© Fotos by Peter Knechtli, OnlineReports.ch
"Dieses Mass an Gelassenheit": Gast Gysin, Regierungsrätin Schweizer

Polit-Star Gregor Gysi war hier – in Läufelfingen

Der "Linke"-Fraktions-Chef besuchte die Schweizer Heimatgemeinde seines Urururgrossvaters


Von Peter Knechtli


Selten kommt eine international bekannte Polit-Grösse ins Pass-Dorf Läufelfingen. Heute Donnerstagabend kehrte der aus der früheren DDR stammende Links-Politiker Gregor Gysi an seine Wurzeln zurück.


Er hätte schon im Oktober letzten Jahres kommen sollen, doch Corona vereitelte, was heute in Läufelfingen zum kommunalhistorischen Ereignis wurde: Der soeben glanzvoll per Direktmandat erneut in den deutschen Bundestag gewählte aussenpolitische Sprecher der "Linken", Gregor Gysi, stattete dem Dorf einen Besuch ab, aus dem sein Urururgrossvater Samuel Gysin nach Berlin ausgewandert war. Als Grund wird dessen Abwerbung durch die preussische Seidenbandindustrie genannt. Der Besuch war privater Natur, Polizeischutz war nicht erkennbar.

... und die Gysins kamen

Auf Einladung seines Freundes und früheren Baselbieter SP-Landrates Marc Joset wurde er von Gemeindepräsidentin Sabine Bucher und SP-Regierungsrätin Kathrin Schweizer sowie dem örtlichen Blasmusikensemble mit dem rassigen "San Carlo" und dem Baselbieter Lied mit leichter verkehrsbedingter Verspätung empfangen. Anwesend war auch der letztjährige Landratspräsident Heinz Lerf (FDP).

Was mit dem fremden Berliner im Säli der Dorfbäckerei "Brot und So" etwas zögerlich begann, wäre wohl in ein kleiners Dorffest ausgeartet, hätte nicht in Liestal ein anderer Termin gewartet.

Unter den rund 40 Gästen dürfen jene mit Namen Gysin oder Gysi in der Mehrzahl gewesen sein. Zu bemerken waren auch der frühere Baselbeiter FDP-Nationalrat Hans Rudolf Gysin (Heimatort: Arisdorf, Bild rechts) und der ehemalige Basler Regierungs- und Nationalrat Remo Gysin (Heimatort: Hölstein, Bild links), aber auch der bald 95-jährige Läufelfinger Ehrenbürger und alt-Gemeindepräsident Jakob Schaggi Gysin. Ob Gysin oder Gysi (das "n" eines Zweigs war im Verlaufe der Zeit abhanden gekommen) war einerlei.

Eckpunkte der Läufelfinger Identität

Regierungsrätin Kathrin Schweizer bezeichnete den Besuch des 73-jährigen Spitzenpolitikers als eine Ehre für das Baselbiet, kam aber rasch verbindend auf den Sport zu sprechen – nämlich auf den "1. FC Union Berlin", von dem Gysi Fan ist und eine Aktie besitzt, der anderseits von einem gewissen Urs Fischer trainiert wird, dem früheren "Meistermacher und Cupsieger" des FC Basel.

Die Theologin und ehemalige Gemeindepräsidentin Margrit Balscheit brachte dem deutschen Gast anhand der vier Stationen Kirche, Ruine Homburg, Bahnhof und Gipsfabrik die markantesten Merkmale des Dorfes an der einstig dominierenden Nord-Süd-Bahnachse auf packende Weise nahe. Als sie das Ja des Baselbieter Volks zum Fortbestand des "Läufelfingerlis" vor vier Jahren erwähnte, brach spontaner Applaus aus.

Still wurde es dagegen im Säli, als die Autorin von der öffentlichen Enthauptung des Bauernführers Ueli Gysin im Jahr 1653 in Basel oder von den über 120 Arbeitern erzählte, die beim Bau des Unteren Hauensteintunnels ums Leben kamen.

Medien- und wirkungsbewusst

Und dann trat Gysi der Linke auf. Ganz Monsieur, in dunklem Anzug mit glänzend polierten schwarzen Schuhen. Freundlich-diskret zunickend, dem Blick des Medienprofis magisch in die Kameralinsen richtend.

Für den "überaus freundlichen Empfang und die sehr nette Begrüssung, die ein bisschen mein Herz berührt haben", bedankte sich der Besucher aus der deutschen Hauptstadt. Läufelfingen könne durchaus als "Urheimat meiner Familie zumindest väterlicherseits" bezeichnet werden, sagte Gysi und gewann mit seiner ebenso überragenden wie ironischen und durchaus selbstbezogenen Rede rasch die Sympathie des Publikums. Sein Schweizer Vorfahre müsse "sowas  Ähnliches wie Schneidermeister" gewesen sein, auf dessen Fachkunde es die Seidenbandindustrie abgesehen habe.

Eine eloquente Balsam-Rede

Den ersten Lacher holte sich "der jüngste Rechtsanwalt der DDR mit 23 Jahren" (Gysi über Gysi) mit der Behauptung: "Alle Gysis, die es in Deutschland gibt, sind mit mir verwandt oder verschwägert. Von der Schweiz kann ich das nicht behaupten." Er rühmte auch "dieses Mass an Gelassenheit", das er an Urs Fischer ebenso schätzt wie an allen Schweizern.

"Fantastisch" süssholzraspelte der wirkungsbewusste Qualitätsredner sei die Ablehnung der Fusion des Baselbiets mit Basel-Stadt gewesen: "Die Bedeutung von Läufelfingen in einem Kanton Basel würde deutlich geschmälert werden. Das können Sie einfach nicht zulassen." Getragen von lautem Applaus lief Gysi zu Hochform auf, als er der Schweiz "Tausende und Abertausende von deutschen Dienstreisen Deutscher" in Aussicht stellte, "um zu erfahren, wie man das macht". Er selbst werde diesen Dienstreisenden "den Kanton Basel-Landschaft empfehlen, um sich kundig zu machen".

So hatte der Urläufelfinger Gregor Gysi die Herzen der Einheimischen gewonnen, bevor er sich nach Liestal in die Kantonsbibliothek aufmachte, wo er aus seiner Biografie "Ein Leben ist zu wenig" las. Das Grusswort dort: die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi.

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4. November 2021

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