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"Anschein, als wären sie Feinde": Gourmet-Objekt Fisch*

Die Hochseefischerei im Krieg gegen die Fische

Auf den Weltmeeren droht wegen Überfischung ein ökologischer und ökonomischer Kollaps


Von Aurel Schmidt


Möglicherweise übersteigt die Katastrophe, die sich gegenwärtig in den Weltmeeren abspielt, um einiges die verheerenden Umweltschäden auf dem Festland. Verschiedene Autoren gehen in dem Buch mit dem Titel "Meer ohne Fische?" mit erschreckend klaren Worten auf dieses Thema ein.

Das Problem ist die Überfischung und als Folge davon die Gefährdung der Fischbestände. Der politische Ökologe Bernd Mayerhofer spricht unverblümt davon, dass ein "veritabler Ausrottungskrieg" im Gang ist. Wenn die Netze eingezogen werden, prasselt der Fang an Bord – "tot oder lebendig, mit zerrissenen Schwimmblasen, aufgerissenen Kiemen und weit aus den Höhlen herausgetretenen Augen, erstickt oder im Begriff zu ersticken, erdrückt vom Gewicht der anderen, zerschmettert vom Fall auf die Planken oder Wurf in den Laderaum". Es findet ein "wahres Morden" statt: "Fast hat es den Anschein, als wären sie (die Fische) Feinde, die es auszumerzen gilt, als würde der Mensch, getrieben von einem abgründigen Hass, Krieg führen gegen die Fische" (Mayerhofer).

Das Fehlen einer ökologischen, nachhaltigen Fischerei beginnt, sich auf die Ökonomie auszuwirken – negativ. Nur haben es noch nicht alle gemerkt. In den Geschäften liegen immer noch grosse Mengen Fisch zum Verkauf. Doch der Schein trügt. Die Zahl von 135 Millionen Tonnen Fischertrag jährlich sagt wenig aus. Die Zukunftsaussichten verdüstern sich.

"Immer grössere Fangflotten machen Jagd
auf immer weniger Fische."




Die Überkapazität der Flotten, laufend verbesserte Fangmethoden (zum Beispiel mit Treib-, Schlepp- und Grundnetzen, Scheuchketten, Sonar-Ortungsgeräten, um die rentablen beziehungsweise verbliebenen Fischvorkommen am Ende der Welt aufzuspüren), aber auch eine ständig steigende Konsumnachfrage bedrohen die Fischpopulationenn in ihrer Existenz. Übersteigen die Erträge die Reproduktionsrate, was immer häufiger der Fall ist, gehen die Erträge zurück oder bleiben ganz aus. Als Folge werden die Fangmethoden immer noch weiter optimiert, was wiederum einen weiteren Rückgang der Erträge nach sich zieht.

Es ist ein Teufelskreis. Hochausgerüstete Fangflotten machen Jagd auf immer weniger Fische.

Zuletzt wird die verkehrte Hochseefischerei zu allem Übel auch noch staatlich gefördert. Die EU zahlt Millionen, um in den Hoheitsgewässern fremder Staaten in Afrika oder der Karibik zu fischen. Island hat schon seine Marine gegen fremde Fischereiboote eingesetzt.

Der Fisch ist eine Ware, ein Industrieprodukt. Etwas anderes zu sagen ist eine Beschönigung. Die Hochseefischerei mit ihren schwimmenden Fischverarbeitungs-Fabriken hat nur Ertrags- und Produktionssteigerung im Sinn. In den Netzen sterben Meeresschildkröten, Meeresseevögel, Wale, Delphine – sogenannter Beifang. Unter dem Rückwurf sind auch essbare Fische, aber Effizienzsteigerung und Spezialisierung lassen kein Unterscheidung bei der Bordselektion zu. Also weg mit allem, was nicht den Kriterien entspricht. Das ist die Realität. 
 
Jährlich verenden 100'000 Albatrosse elendiglich wegen der Hochseefischerei. Sie tauchen nach den an Langleinen angebrachten Ködern, verschlucken sie mit den Haken, werden unter Wasser gezogen und ertrinken. Auch das gehört zur Realität der Hochseefischerei. Von einem besorgten Umgang mit den knapper werdenden Ressourcen kann keine Rede sein.

Auf den Weltmeeren wird eine Verschwendung und Vernichtung betrieben, von der man sich keine Vorstellung macht. Die mediale Öffentlichkeit nimmt davon kaum Kenntnis.

"Vor der kanadischen Ostküste
ist der Kabeljau ausgestorben."




Vor einigen Jahren bereiste ich Newfoundland. Auf den Grand Banks vor der kanadischen Ostküste kamen in der Vergangenheit die reichsten Kabeljaubestände vor, aber sie sind längst ausgerottet. Dabei war der Kabeljau einmal "der Fisch, der die Welt ernährte" (Mark Kurlansky in einem Buch mit diesem Titel über die Kulturgeschichte der Kabeljaufischerei).

Seit 1992 besteht ein Moratorium, das den Kabeljaufang ausser für begrenzte lokale Bedürfnisse untersagt, aber die Hoffnung, dass sich die Vorkommen wieder erholen, haben sich bisher nicht erfüllt. Die Region ist in eine ökonomische Krise gestürzt. Dafür wird jetzt rücksichtslos Jagd auf andere, nicht geschützte Arten gemacht. Was möglich ist, wird aus dem Wasser gezogen. Japan, bekanntlich eine Nation von Fischessern, hat sich die Erträge gesichert und betreibt unter eigener Aufsicht Fischfabriken mit kanadischem Personal, in denen der Fang für den Export nach Japan verarbeitet wird.

Die Essgewohnheiten zu ändern ist ein gut gemeinter ethischer Imperativ. Der Druck, dem die Fischerei-Industrie ausgesetzt ist und den sie ihrerseits ausübt, besteht unvermindert weiter. Der Markt, der angeblich alles reguliert, hebt alle langsam erzielten kleinen Verbesserungen umgehend wieder auf. "Der Meeresfischereimarkt funktioniert definitiv nicht" (Harald Bergbauer und Patrick Uwe Petit). Es bestehen internationale Vereinbarungen, aber sie haben "kläglich versagt" (Bergbauer und Petit) und nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Auch die von der EU verordnete Hegepolitik (Festlegung von Quoten, Ruhezonen, Kontrollen), das sogenannte Vorsorgemanagement, hat sich nicht ausreichend ausgewirkt.
 
Grosse Hoffnung, dass sich etwas ändern wird, haben die Autoren des Buchs nicht, jedenfalls solange, wie Rentabilitätskriterien das Denken und Handeln bestimmen. Sie sehen dem ökologischen Kollaps in den Weltmeeren ziemlich fassungslos und ziemlich desillusioniert entgegen.

* am Gourmet-Kongress in Zürich

Peter Cornelius Mayer-Tasch (Herausgeber): Meer ohne Fische? Profit und Welternährung. Campus Verlag. Fr. 34.90

8. Oktober 2007


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