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"Grössere Verbindlichkeit": Initiatinnen Bianca Bärlocher und Erika Maack

Ein neuer Trend erreicht Basel: Stadtbäume unter Beobachtung

"Urban Forestry" am Beispiel der Pfirteranlage – die Bevölkerung soll zum Wohle der Stadtbäume mitreden


Von Monika Jäggi


Ein globaler Trend kommt in Basel an: Urban Forestry. Im Bachlettenquartier wollen Anwohnerinnen für die Bäume auf der Pfirteranlage Verantwortung übernehmen und ihre Entwicklung mit Patenschaften beobachten. Geplant ist ein Dialog mit der Stadtgärtnerei, die darin Potenzial sieht. Der "Verein Ökostadt Basel" ist skeptisch.


Etwas kläglich sehen die Bäume auf der Pfirteranlage aus. In Reih und Glied stehen sie dicht an den Hausmauern im Bachlettenquartier in der Nähe des Zoologischen Gartens. Keine ausladenden Kronen wiegen sich im Wind. Es fehlt der Platz. Auch die Anlage sieht nicht einladend aus. Sie wird deshalb dieses Jahr umgestaltet. Das Mitwirkungsverfahren läuft.

Die geplante Umgestaltung nehmen die beiden Anwohnerinnen Bianca Bärlocher und Erika Maack zum Anlass, ein Baum-Pilotprojekt zu initiieren. "Wir wollen zusammen als Nachbarn eine Patenschaft für die Bäume der Anlage übernehmen und dazu einen Dialog mit der Stadtgärtnerei etablieren", erklärt Bärlocher im Gespräch mit OnlineReports.

Es gibt schon andere Patenschaften

Mit diesem Projekt stellen die Initiantinnen die bisherigen Baumpatenschaften, die 1995 von der Bürgerinitiative "Ökostadt Basel" in Zusammenarbeit mit der Stadtgärtnerei lanciert wurden, auf den Kopf. Damals animierte der Verein Quartierbewohner zur Pflege einer Baumscheibe und zur Bepflanzung dieser mit Wildpflanzen: "Ziel der Patenschaften war es, die Natur in die Stadt zu bringen," erklärt Katja Hugenschmidt, Mitinitiantin der des Projekts und Präsidentin der Bürgerinitiative. "Baumpatenschaften standen im Zusammenhang mit dem Verschwinden der Artenvielfalt vor der Stadt."

Heute sind rund 220 dieser Patenschaften aktiv. Die bepflanzten Baumscheiben verschönern das Strassenbild. Sie schaffen kleine Freiräume, Ambiente und Natur. "Zudem verhindern sie Bodenverdichtung und Baumschäden durch rücksichtloses Parkieren", sagt die stadtbekannte Aktivistin. "Unser Ziel ist es, dem Baum ein Umfeld zu geben, so, dass er als Baum wahrgenommen wird." Sie bezeichnet Baumpatenschaften auch soziale Quartierarbeit. Jemand kümmere sich um den Baum, es gäbe Gespräche. So werde eine Beziehung zum Baum geschaffen.

Konkurrenzierung bestritten

Die Frage taucht auf, ob sich die beiden Patenschafts-Formen – die bereits Etablierte und die erst Angedachte – konkurrenzieren. "Wir sehen dies nicht im Sinne einer klassischen Baumpatenschaft, wie sie in Basel bereits existiert", präzisiert Bärlocher. Vielmehr gehe es um einen bewussten Umgang mit dem Grün auf der Pfirteranlage durch Beobachtungen zur Gesundheit des Baums, zu Ast-Ausbrüchen oder zu Vandalismus.  

Ziel sei es, als Bürgerin Verantwortung zu übernehmen – wie sich das für eine Patenschaft gehöre. "So entsteht eine grössere Verbindlichkeit zwischen der Stadtgärtnerei und der Anwohnerschaft", sind die Initiantinnen überzeugt. Es gehe auch darum, sich gegenseitig zu informieren. "Der Dialog ist unser Grundanliegen." Eine Kollektivpartnerschaft hätte den Vorteil, dass die Verantwortung geteilt sei. Ziehe jemand weg, gäbe es kein Vakuum.

