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"Vollgepumpt mit Splittern": Arzt Rio Spirgi*

Ein Augenzeuge des Wahnsinns ist nicht mehr

Der Basler Chirurg Rio Spirgi rettete in vielen Kriegen des 20. Jahrhunderts zahllose Leben


Von Ruedi Suter


Das entsetzliche Leid, das Kriege auslösen, hat ihn radikalisiert und zu einem lebenslangen Kämpfer gegen Krieg und Unterdrückung gemacht. Nun ist Kriegs-Chirurg Rio Spirgi, der Augenzeuge des menschlichen Wahnsinns, im Alter von 83 Jahren verstorben: Versuch einer Würdigung.


Der bekannte Basler Chirurg Rio Spirgi ist am Samstagmorgen um 11.20 Uhr in seiner Wohnung in Minusio im Tessin mit 83 Jahren einem Darmkrebsleiden erlegen. Dies teilte heute Montag seine Frau Susana Vogel engen Freunden in Basel mit. Mit dem Hinschied von Rio Spirgi verliert die Schweiz einen ausserordentlich engagierten Mediziner, der in den verschiedensten Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt unzählige Male sein Leben riskierte, um dasjenige anderer Menschen zu retten.

Susana Vogel erklärte gegenüber OnlineReports, Rio Spirgi hätte sich nur deshalb einer Chemotherapie beim befreundeten Ex-SP-Nationalrat und Krebsspezialisten Franco Cavalli unterzogen, um noch einmal seine brasilianische Geburtsstadt Rio de Janeiro sehen zu können. Trotz grosser Schmerzen habe er eisern versucht, seinen gewohnten Tagesablauf aufrecht zu erhalten. Dieser bestand neben Spaziergängen und Gesprächen mit Freunden vor allem in der Lektüre von Zeitungen wie "Le Monde Diplomatique", "El Païs" oder "La Republica", deren aussagekräftigsten Sätze er stets unterstrich. Bis zum Schluss blieb Spirgi seiner revolutionären, antiimperialistischen Gesinnung und jener verbalradikalen Sprache treu, wie sie in den linken Kreisen der später sechziger und den siebziger Jahren verwendet wurde.

Jahrzehnte zwischen Leben und Tod

Rio Spirgi war aufgrund seiner schockierenden Erfahrungen mit Faschismus und Rassismus, mit Neokolonialismus, Unterdrückung und Tod zeitlebens ein Radikaler. Zuviel Ungerechtigkeit hat er als Kind, als Student und vor allem als operierender, organisierender oder ausbildender Arzt hautnah miterlebt: Die Kongo-Wirren, die mörderischen Kriege im Jemen, Vietnam, Biafra, Kambodscha, Jordanien, Pakistan, Indien, Bangladesch und Laos. Oder den Putsch in Chile, den Oktoberkrieg 1973 zwischen Israel und den Arabern, die türkische Invasion auf Zypern, den Bruderkrieg und die israelischen Invasionen im Libanon, die Palästinenserlager, die Befreiungskriege Angolas und Moçambiques, die Anti-Regimekriege in Nicaragua, El Salvador und Guatemala.

"Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte das alles gar nicht erlebt", erklärte mir der Arzt vor 14 Jahren in einem eintägigen Gespräch. Seit 33 Jahren hatte sich der damals 69-jährige zwischen Leben und Tod, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Resignation und Hoffnung bewegt. Mehrmals verlor er beinahe sein Leben und blieb, mit Ausnahme eines im Libanon abbekommenen Granatsplitters, der nie aus dem Bein entfernt wurde, körperlich unversehrt. Und seelisch? Nach all den erlebten Gräueln, die in den letzten Jahrzehnten die stets brutaler werdenden Kriege kennzeichnen? Eine direkte Antwort war von ihm keine zu kriegen. Ihm war es schon zuwider, über sich und sein Leben Auskunft geben zu müssen. "Ich will mich auch nicht hervorheben", hatte er gesagt.

