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© Foto by Ruedi Suter, OnlineReports.ch
"Seien Sie etwas grosszügiger": Arzt Zafrullah Chowdhury aus Bangladesh

"Wir brauchen Geld – und Sie einen Lebenssinn"

Novartis-Symposium mit Widerstandskämpfern für eine bessere Welt


Von Ruedi Suter


Wie das Leben der Mehrheit aller Menschen aussieht – arm, krank und sorgenvoll –, schilderten Vertreter von Hilfsorganisationen am diesjährigen Symposium der Novartis-Stiftung für Nachhaltige Entwicklung. Die Gäste schreckten auch vor Forderungen nicht zurück: Geld und billigere Medikamente. Eindrücke aus einer paradoxen Veranstaltung.


Leichen, überall Leichen. Und ein paar Totschläger, die unablässig mit Knüppeln und Buschmessern auf Wehrlose einschlagen. Ruanda, April 1994. Eine Kamera hat die Szene festgehalten. Am Ende des Völkermords waren eine Million Menschen tot. Zurück blieben die Überlebenden, ohne Lebensgrundlagen, verletzt an Leib und Seele.

Die "grosse Leere" hatte sich über das Land gelegt. "Man ist ganz allein, man kann sich nach einem Genozid nirgends zurückziehen und weinen. Wenn man aber nicht weinen kann, wird man verrückt." Das sagte Esther Mujawayo (47), die dem Abschlachten entkommen war. Sie sagte es nicht vor einer Untersuchungskommission, nicht vor einem Völkertribunal - sie sagte es bei einer Filmvorführung in Basel, St. Johannquartier, im Auditorium WSJ-510 des Pharmakonzerns Novartis.

Zwischen heissen Steinen und zwiespältigen Gefühlen

Wieder einmal hatte die Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung zur Diskussion geladen. Wieder einmal versprachen die beeindruckende Gästeliste und das Thema "Mehr als nur ein Tropfen auf den heissen Stein" Interessantes über "private Initiativen, welche die Welt verändern". Und wieder einmal hatten wir uns von OnlineReports mit zwiespältigen Gefühlen eingefunden.

Warum thematisiert einer der mächtigsten Pharmamultis der Welt, dessen Vergangenheit, Wirken und Ziele auch immer wieder zu hinterfragen sind, seit 1999 augenfällig entschlossen bislang eher marginalisierte Themen wie Menschenrechte, Umwelt, Entwicklung und Soziales? Aus psychologisch geschickter Imagepflege? Oder aus der Einsicht, dass nur eine rücksichtsvollere Welt nachhaltig profitabel sein kann?

Ewiger Spagat zwischen Big Business und Ethik

Stiftungspräsident Klaus M. Leisinger kennt diese Fragen. Der Professor für Entwicklungssoziologie übt schon seit Dekaden den schmerzhaften Spagat zwischen Big Business und Ethik. Das, was er und seine Mitarbeiter für eine bessere Welt tun wollen, wird allzu oft von beiden Seiten misstrauisch beäugt: Geschäftszirkeln ist er zu sozial und idealistisch, Hilfs- und Menschenrechtskreisen zu abhängig und industriefreundlich. Weiss Gott keine simple Aufgabe. Doch Klaus Leisinger, der weltoffene Charmeur, glaubt – wie sein Chef Daniel Vasella – an die Machbarkeit einer besseren Zukunft. Diese muss man nur gestalten wollen. So versucht er sich als Brückenbauer zwischen den Welten der Armen und Reichen wie auch zwischen den verschiedenen Mentalitäten.

