©Foto by Ruedi Suter, OnlineReports.ch
"Nicht akzebtabler Zustand": Klaus M. Leisinger, Silvio Gabriel, Marcel Tanner, Remo Gautschi

Entschlossen vereint gegen die Killerseuche Malaria

Von Basel geht der weltweite Mehrfrontenkrieg gegen eine Geissel der Menschheit aus


Von Ruedi Suter


An Malaria sterben jede Minute zwei Kinder. Im Kampf gegen eine der schlimmsten Seuchen unserer Zeit haben sich Bund, Organisationen und Unternehmen zur "Swiss Malaria Group" zusammengeschlossen: Eine wegweisende Allianz, bei der die Region Basel mit dem Schweizerischen Tropeninstitut und ihren Pharma- und Agrokonzernen eine zentrale Rolle spielt.


Der sonst beschwingte Wissenschaftler machte plötzlich einen seltsam niedergeschlagenen Eindruck. Die Frage, wie gross eigentlich das Interesse der Pharmaindustrie bei der Entwicklung neuer Medikamente gegen die Menschheitsgeissel Malaria sei, beantwortete er damals gegenüber OnlineReports mit spürbarem Bedauern.

Jämmerlich, meinte Marcel Tanner, der Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts (STI) in Basel. In den Chefetagen und Forschungslabors der Pharmakonzerne interessiere man sich ungleich mehr für die Heilung typischer Zivilisationskrankheiten. Klar doch, diese würde ja auch satte Gewinne versprechen, ganz im Gegensatz zu den Behandlungen der zumeist finanziell armen Malariakranken in der "Dritten Welt".

Malaria-Abwehr hat in Basel Tradition

Das Gespräch über die vernachlässigten Krankheiten der Armen in den tropischen Ländern und den wirkungslos gewordenen Monotherapien gegen das Sumpffieber fand 2000 statt. Unterdessen hat der Wind gedreht. Malaria, einst auch in Europa verbreitet und heute – neben Aids und Tuberkulose – die schlimmste Infektionskrankheit, wird derzeit von den Industrienationen wieder ernst genommen. Auch hat Marcel Tanner (56) längst zu seiner alten Zuversicht zurückgefunden. Einer der Gründe liegt in Basel, wo der Pharmariese Novartis seinen Sitz hat. Dieser sei es gewesen, so Tanner anerkennend, der "das Interesse an den lange vernachlässigten Tropenkrankheiten neu geweckt" habe.

Wer da wen beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Fakt ist aber, dass sich in Basel gerade Pharmaindustrie, Universität und Tropeninstitut schon lange wechselseitig befruchten. Gerade auch bei der Bekämpfung der Malaria. Zur Erinnerung: 1944 wurde das STI gegründet - von Biologieprofessor und Industriespross Rudolf Geigy. Dieser war Verwaltungsrat der Basler Chemie- und Pharmafirma J.R. Geigy, in der 1939 der Chemiker Paul H. Müller die Insekten vernichtende Wirkung eines Nervengifts entdeckte – DDT.

Ungeheuer anpassungsfähiger Parasit

Die "Wunderwaffe" aus Basel führte zu einer weltweiten und zunächst auch sehr erfolgreichen Offensive der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen die den Malaria-Erreger übertragende Anopheles-Stechmücke. Doch das masslos versprühte Gift führte zu Umweltschäden, es wurde in vielen Ländern verboten. Um den Malaria-Erreger Plasmodium im Menschen abzutöten, behalf man sich mit verschiedenen Medikamenten wie Chloroquin oder Fansidar. Da diese Heilmittel jedoch nur einen Wirkstoff enthielten (Monotherapie), entwickelte der ungeheuer anpassungsfähige Malaria-Parasit Resistenzen – die Medikamente wurden wirkungslos, die infizierten Menschen starben und das Sumpffieber konnte sich wieder ausbreiten.

Was jetzt? Gesucht war eine resistenzfähige Kombinationstherapie aus zwei Wirkstoffen.

Wieder war es Ciba-Geigy und später ihre Nachfolgerin Novartis, die gegen Malaria die die grössten Anstrengungen unternahmen. Die Basler stiessen 1990 in China auf eine Kombinationstherapie, deren wichtigster Wirkstoff der Strauch des einjährigen Beifusses (Artemisia annua) liefert. Sie verbesserten die Kombinationstherapie auf Artemisinin-Basis (ACT) und nannten sie "Coartem". Obwohl das Mittel laut Novartis mit einer Heilungsrate von 95 Prozent einen durchschlagenden Erfolg hat, schien es zu teuer. Dem begegnete Novartis-Chef und Arzt Daniel Vasella 2001 in Absprache mit der WHO mit der mehr karitativen denn merkantilen Entscheidung, fortan die ACT-Kombinationstherapie zum Selbstkostenpreis abzugeben. Ein Coup, der dem Basler Pharmakonzern bis heute zwar kein Geld, dafür aber viel Ehre einbringt und "Coartem" seither mit 160 Millionen Behandlungen zum meistverwendeten ACT-Medikament überhaupt machte.