Landsleute hegten Argwohn

Er hat es dennoch getan, für die Opfer. Er schrieb zahlreiche Artikel über den Krieg und seine Folgen. Er beschrieb, was wirklich geschah, brachte alles der wohl gebetteten und kriegsverschonten Schweizer Öffentlichkeit zu Kenntnis, die jedoch ihn, den Zeugen des Grauens, oft nur mit Argwohn oder Unglauben begegnete. Klein war das Verständnis für den Mediziner, der direkt vom "Kriegsschauplatz Dritte Welt", auf dem sich die Industriegesellschaften ihre Interessen ohne Skrupel durch Stellvertreter erkämpfen oder verteidigen liessen, unbeirrt über Jahre hinweg Unvorstellbares vorstellbar zu machen versuchte.

Was Unrecht bedeutet, erlebte der am 12. September 1924 in Rio de Janeiro geborene Edwin Herbert "Rio" Spirgi bereits als Dreikäsehoch beim Spaziergang mit der schwarzen Hausköchin Josefine. Der Bub fragte sie, warum denn die entgegenkommenden Schwarzen immer gleich den Gehsteig wechselten. "Weil Du eine weisse Haut hast", habe sie ihm erklärt. Ein Schlüsselerlebnis. "Das habe ich nie vergessen". Dass er sich später auf die Seite der Unterdrückten schlug, hängt wohl auch mit seinem Vater zusammen, einem für Brasilien damals bedeutenden Ingenieur aus der Schweiz, der mit einer begnadeten Klavierlehrerin – Rios Mutter - verheiratet war und sich aktiv gegen den Faschismus wehrte.

Ermunterung durch Basler Professor

Sein Medizinstudium schloss Spirgi 1953 in Basel ab, um später in den USA eine Stelle anzutreten. Dort erfuhr er auch körperlich, was Rassismus bedeutete. Als er sich einmal für dunkelhäutige Freunde wehrte, die von Polizisten als "schwarze Schweine" beschimpft wurden, schlugen ihn die Ordnungshüter bewusstlos. In Basel zurück, arbeitete der junge Mediziner zehn Jahre lang am Basler Bürgerspital. Hier begegnete er "meinem zweiten Vater": Rudolf Nissen, der berühmte Chirurgieprofessor. Die beiden verstanden sich gut. Nissen, der wie Spirgi jüdischer Herkunft war, vor Hitlers Schergen flüchtete, lange in der Türkei Chirurgen ausbildete und sogar dem kurdischen Rebellengeneral Mustafa Barzani im Irak als Chirurg half, förderte den jungen Arzt und ermunterte ihn für Hilfsmissionen in Krisengebieten.

Die erste führte 1960 im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in den Kongo, nach Léopoldville (heute Kinshasa), wo der Katanga-Sezessionskrieg tobte und sich die Grossmächte wie auch heute noch um die Ressourcen stritten. Am Schluss war Spirgi der letzte Arzt im Kintambo-Spital mit seinen 650 Betten, wo nachts Lumumba-Gegner eindrangen und den Patienten die Kehlen durchschnitten. "Diese Violenz war für mich unvorstellbar, sie beschäftigte mich sehr." Trotz aller Gewalt erlebte der junge Schweizer die Afrikaner als "sehr menschlich".

Abgeschlachtete Freunde

Im Jemen, wo republikanische Truppen mit Hilfe der Ägypter und ihren Giftgasattacken die jemenitischen Truppen des Imam aufzureiben versuchten und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) sein Material auf Kamelrücken transportieren und den Kämpfern zunächst einmal die Grundsätze der Genfer Abkommen erklären musste, wurde es 1963 dem in der Wüste und in Höhlen bei Petroleumlicht operierenden Spirgi ein für allemal klar: Er wollte dort helfen, wo nur die wenigsten helfen wollten: In Kriegen und Katastrophen. Purer Idealismus? Flucht? Oder einfach Abenteuerlust? Spirgi antwortete mir: "L'aventure! Natürlich spüren wir alle eine gewisse Abenteuerlust oder Risikofreudigkeit. Aber im Dienste einer notwendigen Sache. Nicht wie einer, der in die Fremdenlegion geht, der hat andere Motive."

