© Foto by Museum der Kulturen
"Produktion von Endorphinen": Pilgern-Ausstellung in Basel

Pilgern – weil das Vergnügen, unterwegs zu sein, alles ist

Pilgerfahrten "boomen", sagt das Museum der Kulturen in Basel und hat sie zum Thema seiner neuen Ausstellung gemacht


Von Aurel Schmidt


Am besten kann es oft sein, in der Etymologie nachzufragen, wenn man über einen Begriff Auskunft sucht. Pilgern wird meistens mit einem religiösen Ziel, zu dem die Pilgerreise hinführen soll, in Verbindung gebracht. Genau genommen stammt der Begriff "pilgern" vom Lateinischen "pelegrinus" ab, was soviel bedeutet wie "Fremder", "Wanderer". Der Pilger als Fremder, der sich nach Rom, Compostela, Lourdes oder Mekka auf den Weg macht? Um sich selbst zu finden? Wer weiss.

Die religiöse Konnotation schränkt nun aber den Versuch, der Pilgerreise auf die Spur zu kommen, zu sehr ein. Jedes Ziel der Reise ist gerechtfertigt. Auch kein Ziel ist es ebenfalls, weil es etwas anderes ist, das den Ausschlag gibt: Im eigentlichen Akt des Gehens liegt die Bedeutung.

Die gehende Fortbewegung löst im Menschen durch die Produktion von Endorphinen euphorische Gefühle aus, nicht nach zehn Minuten, aber nach zwei, drei Stunden. Rauschzustände stellen sich ein – und das Gehen könnte stundenlang, tagelang, endlos weitergehen. Das muss man nur jemandem mit einer sitzenden Lebensweise erklären. Dass das Gehen das Denken in Bewegung versetzt, vielleicht auch.

Die Literatur ist ein Archiv, in dem alles zu diesem Thema aufgenommen ist. Grosse Geher, die nur um des Vergnügens wegen unterwegs waren, gibt es unzählige, auch ohne religiöse Motivation. Der englische Schriftsteller Charles Dickens litt unter Schlaflosigkeit und unternahm meilenweite nächtliche Märsche, um sich zu stabilisieren. Für den amerikanischen Transzendentalisten Henry David Thoreau gehörten mehrstündige Spaziergänge zum Tagesprogramm. Dass heute das Walking manchmal zu einer Sucht wird, ist die Kehrseite der Medaille.

"Pilgern ist nur eine Möglichkeit
der körperlichen Fortbewegung."




Das Gegenstück dazu ist der Flaneur, der ebenso gemächliche wie ziellos umherschweift. In Moskau und Minsk hat sich der öffentliche Spaziergang als Ausdruck des Protests gegen die politischen Verhältnisse entwickelt, was die Polizei bewog, einzuschreiten und diese Spaziergänge zu untersagen. Die Strassen sind jetzt offenbar den eiligen Geschäftsleuten und Konsumenten beim Einkaufen vorbehalten. Wer nichts zu suchen hat, gilt als delinquent und soll gefälligst verduften. Dass das Gehen auch im reglementierten Marschschritt erfolgen kann, soll nicht vergessen werden.

Pilgern ist also wie zum Beispiel das Flanieren, Schlendern, Humpeln oder Wallen nur eine unter vielen Möglichkeit im weitläufigen Repertoire der verschiedenen Fortbewegungstechniken.

Für die Ausstellung "Pilgern. Boomt" im Museum der Kulturen hat Lukas Wunderlin, deren Kurator, die kleine Variante gewählt. Das ist zunächst eine Einschränkung, weil Pilgern nur schwer verständlich bleibt, wenn die oben beschriebenen physiologischen Auswirkungen der Gehbewegungen nicht mit in Betracht gezogen werden. In den frühen Zeiten wurde zu Fuss gepilgert, eine andere Lokomotion gab es kaum (Kutsche und Schiff ausgenommen). Heute stehen sämtliche Transportmittel dafür zur Verfügung, Eisenbahn, Flugzeug, Bus. Da kann das Pilgern schon mal zur touristischen Attraktion werden. Zu einem gesellschaftlichen Anlass bestimmt.

