© Fotos by OnlineReports.ch
"Basel grösser denken": Neuer Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels
Stadterneuerer Hans-Peter Wessels: Ein knallharter Softy
Der Nachfolger von Barbara Schneider ist lustvoll und überzeugend in sein Basler Regierungs-Amt eingestiegen
Von Peter Knechtli
Seit knapp einem Jahr ist Hans-Peter Wessels neuer Basler Bau- und Verkehrsdirektor. Er nahm seine Aufgabe schwungvoll in Angriff, musste aber auch schon Niederlagen einstecken. Von Rückschlägen lässt sich der leichtfüssige Politiker aber nicht beeinflussen: Auffällig locker, aber knallhart geht er seinen Weg.
Aufgeräumt schreitet Hans-Peter Wessels über den Basler Münsterplatz, an dem sich der Sitz des Basler Bau- und Verkehrsdepartements befindet. Eine spontane Begegnung: Ihm wird die erwachsene Tochter eines engen Mitarbeiters vorgestellt. Er macht keine langen Tänze: "Ich bin der Hans-Peter", stellt sich der Regierungsrat locker und in keiner Weise anbiedernd vor. Das Beispiel zeigt: Selten hat ein regionaler Exekutiv-Politiker so viel spontane Nähe gezeigt wie Wessels, seit 1981 Sozialdemokrat und seit 1. Februar 2009 Mitglied der Basler Kantonsregierung.
Ohne Vater aufgewachsen
Anders als seine Vorgängerin und Parteikollegin Barbara Schneider, die nicht nur ihrer Fraktion zunehmend unnahbar erschien, ist bei Wessels mit Händen zu greifen, wie er die Menschen mag. Trendy logisch, dass er sich, bei zweifelhaftem Nutzen, auf "Facebook" zeigt. Klagt dem 47-Jährigen im Vorbeigehen auf der Strasse eine Bürgerin ihr Baubewilligungs-Leid, so hört er aufmerksam zu – und weiss hinterher auch noch, was ihm die Dame mitteilen wollte.
Keine Spur von Dünkel umwebt den Bau- und Verkehrsdirektor, wenn er sich im Tenü der Abfall-Equipen medienwirksam aufs Trittbrett des Abfuhrwagens schwingt und eine Runde lang Berufsalltag seiner Männer der Stadtreinigung schnuppert.
Wessels kommt selbst von unten. Aufgewachsen in Kanada verlor er im Alter von vier Jahren seinen Vater, einen Südafrikaner, an einem Unfall. Seine Mutter, eine Schweizer Damenschneiderin und Textildesignerin, kehrte mit ihren beiden Söhnen in die Ostschweiz zurück, wo sie knapp durch musste. Die ersten "Gschpönli" des sechsjährigen Hans-Peter, der kein Wort Schweizerdeutsch sprach, waren italienischer und spanischer Herkunft. Später ermöglichten Stipendien dem heutigen Basler Magistraten ein ETH-Studium.
Leichtfüssig, aber knallhart
Doch der leichtfüssige, in seiner Unkompliziertheit und jovialen Art kaum zu überbietende SP-Softy ist alles andere als ein Trittbrettfahrer: Das dürften jene schon erfahren haben, die hinter der dem unprätentiösen Habitus bereits
die günstige Gelegenheit witterten, ihre Interessen besonders einfach durchsetzen zu können. Wessels hört zwar hingebungsvoll zu, doch er verfolgt seine eigenen klaren Vorstellungen von Bau- und Verkehrspolitik – knallhart.
Obschon resultatorientiert, fand die Frohnatur – kaum vorstellbar, dass Wessels wütet – im ersten Amtsjahr nicht immer die Gnade des Parlaments. Mitte Dezember sah er sich gegenüber seinen rot-grünen Genossinnen und Genossen erst zur Mahnung veranlasst, etwas "über die Nasenspitze hinaus zu denken". Dann verweigerten sie zusammen mit der SVP einen Kredit von gerade mal 120'000 Franken an die direkte Buslinie "48" vom Allschwiler Bachgraben zum Basler Bahnhof SBB. Situations-Pech für Wessels: Er war so stark erkältet, dass er sich für die vorgängige Fraktionssitzung entschuldigen musste – und schon war es geschehen. Wessels Kommentar danach: "Ein Betriebsunfall."
Kurz darauf stand Wessels erneut im Regen: Die Linke schmetterte die Aufnahme des Anschlusses Allschwil an die Nordtangente in die Basler Raumplanung gegen seinen Willen ab.