Dann kam Biafra. Nach dem Massaker an Tausenden von Ibos in Nigeria riefen diese in der ölreichen Ostprovinz Biafra die Unabhängigkeit aus. Im folgenden und von den Grossmächten geschürten Bürgerkrieg koordinierte Spirgi 1967 in dem vom Völkermord geschwächten Biafra zehn IKRK-Spitäler. Eines wurde während seiner Abwesenheit von nigerianischen Truppen überfallen. Sie brachten die Patienten und vier seiner Kollegen um. Hätte sie Spirgi noch rechtzeitig abziehen können? "Es ist entsetzlich, einen Freund abgeschlachtet am Boden liegen zu sehen. Mich plagten jahrelang schwere Gewissensbisse. Ich hätte sie evakuieren sollen. Damals dachte ich: Ich höre auf, ich kann nicht mehr!"

Zu Brei gebombte Menschen

Doch für wen sollte er sich einsetzen? Eine Existenz in der von einem "riesigen Defätismus" gelähmten Schweiz mit ihren "Beton-Homelands" und ihren vielen selbstgerechten, "vom Konsum narkotisierten" und sich "im fiktiven Glück des Habens" badenden Landsleuten war dem mehrsprachigen Weltenbürger in jeder Beziehung zu eng. Für ihn spielte sich das Leben "draussen" ab, dort, wo es tagtäglich gegen den Tod verteidigt werden musste. Rio Spirgi, zusammen mit Bernhard Kouchner, dem heutigen Aussenminister Frankreichs, Mitbegründer der medizinischen Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (MSF), operierte weiter für die grossen internationalen Hilfswerke in der "Zweidrittelswelt", wie er die Dritte Welt zu nennen pflegte.

Ende der sechziger Jahre arbeitete er in Vietnam, Provinz Kontum, wo das Rotkreuz mit Jeeps Reis und Medikamente in die Not leidenden Dörfer der Bergstämme bringt: "Wir erlebten mit Entsetzen, wie ganze Dörfer der so genannten 'Montagnards' vor unseren Augen über Nacht durch die Flächenbombardements der B-52 ausradiert wurden. Übrig blieb eine Mondlandschaft mit braunen, übel riechenden, feuchten Massen in den Bombenkratern. Die Leichen der Menschen und der Wasserbüffel waren atomisiert." Für den kriegserfahrenen Chirurgen führten die Amerikaner den "totalen Technokrieg". "Würde ich alles Erlebte erzählen", warnte er mich bei unserem Gespräch 1993, "müssten sich die Leute übergeben. Es war grauenvoll".

Grausame Zusammenhänge

Dann strich er sich mit der sehnigen Hand, die auch geschickt ein Klavier zum Spielen bringen konnte, über den weissen Bart. Vor seinen Augen schien ein übler Film abzulaufen. Peinigende Erinnerungen an jene Erlebnisse, die ihn auch in der Schweiz zu einem wütenden Gegner der US-Strategen machten. Weil diese gegen die leidgeprüften Vietnamesen "einen Vernichtungskrieg" führten und ihr Land in ein "Experimentierfeld für neue Taktiken und Waffen verwandelten". Dank seiner US-Kritik legte die eidgenössische Bundespolizei ("Fichenskandal") ein dickes Dossier über den "linksextremen" Medikus an.

Übrigens nicht zuletzt auch darum, weil dieser die Dioxin-Katastrophe von Seveso vom 19. Juli 1976 direkt mit dem Menschen verkrüppelnden "Entlaubungskrieg" durch das Dioxin enthaltende Herbizid "Agent Orange" der US Air Force in Verbindung brachte. Spirgi damals: "Es wird hier ein grausamer Zusammenhang sichtbar zwischen dem 'chemischen Krieg' in Vietnam und den Chemiekatastrophen in der industrialisierten Welt. Es ist die Spitze des Eisbergs des weltweiten militärisch-industriellen Komplexes. Da werden Technologien sichtbar, die ebenso in Friedenszeiten wie im Krieg austauschbar verwendet werden können."

Leichenhäuser mit Frauen und Kindern


In Kambodscha erlebte der Basler die millionenfache Tötung von Menschen durch Pol Pot und seine Roten Khmer in derart "entsetzlichen Dimensionen", dass er, der Pazifist, den Einmarsch der Vietnamesen begrüsste und den Massenmord der Khmer Rouge mit jenem der Juden durch die Nazis verglich. Einen seiner schlimmsten Einsätze erlebte der damalige IKRK-Delegierte Spirgi aber 1973 in Chile, während dem Putsch des von den USA unterstützten Generals Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten Arzt und Linkspolitiker Salvador Allende. Er kam als erster Rotkreuz-Delegierter an und bekam alles mit. Doch an die internationale Öffentlichkeit, die nur von manipulierten oder falsch informierten Medien ins Bild gesetzt worden seien, durfte der auch fliessend Spanisch sprechende Arzt nicht gelangen.

