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© Fotos by Ingo Höhn
Ottavia (Anne Sofie von Otter) und Nutrice (Graham F. Valentine).

"Incoronazione di Poppea" am Theater Basel: Lügner und andere Lieblinge

Die Opernpremiere von Monteverdis "Incoronazione di Poppea" begeistert das voll besetzte Stadttheater.


Von Sigfried Schibli


Die Theaterdirektoren kamen und gingen, aber einer ist immer geblieben: Christoph Marthaler, vielfach preisgekrönter Zürcher Regisseur mit Jahrgang 1951.

Seit 1988 ist er in fast jeder Spielzeit am Theater Basel präsent, mal im Schauspiel und öfter in der Oper, wenn nicht in einer von ihm geschaffenen musik-theatralischen Gattung, für die es keinen Namen gibt. Stets mit seiner Ausstatterin Anna Viebrock, die mit ihren oft zitathaften, ebenso realistischen wie rätselhaften Bühnenbildern einen eigenen Viebrock-Look geprägt hat.

Das Publikum liebt seinen Marthaler trotz oder wegen seiner Langsamkeits-Orgien und seiner Vorliebe für Wiederholungen und Slapsticks. Die Theater verzeihen ihm seinen Hang, im letzten Moment das eigene Konzept umzustossen. Und die Sängerinnen und Sänger, Schauspielerinnen und Schauspieler schätzen seine Treue, die er vielen von ihnen entgegenbringt.

Jetzt nach dem Basler "Freischütz" eine Barockoper und damit ein Genre, mit dem sich Marthaler in seiner langen Theaterkarriere eher selten beschäftigt hat: "Die Krönung der Poppea" von Claudio Monteverdi, uraufgeführt 1642 in Venedig.

Geschrieben hat es nicht Monteverdi allein, er hatte wie manche Maler jener Zeit seine Werkstatt, in der auch weniger prominente Tonkünstler wirkten. Das gibt einem Marthaler, der ja als Musiker angefangen hat und im Grunde immer einer geblieben ist, das gute Recht, einige Monteverdi-fremde Stücke einzubauen: ein Lied von Arnold Schönberg, das in der barocken Umgebung reichlich insular wirkt, ein schönes Senfl-Sololied immerhin aus der Zeit Monteverdis, ein wunderbares, mit sinnlichen Dissonanzen gespicktes Madrigal des venezianischen Meisters himself.

 

Jung und Alt, Frau und Mann

 

Ein solches Patchwork kann nur gelingen, wenn ein eingeschworenes Team von Bühnenkünstlern zugange ist. Und da kommt man wieder auf den Begriff der Treue oder der Marthaler-Familie. Denn einige Darstellerinnen und Darsteller sind seit Marthalers Anfängen dabei.

Da ist Graham F. Valentine, ein Stimmkünstler, der seit Jahrzehnten das Privileg geniesst, mit seiner unverwechselbaren, kehligen Stimme in einer vom Kontext unabhängigen Sprache zu singen und zu sprechen. Hier ist es, in einer italienischen Oper, Französisch.

Oder Rosemary Hardy, die einst in "An Unanswered Question" – eben einem dieser Marthaler'schen Mixed-Media-Abende – unvergesslich gesungen hat, unlängst im "Freischütz" als Ännchen überraschte und jetzt immer noch und wieder dabei ist. Sie singt eine Rolle, die sonst von ganz jungen Stimmen verkörpert wird – Marthaler darf das, und Hardy kann das.

Auch Anne-Sofie von Otter, die schwedische Meister-Mezzosopranistin, die vor schlappen vierzig Jahren ihre Karriere am Basler Theater begann, ist mit im Boot. Marthaler hat ihr ja schon Offenbachs "Grossherzogin von Gerolstein" anvertraut, und jetzt singt sie die glücklose, dem Alkohol verfallene Kaiserin Ottavia.