"Gar nicht so grün wie versprochen"
Wer glaubte, Wessels ("Man darf sich nicht ärgern, wenn man Politik macht") ziehe sich nun in den Schmollwinkel zurück, sah sich getäuscht: Nichts Besseres konnte ihm widerfahren. Was zunächst wie ein kräftiger Nasenstüber seines eigenen Lagers aussah, weckte in der Region so viel Unverständnis und Druck, dass der Verkehrsminister bereits zuversichtlich einem Sinneswandel im Grossen Rat entgegenblickt: Dass der "48-er"-Bus ins ÖV-Programm 2010-2013 aufgenommen wird und "erste Fakten" zu Linienführung und Kosten eines Nordtangente-Zubringers Allschwil gesammelt werden. Dies, so Wessels, sei Basel-Stadt dem Partner Baselbiet schuldig.
Schon wird der eine oder andere Vorwurf laut, der linke Hoffnungsträger sei gar nicht so grün wie er als Kandidat versprochen habe. Vor der Wahl habe er in der Quartierzeitung gefordert, die Lebensqualität in den von Fluglärm geplagten Quartieren dürfte "nicht gefährdet" werden. Nach der Wahl habe er erklärt, "punktuelle Beeinträchtigungen durch Fluglärm" müssten "in Kauf" genommen werden.
Die Vorwürfe richten sich an einen Zeitgenossen, der weder ein Auto besitzt noch den Führerschein, der sich vorzugsweise radelnd durch die Stadt bewegt und mit seiner Familie ein Reihenhaus im durchaus gehobenen Neubadquartier bewohnt und besitzt. Wessels ("Ich wohne ziemlich direkt in der Flug-Schneise") gibt zu bedenken, dass der Fluglärm "im zweiten Halbjahr 2008 massiv abgenommen" habe. "Selbstverständlich" aber, bekräftigt er, sei er dafür, dass die Lärmschutz-Abmachungen mit Frankreich eingehalten werden.
Als sich jüngst ein ehemaliger Basler Regierungsrat, Mitglied der Liberalen Partei, im Basler Tram nicht allzu diskret über seinen Mitquartierbewohner Wessels äusserte, mündete die Einschätzung in den Worten: "Der gefällt mir ganz gut. Er ist kein richtiger Linker."
Erste Akzente in der Verkehrspolitik
Wohl vermochte der Vater zweier Kinder im Alter von 13 und 16 Jahren im Wahlkampf seine SP-Basis mit einer gewissen Kampf-Romantik zu beflügeln, doch weder ist Wessels ein Fundi, noch lässt er sich leicht in eine Ecke stellen. Von Berufs wegen Befürworter der Gentechnologie und als früherer Wirtschaftsförderer mit den Erfordernissen der unternehmerischen Standort-Attraktivität eng vertraut, verfolgt der promovierte Biochemiker eine Grundstrategie des Sowohl-als-auch: Flexibel vorgehen, das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Kein Wunder, bringt die OnlineReports-Frage, wo er in seinem ersten Regierungs-Jahr seine "linke Handschrift" hinterlassen habe, den Pragmatiker etwas in Verlegenheit. "Ein gute Frage – (Pause) ich muss mehrheitsfähige Entscheide zustande bringen!", verschaffte er sich rhetorisch Nachdenk-Zeit.
Flugs ortet Wessels den Nachweis seiner politischen Heimat im Verkehrsbereich: Als bisher grössten Erfolg wertet er die – äusserst knappe – Annahme des Rückbaus von Wasgen- und Luzernerring durch das Stimmvolk. Als eine der ersten Amtshandlungen schaffte Wessels die als bürokratische Schikane empfundene Bewilligungspflicht für Velounterstände vor Wohnhäusern ab. Ausserdem will er Radfahrenden und Fussgängern das Leben angenehmer machen: Einbahnstrassen für Velos öffnen, schnelle und sichere Fahrrad-Verbindungen, mehr Tempo 30-Zonen in Wohnquartieren und eine Erweiterung der Fussgängerzone in der Innenstadt.
Architekt des Erneuerungs-Projekts Basel
Keinerlei Berührungsängste zeigte Wessels auch vergangenen August, als die Jungen Grünen 80 Velo-Ärgernisse öffentlich anprangerten: Der neue
Regierungsrat zeigte sich an der Medienkonferenz als gut gelaunter geladener Gast – und versprach Besserung.