Und so gibt es diese selbst inszenierten Symposien, an denen auch die eigene Firma schon Mal ihr Fett abkriegt, und so fein gedrechselte Willkommensgrüsse ertönen wie jener vom letzten Freitag: "Ich bin mir in diesem Jahr angesichts der Referenten und ihrer Lebensleistung ganz besonders des Risikos bewusst, dass die Intentionen der Novartis Stiftung missverstanden werden könnten: Für viele entwicklungspolitisch Engagierte stellt die Novartis Stiftung nämlich ein mengentheoretisches Paradoxon dar – eine die Gattungsgrenzen übergreifende Chimäre aus multinationalem Unternehmen und einer NGO. Da könnte der Verdacht aufkommen, wir seien bemüht, etwas von dem Licht, das durch unsere Referenten und deren Arbeit erstrahlt, auf unsere Stiftung und die Firma Novartis umzulenken. Das ist jedoch nicht das Ziel: Ziel der Veranstaltung ist, zu zeigen, dass es im wirklichen Leben Dinge gibt, an die sonst nur noch Illusionisten glauben. Ziel ist auch, zu zeigen, dass jeder Einzelne von uns etwas zu tun in der Lage ist, wenn er oder sie dies wirklich will. Das heutige Symposium soll ein Fanal der Hoffnung sein, in einer Zeit, in der so viele Menschen zu resignieren scheinen oder sich abwenden."

"So unglückliche Leute wie in Europa sah ich noch nie"

Beileibe nicht resigniert hat Esther Mujawayo, die Überlebende aus Ruanda. Energisch und voller Wärme berichtet die Soziologin und Autorin des Überlebens-Bestsellers "Ein Leben mehr" von Avega, dieser von ihr und anderen Witwen gegründeten "Organisation für die Witwen des April-Genozids". Die Männer waren tot, die Familien weg, die Häuser und Felder zerstört, Selbsthilfe war überlebensnotwendig. "Wir mussten neue Rollen übernehmen." So wurde Avego mit seinen heute 35'000 Witwen zum Männer- und Familienersatz, zur Wiederaufbauhilfe und zur Rettung vieler traumatisierter Frauen.

Denn diese begannen einige Jahre nach dem geplanten Genozid "psychisch zu sterben". Weil sie vergewaltigt (80 Prozent aller Frauen) und oft sogar absichtlich mit Aids angesteckt worden waren. Eine Riesenaufgabe für Avego, auch heute noch, wie der Film zeigte. Später, in der Diskussion, wird die Überlebende sagen: "Ich frage Sie: Was ist hier los? Ich habe noch nie so unglückliche Leute gesehen wie in Europa. Sie brauchen einen Sinn im Leben, und wir brauchen Geld und Medikamente."

Forderung nach Preis-Reduktionen

Eine Steilvorlage für Zafrullah Chowdhury aus Bangladesh, der die Pharmaindustrie mit dem Herstellen billiger Generika in Rage brachte. Der international bekannte Arzt und Entwickler eines umfassenden Programms für medizinische Grundversorgung in ländlichen Gebieten (Gonoshasthaya Kendra) überraschte seine Gastgeber mit der Bitte, Medikamente nicht einfach zu verschenken. "Ich bitte sie aber: Reduzieren sie die Preise für Medikamente! Forschen sie weiter und geben sie uns das technische Know-how. Seien sie etwas grosszügiger!" Geschenken von Konzernen gegenüber sei man misstrauisch, erklärte Chowdhury OnlineReports. Würde aber Novartis seine Bitte erhören und gegenüber der armen Welt die Preise senken, wäre dies "ein grosser Schritt in die richtige Richtung".

Was bedeutet Armut in Ländern wie Bangladesh mit seinen 140 Millionen Menschen? Der charismatische Arzt versuchte sie vorstellbar zu machen: Ein "wunderbares Land mit lächelnden Menschen", aber zuwenig Essen - 60 Prozent aller Kinder sind unterernährt -, keine Gesundheitsversorgung und jährlich wiederkehrende Zyklone, die oft alles wegfegen und überschwemmen. "Katastrophen wie Katrina gehören zu unserem Alltag." Die wahren Helden Bangladeshs sind für Zafrullah Chowdhury die Frauen. Sie seien intelligent, einfühlsam und hätten einen sicheren Instinkt zum Überleben. Mit ihnen sei es gelungen, die Gesundheitsversorgung für eine Million Menschen auf dem Land sicherzustellen, derweil viele Ärzte lieber Auslandreisen machten. Es gelte, die Gesundheitsversorgung zu entmystifizieren, denn so schwierig sei sie gar nicht. "Überlassen wir sie nicht einfach den Profis."

