@ Foto by Novartis
Novartis-Pharma-Chef Jerry Karabelas: Hat nicht mehr viel Zeit

Auch Novartis-Pharma schluckt die Spar-Pille

Pharma-Chef Jerry Karabelas hat das zentrale Geschäft des Weltkonzerns noch nicht im Griff


Von Peter Knechtli


Nicht nur das rückläufige Agro-Geschäft von Novartis steht unter Druck. Auch die Königssparte Pharma ist noch lange nicht in der gewünschen Verfassung. Mit rigiden Spar- und Stellenabbauprogrammen senkt Chef Jerry Karabelas die Kosten. Zunächst werden in der Basler Produktion bis Ende Jahr 85 Stellen gestrichen. Derweil wächst die ethische Kritik an Novartis: Die Finanzmärkte bestimmten zunehmend die Richtung der Forschungspolitik.


Wenn Novartis-Chef Daniel Vasella in den letzten Monaten die Realtime-Aktienkurse seines Konzerns verfolgte, hatte er nie Grund zur Freude: Gegenüber dem Jahreshöchststand von 2'918 Franken haben die Papiere um mehr als 27 Prozent an Wert verloren. Seit Monaten erodieren die Valoren, derzeit dümpeln sie um 2'140 Franken.

Nicht ohne Grund verpassten die Investoren dem Fusionsunternehmen einen Nimbus des Verlierers. Die jüngste Halbjahresbilanz dokumentiert im Urteil der Wirtschaftspresse einen Riesenkonzern "haarscharf an der Stagnation". Der zehnprozentige Einbruch im Agro-Geschäft war ausschlaggebend dafür, dass der Konzern gerade noch um ein einziges Prozent wuchs.

Pharma kann Agro-Durchhänger nicht auffangen

Das rentablere Pharma-Geschäft, strategisch und kommerziell die bedeutendste Novartis-Aktivität, war mit seinem fünfprozentigem Wachstum aber nicht in der Lage, den dramatischen Agro-Durchhänger aufzufangen. Derweil zeigten Konkurrenten wie Roche oder der amerikanische Erektions-Multi Pfizer ("Viagra") straffe zweistellige Wachstumsraten vor. Ein Insider: "Der Anteil von Novartis am Gesamt-Pharmamarkt schrumpft."

Verantwortlich für das Ergebnis ist Konzernleitungsmitglied Jerry Karabelas (47), seit knapp zwei Jahren Pharma-Chef. 13 Millionen Franken, so kursiert firmenintern, sei die Summe gewesen, für die Vasella den griechischstämmigen Amerikaner vom früheren Arbeitgeber SmithKline Beecham freigekauft habe.

"Karabelas ist sehr intelligent, kennt den amerikanischen Markt ausgezeichnet und versteht etwas vom Geschäft", attestiert ihm ein Vertrauter. Dennoch traut ihm ein externer Pharma-Manager "nicht zu, rechtzeitig den Turnaround zu schaffen und mit Innovations-Management in der Pipeline für den nötigen Wachstums-Fluss zu sorgen".

Umso entschlossener senkt Karabelas zusammen mit Finanzchef Raymond Breu mit einem radikalen Sparkurs die Kosten. Nachdem bei Ciba-Spezialitätenchemie bereits 55jährige Top-Manager entlassen werden, wären Novartis-Kader nicht überrascht, wenn Karabelas vermehrt zum Mittel der Frühpensionierung ab 58 Jahren griffe - ähnlich, wie es Ciba-Geigy 1991 mit dem Stellenabbau-Programm "Desiderio" schuf. Ein Personalstopp ist schon verordnet.

Frühpensionierung ab 58 und 55 Jahren

Novartis-Pharma-Sprecher Felix Räber bestätigt ein neues Produktivitätssteigerungs-Programm mit dem Ziel, die Kosten "auf eine in der Industrie kompetitive Rate zu senken". Als Folge davon müssten in einem ersten Schritt in der Basler Produktion "bis Ende Jahr zusätzlich etwa 85 Arbeitsplätze abgebaut werden" - sozialverträglich: Angeboten werde eine Frühpensionierung ab 58 und bei Frauen teils auch ab 55 Jahren.

Vor allem in der Forschung stösst der "gnadenlose Sparkurs" auf Kopfschütteln. "Praktisch niemand" schickt Novartis zum grössten Pharma-Kongress der Welt, der diesen Monat in New Orleans stattfindet, "während Roche, Pfizer oder Glaxo ganze Sessionen sponsern und Dutzende von Präsentationen bestreiten". Sprecher Räber: "Wichtig für uns sind die Kongresse, die therapeutische Gebiete betreffen, auf denen wir in Forschung, Entwicklung oder Marketing aktiv sind."

Konnte bisher ein Laborchemiker über Anschaffungen bis tausend Franken und ein Bereichsleiter bis 10'000 Franken selbst verfügen, werde heute "alles zwei Stufen höher entschieden".