Da gab es summarische Sofort-Hinrichtungen, willkürliche Verhaftungen mit anschliessender Ermordung von bis zu 60 Slumbewohnern pro Nacht. Da verschwanden Menschen in Konzentrationslagern, wo sie unterernährt bei unter 50 Grad Celsius erfroren. Da wurde mit Strom, Thermik und Chemie gefoltert. Da füllten sich Leichenhäuser mit umgebrachten Frauen und Kindern. Und da mussten jede Nacht viele Menschen in den Rio Mapocho waten, um dann von hinten erschossen zu werden. Flussabwärts fischten mutige Frauen und Männer die Schwerverletzten heraus, brachten sie in eine Sakristei, "wo wir versuchten, sie am Leben zu erhalten". Den vom Pinochet-Regime ins berüchtigte Stadion von Santiago gesperrten, äusserst populären Volkssänger Victor Jara lernte der Rotkreuzarzt nur noch tot kennen. Er musste ihn identifizieren, nachdem ihm Soldaten beim Guitarrespielen im Stadion seine Hände verstümmelt hatten, um ihn schliesslich mit Kugeln zu durchsieben.

"Arztsein ist eine politische Arbeit"

Im Libanon wurde der Jude Spirgi Zeuge "des gnadenlosen Vernichtungskrieges Israels gegen das palästinensische Volk und die libanesische Bevölkerung". Nach den 1976 von der rechten Begin-Sharon-Regierung tolerierten Massakern in Sabra und Shatila durch die Falange hielt es der Arzt nicht mehr aus. "Ich musste Partei ergreifen." Er verliess das neutrale IKRK und trat als Arzt und Koordinator dem Palästinensischen Roten Halbmond bei, um einen sozialen Gesundheitsdienst aufbauen zu helfen. Politisch setzte er sich für die Palästinenser und einen israelisch-palästinensischen Dialog ein. Seine bis zu seinem Tode geltende Überzeugung: "Es gibt keine Lösung des Nahostproblems, sofern die Kernfrage nicht mit Mut angegangen wird – die Verwirklichung der unveräusserlichen Rechte des palästinensischen Volkes, in seiner Heimat zu leben in Koexistenz mit der israelischen Bevölkerung."

Rio Spirgi hatte in Basel auch eine Familie, für die der dauernd in gefährlichen Gebieten herum reisende Gatte und Vater mit seinen Kriegserlebnissen nicht selten eine Bürde war. Seine erste Frau Colette, die eine Tochter in die Ehe brachte und ihm zwei Söhne gebar, starb 1986. "Ich hätte all dies ohne die solidarische Beziehung meiner Frau nie machen können!", sagte er mir später einmal mit Wehmut. Seine Erfahrungen verfolgten ihn manchmal so, dass er in Gesprächen mit Freunden kaum mehr auf diese eingehen konnte und sie die Begegnungen mit ihm zuweilen als Monologe empfanden.

Wider den medizinischen Kolonialismus

Seine letzten aktiven Jahre verbrachte der Arzt vor allem in Mittel- und Südamerika. Dort setzte er fortan und später auch mit tatkräftiger Unterstützung von Lebenspartnerin Susane Vogel seine medizinischen und organisatorischen Kenntnisse für die Befreiungsbewegungen, Landbevölkerungen und Indianer Lateinamerikas ein. Seinem radikal-konsequenten Handeln blieb er treu. "Arztsein ist auch eine politische Arbeit. Wir setzen uns zum Beispiel für die Alphabetisierung und die Rechte der Frauen ein. Der Kampf um die Gesundheit ist der Kampf um die Befreiung", fasste Spirgi zusammen.

Eine besondere Rolle spiele dabei die "Hilfe zur Selbsthilfe" für eine gute Basisgesundheit – ohne "medizinischen Kolonialismus" und ohne die Überflutung armer Länder durch "unnötige und abhängig machenden Techniken und Medikamente". Zudem versuchte das Paar, die traditionellen Heilmethoden miteinzubeziehen oder wiederzubeleben.

