© Fotos by Museum Tinguely
"Sprache als Ereignis": Tatlins Entwurf für ein radikales Theater

Als der Künstler Vladimir Tatlin die Welt auf den Kopf stellen wollte

Die Oktoberrevolution hat in Russland die Kunst mächtig angeheizt, aber auch ihre Hoffnungen in kurzer Zeit erstickt


Von Aurel Schmidt


Das Museum Tinguely in Basel zeigt in einer aussergewöhnlichen Ausstellung den russischen Künstler Vladimir Tatlin, dessen Bedeutung als Vorläufer der Moderne und grosser Erneuerer der Kunst heute mehr und mehr erkannt wird.


Wie kommt man einem Phänomen wie dem russischen Künstler Vladimir Tatlin bei, einem Kulturbringer, Erfindergeist, Unruhestifter, einem Monstrum, dessen immer wieder überraschende Vielseitigkeit sein Charakteristikum und seine umstürzlerische Erneuerungsfähigkeit seine konstante Eigenschaft war? Der Künstler-Agitator-Verwandler, der Tatlin war, hat um 1920 in Russland die Kunst in den Dienst der Gesellschaft gestellt und auf diese Weise einen Beitrag zur Veränderung der Kunst ebenso wie der Gesellschaft geleistet.

Genau das war sein Ziel, war sein Leben: der ständige Aufbruch, Umbruch, Neubeginn. Kein Stillhalten. Sturzbäche von Ideen. Jeden Tag eine Revolution. Geboren wurde Tatlin 1885. In jungen Jahren war er Matrose und liess sich zum Ikonenmaler ausbilden, bevor er mehrere Kunstschulen besuchte. Das Unstete bewahrte er sich durch alle Lebensphasen hindurch.
 
Im Geist des Kubo-Futurismus, im Versuch, die Dynamik der Bewegung in einem einzigen Moment festzuhalten und wiederzugeben, entstanden seine ersten Werke, aber Kunst an der Wand war etwas, das er bald verschmähte. Er wusste, dass das Tafelbild überholt war und sich von seiner Repräsentationsfunktion loslösen musste, etwas, das in der Kunst in sich wiederholenden Fieberanfällen bis in unsere Zeit so geblieben ist. Immer wieder musste sich die Kunst selbst revolutionieren, aus ihrer Starre befreien, in den Raum greifen, neue Bereiche erschliessen, die Welt umstürzen und neu erfinden. Tatlin war ihr Vorreiter, ihre Referenz.

Reliefs, Materialbilder, räumliche Werke

1913 begegnete Tatlin in Paris Picasso. Zurück von der kurzen Reise nach Zentraleuropa, entstanden in Russland, angeregt von Picassos Collagebildern, Tatlins erste Reliefbilder, die auch als Materialbilder beziehungsweise Mixed-Media-Objekte bezeichnet werden könnten. Zu dieser Zeit montierte Tatlin noch die verschiedensten Materialien auf eine flache Unterlage. In der darauf folgenden Zeit entstanden Hervorbringungen, die Tatlin als Konterreliefs bezeichnete, nach wie vor Materialbilder, aber jetzt in dreidimensionaler, skulpturaler Form im Raum.

Tatlin kam es dabei vor allem darauf an, die Textur und das Wirkungspotenzial des verwendeten Materials (Metall, Glas, Holz, Papier, Schnur) in seiner Eigentlichkeit zu bewahren und zum Ausdruck zu bringen, sozusagen sprechen zu lassen.

Soll das künstlerisch eingesetzte Material durch seine Expressivität für sich und durch sich selbst da sein, konnte oder musste der Künstler auf seinen persönlichen künstlerischen Stil zuletzt verzichten. Er erübrigte sich dann. Gian Casper Bott, Gastkurator der Ausstellung "Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt" im Museum Tinguely, spricht von "befreiter Malerei".

Der Künstler ist dann nur noch der Agent des Ereignisses, sein Initiator, Vermittler und Herold. Er sieht sich in die Position eines Ingenieurs versetzt, aber zugleich in dieser Eigenschaft bestätigt. Besser könnte die Rolle des Künstlers in den ersten Jahren der Russischen Revolution nicht beschrieben werden. Die gemachte, hervorgebrachte Konstruktion stellt sich selbst als konstruktiven Beitrag zur Fortführung aller Ideen in Kunst und Gesellschaft heraus.

Die meisten von Tatlins Arbeiten aus dieser Periode sind zerstört oder verschollen. Nur drei Originale sind in der Ausstellung in Basel zu sehen, bei den übrigen Objekten handelt es sich um Nachbildungen, die von alten, selbst ungenügenden Fotografien und Abbildungen in alten Publikationen ausgehen. Wie unterschiedlich diese Rekonstruktionen ausfallen können, kann an zwei Beispielen verglichen werden.

Der "Turm", revolutionäres Monument, Architektur

1919 und 1920 erregte das fünf Meter hohe Modell für ein Monument der Dritten Sozialistischen Internationale im Zusammenhang mit Lenins Propagandaprogramm Aufsehen, als es in der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Mit dem turmförmigen Projekt ging Tatlin in die Kunstgeschichte ein.