"Nur noch der kurzfristige Effekt zählt"

Auch strategisch lasse der Chef keine klare Linie erkennen. Forschungsprojekte, Marketingkonzepte und Reorganisationen würden "dauernd über den Haufen geworfen". So blies Karabelas das Sparprojekt einer Bündelung aller Finanzprozesse im kostengünstigen Irland plötzlich ab. Ein Insider: "Der zentrale Makel im ganzen Haus ist, dass nur noch der kurzfristige Effekt zählt." So sei ein taugliches Parkinson-Präparat vor Beginn der teuren klinischen Prüfungen aufgegeben worden, "nur weil damit 200 Millionen Franken gespart werden können".

Was Novartis als wenig erfolgversprechend auf "on hold" zurückstellte, interpretiert ein Firmen-Vertrauter grundsätzlicher: "Man unternimmt alles, um unter dem Strich einigermassen gut über die Bühne zu kommen. Wenn Novartis aber Gewinnmaximierung zum strategischen Primat macht, dann erhält sie in ein paar Jahren die Quittung."

Prominenter Professor lanciert Breitseite gegen Novartis

Die Kritik erhält zunehmend auch eine ethische Dimension: In der NZZ lancierte der emeritierte Mikrobiologie-Professor Hans Zähner, lange Zeit Berater der Ciba-Pharmaforschung, soeben eine Breitseite gegen die Forschungspolitik der Pharmaindustrie - speziell jener von Novartis. In den Entscheidungsgremien spielten Mediziner und Naturwissenschafter "nur noch eine untergeordnete Rolle", ausschlaggebend für die Kursbestimmung seien die Finanzmärkte. Die Forschung fokussiere sich nur noch auf die renditeträchtigen Umsatzgebiete, Medikamente für seltene Krankheiten würden "mangels Gewinnchancen" nicht ausreichend erforscht. Forschungsprogramme würden vor allem Finanzanalysten vorgestellt; Aerzte, Weltgesundheitsorganisation und Mitarbeiter dagegen nur "spärlich" informiert.

Novartis refüsierte einen zentralen Teil dieser Kritik unter Hinweis auf ein neues Antimalaria-Präparat, das an die Bevölkerung von Drittweltländern zu einem deutlich günstigeren Preis abgegeben werde als an Touristen "in unseren Breitengraden".

Novartis braucht einen Kreativ-Klima

Am internen Informations-Rinnsal hat sich bis heute nicht viel geändert. Mitarbeiter klagen anhaltend über immensen Druck und unklare Marschrichtung, Vorgesetzte fahnden nach Motivationsspuren und Innovationsgeist.

Jerry Karabelas steht vor drei wichtigen Herausforderungen:

• Vertrauen und ein Kreativ-Klima zu schaffen. Während Roche den Vitamin-Skandal mit positiven Nachrichten und satten Ergebnissen rasch den Schlagzeilen verdrängte, bleibt bei Novartis das arbeitspsychologische Manna in Form zukunftsweisender Entscheide, Botschaften und Aktionen weitgehend aus.

• Anstelle des "Hüst und Hott in allen Bereichen" eine konstante Forschungspolitik zu definieren. Bisher sind keine wirklich originellen Blockbuster in Sicht, die in drei bis fünf Jahren die sinkenden Erträge von Voltaren und Sandimmun einfahren und zusätzliches Wachstum generieren könnten.

• Die Pharma-Führung muss damit rechnen, dass der wachsende Widerstand der Oeffentlichkeit gegenüber der Gentech-Nahrung auf Teile des Pharma-Geschäfts überschwappt und zentrale strategische Entscheide und Investitionen gefährdet. Auf Drängen der Kunden verzichtet die Novartis-Babynahrungs-Tochter Gerber neuerdings auf die Verwendung von genetisch manipuliertem Mais und Soja.

Viel Zeit bleibt Karabelas nicht mehr. Kein Wunder, wird ihm nachgesagt, er fühle sich nicht sonderlich wohl auf seinem Job. Als Pharma-Chef steht er im Schatten des zwei Jahre jüngeren Daniel Vasella, der vor der Fusion bei Sandoz ebenfalls der Pharma-Division vorstand und nun möglicherweise mehr Einfluss nimmt als Karabelas lieb ist.

Setzt Daniel Vasella bald einen Konzernchef ein?

In der Pharma-Forschung geht gar das Gerücht, Karabelas wolle "partout aussteigen". Er habe "innerhalb der letzten vier Monate zweimal seine Demission eingereicht". Beide male habe "Big Dan" abgelehnt. "Dazu kann und will ich nichts sagen", erklärte Novartis-Pharma-Sprecher Felix Räber der SonntagsZeitung. Karabelas war urlaubsbedingt nicht erreichbar.

Auch für Strahlemann Daniel Vasella ist der Honeymoon definitiv vorbei. Der immense Druck des Doppelmandats als Präsident und Konzernchef laste laut einem Top-Manager derart schwer, dass er sich nicht genügend um die langfristigen Finanzstrategien kümmern könne: "Er überfordert sich total." Vasella werde möglicherweise schon in den nächsten zwölf Monaten einen operativen Chef einsetzen und sich auf das Präsidium beschränken.

9. August 1999


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Basler Zeitung
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Einzige Voraussetzung: Die 1'200 Menschen müssen stehend schlafen können.

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