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"Dann beginnt der Todeskampf": Rebberg-Opfer Igel*

Die Netze der Weinbauern sind oft des Igels Tod

Die Tierschutzorganisation "Pro Igel" zeigt, wie fahrlässig montierte Rebnetze zu Todesfallen werden


Von Matthias Brunner


Noch ist die Traubenlese im Gang, doch steht jetzt schon fest: Viele Igel werden den Weinjahrgang 2009 nicht überleben. Denn unzählige der niedlichen Stacheltiere bleiben in schlecht verspannten Rebnetzen hängen – und gehen qualvoll zu Grunde. Weinliebhabende können das verhindern.


Ein hungriger Igel ist auf der Suche nach Futter. In seinem Eifer bemerkt er aber das Rebnetz nicht, welches lose auf den Boden reicht: Er verfängt sich in dem Maschengeflecht aus Kunststoff. Verzweifelt versucht er sich aus der Falle zu befreien – und verheddert sich dabei nur noch mehr.

Seine Situation ist hoffnungslos. Denn jetzt folgt der grauenhafte Todeskampf: Fliegen legen ihre Eier auf das wehrlose und erschöpfte Tier ab. Und wenig später schlüpfen Maden aus, um den Igel langsam und bei lebendigem Leib aufzufressen. Am Schluss setzt ein gnädiger Tod den Qualen ein Ende.

Merkblatt für Lesefaule

Dieses entsetzliche Sterben könnte den putzigen und - ökologisch betrachtet - überaus nützlichen Stacheltieren erspart werden, wenn sich alle Winzer an die zehn Gebote für den behutsamen Umgang mit Igeln hielten. Die wichtigsten Grundregeln sind in einem Merkblatt zusammengefasst, das die Forschungsanstalt Agroscope herausgibt und in Zusammenarbeit mit Tierschutzorganisationen erarbeitet wurde.

Zunächst, so raten die Igel-Freunde, sollten die Weinbauern prüfen, ob überhaupt ein Rebnetz erforderlich ist. Müssen aber Netze unbedingt gespannt werden, dürfen keine losen Teile den Boden berühren. Mehrweg-Rebnetze haben an den Enden satt aufgerollt und an den Rebreihen befestigt zu sein. Denn nur so werden sie für die Stachelträger nicht zur Todesfalle.

Wenig Einsicht unter den Winzern

Doch egal, ob nun Mehrweg- oder Einweg-Netze verwendet werden: Es gilt darauf zu achten, dass die Maschen nicht zu weit sind, aus weichem Material bestehen und eine auffällige Farbe aufweisen, damit sie von den ebenfalls gefährdeten Vögeln wahrgenommen werden können.


Ausserdem müssen die Netze regelmässig kontrolliert werden, um allenfalls darin verfangene Igel (Bild) und Vögel aus ihrer hilflosen Lage zu befreien. Wichtig ist zudem, dass die Rebnetze sofort nach Ernte wieder entfernt werden, was oft versäumt wird. Soweit die wohl gemeinten Empfehlungen des Informationsblatts.

Eine Untersuchung der ETH Zürich im Herbst 2008 hat aber ergeben, dass bis heute nur eine Minderheit der Winzer diese Vorsichtsmassnahmen tatsächlich umsetzt. Und dies, obwohl der Igel in der Schweiz als geschützte Tierart gilt. Rebbauern wären also gesetzlich verpflichtet, alles zu unternehmen, damit keine Wildtiere durch Rebnetze ums Leben kommen. Dem folgenschweren Schlendrian der Traubenzunft konnte aber auch dies bislang nichts anhaben.

Probleme in der Bündner Herrschaft

Dies bewiesen jetzt Mitglieder des Vereins "Pro Igel". Sie haben im September verschiedene Rebbaugebiete in der Deutschschweiz und im Tessin untersucht und überraschend unterschiedliche Zustände festgestellt.