Geplant war ein filigraner Gebäudekorpus mit Treppen und verschiedenen, nach kosmischen Ideen unterschiedlich schnell rotierenden Innenräumen. Auch ein Radiosender sollte integriert werden, geplant war ja eine propagandistische Manifestation, um den Sieg einer neuen Gesellschaft  zu verbreiten. Der Turm war als "Weltmaschine" gedacht und als Sitz einer kommenden Weltregierung, er sollte ein Zeichen setzen für die Dynamik der Revolution und für den radikalen sozialen Umbau.

Der grafisch herausragend gestaltete Katalog vermittelt zusätzliche Angaben zu Turm und Tatlins Werk und gibt zu verstehen, wie heftig Tatlins Ideen diskutiert wurden. Was den Turm betrifft, so kann er als Erweiterung des Konterreliefs ins Architektonische verstanden werden.

Ausgeführt wurde das Projekt nie, und das Original ist, wie so viele Konterreliefs, ebenfalls verschollen. In der Basler Ausstellung sind zwei Replika zu sehen, eine des Ateliers Longépé für das Centre Pompidou 1979 und eine von Dmitrii Dimakov und Team von 1993 für Ausstellungen in Düsseldorf und Baden-Baden.

Im Sinn der gesellschaftlichen Erneuerung und in Übereinstimmung mit seiner Auseinandersetzung mit den Materialien entwarf Tatlin auch Kleider (mit verschiedenen Schichten, für verschiedene Jahreszeiten) sowie unter anderem einen Ofen, der mit wenig Holz viel Wärme abgab und in dem das Essen angeblich 28 bis 30 Stunden warm gehalten werden konnte.

Tatlin, Chlebnikov, Sprache und Theater

Ohne Aufzählung ist es unmöglich, Tatlin bekannt zu machen. Deshalb einige weitere Hinweise: Auch als Illustrator betätigte sich Tatlin, ebenso als Bühnenbildner. 1923 führte er das Poem "Zangezi" des russischen futuristischen Dichters Velimir Chlebnikov (1885-1922), mit dem er befreundet war, auf. In einem eigenen Bühnenbild sass Tatlin selbst erhöht auf einer Kanzel und rezitierte den Text (Bühnenbildentwurf siehe Abbildung), der fast nur aus Silben, Lauteffekten, Wortteilen, phonetischen Modulen besteht. Eine überlebensgrosse fotografische Reproduktion in der Ausstellung, zusammen mit Tondokumenten, gibt eine Ahnung von der Wirkung wieder.
 
Hier wurde eine Kunstsprache voller linguistischer Anspielungen zelebriert (aber das ist ein anderes Thema, eine andere Wissenschaft) und auf jede inhaltliche Aussage verzichtet. Wie bei den Reliefs das Material selber sprechen sollte, so sollte bei Chlebnikov die Sprache selber für sich und in ihrem eigenen Namen sprechen. Mit "Zangezi" könnten die Menschen auch heute noch in grösste Verwirrung gestürzt werden, wenn die damit verbundene radikale Befreiungsabsicht ausser acht gelassen werden sollte.

Flugmaschinen, zerstörte Hoffnungen

Neben allen diesen Tätigkeiten setzte sich Tatlin weiterhin als Pädagoge ein. Als in den 1930er-Jahren der sozialistische Realismus zur Kulturdoktrin erklärt wurde, war es mit dem Experimentieren vorbei. Die Begeisterung der Intellektuellen für das revolutionäre Projekt wurde betrogen und erstickt. Die letzten Versuche unternahm Tatlin mit Flugmaschinen, die er "Letatlin" nannte (für russisch "letat", fliegen, und Tatlins Namen). Vielleicht waren Leonardo da Vincis gleiche Versuche ein Vorbild, vielleicht drückte sich in den Flugkörpern, in denen Konstruktion und ideale Formfindung eine Synthese eingingen, eine Anspielung auf die zerstörte Hoffnung, sich vom geisttötenden Realismus abzusetzen. Tatlins Maschinen fielen als "formalistisch" dem Verdikt der stupiden Kulturbürokraten zum Opfer. Als Tatlin 1953 starb, war es ruhig um ihn geworden.

Erst heute wird seine überragende Bedeutung und sein Einfluss als Wegbereiter der Moderne evident. Er hat dem Surrealismus, Neuen Realismus, Mixed Media, Fluxus massgebende Anregungen erteilt, und wenn man an seine Konterreliefs denkt, fallen einem Robert Rauschenbergs "Combines" und "Gluts" ein, die aber erst ein halbes Jahrhundert später entstanden und alles andere als radikal ausgefallen sind.

Tatlin hat eine Grenze ins Offene überschritten, hinter die wir, wie es aussieht, im Begriff sind zurückzufallen, wenn man in Betracht zieht, wie Kunst heute zu Industrieprodukten vermarktet wird. Der Aufbruch von damals ist heute also kaum noch anders denn als historisches Ereignis zu verstehen. Doch die Aufbruchstimmung und die Umwälzungen von einst werden die Menschen immer wieder neu bewegen und begeistern und in einer veränderten Zeit und unter angepassten Umständen neue Begeisterungsschübe auslösen, um neue Horizonte anzupeilen und neuen Ufern entgegenzustreben.  

Museum Tinguely, Basel: Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt. Bis 14. Oktober. Katalog 52 Franken. Zusatzprogramm unter www.tinguely.ch

5. Juni 2012


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BZ Basel
vom 27. November 2017
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"Und übrigens ..."

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