Bürgerliche Parteien und das gesellschaftliche Establishment erkannten schnell, dass sie es mit keinem einfach gestrickten Zweirad-Aktivisten an der Spitze des Bau- und Verkehrsdepartements zu tun haben werden. Wessels lässt sich schlecht in herkömmliche ideologische Schubladen einordnen: Er verkörpert eher den Typ des parteipolitischen Neutrums, dem es darum geht, durch Fortschritt, unternehmerische und soziale Prosperität, den unumgänglichen ökologischen Umbau und einer hohen Standortgunst seinen Beitrag zum Volks-Wohl zu leisten.
Was der Architekt des Erneuerungs-Projekts Basel weiter treiben will, kommt an: Bürgerliche halten ihn schon fast zur Hälfte als einen der ihren, seine sozialdemokratische Basis folgt "mit Freude" den parteiinternen "Super-Auftritten" (so ein SP-Mitglied), an denen er mit inhaltlichem Schwung und Überzeugungskraft - auf ungewohnte Art von Gelassenheit überlagert - seine Geschäfte vertritt und durchbringt. So empfahl die SP-Basis letzten Monat die Ablehnung der von den Grünen lancierten Initiative "Der Landhof bleibt grün". Gar mit "Begeisterung" registriert ein prominenter Basler SP-Mandatär die "gute Mischung", mit der Wessels "auf Bestehendem aufbaut, Vertrauen gewinnt und gleichzeitig erste Pflöcke einschlägt".
Markenzeichen: Das krachende Lachen
Variabel ist die Tonalität in Wessels Kommunikations-Stil: Oft fast etwas ländlich, gelegentlich ins Burschikose neigend und von krachendem Lachen – seinem Markenzeichen – unterbrochen, bei Bedarf und in offizieller Mission aber wieder betont bedächtig oder aufs mal gar zuckersüss. Wo nicht
förmliche Zurückhaltung angesagt ist, äussert "Hampe" (so seine Freunde) seine Meinung ungeschminkt und fadengerade, selbst wenn er dadurch seine Parteifreunde mal vor den Kopf stösst.
"Haben Sie Ihr Departement im Griff?", wollte OnlineReports von Wessels wissen. Die Frage schien etwas überraschend zu kommen, wie Wessels eruptives Lachen vermuten lässt. "Alles und jedes" habe er "sicher nicht im Griff". Aber, so der Chef über gegen tausend Staatsangestellte, die BVB-Belegschaft nicht eingerechnet: "Ich will hervorragende Amtsleiter, die Führungs-Crew muss gut aufgestellt sein." Organisatorisch scheint ihm nach der Neuordnung des Generalsekretariats nun der Zeitpunkt gekommen zu sein, departementsintern "die eine oder andere kleine Strukturbereinigung" umzusetzen.
Mehr Tempo bei der Stadt-Erneuerung
Gleich reihenweise stehen Wessels planerische Grossbaustellen ins Haus, die er ohne starke Umgebung, aber auch ohne eigenen persönlichen Einsatz nicht durchsetzen kann. Schon an gegen zwanzig öffentlichen Auftritten zur Zonenplan-Revision übte er Bürgerdialog und Bodenhaftung. Das umstrittene Instrument ist die Grundlage eines Plans, der das städtebauliche Gesicht Basels rasanter verändert als jemals zuvor. Stichworte sind neuer, attraktiver Wohnraum, Stadtrand-Entwicklung mit Hochhauszonen, Erschliessung neuer Baugebiete. Zwar sollen auch weiterhin wertvolle historische Bauten gepflegt und erhalten sowie neue Grün- und Freizonen geschaffen werden. Aber Wessels scheut sich nicht davor, das Kind beim Namen zu nennen: die Bausubstanz "flüssig zu erneuern".
Damit schwenkt er auf eine konfliktträchtige Position ein, die die Liberalen schon vor über zwei Jahren einnahmen, als sie mehr Tempo bei der Stadterneuerung und den "Mut" einforderten, "gewisse Geviert oder Strassenzüge zurückzubauen und neu zu definieren".
"Gepflegter Biergarten" im Kastanienhain
Er will aber auch bestehende Nutzungen hinterfragen, den dem grünen "Landhof" ("im Moment eine geschlossene Veranstaltung") in ein Wechselspiel von genossenschaftlichem Wohnraum und Quartierpark umgestalten. Er will Orte der Stille wie den denkmalgeschützten Münsterplatz beleben, wobei er geradezu ins Schwärmen gerät: "Dieser wunderschöne Kastanienhain" wenige Meter neben der weltberühmten Galluspforte des Münsters biete sich für eine Buvette oder einen "gepflegten Biergarten" geradezu an.