Zum Schluss kümmerten sich er und Susanna Vogel besonders um die Weitergabe ihres Wissens im Bereich der medizinischen Notfallhilfe. Zu viele vermeidbare Todesfälle hatten sie schon erlebt, nur darum, weil die Helfenden falsch Hand anlegten. Zwischen 15 und 20 Prozent der im Krieg oder bei einer Naturkatastrophe Verwundeten stürben so, kritisierte Spirgi, auch Autor eines viel beachteten Handbuchs über Katastrophen-Management: "Diese Menschen hätten mit wenig medizinischem Wissen gerettet werden können." Es war die Zeit, wo sich Rio Spirgi in Anlehnung an die Befreiungstheologen als "Befreiungsarzt" wirken sah.

"Dann ist Ruhe"

Sein Wunsch, noch einmal seine Geburtsstadt Rio de Janeiro sehen zu können, hat sich für Rio Spirgi nicht erfüllt. Hingegen ist sein Arzt Franco Cavalli nach Rio de Janeiro geflogen, nicht ohne sich vorher von seinem Freund und Patienten verabschiedet zu haben: Es war der Tag, an dem Rio Spirgi sterben sollte. Was für ein "Zufall"! Ich wollte einmal von Rio Spirgi wissen, was das Sterben in ihm auslöse? Der Helfer, der Unzählige in den Tod begleitete und diesem selbst über ein Dutzend Mal ein Schnippchen schlagen konnte, dachte lange nach. Dann meinte er:

"Am Anfang bin ich immer mitgestorben. Ich war todunglücklich, wenn jemand starb. Voll gepumpt mit Splittern oder Kugeln kann man nicht friedlich sterben. Da werden das Sterben und die Angst davor zum Terror. Ich bin darum auch für die Euthanasie. Der Schmerz ist schrecklich, wenn man ihn nicht dämpfen kann. Mit der Zeit musste ich aufhören mitzusterben – ich musste mich ans Sterben gewöhnen. Ich habe aber auch viele Menschen gesehen, die friedlich starben. Ja, und was den Tod betrifft, so glaube ich, dass sich der Mensch einmal selbst erlöst. Und zwar hier, nicht im Jenseits: Wenn ich sterbe, dann ist Ruhe, aus, le néant – das Nichts."

* 2001 in der Basler "Kunsthalle"

26. November 2007


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"C'était un très chic typ!"

Rio Spirgi war für mich (als sein chirurgischer Assistent in Basel) immer ein Vorbild. Ich war nicht so konsequent wie er, aber ich versuchte es ihm gleich zu tun. C' était un très chic typ!


Dietegen Allgöwer, Genf



"Vorbild eines unerschrockenen Kämpfers"

Für diese eindrückliche Würdigung von Rio Spirgi mein grosser Dank! Als junge Krankenschwester lernte ich ihn 1962 im Bürgerspital Basel als engagierten chirurgischen Assistenzarzt und bemerkenswert verständnisvollen Menschen kennen. Zufälligerweise (!) arbeitete als Kollege in jenem Team auch der jetzige Nationalrat Jean-Henri Dunant - offensichtlich zwei diametral entgegengesetzte Geisteshaltungen!

 

Viel später begegnete ich Rio Spirgi von neuem bei einer Veranstaltung der "Frauen für den Frieden Basel". Anfangs der achtziger Jahre hielt er einen Vortrag über den Krieg im Libanon mit dem heute leider mehr denn je aktuellen Titel "Die menschliche Katastrophe". Seine Worte wirkten wie in Stein gemeisselt in mir nach: Gezielte militärische Angriffe der israelischen Armee auf Spitäler und gleichzeitig eine minutiöse Schonung der Öl-Pipeline. Parallelen zum Holocaust ...

 

Warum hat man damals Spirgis präzise Beobachtungen und seine fundierte Einschätzung der Lage zu wenig ernst genommen? Blieb Spirgi tatsächlich ein einsamer Rufer in der Wüste? Rio Spirgi hatte uns allen so viel zu sagen. Jetzt ist er verstummt, aber als Vorbild eines ausgezeichneten Chirurgen, eines liebevollen Menschen und eines unerschrockenen Kämpfers für die Gerechtigkeit bleibt er uns erhalten.


