist im Einzelfall frustrierend."

 

OnlineReports konfrontierte das SEM am Freitagnachmittag mit der nach aussen unverständlich wirkenden Umplatzierung. Daniel Bach, der Leiter Stabsbereich Information und Kommunikation, reagierte prompt: "Da es hier Sinn macht, dass das Ehepaar weiterhin beim privaten Gastgeber wohnt, haben wir den Entscheid im Sinne einer Ausnahme korrigiert", antwortete er OnlineReports nach 21 Uhr.

 

Schon um 19 Uhr erhielt Meidinger "einen Anruf einer sehr freundlichen Angestellten des Baselbieter Migrationsamtes. Sie teilte mir mit, dass die beiden bei uns bleiben dürfen". Eine offensichtlich unglückliche Situation wurde durch eine Korrektur des Zuweisungsentscheids unbürokratisch und schnell gelöst.



Plötztlich veränderte Gemütslage

 

Dennoch blieb das "Happy End" vorerst aus. Als die 28-jährige Ukrainerin von der an sich erlösenden Mitteilung hörte, änderte sich ihre Gemütslage plötzlich. Sie äusserte nun, dass sie sich und ihren Mann doch in Luzern anmelden wollten.

 

Nun verstanden Meiringers die Welt nicht mehr.

 Über die Gründe des Sinneswandels kann nur spekuliert werden. "Von einer Bekannten hat sie erfahren, dass diese eine Sozialwohnung in Biel erhalten habe", schildert der Gastgeber. Darauf machte sich die Ukrainerin aus dem Baselbiet nun auch Hoffnungen.



 

Meiringer: "Sie blendet dabei aber aus, dass die Bekannte Krankenpflegerin ist, eine Stelle in einem Spital antreten konnte und somit die Wohnung auch bezahlen kann." Der Gastfamilie ist nicht entgangen, dass die Telefone unter den sehr gut vernetzten Flüchtlingen heiss laufen. Die Informationen unter ihnen würden zwar fliessen, aber es werde nicht überprüft, ob sie wahr oder falsch sind. "Sie sehen, was andere haben oder erhalten, und wollen das auch."


Grässliche Erfahrungen
 

Für das Ehepaar Meiringer wurde die Situation zunehmend belastend. Nachdem es sich mit Kraft und gutem Willen für ihre beiden Gäste eingesetzt hat, sah es sich nun ihrem Vorwurf ausgesetzt, "alles hinter unserem Rücken zu machen". Anderseits hat es auch Verständnis für die Traumatisierung als Folge des grässlichen Kriegs: Soeben habe die Flüchtlings-Frau erfahren, dass ihre beste Freundin und ihre Mutter in einem Keller der Stadt Butscha erschossen aufgefunden worden seien.

 

Wie es mit den beiden Aufgenommenen weiter geht und ob sie am Montag die Reise nach Luzern antreten werden, ist offen. Laut Daniel Bach ist der Versuch einer Anmeldung in Luzern "vorerst aussichtlos", weil laut korrigiertem Entscheid nun wieder die Baselbieter Migrationsbehörde zuständig ist.

 

Franz Meiringer war glücklich, dass die Migrationsbehörden das Verbleiben ihrer Gäste im Baselbiet möglich gemacht haben. "Alle wollten das Beste und jetzt ist es total falsch herausgekommen", sagte er zu OnlineReports. Er sei jetzt "um eine Erfahrung reicher". Falls es zum Wegzug seiner jetzigen Gäste komme, dann "werde ich keine Gastfamilie mehr aufnehmen".

30. April 2022


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"Schnell wechselnde Realität"

Der Artikel zeigt sehr schön, dass die Realität schnell anders aussehen kann, wie wir sie uns vorstellen. Beim Lesen stellten sich mir zwei Fragen: Wer wurde in der geschilderten Situation eher traumatisiert? Die bereits durch den Krieg in ihrem Heimatland traumatisierten Flüchtlinge oder die Gastfamilie?

Offenbar nicht das Flüchtlingspaar. Denn als sie erfuhren, dass es in Luzern möglicherweise eine noch bessere Wohnmöglichkeit geben könnte, waren sie schnell bereit abzuspringen. Wie hat das wohl die freundliche Gastgeberfamilie empfunden? Es sieht fast so aus, als ob sie davon stärker betroffen wurde als die Geflüchteten.

Die Aussage, die Behörden hätten ihren Fehler unbürokratisch korrigiert, finde ich insofern bedeutend, weil mit Erstaunen festgestellt wird, dass die Behörden das können! Ist das nicht das Normalste, das wir auch von unseren Behörden erwarten können? Was war denn daran so schwierig?

Den Behörden aber ist dennoch gute Arbeit zu attestieren. Durch die klaren Richtlinien wird eben gerade dieses "Optimieren" der Geflüchteten in Bezug auf ihre Lebenssituation verhindert.

Es könnte offenbar auch hier ein Anteil an "wohlwollender Aufmerksamkeit" gegenüber den in Not geratenen Menschen angebracht sein, um als Gastgebende nicht arge Enttäuschung zu erleben.


Viktor Krummenacher, Bottmingen



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"Wenn es keine driftigen Gründe für die Trennung gegeben hätte, hätte der anwaltlich vertretene Marc Fehlmann niemals eine Vereinbarung unterzeichnet."

BZ Basel
vom 21. Juni 2022,
die Basler Regierung zitierend
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So triftig die Gründe auch sein mögen, sie driften nach Gutdünken ab.

Frisch pubertiert

Sommer: Wem gehört die Stadt?

RückSpiegel


In seiner Aufstellung über "Politiker, die Wasser predigen und Wein trinken", nahm der Nebelspalter auch auf einen Artikel in OnlineReports Bezug.

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