Glücklos, weil ihr Gatte Nero die blutjunge, karrieresüchtige Poppea vorzieht und seine Gattin als Drahtzieherin eines Putschs in die Verbannung schickt. Mir schien, dass Frau von Otter noch intensiver singt und gestaltet als vor einigen Jahren in der Offenbach-Operette – eine Starbesetzung, die allein schon den Besuch der mit über drei Stunden recht langen Oper rechtfertigt.

Überhaupt alle Charaktere offenbare ihre hässliche, rachsüchtige Seite.

Poppea ist dann aber doch eine junge, mit einem sternenhellen Sopran begabte Sopranistin: Kerstin Avemo, die auch mal als Marilyn-Monroe-Double auftritt und wunderbare Spitzentöne in den Raum schleudert.

Ihr ebenbürtig ist die Drusilla von Alfheidur Gudmundsdottir, die im Stück als Gefährtin des kriegsversehrten, kleinkriminellen Ottone (Owen Willetts) auftritt und für vokale Glücksmomente sorgt.

Übrigens ist auch diese Figur nicht frei von Bösartigkeit, wie überhaupt alle Charaktere ihre hässliche, rachsüchtige und unmoralische Seite offenbaren. Allen voran natürlich Nero, der Imperator mit Weltmacht-Gelüsten, der ein Gutmensch sein will und alles andere als das ist. Als Nero hört man in der Basler Aufführung den britischen Countertenor Jake Arditti, und seine Interpretation ist dazu angetan, allfällige Zweifler an der "historisch informierten Aufführungspraxis" zu bekehren: Er singt so sauber und natürlich, als wären solche Kastratenpartien keine Zeugnisse menschenverachtender Manipulation.

 

Ein gutes Dutzend im Orchestergraben

 

Zum Philosophen Seneca, der von Nero zum Tod verurteilt wird, fällt auch einem Marthaler nicht viel Komisches ein ausser einer zwanghaften Neigung, seine Diener herumzukommandieren (stimmlich solide: Andrew Murphy). Umso mehr zu der Amme Arnalta, die von Stuart Jackson verkörpert wird und mit seinem samtweichen Tenor vergoldet wird.

Dass Jackson ein in Frauenkleider gezwungener Koloss von Mann ist, führt zu einigen sehr komischen Episoden, so etwa, wenn er die zwei Köpfe kleinere und vermutlich ein Viertel so schwere Poppea im zweiten Akt mütter- oder väterlich an der Hand führt. Aber fehlt da nicht noch was? Ausgerechnet Amor, die geheime Hauptfigur der Geschichte, tritt in dieser Inszenierung nur als Leiche in Erscheinung. Die Machtgier aller hat die Liebe besiegt.

 

Valetto, Ottavia, Seneca.

 

Die Uraufführung der "Poppea" umfasste nur gerade zehn Musiker im Orchester (Musikerinnen waren vermutlich keine dabei); in der Basler Aufführung sind es dreizehn: Streicher, Harfe, Theorben, Cembali und eine Orgel für die Sterbegesänge des Seneca.

Gewiss, die Räume waren damals kleiner als das 860 Plätze zählende Basler Stadttheater. Aber gleichwohl: Eine handverlesene Truppe Alte-Musik-Spezialisten führt klangvoll, zielsicher und passgenau durch die Partitur, angeführt vom Dirigenten Laurence Cummings, der – welche Überraschung – auch mal singt und seinen lupenreinen Tenor erblühen lässt.

Elf Aufführungen hat das Theater bis zum 23. Mai angesetzt. Dieser sehr spezielle, sehr sehens- und hörenswerte, sehr Marthaler'sche Opernabend wird zweifellos sein Publikum finden.

4. März 2024

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"Grossartig"

Vielen Dank Herr Schibli, Ihre Kritik war grossartig!


Nicky und Beatrice Langloh, Riehen



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"Er soll mehrere Gedichtbänder veröffentlicht haben."

bz
am 16. Mai 2024
über den Attentäter
in der Slowakei
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Das kann man auch nicht mit Schweizer-Hochdeutsch erklären.

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