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"Unverschämt und verlogen": Protestkarte gegen Versetzung

Mario C. Abutille: Die Unruhe vor dem Sturm der Basler Zeitungs-Fusion

Eine öffentliche Solidarität für einen Journalisten, die heute nicht mehr denkbar wäre: Rückblende nach dem Tod des NZ-Theaterkritikers


Von Peter Knechtli


Die Aktion um den kürzlich verstorbenen Journalisten Mario C. Abutille schrieb vor 44 Jahren ein Stück Basler Mediengeschichte – wenige Monate vor der grossen Zeitungsfusion: Seine Absetzung als Theaterkritiker der "National-Zeitung" (NZ) rief breiten öffentlichen Protest hervor, der seinerseits einem prominenten Professor die Mitarbeit bei der Zeitung kostete.


Es waren Kärtchen im A6-Format, der Protest-Text auf der Rückseite mit Schreibmaschine geschrieben. Mit 40 Rappen frankiert landeten sie im Postfach 73 in Rheinfelden, das der "Aktion Abutille" Gastrecht bot. Über 200 Kulturschaffende, Wissenschafter, Politiker und Journalisten drückten mit ihrer Unterschrift gegen einen äusserst umstrittenen Personalentscheid gegen den im Feuilleton der "National-Zeitung" für Theaterkritik und Literatur zuständigen Redaktor Mario C. Abutille aus.

Es war im Frühling 1976, als der neu inthronisierte NZ-Chefredaktor Alfred Peter den Germanisten Abutille Ende April faktisch vor die Wahl stellte, sich ins Lokalressort versetzen zu lassen oder die Zeitung zu verlassen. Abutille, so begründete Ökonom Peter das Ultimatum in einer "Unterredung" am 23. April, entspreche den "Vorstellungen von einem Theaterkritiker nicht ganz" (wie es in einem Protokoll steht).

Der Peter-treue Feuilletonchef Wolfgang Bessenich schob darin die Präzisierung nach, Abutilles Kritiken seien "zu sehr auf das Stück konzentriert, referierend, nicht analytisch, lexikographisch". Er verwende eine "merkwürdige kurzatmige Sprache" und "keinen übergeordneten Bogen von Gedanken".

Postfach 73 in Rheinfelden

Der Personalkonflikt entzündete sich in der Redaktion einer Zeitung mit linksliberaler Tradition, die nicht nur zu den angesehensten des Landes zählte, sondern in Deutschland auch mal als die "Frankfurter Rundschau der Schweiz" galt.

Zu dieser Tradition gehörten nicht nur ein fortschrittliches Redaktionsstatut seit Anfang der siebziger Jahre, Mitbestimmungsmodelle und flache Führungsstrukturen, sondern auch ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad, der sich in einer starken und für die verlagsnahen Redaktoren gefährlichen "Betriebsgruppe" äusserte.

Präsident dieser "Schweizerischen Journalisten-Union" (SJU) war Fred Müller, ein äusserst produktiver Aargau-Korrespondent der NZ. Und Inhaber von Postfach 73 in Rheinfelden. Wie weit die beabsichtigte Abberufung Abutilles inhaltlich begründet war, soll hier nicht dargelegt werden. Zutreffend ist hingegen, dass seine Versetzung in eine Zeit erhöhter personalpolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheiten fiel.

Gewerkschafter unter Druck

Die linke, längst nicht mehr existierende "Basler AZ" schrieb, seit Amtsantritt von Chefredaktor Alfred Peter seien sieben Redaktoren entlassen wurden. Sechs weitere seien freiwillig gegangen, andere wollten gehen, "sobald sie eine neue Stelle gefunden haben". Betroffen waren vor allem Mitglieder der SJU, die "besonderem Druck" ausgesetzt seien.

Laut der damaligen "Leserzeitung" seien in erster Linie jene über die Klinge gesprungen, "die sich am profiliertesten für die Durchsetzung des fortschrittlichen NZ-Redaktionsstatuts und gegen Pressionen von Grossinserenten und Druckerei-Kunden engagierten".

Auch Abutille war Gewerkschafter, wenn auch "kein Linker", wie der damalige Berliner NZ-Theaterkorrespondent – ja, das gab's noch! – damals in einem Brief bezeugte. Trotzdem sprach die damalige marxistische "Poch-Zeitung" von einer "Säuberungswelle" in einer Zeitung, die sich damals – zum Unwillen Peters – mit Leib und Seele dem publizistischen Kampf gegen das geplante Atomkraftwerk Kaiseraugst verschrieben hatte.