Als Nothelferin in Deutschland, Zentraleuropa

Aber auch in Europa herrschen Krankheit, Armut und Elend. Dagegen kämpft Jenny de la Torre (51) an, eine "Entwicklungshelferin" aus Peru. Die engagierte Ärztin betreut heute mit ihrer gleichnamigen Stiftung Obachlose in Berlin. "Dass ein Mensch so kaputt gehen kann und nicht mehr in der Lage ist, Hilfe anzunehmen, übertraf meine Vorstellung von Armut", erklärte die Peruanerin bei der Präsentation von Bildern kranker und verwahrloster Deutscher. Für sie ist klar: "Obdachlosigkeit ist eine soziale Krankheit, die schwerwiegende Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit hat."

Betroffenheit und aktive Anteilnahme angesichts des erlebten Elends zeichneten alle Geladenen dieses Symposiums aus. Ex-Schauspieler Karlheinz Böhm spricht gar von "Wut". "Wut über die ungerechte und menschenverachtende Diskrepanz zwischen Arm und Reich" hatten ihn 1981 die "Stiftung Menschen für Menschen" gründen lassen. Inzwischen sind über 130 Schulen gebaut worden – in Äthiopien, wo 53 Prozent der Kinder keine Bildung erhalten. Böhm fühlt sich als Breschenspringer: "Die heutigen Beziehungen zwischen Europa und Afrika sind neokolonialistisch. Wann begreifen wir endlich, die Afrikaner als Partner zu behandeln?"

Die Armut im pittoresken Farbfilm

Mitgefühl könnte man die Motivation von Schwester Ruth Montrichard aus Trinidad nennen, die sich im Hilfwerk Servol für die arme Jugend einsetzt. Bei Namrata Bali, der Generalsekretärin der indischen Frauengewerkschaft mit rund 700 000 Mitgliedern, war es die Erkenntnis, dass sich die arbeitenden Landfrauen organisieren müssen, um eine Stimme zu haben. Zorn und den Drang, selber anzupacken, bewogen Schauspieler Dietmar Schönherr, 1985 im Alter von 59 Jahren die Stiftung "Hilfe zur Selbsthilfe" zu gründen, um im kriegsgeschüttelten Nicaragua das Dorf La Posolera aufzubauen. Seither ist ihm "mein Nicaragua-Engagement das Wichtigste". Heute weiss er, dass es "nicht möglich ist, unserem satten, wehleidigen Publikum die Armut begreiflich machen zu wollen" - auch nicht mit Filmen, die auch noch" das grösste Elend in der Farbfilm-Wiedergabe pittoresk und von morbider Schönheit" erscheinen lasse.

Das waren zwar engagierte, aber der Gastgeberin Novartis oder anderen Grossfirmen gegenüber stets artige Feststellungen. Die Weltkonzerne, die dank ihrer Finanzkraft und Flexibilität heute vielfach mehr Macht und Einfluss auf wirtschaftliche und soziale Entwicklungen haben als Regierungen, wurden – ausser von Chodhury und Mujawayo – kaum in die Überlegungen eingebaut. Einmal musste Klaus Leisinger gar mahnen, nicht allzu "nett" zu werden.

"Notwendig sind grosse Sturheit und Lust an der List"

Kein Netter, aber ein Gerechter und entschlossener Querdenker ist Rupert Neudeck (66). Der Journalist und einstige Jesuiten-Novize fischte zwischen 1979 und 1982 mit einem aus deutschen Spendengeldern finanzierten "riesengrossen Schiff", die "Cap Anamur", vor der Küste Vietnams über 9500 Flüchtlinge ("boat people") aus dem Meer. Neudeck baute mit seiner Frau das Komitee "Cap Anamur" zu einer der glaubwürdigsten Rettungsorganisationen auf und initiierte Einsätze in Afrika, Asien und Europa.