Für die Einsprachen von Anwohner und der reformierten Kirche gegen eine Buvette dürfte Wessels wenig Verständnis zeigen. "Der Münsterplatz von heute hat nichts mit dem Münsterplatz im Mittelalter zu tun. Da herrschte wildes Markttreiben." Das "Chill am Rhy", das "Kulturfluss" im Rhein und die bereits bestehende Kleinbasler Buvette seien "wunderbar und tragen enorm viel zur Lebensqualität bei". Indes: Wessels will "eher weniger" sommerlichen Grossevent-Rummel auf dem Münsterplatz, dafür eine "ruhige kultivierte Nutzung".
Denkmalpflege wird neu positioniert
Angesichts dieser Einschätzung verwundert nicht, dass der oberste Stadterneuerer die kantonale Denkmalpflege, die "gute Arbeit" leiste, neu positionieren will: Diese Amtsstelle werde "zu stark als verhindernde Institution wahrgenommen", lässt der Departements-Chef auch hier eine möglicherweise nicht unbedeutende "kleine Strukturveränderung" erahnen.
Bei seiner Absicht, die Qualität des öffentlichen Raums zu verbessern, das Rheinufer aufzuwerten und "den Plätzen in der Stadt ein Gesicht zu geben", wird Wessels Dialog- und Vermittlungsfähigkeit auf die Probe gestellt werden, will er es mit ruhebedürftigen Stadtbewohnern nicht verscherzen.
Seine Haltung in Fragen der Anbindung Allschwils an den öffentlichen Verlehr durch Tram und Bus macht aber auch deutlich, dass er "vermehrt die Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden" sucht. Zentrale Funktionen müssten "vermehrt ausgelagert" werden. Kirchturmpolitik ist dem Regionalpolitiker, der bis ins Alter von zwölf Jahren die südafrikanische Staatsbürgerschaft besass, fremd: "Wir müssen die Stadt Basel grösser denken." So gehörten der Fachhochschul-Standort Muttenz oder auch Allschwil "zum Zentrum der Region".
Auch wenn Wessels über die Nasenspitze hinausschaut und unkonventionell Grenzen sprengt, lässt ihn das kleine Alltägliche – wie die von OnlineReports publik gemachte Stolperfalle am Bahnhof – nicht kalt. Als sich der Hüter über die Basler Allmend kurz vor dem Jahreswechsel zufällig in der Nähe der frisch markierten Unfallstelle aufhielt, fiel vor seinen Augen eine siebzigjährige Frau der Länge nach hin. Wessels bestürzt: "Dass hier nachgebessert werden muss, ist offensichtlich."
Hören Sie Hans-Peter Wessels im Original-Ton (unten klicken)
6. Januar 2010
Weiterführende Links:
"Der Obama vom Münsterplatz"
Kompliment zum Bericht über Hans-Peter Wessels. In der Tat zeichnen ihn drei Eigenschaften aus: Hans-Peter weiss, was er will und zieht das dann durch. Er ist vielseitig und in der Lage, sich schnell an ein neues Umfeld anzupassen. Und er ist begeisterungsfähig und mitreissend. Vielleicht waren dies die Gründe dafür, dass wir ihn nach seiner Wahl bei uns intern den "Obama vom Münsterplatz" nannten.
Michael Bertram, COO BaselArea, Basel
"Wessels kommt noch besser"
Wessels hat in kürzester Zeit das jahrelange Dauernerv-Thema der Baumfällungen (bis auf einen letzten Fall) gelöst. Vor wenigen Jahren hat er als Wirtschaftsförderer innerhalb einer Stunde zwischen Investoren (einige hundert Millionen) und WWF (250 Kröten) eine Lösung hingezaubert – wozu die Verwaltung monatelang nicht fähig war. Dass er beim "Landhof" nicht meiner Meinung, mit der geplanten Beschneidung der staatlichen Kommissionen auf dem Holzweg und mit der primären Stadterweiterung in die Familiengärten falsch eingespurt ist, tut keinen Abbruch. Man darf ja anderer Meinung sein. Er ist flexibel, rasch und vor allem dünkelfrei: Und Wessels kommt noch besser, geben wir ihm Zeit und Raum und zeigen ihm (bzw. seiner Verwaltung) zuweilen, dass es auch Grenzen gibt.
Jost Müller, Basel