Unter Pharmafirmen und Banken dürfte die Sorge umgegangen sein, hier entwickle sich – kein Jahrzehnt nach Achtundsechzig – ein Revolutionsblatt.

Kritik an Nicht-Anhörung

Die Initianten der "Aktion Abutille" waren der Regisseur Erich Holliger, der linke Soziologie-Professor Arnold Künzli, Gewerkschafter Fred Müller, der Philosoph Hans Saner und der Musiker Jürg Wyttenbach. Am 25. Mai 1976 schickten sie NZ-Chef Peter eine Liste der Persönlichkeiten, die ihren massvoll gehaltenes Protestkärtchen unterschrieben hatten.

Abutilles von der Redaktionsleitung "ohne Anhörung seiner Kollegen von der Feuilleton- und Gesamtredaktion verfügter Weggang" sei "Ausdruck für eine Form von Personalpolitik im Pressebereich, wie die früher auch von der NZ-Redaktion zu recht verurteilt wurde", heisst es darauf. Bemerkenswert ist, dass der Text nur das formelle Vorgehen ("die ultimative Art") der Versetzung kritisiert, nicht aber den Verbleib Abutilles in der Feuilletonredaktion forderte.

Weder Rädelsführer noch Scharfmacher

So moderat im Ton der Einspruch, so unerwartet mächtig entwickelte sich in kürzester Zeit ein Sturm der Entrüstung über diesen einzigen Versetzungsfall – eine Solidarisierungswelle der Intelligenzia, wie sie heute schlicht unvorstellbar ist. Dabei war Abutille in keiner Art Rädelsführer oder Scharfmacher.

Im Aufruf, den Protest zu unterschreiben, heisst es, er sei als Vorstand der Betriebsgruppe "durch ebenso sachliche wie kritische Voten in Erscheinung getreten". Seine "ruhige und überlegene Art", sein kühler Verstand und seine Zurückhaltung" hätten ihm "sowohl in Kreisen des Theaters als auch bei seinen Kollegen viele Sympathien eingetragen".

Dass die Affäre rund um Abutille Geschichte schrieb, dürfte weniger ihm selbst zuzuschrieben sein als vielmehr seiner aktionsbereiten und in der NZ einflussreichen Gewerkschaft SJU, die zusammen mit Sympathisanten des Journalisten als Treiber wirkten.

Zahlreiche solidarische Prominenz

Es hagelte Widerspruch weit über die Region hinaus, auf Peters Chef-Pult stapelten sich die Protestbriefe. Aus Deutschland meldeten sich Kultur-Prominente wie Klaus Staeck und sein Freund Joseph Beuys, Professoren des Deutschen Seminars der Universität Basel bekundeten bei Alfred Peter ihr Befremden über "diese Versetzung" und attestierten Abutille "Sachkenntnis und Verantwortungsgefühl".

Der Romanist Robert Kopp ortete in Abutilles Entfernung "eine weitere Verprovinzialisierung" des Blattes. Auch Adolf Muschg, Werner Düggelin, Hans Hollmann und zahlreiche weitere bekannte Namen unterschrieben. Vielen dürften die Hintergründe des Falls nur wenig bekannt gewesen sein: Es ging ihnen um ein persönliches Zeichen der Solidarität.

Auch wenn Medien am linken Rand in Abutilles Versetzung den weiteren Schritt einer politischen Flurbereinigung sahen, stiess den meisten kritischen Reaktionen der rigide Führungsstil des ehrgeizigen Chefs sauer auf. Ein privater Wegbegleiter: "Alfred konnte brillant sein, aber auch sehr penetrant, ja arrogant."

Der scharfzüngige Mitunterzeichner Reinhardt Stumm, Anfang der siebziger Jahre Feuilletonchef der NZ-Konkurrenz "Basler Nachrichten", schrieb Alfred Peter am 3. Mai 1976, Abutille arbeite "seit einigen Jahren auf einem Posten, auf den er sich nicht selbst gesetzt hat. Ihm jetzt Unfähigkeit vorzuwerfen, ist eine Handlung, die moralisch verwerflich ist". Im Augenblick, "wo Sie den Mann zum Redaktor erst machen, haben Sie einen guten Teil der Verantwortung für diesen Mann übernommen".