Während beispielsweise in den Kantonen Aargau und Zürich die Netze im Allgemeinen gut verspannt waren und die Späher im Tessin generell wenig Rebnetze angetroffen haben, stiessen sie in der Region Sarganser Rheintal und Bündner Herrschaft auf üble Zustände. Insbesondere in den Gemeinden Fläsch und Maienfeld liegen teilweise immer noch Rebnetze einfach lose auf dem Boden - für die Igel ein todbringender Hinterhalt, gegen den auch ihre Stacheln nichts nützen.

 

Einschüchterungen gegen Kritiker

Schlimmer noch: Die Leiterin einer Igelstation** im Kanton Graubünden berichtet von "massiven Einschüchterungsversuchen" durch Winzer gegenüber Leuten, die in Netzen hängen gebliebene Igel entdeckt haben und dies melden wollten. Die Weinbauern dieser Gegend seien sehr einflussreich, sie reagierten bei Kritik an ihrem Verhalten schnell einmal barsch.

 

Die Traubenproduzenten ignorierten die Empfehlungen für die sachgerechte Anwendung von Rebnetzen, kritisiert die Igelspezialistin gegenüber OnlineReports. Was zähle, sei offenbar nur der eigene Profit. Da Winzer ihren Wein hauptsächlich direkt vermarkten können und ihr Absatz gesichert ist, scheine ihnen das Schicksal der Igel egal zu sein.

Weniger Rebnetze im Dreiländereck

Auch in der Region Basel werden die Netze zur Endstation vieler Tierleben. In der zweiten Oktoberwoche entdeckte eine Naturschützerin in der aargauischen Gemeinde Magden schluderig befestigte Netze (Bild), in denen sich zwei Igel und ein Grünspecht hoffnungslos verfangen hatten. Eines der Stacheltiere war bereits tot, doch konnten wenigstens der zweite Igel und der Vogel lebend befreit werden. Die Retterin bat OnlineReports ebenfalls, ja ihren Namen nicht zu nennen. Auch sie befürchtet eine "Retourkutsche" seitens des einflussreichen Weinbauern. Insgesamt aber scheint die Region Basel weniger vom fatalen Netzsterben wilder Tiere betroffen zu sein. Jedenfalls verfügen weder die lokalen Pro Natura-Sektionen noch der Basellandschaftliche Natur- und Vogelschutzverein (BNV) über Hinweise, dass Wildtiere in Rebnetzen in letzter Zeit hängengeblieben wären. Andreas Buser vom Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain weist darauf hin, dass im Baselbiet nur wenige Rebnetze verspannt werden und die hiesigen Winzer für die Problematik sensibilisiert seien.

 

Konsumierende sollen Fragen stellen

Auch in der benachbarten badischen Region halten sich die Rebbauern mehrheitlich an die in Deutschland geltenden Rebnetz-Vorschriften. Dies bestätigte die Leiterin der Igelstation Lottstetten im Landskreis Waldshut. Überhaupt würden Netze nur selten gespannt. Und wenn doch, dann mindestens zehn Zentimeter über dem Boden, so dass die stacheligen Kerlchen gefahrlos unten durchschlüpfen könnten.

 

Grund der verbreiteten Rücksichtsnahme: Die erfolgte Durchführung einer intensiven Aufklärungskampagne. "Rebnetze sind bei uns kaum mehr ein Problem, da immer weniger verspannt werden", versichert Andreas Türmer, Präsident des Tierschutzvereins Weil, auf Anfrage gegenüber OnlineReports.

Pro Igel-Präsidentin Barbara Trentini hat aber nicht nur verantwortungslose Weinbauern im Visier. Sie appelliert auch an die Konsumentinnen und Konsumenten, sich vor dem Kauf beim beim Weinhändler ausdrücklich nach igel- und vogelgerechter Netzbespannung zu informieren. Es gelte jene Weinproduzenten zu belohnen, die Rücksicht auf die Tiere nehmen.

Beim Wein-Kauf allein auf das Bio-Label zu setzen, ist in diesem Fall auch nicht hilfreich: Für biologischen Anbau bestehen keine verschärften Vorschriften.

 

* aufgenommen in der Gemeinde Maienfeld
** Name der Redaktion bekannt

17. Oktober 2009

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