"Jährlich unternehmen 200 Millionen
Menschen eine Pilgerfahrt."




Andererseits hat gerade die thematische Einschränkung Dominik Wunderlin die Möglichkeit gegeben, in die Tiefe zu dringen. "Pilgern. Boomt" ist eine dichte, üppige Ausstellung geworden, die erste im neu eröffneten Haus auf dem Münsterhügel, die über den bisher gepflegten Minimalismus hinausgeht. Kritiker des neuen Museumskonzepts: Hingehen! Zwar ist die Schau auf Europa fokussiert, doch das Museum der Kulturen darf auf keinen Fall auf die aussereuropäischen Kulturen reduziert werden. Ein Drittel der Aktivitäten und Bestände haben mit der eigenen Kultur (früher "Volkskultur") zu tun. Stets geht es nach Museums-Direktorin Anna Schmid darum, zu erkunden, was Menschen tun, um ihr Leben einzurichten.

Der Titel weist auf die Tatsache hin, dass Pilgern "boomt", also zu einer Modeerscheinung geworden ist. Geschätzt wird, dass jährlich 200 Millionen Menschen auf der Erde eine Pilgerfahrt unternehmen. Warum es so viele Menschen gibt, die sich dieser Prüfung unterziehen (eine Prüfung ist es im Idealfall immer), dafür gibt es verschiedene Gründe.

Für religiöse Menschen ist mit der Pilger- und Wallfahrt (die beiden Begriffe werden im Museum der Kulturen grosszügig identisch gesetzt) oft eine Bitte oder ein Dank verbunden. Der Weg ist der Lebensweg, für die Religiösen führt der selbe Weg zur ewigen Seligkeit.

"Zur religiösen Motivation tritt
 die sportliche hinzu."




Aufschlussreich ist es aber, dass auch viele Religionsferne Pilgerreisen unternehmen. Oft scheint ein Grund darin zu liegen, sich von den zeitlichen Lebensumständen, von Überdruss zu befreien, auch nur vorübergehend. Wenn der Pilger oder die Pilgerin ein Fremder oder eine Fremde ist, dann ist jeder und jede tatsächlich auf der Suche nach sich selbst. Auf diese Weise kann an die Stelle der religiösen Motivation die sportliche treten. Das ist ein Aspekt, der nicht vernachlässigt werden sollte. Physische Anstrengungen gehören dazu. Es gibt Bilder und Filmsequenzen in der Ausstellung, die Pilger beider Überzeugungen im Regen, im Schnee zeigen (Kälte ist unsichtbar).

Die Ausstellung ist in fünf Abteilungen gegliedert: "Anstoss und Anlass", "Aufbruch", "Unterwegssein", "Am Ziel" und "Ich bin dann 'mal zurück", jede mit Objekten zur Illustration versehen: Ausrüstungsgegenstände, Fahrpläne, Devotionalien, Gnaden- und Votivbilder sowie andere Zeugnisse religiöser Volksfrömmigkeit. Wer jedes einzelne Ausstellungsstücke genau anschauen will, muss viel Zeit einrechnen. Gerade das Lesen, das ein vergleichbarer Vorgang wie das Gehen ist, Wort für Wort, Schritt für Schritt, der Ausstellung bildet ihren überraschenden Initiationspunkt.

In der Mitte der Schau unter dem Faltdach ist etwas aufgebaut, das an eine Gnadenkapelle auf dem Gipfel eines heiligen Berges erinnert. So hat es sich der Kurator vorgestellt. Man geht den Ausstellungsvitrinen entlang durch den Raum und kommt zuletzt im Sanktuarium an. Der Pilgerweg durch die Ausstellung ist abgeschlossen.

Museum der Kulturen, Basel: „Pilgern. Boomt“. Vernissage 13.9., 18.30 Uhr. Dauer vom 14.9.2012 bis 3.3.2013.

13. September 2012

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