Wald und Stadt kommen sich in die Quere

Die Idee für dieses Projekt hatte Bärlocher, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Wald & Gesellschaft an der Berner Fachhochschule in Zollikofen, im Zusammenhang mit einem neuen Trend: der Urban Forestry, lose übersetzt mit städtischer Baum- und Waldwirtschaft. Sie wurde in den achtziger Jahren in den USA entwickelt. Seither verbreitet sich das Konzept auch in Europa und in der Schweiz. "Im Kern geht es um die zukünftige, nachhaltige Nutzung, Bewirtschaftung und partizipative Gestaltung der oft übernutzten Wälder in der Stadt oder in Stadtnähe", erklärt die Forscherin.

Dazu zählen auch Grünanlagen in der Stadt. Wälder und Baumgruppen sind heute Teil der urbanen Natur und werden von der Stadtbevölkerung als Erholungslandschaft stark genutzt – die Ansprüche steigen. Gleichzeitig stehen sie wegen der baulichen Verdichtung in Städten unter Druck – obwohl ihr Wert für Klima, Lebensqualität und Biodiversität in der Bevölkerung und bei Fachleuten anerkannt ist. Somit stellen sich für Stadtbehörden, Forstbetriebe und Waldeigentümer neue Herausforderungen an den Erhalt von Stadtgrün. "Da möchten wir mitreden", sagt Bärlocher.

Stadtgärtnerei sieht Potenzial

Emanuel Trueb, Leiter der Stadtgärtnerei Basel, ist der Idee nicht abgeneigt: Auch für die Stadtgärtnerei könnte das interessant werden. "Über die Urban Forestry können sich Menschen für unsere Arbeit interessieren", sagt er. Allerdings müssten zuerst Mittel und Wege gefunden werden für Leute, die partizipieren wollen, obwohl sie nicht ausgebildet sind. Auch für ihn ist klar: "Wir brauchen mehr Grün in der Stadt."  

Beim Begriff Baumpatenschaften winkt Trueb allerdings ab: "Der Begriff ist in Basel mit der Pflege und Begrünung der Baumscheiben schon besetzt." Die Initiantinnen müssten einen anderen Begriff verwenden und das Projekt anders aufziehen, findet er.

Keine Mitentscheidung für Bewohner

Je länger das Gespräch mit OnlineReports dauert, desto mehr kommt Trueb in Fahrt, entwickelt Ideen, sieht Möglichkeiten, hat Pläne für das Projekt. So schwebt ihm – etwa unter der Bezeichnung "Freunde der Basler Bäume" – eine Vereinsgründung vor für Menschen, die sich für Stadtbäume interessieren: "Gemeinsam könnten wir ein Mal pro Jahr den Anlass "Baum des Jahres" durchführen, an dem die Stadtgärtnerei seit vielen Jahren einen Baum pflanzt." Der Verein könnte Baumfeste und Aktionstage organisieren und sich von den Baumpflegern der Stadtgärtnerei zum Zustand der Bäume orientieren lassen, schlägt er vor.

Allerdings können künftige Baumbeobachterinnen keinen Anspruch auf eine Mitentscheidung erheben, wenn es um das Wohl der Bäume gehe. "Diese Verantwortung bleibt bei uns", macht Trueb klar. Auch relativiert er das Neue am Projekt: "Wir erhalten viele Telefonate von besorgten Leuten wegen Bäumen." Er weist darauf hin, dass die Stadtgärtnerei jeden Baum auf der Allmend pro Jahr mindestens einmal kontrollieren muss.

"Überzüchtete Designerbäume"

Wie beurteilt Katja Hugenschmidt das "Baumbeobachtungs-Projekt"? Zwar sei es auch heute wichtig, den Stellenwert der Stadtbäume hervorzuheben, aber: "Wo hat es noch Platz für grosse Bäume wie Linden und Ahorn? Es gibt weder in der Luft noch am Boden genug Platz", spricht sie die ihrer Ansicht nach dringenderen Probleme an. "Leitungen sind eine heilige Kuh. Wir wollen jederzeit eine schnelle Internetverbindung, Wasser- und Gasleitungen und es muss immer alles funktionieren."