Hubacher unterschrieb nicht

Den Protest nicht unterschreiben mochte der damalige Basler SP-Nationalrat und Sekretär des Gewerkschaftskartells, Helmut Hubacher. Ihm scheine "die Verhältnismässigkeit fraglich zu sein", begründete er seine Absenz. "Wenn ich daran denke, wie viele Leute zum Beispiel in der Chemie verschoben, neutralisiert oder mundtot gemacht werden, sofern sie unbequem oder politisch nicht konform sind, dann habe ich Hemmungen, im Falle der NZ mitzumachen".

Ein damaliger NZ-Redaktor, der sich noch gut an die bewegte Zeit zurück erinnert, hat heute noch den Eindruck, Abutille sei in der aufgeheizten Zeit von den Unterzeichnern auch "benutzt worden, um sich zu empören". Doch der damalige Druck auf die Redaktionsleitung war gewaltig. Chefredakor Alfred Peter geriet in Rage wegen des Begleitbriefs, mit den die Initianten auf Signaturen-Sammlung gegangen waren. "Was Sie da nämlich unterschrieben haben, entspricht nicht nur nicht den Tatsachen" – hielt er den Briefautoren ohne Begründung vor –, "es ist dazu noch dumm".

Auch Professor Künzli musste gehen

Abutille nahm die Stelle in der Lokalredaktion dann doch an, kündigte sie aber nach einigen Monaten auf Ende März 1977, weil sie ihm nicht entsprach.

Während sich der Staub um seine Affäre allmählich legte, kam es zu einer Folge-Kontroverse. "Aktion"-Mitinitiator Arnold Künzli, vor seiner Universitäts-Karriere langjähriger NZ-Korrespondent in Rom und damals nebenamtlicher Mitarbeiter der "NZ am Wochenende" mit kleinem Fixum, liess sich die Abfertigung durch Alfred Peter nicht gefallen und bezeichnete sie als "unverschämt und verlogen".

Statt mit Peter, wie von diesem angeregt, ins Gespräch zu kommen, wandte sich der nonkonformistisch geprägte Professor direkt an Herrn Kollega und NZ-Verleger Hans-Rudolf Hagemann, Ordinarius für Rechtsgeschichte an der Universität Basel.

Lange Rechtfertigung auf Seite drei

Damit ging der Politologe in den Augen Peters zu weit: Er erhielt die Kündigung als Mitarbeiter der renommierten NZ-Wochenend-Beilage, was in Basel eine neue, kleinere Welle der Empörung auslöste, aber die gesamte Redaktionsleitung auf der prominenten Seite drei dennoch zu einer langen Rechtfertigung ("Alles andere als ein politischer Fall") der Trennung veranlasste.

Es war das Jahr, in dem schon der Verleger des "Tages-Anzeigers" Autor Niklaus Meienberg wegen seiner kritischen Texte zur Schweizer Geschichte und Gegenwart mit einem Schreibverbot belegte.

In einem Brief an einen Leser in Basel war Alfred Peter die Feststellung ein Anliegen, Abutille habe das Ressort "aus rein fachlichen und keineswegs aus politischen Gründen gewechselt". Diese Darstellung, die den ultimativen Charakter der Versetzung ausblendet, hat aus Peters Sicht eine gewisse Logik, da MCA (so Abutilles Kürzel) weder mit ideologischen Kommentaren im Feuilleton-Teil noch intern mit auffälligen oppositionellen Positionen in Erscheinung trat.

Flurbereinigung vor der grossen Fusion

Doch gemessen an den zahlenmässig beträchtlichen Abgängen gewerkschaftlich organisierter Journalisten erscheint die Akte Abutille eben doch als Teil einer Flurbereinigung – nämlich der Abkehr der NZ von der sozialliberalen Tradition und einer Kurskorrektur nach rechts. Denn ohne Wissen der Journalisten bereiteten Verleger, Verlagsleiter und die Chefredaktion in jenem Jahr 1976 die bis dahin spetakulärste Entscheidung in der Schweizer Medienszene vor.