Dies sei nur möglich gewesen, weil er in einer freien Gesellschaft lebe, die Eigeninitiative zulasse, sagte der Deutsche. "Man kann als Individuum und Bürgerinitiative Dinge tun, die uns in unserer Schul- und Staatsweisheit nicht gesungen wurden." Allerdings brauche es oft eine "grosse Sturheit und Lust an der List", um administrative Hindernisse umgehen zu können: "Wenn es um Tod geht, muss man Lust haben, die Behörden auszutricksen."

Als eine grosse Gefahr sieht Neudeck, der unterdessen das Projekt "Grünhelme" leitet - Bau von Schulen, Kliniken, Dörfern -, die heimliche Verstaatlichung der "Kultur der Helfer" und ihrer Nichtregierungsorganisationen. "Das bekümmert mich. Der Staat darf sich nicht in alles einmischen." Von OnlineReports befragt, was er sich von der Novartis erhoffe, erklärte Rupert Neudeck: "Am liebsten würde ich Geld sehen für unsere Projekte. Aber ich erwarte nichts. Ich liess mich einkaufen, weil es wichtig ist zu zeigen, dass auch viel Positives geleistet wird, von dem aber nichts gehört wird." Die Medienschelte vernahmen auch die Symposiumsbesucher: "Stellen sie sich vor: Es gibt Dinge auf der Welt, die gelingen. Das kommt vor, doch darüber wird nichts berichtet. Das ist schade, weil die Erfolge Mut machen und Zuversicht geben." Applaus.

Novartis-Verwaltungsrat: "Tief berührt"

"Was ich heute gehört habe, hat mich tief berührt. Ich leite das weiter", sagte einer aus der obersten Etage der Novartis-Hierarchie: Alexandre F. Jetzer, Mitglied des Verwaltungsrates von Novartis International, Schweiz. Er vertrat Daniel Vasella, und er hatte gleich zu Beginn klar gemacht, dass Aktionäre und "die grosse Mehrzahl der Menschen moderner Gesellschaften von Unternehmen wie Novartis in erster Linie kommerziellen Erfolg auf den globalen Märkten" erwarten. Unternehmen könnten nicht einspringen, wenn der Markt versage und ein Mangel an "good governance" herrsche: "Aber gar nichts machen, ist auch keine akzeptable Alternative. Im Spannungsfeld der gesellschaftlichen Erwartungen muss ein gutes Unternehmen einen Weg finden, der einerseits von möglichst vielen Menschen als fair und gerecht betrachtet wird, andererseits aber jene Handlungsfreiheit offen lässt, die für den unternehmerischen Erfolg gebraucht wird."

Hierzu müssten Alibi-Übungen vermieden, hingegen die – von den Business Schools nicht gelehrte – soziale Kompetenz wahrgenommen werden. Deshalb die Stiftung für Nachhaltige Entwicklung, deshalb das neue Forschungsinstitut für Tropenkrankheiten in Singapur und deshalb die Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation zur Eindämmung von Malaria und Tuberkulose, erklärte Jetzer. Auch dieses Symposium 2005 erlaube es, gemeinsame Lösungen zu finden – und es nachher besser zu machen.

Ob dieses Treffen mehr als nur ein zischender Tropfen auf den heissen Stein ist, mehr als nur ein Gedankenaustausch mit "Unternehmern einer ganz besonderen Art" (Jetzer), kann (noch) nicht beurteilt werden. Unser zwiespältiges Gefühl ist nicht gewichen. Ebenso wenig die Anerkennung, dass Novartis mit diesen Symposien notwendige Diskussionen provoziert, die der Konkurrenz nicht im Traum einfallen würde. Immerhin das, in dieser Welt mikroskopischer Fortschritte.

27. November 2005

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"Diesen Bericht werde ich aufbewahren"

Dies ist ein informativer, deshalb lesenswerter Bericht. Ich werde ihn aufbewahren.


Alois-Karl Hürlimann, Basel




"Wo war die Monopolpresse?"

Vielen Dank für den interessanten Bericht. Einmal mehr hat uns die Monopol-Presse einen spannenden Anlass ohne jede Notiz unterschlagen.


Rolf Keller, Basel



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