Zusammenrücken der Konkurrenten

STI-Direktor Tanner, stets auf Unabhängigkeit bedacht, attestiert Novartis und ihrer um ethisches Wohlverhalten bemühten Stiftung für Nachhaltige Entwicklung die Rolle einer "Vorreiterin" bei der Bekämpfung von Armutskrankheiten wie Malaria. Dass es gerade in diesem Bereich zwischen Leben und Tod nicht immer nur ausschliesslich ums Geschäft gehen kann, stellen auch noch andere Firmen und Institutionen unter Beweis. Dies zeigte sich am Freitag an einer nationalen Medienkonferenz in Basel, die anlässlich des ersten Welt-Malariatages überhaupt abgehalten wurde. Da fanden sich selbst Konkurrenten aus der Privatwirtschaft zusammen, die in der Regel lieber getrennte Wege gehen.

"Grossartig" sei das neue Engagement gegen die Malaria, freute sich Marcel Tanner an der Orientierung im Basler Stadthaus. Was viele Forschende kaum noch glauben wollten, sei in den letzten Jahren tatsächlich wahr geworden: Das Zusammenwachsen einer effizienten Front aus unterschiedlichsten Malaria-Gegnern, entschlossen vereint in der kürzlich aus der Taufe gehobenen "Swiss Malaria Group" (SMG).  Mit dabei sind die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), das Schweizerische Tropeninstitut, das Schweizerisches Rotes Kreuz (SRK), die Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung, Medicines for Malaria Venture (MMV), Solidarmed, die Pharmaunternehmen Novartis und Mepha sowie der Agro-Konzern Syngenta.

Bis drei Millionen Tote im Jahr

Das Ziel der zehn Mitglieder: Mit einem gemeinsamen Kraftakt die WHO-Initiative "Roll Back Malaria" zum Erfolg zu führen. Diese will mit finanzieller, wissenschaftlicher und logistischer Hilfe die lokalen Gesundheitssysteme in den betroffenen Staaten stärken, bis 2010 die Todesfälle um die Hälfte reduzieren und Malaria als öffentliches Gesundheitsproblem eliminiert haben.

"Die vielen Malaria-Toten sind schlicht ein nicht akzeptabler Zustand, da wir heute mit verschiedenen Massnahmen in der Lage wären, die Malaria drastisch zu reduzieren", erklärte Deza-Vizedirektor Remo Gautschi. Das Wechselfieber, wie die Malaria auch noch heisst, fordert jedes Jahr zwischen zwei und drei Millionen Tote. Hinzu kommen zwei Milliarden gefährdete Menschen und 350 bis 500 Millionen Kinder, Frauen und Männer, die frisch angesteckt werden. Im Visier der Swiss Malaria Group sind die Urheber der Plage, ein eingespieltes Team von zwei Gegnern: Die weibliche Anopheles, ein Moskito, und der Parasit namens Plasmodium.

Fieberschübe und Koma und Tod

Der Parasit wird von der Anopheles bei ihrem Bluttrunk am Menschen durch den Stechrüssel in die Blutbahn entlassen, wo er ohne Umschweife mit seinem Vernichtungswerk loslegt. Der Einzeller arbeitet sich in die Leber vor, vermehrt sich dort hemmungslos, verändert sich andauernd und zerstört die roten Blutkörperchen. Die möglichen Folgen für den Menschen: Heftige Fieberschübe, Gelenkschmerzen, Durchfall und Erbrechen. Geht der Befall vom Plasmodium falciparum aus – dieser ist der tödlichste Erreger der insgesamt vier Plasmodien-Arten -, bricht ohne Therapie und im schlimmsten Fall das Immunsystem zusammen – die Kranken fallen ins Koma und sterben an der Malaria tropica.

Um jemanden infizieren zu können, muss sich die in der Dunkelheit aktive Stechmücke vorher selbst infiziert haben – durch einen Stich an einem bereits infizierten Menschen. So entsteht ein ewiger Kreislauf, und die Krankheit wird automatisch weiter und weiter verbreitet. Es sei denn, ihr wird mit der Bekämpfung der Moskitos, mit guter Prophylaxe und wirksamen Medikamenten Einhalt geboten und der Garaus gemacht.