Die Fälle "Abutille" und "Künzli" erwiesen sich somit wie Ouvertüren zu einer unter strikter Geheimhaltung eingefädelten medienpolitischen Eruption von viel grösserer Tragweite: Mitte November fusionierte die "National-Zeitung" mit den deutlich kleineren liberal-Konservativen "Basler Nachrichten" zur "Basler Zeitung", die sich fortan als "Forums-Zeitung" mittig-neutraler Ausrichtung verstand.

Die "Aktion Abutille" blieb beispielhaft: Nie mehr seither hat die Schweizer Presselandschaft eine öffentliche Solidaritätswelle für einen einzelnen abgesägten Medienschaffenden gesehen.

Vom Chefsessel ins Zeitungsarchiv

Der Dank für seine Rolle als Fusions-Vollstrecker bescherte Alfred Peter, bekannt für sein labil schelmisches Lachen, aber keine blühende Karriere als dekorierter Oberpublizist der ersten grossen Monopolzeitung der Schweiz. Vielmehr holten ihn seine Geschichte und Führungsschwäche schnell ein: Schon im Jahr nach der Fusion ereilte auch ihn eine Versetzung – vom Chefsessel ins Zeitungsarchiv.

Später führte ihn seine berufliche Laufbahn dorthin, wo sein Herz schon als Journalist immer schlug: In die PR-Abteilung des Atomstromkonzerns Atel in Olten.

Der Autor arbeitete von 1974 bis zur Fusion im Frühjahr 1977 in der Lokalredaktion der "National-Zeitung"

Mehr über den Autor erfahren

10. Juni 2020

Weiterführende Links:


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
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"Ich erinnere mich genau so"

Kompliment für Deine so brillante wie genaue Geschichte zur NZ-Lage, als die Fusion ad portas stand. Ich war damals ja auch nur mehr sehr gelegentlicher Mitarbeiter der NZ und hauptamtlich auf der Radioprogrammdirektion, erinnere mich aber exakt Deiner Darstellung entsprechend. Obwohl ja seit 40 Jahren nicht mehr in der Region Basel wohnhaft, bin ich froh um OnlineReports, das mir immer wieder Spannendes aus meiner Heimatstadt unvoreingenommenn gut recherchiert vorsetzt.


Hans Ulrich Probst, Literaturredaktor, Bern




"Wo sonst?"

Grossartig und äusserst verdienstvoll, was Sie hier geleistet haben! So rasch, so fundiert und so eloquent - herzliche Gratulation. Wo sonst wäre so etwas heute möglich!


Pius Helfenberger, Münchenstein




"Interessanter Rückblick"

Vielen Dank für diesen interessanten Rückblick auf ein Stück Zeit(ungs)-Geschichte, und vor allem auch: Herzlichen Dank für den Nachruf auf Mario C. Abutille, den Sie ihm, kurz nach der Todesanzeige, vor einigen Tagen gewidmet haben!


Brigitta Szathmári, Budapest/Basel




"Dramatisch verändert"

Ihr Kommentar zum Tod von Mario Abutille hat mich sehr gefreut: ich kann nur zustimmen. Meine Frau und ich (beide nur ein wenig älter als er) kannten Mario aus der Studienzeit. Damals schien uns eine solche Karriere beneidenswert. Das hat sich dramatisch verändert. Zahlreichen meiner Studienkollegen ging es später sehr mies: Journalist sein ist heute kein Beruf mehr, schon gar keiner mit einer Berufsethik.

Schön, dass es noch OnlineReports gibt: Wir halten Ihnen die Daumen!


Jean-Pierre Meylan, Basel




"Schnell und umfassend"

Chapeau, so schnell und umfassend eine Story aus der Agonie der "National-Zeitung" zu erzählen, ist nicht nur spannend, aber auch verdienstvoll.


Eva Caflisch, Zollikon




"Ein Stück Mediengeschichte"

Informativer Rückblick in ein Stück mediengeschichtlicher Vergangenheit. Ganz herzlichen Dank für die Rückblende.


Thomas Thurnherr, Reinach



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Theater Basel

"Verlorene Illusionen"
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"Gemeinden zufrieden mit ihrem Verband (VBLG)"

Verband Basellandschaftlicher Gemeinden
Titel einer Medienmitteilung
vom 22. November
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Wär hätte das gedacht! Umfragen in eigener Sache als PR-Instrument.

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