Platz bliebe oft nur noch für überzüchtete Designerbäume. "Diese bleiben klein und werden nie ein grosses Kronendach bilden. Sie sind für die Verbesserung des Stadtklimas unwesentlich", bedauert sie. Zum angedachten Kollektiv-Baumpatenschaftesprojekt meint sie kurz und bündig: "Das ist ein unreflektierter Trend, der nur einigen Menschen etwas bringt, nicht aber den Bäumen."

Hype gegen Baumfällungen

Die Baumpatenschaften von Ökostadt entstanden Mitte der neunziger Jahre in einer Zeit des politischen Aktivismus. "Später gab es dann diesen Wahnsinns-Hype gegen jede Baumfällung. Viele Leute konnten nicht nachvollziehen, weshalb die Bäume gefällt werden mussten", erinnert sich Hugenschmidt. Obwohl in Basel seit 1980 das Baumschutzgesetz in Kraft ist, wurden die Hintergründe einer Fällung  auf der Allmend nicht publiziert.

Das änderte sich, als 1990 die Platanen-Allee vor der Feuerwehrwache am Schützengraben hätte gefällt werden sollen. Aktivisten kletterten damals auf die Bäume und verlangten die Publikation der Fällgesuche. Der Streifall wurde bis vor das Bundesgericht gezogen – mit Erfolg. Seither muss die Stadtgärtnerei die Liste der zu fällenden Bäume sowie die Begründung dazu jährlich publizieren.

"Darum geht es nicht", antwortet Bärlocher auf die Frage, ob Baumbeobachterinnen zum Protest auch mal auf Bäume klettern werden. "Aber es wäre interessant, mehr über Bäume zu wissen und Bedenken teilen zu können." Da seien natürlich auch Emotionen im Spiel. "Wir sehen die Bäume täglich, da bildet sich eine Beziehung", erklärt auch Familienfrau Maack. Die Stadtgärtnerei könne zudem von der anderen Perspektive der Anwohner profitieren: "Wir beobachten die Bäume auch von oben."

Sympathie und Bedenken

Brigitte Löwenthal, Projektleiterin bei der Stadtgärtnerei und verantwortlich für die Umgestaltung der Pfirteranlage, mag den Ansatz "Ihr habt einen Blick drauf – wir pflegen sie". Es werde heute als Selbstverständlichkeit betrachtet, dass alles "immer grün und gepflegt" aussehe. Übernehme man Verantwortung, sei das gepflegte Grün plötzlich nicht mehr so selbstverständlich.

Ihre Bedenken liegen aber bei der praktischen Umsetzung. Nicht jeder sei ein Baumexperte, was zu Fehldiagnosen führen könnte. "Stadtbäume sind extrem unter Stress. Das heisst aber nicht, dass sie absterben", erklärt die Landschaftsarchitektin.

Sie erwartet, dass das Projekt – vor allem, wenn es über die Pfirteranlage hinausgehe – einen Mehraufwand für die Stadtgärtnerei bedeute. Löwenthal denkt an Meldungen von Baumschäden, die sich bei einer Kontrolle als Falschbeobachtung herausstellten. Darum sei es gut, das Projekt mit einer kleinen Grünanlage wie der Pfirteranlage zu starten, um in diesem Versuchsfeld erste Erkenntnisse in der Zusammenarbeit mit der Bevölkerung zu gewinnen.

Kein konkreter Start-Zeitpunkt

Einen konkreten Zeitpunkt für den Start dieses Baumbeobachtungs-Projekts kann Baerlocher allerdings nicht nennen. "Ins Gespräch mit der Stadtgärtnerei können wir immer kommen", ist sie überzeugt. Auch eine Vereinsgründung sei nicht als Erstes geplant: "Es wäre allenfalls interessant, den Quartierverein zu informieren." Im Moment hat die Umgestaltung der Anlage Priorität. Für Trueb wäre der Start eines solchen Projektes allenfalls später denkbar – nach der Neugestaltung der Pfirteranlage.


Dieser Beitrag war dank des OnlineReports-Recherchierfonds möglich.

22. Januar 2016

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