Einzigartiges Know-how in der Region Basel

Just in diesem Bereich habe die SMG und insbesondere ihre Basler Mitglieder STI, Novartis, Mepha und Syngenta weltweit Einzigartiges zu bieten, hiess es an der Medienkonferenz weiter. In der Region Basel, sozusagen dem Hauptquartier der Schweizer Offensive gegen die Malaria, konzentriere sich nicht nur ein einzigartiges Know-how, hier werde auch die notwendige Munition für Prophylaxe und Heilung bereitgestellt.

Konkret: Novartis vertreibt in den Entwicklungsländern das meistverwendete ACT-Medikament. Syngenta produziert ihre "Icon"-Insektizide, mit denen Moskitonetze und Innenräume der Häuser gegen die Anopheles imprägniert werden und mit der sie nach eigenen Angaben zwischen 2004 und 2007 "mehr als 75 Millionen Menschen" vor einer Malaria-Übertragung schützte. Mepha, grösste Generika-Herstellerin der Schweiz und SMG-Initiantin, liefert in betroffene Länder die für die besonders anfälligen Kleinkinder entwickelte Kombinationstherapie "Artequin Paediatric".

"Globale Lösung für globales Problem"

Und das STI als "global führendes Kompetenzzentrum für internationale Gesundheit" betreibt Grundlagenforschung, Diagnostik und Lehre. Dies auch im Austausch mit dem Novartis Institut für Tropische Krankheiten in Singapur und in enger Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern wie Tansania, wo das Tropeninstitut die Malaria zusammen mit der Regierung und der Bevölkerung Verbesserungen bei Prophylaxe, Diagnose und Heilung erforscht. Zudem unterstützt das STI die Novartis Stiftung bei der Abklärung von Erleichterungen im Zusammenhang mit der Erhältlichkeit von Behandlungen und Medikamenten in ländlichen Gegenden.

Es gebe im Vergleich kein anderes Land wie die Schweiz und keine andere Region wie Basel, die derart umfassend gegen die Malaria mobilisierten, meinte Silvio Gabriel vom Novartis-Malariaprogramm. Thomas Teuscher von Roll Back Malaria verwies auf neuste Erfolge bei der Abwehr des Sumpffiebers und betonte die Notwendigkeit eines "globalen Lösungsansatzes für ein globales Problem". Klaus M. Leisinger, Direktor der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung, pries die neue Antimalaria-Koalition als ein "Musterbeispiel" für die Überbrückung von Meinungsverschiedenheiten und ein erfolgreiches Vorgehen gegen das Zwillingsübel Malaria und Armut.

Hoffnung auf Impfung

Dieses fordert heute weitaus am meisten Opfer in Afrika. Wo kaum Geld für den Kauf von insektizidbehandelten Netzen oder ACT-Heilmittel vorhanden ist, die Gesundheitssysteme, die Transportwege und Vertriebsmöglichkeiten schlecht sind, da haben Anopheles und Plasmodium besonders leichtes Spiel. Immerhin sind die Kriegskassen gegen die beiden so voll wie nie zuvor, dank Geldmitteln der Weltbank, der US-Regierung, der Bill & Melinda Gates Stiftung und des "Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria".

Sorgen macht der Swiss Malaria Group aber bereits eine Zukunftsgefahr. Sollte Plasmodium, vor Jahrtausenden schon aktiv, auch gegen die ACT-Kombinationstherapien Resistenzen entwickeln, wäre dies zum jetzigen Zeitpunkt ein katastrophaler Rückschlag. Der Parasit könnte mit keinem Heilmittel mehr bekämpft werden, die Menschheit wäre ihm wieder hilflos ausgesetzt. Eine Tragödie, die auch darum droht, weil skrupellose Produzenten Monotherapien auf Artemisinin-Basis vertreiben, die rasch zu Resistenzen führen können. Deshalb wird in Labors wie etwa jenen der ETH Zürich und des Schweizerischen Tropeninstituts fieberhaft nach zuverlässigen Impfstoffen gesucht. Eine erste Antimalaria-Vakzine mit hohem Schutzfaktor wird zurzeit in Tansania getestet.

Aber selbst mit einem vollwertigen Impfschutz werde die Malaria nicht verschwinden, warnt Marcel Tanner: "Die Wunderlösung gibt es nicht. Es braucht weiterhin eine enge internationale Zusammenarbeit, gute Netze, wirksame Medikamente – und funktionierende Gesundheitssysteme." Anders gesagt: Die Swiss Malaria Group und ihre Basler Exponenten brauchen einen langen Atem gegen ihren Gegner.

26. April 2008

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