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"Lechzen nach dem Echten": Zoo-Pädagoge Andreas Heldstab

Basel im Pingu-Fieber, akut, epidemisch

Basler Zolli hofft, sein Polarium in der Markthalle doch noch verwirklichen zu können


Von Peter Knechtli


Um die künftige Nutzung der Basler Markthalle ist ein veritabler Streit ausgebrochen: Während die Regierung einen konventionellen kommerziellen Betrieb durch die Zürcher Firma Allreal vorzieht, will der Basler Zolli dort sein Wachstums-Projekt Polarium einrichten. Getragen von einer breiten Sympathie-Welle macht der Zolli mobil - unter anderem mit einer Petition.


Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Eine staatliche Findungskommission wählte von neun in- und ausländischen Investorenteams das Projekt der Zürcher Immobilienfirma Allreal aus, die bereit war, für die seit Jahren stillgelegte Markthalle 19 Millionen Franken zu zahlen und weitere 60 Millionen Franken zu investieren. Der Zolli ging damit leer aus und mit dieser Story zur "Basler Zeitung", die das verschmähte Projekt eines Polariums ebenso gross wie wohlwollend vorstellte - und seither von einer überwiegend zustimmenden Leserbrief-Welle überschwemmt wird.

Simonius: "Alle Parteien sind dafür"

Heute Donnerstagmorgen nun trommelte die gesamte Leitung des Zoos Basel - in offensichtlich aufgeräumter Stimmung - die Medien zusammen, um eine in seiner Geschichte wohl noch nie dagewesene Mobilisierung vorzustellen: Der Zolli will es, getragen von einer öffentlichen Sympathiewelle, mit der Regierung aufnehmen. Offen sprach Verwaltungsratspräsidentin Elisabeth Simonius, ehemals eine liberale Politikerin, davon, einen "gewissen Druck" auf die - mehrheitlich rot-grüne - Exekutive ausüben zu wollen. Laut Simonius stehen, was OnlineReports bisher in dieser Ausschliesslichkeit nicht bewusst war, "alle politischen Parteien hinter diesem Projekt".

Der frühere Baselbieter SP-Regierungsrat Peter Schmid unterzeichnete als Präsident der "Freunde des Zoologischen Gartens Basel" als Erster eine Petition, in der die regionale Bevölkerung zu Tausenden ihre Sympathie zum Polarium-Projekt bekunden kann - und sicherlich auch wird. Selbst im Baselbiet sei die Begeisterung für den Pingu-Park so gross, dass die Leute "auf jeder Serviette unterschrieben hätten".

Zolli-Direktor: "Wir brauchen Emotionen"

So stark das öffentliche Wohlwollen gegenüber dem Projekt, so wenig aussagekräftig sind auch die bisher vorgelegten Pläne dazu, was unter dem Begriff Polarium im Detail zu verstehen ist. Schliesslich liegen ja auch erst Projektskizzen vor. Wo der heutige Eingang zur Markthalle liegt, soll eine 16 Meter breite Treppe in ein Untergeschoss führen, wo in riesigen Wasserbecken insbesondere Pinguine, aber auch Seeotter, Quallen oder Seespinnen in ihrem künstlich-natürlichen Alltag beobachtet werden können. Im Erdgeschoss sind die oberirdische Polartier-Anlage, ein Restaurant, Zooladen und Schulungsräume geplant. Zu atmosphärischer Dichte sollen Sterne oder das Nordlicht beitragen, die an die Kuppel projiziert werden.

Zolli-Direktor Olivier Pagan unternahm nicht den geringsten Versuch, den Hintergrund des Polarium-Projekts zu verschleiern. Mit dem Pingu als "Flaggschiff-Tierart" lassen sich nicht nur die jährlichen Zolli-Besucher von 1,5 auf 2 Millionen anheben. Auch ist der flotte Schwimmer und Watschler, Plüsch-Liebling aller Kinder, auch vorzüglicher Emotionsträger, der dem Zolli auf ideale Weise helfe, eine Brücke zu den grundlegenden Geschichten über Klimaerwärmung, Polarschmelze, Klimaschutz, Übernutzung der Ozean und den galoppierenden Artenverlust zu bilden. "Die Leute lechzen nach dem Echten", führte Zoo-Pädagoge Andreas Heldstab aus. "Und wenn es uns gelingt, dies zu bieten und Faszination zu wecken, ist unser Ziel erreicht."

Mäzenin von massiver Reaktion "berührt"

Die Kosten für die Renovation der bestehenden Bauten und der denkmalgeschützten Kuppel belaufen sich auf rund 10 Millionen Franken, für die Investitionen auf rund 20 Millionen Franken. Laut den Polarium-Promotoren sollen die Eintrittspreise "auf der Höhe einer moderaten Parkgebühr" bleiben, wie sie auf eine OnlineReports-Frage noch vage erklärten: "Vier bis sechs bis acht Franken." Möglich werden das Projekt durch eine grosszügige Spende der Basler Mäzenin Christine Cerletti-Sarasin (Bild), die für den Erwerb der Markthalle zur nichtkommerziellen Nutzung vier Millionen Franken geboten hat. Nachdem aber Allreal 19 Millionen zahlen will, scheint die Investorin zu Flexibilität bereit. In ihrem Statement führte sie aus, dass sie die heftigen Reaktionen in der Bevölkerung "sehr stark berührt" hätten. "Meine Schenkung ist an die Kuppel gebunden", führte die grosszügige Basler Bürgerin aus.

Regierung unter Druck

Mit der Meinungs-Mobilmachung des Zolli gerät die Regierung unter Druck. Sie hat sich bereits zum wenig spektakulären, aber offenbar kommerziell interessanten Allreal-Projekt bekannt und hat nun zwei Möglichkeiten: Den Druck des akuten Pingu-Fiebers zu ignorieren oder der Zürcher Investmentfirma nachträglich doch noch einen Korb zu geben. Von einer Kooperation war heute keine Rede. Dafür dürfte soviel feststehen: Der berühmte Uralt-Fotoautomat bei der Markthalle soll bei beiden Projekten erhalten bleiben.

7. September 2006



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