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"Neuer Service public": Mobil-Pöstler Camille André

Die Post-Filiale kommt per Jeep

Mit seinem mobilen Postbüro absolviert der frühere Posthalter Camille André in Beinwil am Passwang täglich eine Route von 104 Kilometern


Von Peter Knechtli


Weil die Schweizerische Post ihr Filialnetz restrukturiert, hätte Camille André gekündigt werden müssen. Zwar verlor der gelernte Posthalter seine Niederlassung in solothurnischen Beinwil. Doch seither betreibt er seine Dienstleistung als mobiles Postbüro im Jeep. Reportage einer Berg- und Talfahrt im Passwanggebiet.


Sein Blick verrät Entschlossenheit. Noch ein Zug aus der Zigarette. Dann packt Camille André (45) zu: Bis unters Dach wird sein gelber Opel Frontera auf dem Parkplatz der Post im solothornischen Büsserach mit den zuvor sortierten Zeitungen, Prospekten, Briefen und Frachtgütern gefüllt (Bild unten). Und dann wird, kurz vor halb neun morgens, losgefahren.

Camille André weiss: In den nächsten fünf Stunden ist besonders harte Arbeit angesagt. Im zehn Kilometer entfernten Beinwil, am Nordfuss des Passwang, bedient er sechs Mal in der Woche sämtliche 113 Haushaltungen, davon 54 Höfe.

Wer in das zerklüftete Gebiet um das vordergründig enge Tal eintaucht, erlebt plötzlich eine andere Welt: Schier endlos winden sich die Wege auf und ab durch Wälder, entlang von Schluchten und durch romantische Täler hinauf auf ausladende Bergwiesen hin zu Kunden – nur ebenaus geht’s nie auf dieser Route zwischen 480 und fast 1'000 Metern über Meer. Gebärdet sich mal ein Wachthund als „Luuscheib“, wirft ihm Camille André besänftigend ein paar Hundebiscuits entgegen. Manchmal, so scheint es dem Reporter, fahre der Mobil-Pöstler mit seinem Dienstfahrzeug direkt in Küche, wo die Brot backende Bäuerin die Post vom Tal unten in Empfang nimmt. Es wundert nun nicht mehr, dass Camille Andrés Tages-Tour mit Strecke von 104 Kilometern eine der längsten der ganzen Schweiz ist.

Der Tag ist bilderbuchartig. Die Fahrt durch die Wirrnis an Zufahrten teils über bachbettartiges Gelände scheint der Vater zweier erwachsener Kinder Spass zu machen. „Diese Tour braucht eine Höllenkonzentration. Und ohne Allrad geht es im hügeligen Jura nicht“, sagt er und lässt spüren, dass er seine abenteuerliche Dienstfahrt millimetergenau kennt. Nicht auszudenken die Gefahren, wenn die bis zu 30 Grad steilen Wege im Winter glattgefroren sind und dichter Nebel die Orientierung erschwert.

Briefe, Briefmarken und Geldpost auf vier Rädern

Ob er die Briefe und Drucksachen direkt aus dem Auto in den Briefkasten legt, ob er die letzten Schritte zu Fuss absolviert und einer gehbehinderten alten Frau die Post direkt in die Hand drückt – immer ist Camille André unter Zeitdruck. Zwar ist er mit allen ausser Pater Christian vom Kloster Beinwil per Du („für viele bin ich die einzige Bezugsperson“). Aber wenn er freundlich „Tschau Albert!“ oder „Tschüss Marianne!“ grüsst, signalisiert sein Ton: Keine Zeit für ausufernde Gespräche.

Nicht nur verlängert jeder Schwatz seine Arbeitszeit. Vor allem gerät sein Fahrplan ausser Kontrolle. Denn fast minutengenau wissen die Kunden, wann Camille André bei ihnen vorbeikommt. Und er wird auch erwartet. Denn seit 1. November letzten Jahres erfüllt er eine neue Funktion: Vorletzten Sommer erfuhr er, dass die Filiale Beinwil mit ihren 16 Postfächern geschlossen wird. Diese Post mit Zustelldienst betrieb er seit 1994 zusammen mit seiner Frau in seinen Wohnhaus, in dem der Arbeitgeber eingemietet war. „Es war fast ein Schock“, schildert er den Moment, als er vom Schliessungsentscheid erfuhr. „Aber ich habe mich dann mit der neuen Situation arrangiert und meine Frau hat gut reagiert.“ Auch die Post habe „gut mitgemacht“ und dafür gesorgt, dass seine Frau nun in der Baselbieter Grenzgemeinde Biel-Benken ein 68-Prozent-Pensum im Zustelldienst leisten kann.