Ursula Nakamura-Stoecklin, Wölflinswil



"Kleine Geschosse zerfetzen den Körper"

Ich kannte Dr. Rio Spirgi nicht persönlich. Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Rüstungskontrolle und ein Waffenausfuhrverbot (ARW) nahm ich 1977 brieflich Kontakt mit ihm auf, als er gegen die Einführung der neuen Sturmgewehre mit dem Kaliber 5.56 protestierte. Spirgi hatte im Vietnam Krieg und später im Libanon für das Komitee des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) gearbeitet. Er machte zusammen mit anderen Chirurgen die Erfahrung, dass die Munition mit dem Kaliber 5.56, der modernen Sturmgewehre, die damals auch die Schweiz einführen wollte, sehr komplizierte Verletzungen verursacht. Diese kleinen Projektile des Kalibers 5.56 bewirkten nämlich keine glatten Durchschüsse, sondern stellen sich im menschlichen Körper quer und reissen furchtbare Wunden – ähnlich wie bei den verbotenen Dum-Dum-Geschossen.

 

Die Tageszeitung "Die Tat" schrieb am 26. Mai 1977 unter dem Titel "Das heimtückische Kaliber 5.56":

"Der Basler Kriegsarzt Rio Spirgi (52) steigt auf die Barrikaden! Er will unter allen Umständen verhindern, dass die Schweizer Wehrmänner künftig mit kleinkalibrigen Sturmgewehren ausgerüstet werden, die vom IKRK geächtet sind. Grund: Die heimtückischen kleinen Geschosse zerfetzen den Körper. Eine Amputation ist in den meisten Fällen unvermeidlich."

 

An der Tagung des Vereins "Humanitäre Schweiz" vom 6. Februar 2007 an der Universität Zürich behandelte Dr. Beat Kneubühl in seinem Vortrag auch das Thema der Verletzungen durch Munition, das den Chirurgen Spirgi schon vor 30 Jahren so stark beschäftigt hatte. Kneubühl legte in seinem Vortag "Internationale Konventionen und die Problematik der Kleinwaffen" dar, dass Geschosse von Kleinwaffen, Sturmgewehren usw. durchaus den internationalen Konventionen entsprechen können. Dennoch können sie aber aber die verheerende Wirkung verbotener Projektile haben und furchtbare Verletzungen verursachen, ähnlich denen von Dum-Dum-Geschossen. Kneubühl zeigte unter anderem Einschusskanäle mit Munition des Kalibers 5.56 in Paraffin. Paraffin hat eine ähnliche Konsistenz wie menschliches Gewebe, soll sich so für solche Versuche eignen. Die Details von Kneubühls Schiessversuchen können von der Homepage des Vereins Humanitäre Schweiz (www.fhch.ch) herunter geladen werden.

 


Heinrich Frei, Zürich



"Traurig, dass solche Menschen immer weniger werden"

Wenn man den etwas mehrdeutigen Hinweis, dass Rio der angeblich "verbalradikalen Sprache" der alten Linken treu geblieben sei, wegnimmt, dann ist ein eindrücklicher und berührender Nachruf gelungen. Danke.

Ich habe Rio Spirgi in den siebziger Jahren ein paar Mal anlässlich von Vorträgen gesehen und gesprochen, und er ist mir als Mensch in Erinnerung geblieben, der mir mit seiner klaren Haltung gegen Terrorherrschaft und Imperialismus, seiner konsequenten Parteinahme für die Opfer und seinem unerschütterlichen Respekt den Menschen gegenüber bis heute einen Eindruck hinterlassen hat wie kaum ein anderer. Ja es ist traurig – und ebenso traurig ist, dass die solchermassen engagierten Menschen immer weniger werden.


Hanspeter Gysin, Basel



"Er kämpfte einen guten Kampf"

Grand merçi für diese schöne Würdigung! Rio Spirgi hat einen guten Kampf gekämpft. Während vieler Jahre auch in den Reihen der Schweizerischen Friedensbewegung (SFB). Seine vielen Mitstreiter in aller Welt werden ihm die Schlusszeilen aus Heinrich Heines "Enfant perdu" widmen:

 

"Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen

Sind nicht gebrochen - Nur mein Herze brach."

 

Adios, compagnero!


Heinz Moll, Prag


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