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"Wie im Tierreich": Urin-Schwemmgebiet Basler Münsterplatz

Nach "Euro"-Urin-Schwemme: Angst vor Vegetations-Schäden

Stadtgärtnerei muss Pärke und Plätze wässern, um die Hinterlassenschaften der "Euro 08"-Pisser zu verdünnen


Von Peter Knechtli


Das Problem gab es schon immer, aber die "Euro 08" hat es akzentuiert: Männer finden es immer weniger anstössig, im Stadt-Raum öffentlich zu pinkeln. Die Basler Stadtgärtnerei muss jetzt Pärke und Plätze wässern, um drohenden Schäden an Bäumen, Sträuchern und Pflanzen vorzubeugen.


Passanten auf dem Basler Münsterplatz staunten heute Montagmorgen: Obschon die Region eine Regennacht hinter sich hatte, wurde die Kiesfläche unter den grossen Kastanien, die während der "Euro 08" zu den Fan-Zonen gehörte, mit zwei Rasensprengern gewässert. Grund: Obschon während des Fussball-Festes zahlreiche mobile "ToiToi"-Anlagen zur Verfügung standen, stillten viele Bierfreunde ihren Harndrang im Freien. "Grosse Mengen Urin", so ein Mitarbeiter der Basler Stadtgärtnerei zu OnlineReports, seien in den Boden versickert. Es bestehe die Gefahr, dass die mächtigen Kastanien Schaden nehmen könnten. Der Junglast im Müsterplatz-Boden werde mit der Wässerung vorgebeugt: So werde die Urin-Menge auf ein unbedenkliches Mass verdünnt.

"Drang steigt, Hemmung sinkt"

Nicht immer liessen es die trinkenden Passiv-Sportler beim Pinkeln bewenden: Im Elisabethenpark, wo beispielsweise holländische Fans übernachteten, verrichteten Fussball-Touristen "auch ihr grosses Geschäft", wie der Arbeiter aus eigener Anschauung weiss. Deshalb wurde dieser neu gestaltete Park schon während der Grossveranstaltung gewässert. Auch am Unteren Rheinweg rund um die Kaserne floss Wasser aus den Schläuchen der Stadtgärtnerei, um Schaden von der Vegetation abzuwenden.

Das männliche Phänomen, sich öffentlich Erleichterung zu verschaffen, ist nicht neu. Aber die Grossveranstaltung "Euro 08" übte so etwas wie eine Legitimationswirkung aus. Das öffentliche Urinieren im städtischen Raum, aber auch in Parkanlagen "ist ein Thema", bestätigt der Basler Stadtgärtner Emanuel Trueb (Bild) gegenüber OnlineReports. "Gewisse kulturelle Errungenschaften wie Anstand und Scham gehen verloren. Gewisse Männer verhalten sich immer häufiger wie im Tierreich", findet Trueb deutliche Worte für einen Aspekt der gesellschaftlichen Vergleichgültigung. "Insbesondere unter Alkoholeinfluss steigt der Drang und sinkt die Hemmung, irgendwo hinzubrünzeln."

Stadtgebiet einfacher zu schwemmen

Was Basel während der "Euro" erlebte, war allerdings nicht unerreicht. Noch ärger traf die Urin-Welle die Stadt Zürich, wo sich die Fan-Zonen im Grünbereich am See befanden - ideale Plätze, um sich das "stille Örtchen" gemütlich hinter einem Busch oder am Seeufer auszuwählen. In Basel pinkelten Notdürftige in die Gassen und an Hausfassaden. "Das stinkt zwar mehr, ist aber einfacher zu schwemmen", weiss Stadtgärtner Trueb.

Die Kosten der Urin-Nachbehandlung bleiben am Basler Staatshaushalt hängen - "im Rahmen des ordentlichen Unterhalts der Stadtgärtnerei", wie Trueb bestätigt.

Öffentlicher Raum immer dichter belegt

Das Pinkel-Problem ist aber nur ein Aspekt, der von einer Grundsatzfrage überlagert wird. "Diese Dichte an Belegung des öffentlichen Raums durch kommerzielle Nutzung führt zwangsläufig zu Schäden", zieht Emanuel Trueb nüchtern Bilanz. Kaum war beispielsweise die Fanzone "Münsterplatz" abgebaut, fuhren auf der benachbarten Pfalz die schweren Mobil-Krans aus, die Container ans Rheinufer beim Steg der Müsterfähre absenkten (Bild), wo demnächst "Chillen am Rhein" angesagt ist. "In diesem Bereich konnten wir nicht einmal das Gröbste an Pflege erledigen", so Trueb weiter.

Auf dem Münsterplatz rissen schwere Fahrzeuge dicke Äste von den Bäumen, andere Einrichtungen belasteten den Kiesplatz unter den Baumkronen. Stadtgärtner Trueb: "Für eine so intensive Nutzung ist diese Anlage nicht gedacht."

Begehrte Grün-Räume

Doch immer öfter identifizieren Event-Manager gemütliche Grünflächen und Pärke als Veranstaltungsräume. Nach Informationen von OnlineReports hatte der Zirkus Knie schon ein Auge auf den Schützenmattpark geworfen - erfolglos allerdings. Unter dem Druck der "Eventstädtler" (Roger Thiriet) verändern sich jedoch Erscheinungsbild und Funktion von Grünanlagen. So war die am Messeplatz gelegene Rosenthal-Anlage einst ein grüner Park - heute ist sie ein Kiesplatz mit Grünumrandung, auf dem jährlich acht bis zehn grosse und kleinere Veranstaltungen stattfinden. "Wenn wir hier Bäume setzen wollten, hätten wir keine Chance, dass sie überleben", beschreibt Trueb die Rauheit der Event-Zentren.

Angesichts der Trends zu mehr und grösseren Veranstaltungen drängt sich laut Emanuel Trueb in der politischen Debatte eine "Klärung" auf: "Wie müssen städtische Räume aussehen, damit sie genutzt werden können? Und wo sollen welche Formen der Nutzung Platz haben?" Den Messeplatz bezeichnet der Stadtgärtner ebenso als "Musterplatz für kommerzielle Nutzung" wie der Ereignis-Platz, der auf der Erlenmatt vorgesehen ist.

In der Event-Frage befindet sich der Kanton allerdings in einem gewissen Zielkonflikt: An jeder grösseren Veranstaltung verdient er mit. Dies dürfte indes kein Grund sein, die von Trueb geforderte "Klärung" auszusitzen.

7. Juli 2008

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