Die frühere Beinwiler Post ist seither ein reines Wohnhaus geworden: Im früheren Schalterraum ist nun das Wohnzimmer des 20jährigen Sohnes eingerichtet. Und wo früher das gelbe Post-Firmenschild leuchtete, grüsste heute das Signet des FC Basel, der in Camille André einen treuen Fan und Supporter hat.

Aber die Kundschaft kommt nicht mehr zu ihm. Jetzt geht er zu den Kunden. Ob im trauten Heim, im Hof oder im Kloster – der „Zustellbote mit Hausservice“ (so seine offizielle Bezeichnung) bringt den Postschalter an die Haustür. So verkauft er auch Briefmarken, Natelcards, vorfrankierte Kuverts und Swisslos, nimmt Einzahlungen entgegen und tätigt Auszahlungen. Dies alles auf der Basis von Vertrauen und unbürokratisch: Das Quittungsbuch und der eingeschriebene Brief im Handschufach. Keine Frage: Camille André blieb auch ohne Post der Postmann.

Reaktionen mehrheitlich positiv ...

Die Reaktionen auf das neuartige Angebot sind mehrheitlich positiv. Bauer Ernst Schaub (86) auf dem Hof Girlang zeigt sich „zufrieden“: „Camille macht, was er kann.“ Schaubs einziger Wermutstropfen, wie er schalkhaft meint: Er begegne der Pöstler-Frau Heidi nun weniger oft. Landwirt Hans Germann (65) vom Hof Oberbös bilanziert: „Für uns ist der Hausservice ein Vorteil. Man kann nun alles im Haus erledigen.“

„Sehr zufrieden“ äussert sich auch die Hausfrau Odette Kamber vom Hof Rämbis, die beim Hupen des mobilen Postbüros eben mit Bargeld in der Hand anmarschiert kommt, um Rechnungen zu zahlen. Auch Marianne Borer vom Bergrestaurant Meltingerberg, die ebenfalls Zahlungen macht und am Tag darauf das Quittungsbuch zurück erhält, schwärmt: „Ich finde den Hausservice super. Ich würde ihn vermissen, wenn es ihn nicht mehr gäbe.“ Die junge Bäuerin Christina Signer vom Hof Schwängi musste vorher täglich ins Tal, um das Postfach zu leeren. „Jetzt wird einem die Post gebracht. Für uns ist dies viel einfacher. Ich finde besonders praktisch, dass man jetzt auch Briefmarken kaufen kann.“

... aber auch kritische Stimmen

Doch es sind auch kritische Stimmen zu hören: „Jetzt kann ich nicht mehr auf die Post, die doch immer auch ein Treffpunkt war“, klagt ein Bauer auf einem abgelegenen Hof. Annemarie Odermatt, die in der Pfarrei Beinwil vielfältige Funktionen ausübt, findet „schade“, dass die Post als Gebäude und Servicezentrum verschwunden ist: „Das Postwesen hat gegenüber früher viel verloren.“ Den Hauptkritikpunkt aber äussert Dora Roth aus Oberbeinwil: „Wenn wir am Nachmittag dringende Post haben und Camille schon bei uns vorbeigekommen ist, müssen wir mit dem Auto nach Büsserach zur Post fahren. Das sind insgesamt 20 Kilometer.“

Unternehmer Thomas Wick sieht darin auch einen „kleinen Nachteil“. Seine Gesamtbilanz aber fällt „sehr positiv“ aus. Wöchentlich wechseln vor der Haustüre seines abgelegenen Hauses bis acht Pakete die Hand, darunter auch Auslandpost: „Das ist ein sehr guter Service.“

Camille André scheint mit den unterschiedlichen Stimmungslagen seiner Kunden vorzüglich zurecht zu kommen. „Die Arbeit befriedigt mich, ich habe mehr Freizeit. Ich schätze aber auch diesen Service public“, sagt er ungefragt auf der Fahrt und packt mit sicherem Griff die einzelnen Posttranchen aus dem dicken Papierbündel auf dem Beifahrersitz.

Seine Arbeit als Mobil-Pöstler hat auch materiell seine angenehmen Seiten. Während der Erntezeit gibt’s Trinkgeld manchmal auch in essbarer Form: Honig, Brot, Gemüse oder Eier. Lacht Camille André: „Ich brauche keinen Garten anzupflanzen.“

28. November 2002

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