© Screenshot EvB
"Schuldig oder nicht schuldig?": Kampfmittel Online-"Gericht"

Online-Justiz gegen Syngenta-Pestizid

Entwicklungs-Organisationen attackieren den umsatzträchtigen Wirkstoff Paraquat mit einer nicht ganz einwandfreien Internet-Kampagne


Von Ruedi Suter


Mit einer neuartigen Mobilisierung der Öffentlichkeit wollen gegen zwei Dutzend Organisationen um die "Erklärung von Bern" den Basler Agrochemiekonzern Syngenta zum Umdenken zwingen: An einem "Öffentlichen Gericht" im Internet sollen die Bürgerinnen und Bürger ihr "Urteil" über das umstrittene Pestizid Paraquat fällen. Das Online-Plebiszit ist aber manipulierbar.


Der Geduldsfaden ist gerissen, ab jetzt wird scharf geschossen. Im Visier: Der weltgrösste Agrochemiekonzern - die Syngenta mit Hauptsitz in Basel. Ihr wirft eine gewichtige Gruppe von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) - worunter Swissaid und Helvetas - unter der Führung der "Erklärung von Bern" (EvB) in der nun anrollenden Kampagne Hässliches vor: Der Multi nehme trotz jahrelanger Gespräche und Mahnungen "Opfer in Kauf" - mit dem Verkauf des Unkrautvernichtungsmittels Gramoxone. Dieses vergifte, so empören sich die Kritiker, jedes Jahr "Zehntausende" von Frauen und Männern. Und manchen helfe es gar, unkompliziert Selbstmord zu begehen. Die Vorwürfe wiegen schwer, insbesondere gegen einen Konzern, der sich - im Gegensatz zur Mehrheit der ausländischen Konkurrenz - explizit auch soziales Wohlverhalten auf die Fahne geschrieben hat.

Denn es war Syngenta, die den in Gramoxone enthaltenen Wirkstoff Paraquat entwickelte. "Seit mehr als 40 Jahren benutzen es Landwirte in aller Welt, um Unkraut wirksam und sicher zu bekämpfen", lobt die Firma ihr Wundermittel, das in über 120 Ländern eingesetzt wird. Das Pestizid spült Syngenta zünftig Geld in die Kasse, es ist ein exzellentes Geschäft. Nur wenige bezweifeln, dass kaum ein anderes Pestizid so erfolgreich ist wie Paraquat. Wo es versprüht wird, wächst so schnell keine "nutzlose" Pflanze mehr.

"Paraquat schafft Mehrwert"

Überdies ist Paraquat für viele Pflanzer erschwinglich: Es kann selbst von Kleinbauern in Italien, Senegal, Thailand, Costa Rica oder anderswo gekauft und eingesetzt werden. Als guten Gegenwert, sagt Syngenta, erhalten die Anwender für ihren Herbizideinsatz ertragsreiche Ernten. Diese wiederum hülfen, die Ernährung der schnell wachsenden Bevölkerungen in der Dritten Welt zu sichern.

Syngenta-Sprecher Medard Schönmäckers rühmt das Produkt gegenüber OnlineReports: "Der weltweite Einsatz von Paraquat bringt der Nahrungsmittelproduktion wie auch der nachhaltigen Landwirtschaft substantielle Gewinne. Und die Farmer sind von seinem Mehrwert begeistert." Auch gebe es bis heute zu Paraquat keine wirkliche Alternative, seine radikalen Eigenschaften im Kampf gegen die vom "Unkraut" bedrängten Felder und Plantagen seien konkurrenzlos, versichert Schönmäckers.

Falsche Anwendung, ungenügender Schutz

Doch die Organisationen, die jetzt gegen die Killer-Substanz mobil machen, bekämpfen in erster Linie die offensichtlich problematische Anwendung des Mittels auf den Monokulturen der Bananen-, Kakao-, Kaffee-, Baumwoll-, Palmöl-, Ananas-, Melonen-, Gummi- und Zuckerplantagen. Viel zu oft, so ihr Vorwurf, werde das Spritzmittel falsch aufbewahrt und angewendet. Zu oft werde es auch unbedarft ohne die vorgeschriebenen Schutzkleider versprüht, weil zum Beispiel Handschuhe, Schutzbrillen und Stiefel in den Tropen die Menschen zum Schwitzen bringen - oder gar nicht erhältlich seien. Und viel zu oft könnten die einfachen Bauern auf den Herbizid-Behältern die Gebrauchsanweisungen nicht lesen und die oftmals verwirrenden Piktogramme nicht deuten.

Das Problem-Muster ist bei weitem nicht neu: Es erinnert an die Affäre um das heftig umstrittene Pestizid Galecron von Ciba-Geigy: 1988 beschloss die Syngenta-Vorgängerfirma, Produktion und Verkauf einzustellen.

Die alten Vorwürfe, wonach giftige Chemikalien immer wieder unsachgemäss versprüht werden, sah EvB-Mitarbeiter François Meienberg auf seiner jüngsten Reise in Pakistan neu bestätigt. "Keiner der von uns befragten Anwender schützte sich korrekt vor den Risiken von Gramoxone", sagte er gegenüber OnlineReports. Obwohl kein Anti-Agrochemie-Fundamentalist, hätten ihn seine Beobachtungen "schockiert".

"Syngenta weiss um unsachgemässe Anwendung"

Als Leiter der Paraquat-Kampagne stehe er mit den Verantwortlichen in der Syngenta grundsätzlich in gutem Einvernehmen. Allerdings versteife sich Syngenta auf das Argument, dass eine korrekte Anwendung des Giftgebräus ungefährlich sei: "Das stimmt auch. Unsere Anklage lautet aber, dass Syngenta im Wissen um die unsachgemässe Anwendung von Paraquat vor allem in Entwicklungsländern mit häufig tödlichen Folgen dem Verkauf dieses Mittels trotzdem weiterhin forciert."

Seine Firma habe sich nichts vorzuwerfen, kontert Syngenta-Sprecher Medard Schönmäckers. Sie arbeite dauernd an den Verbesserungen der Gebrauchsanweisungen und der Informationen im Internet (www.paraquat.com). Vor allem aber gebe es genügend Gutachten, genügend strikte Staaten wie etwa die USA , England, Deutschland oder EU-Stellen und genügend internationale Gremien wie die Weltgesundheitsorganisation WHO oder das Ernährungs- und Landwirtschaftsprogramm FAO, die den Unkrautvertilger anerkennen würden: "Paraquat bringt Millionen von Bauern riesige Vorteile, und es ist auch sicher, wenn es gemäss unseren Vorschriften angewendet wird. Deshalb werden wir für unsere Millionen-Kundschaft weiterhin Paraquat produzieren, vermarkten und verbessern."

Im Internet wird die "Schuldfrage" gestellt

Das wollen weder die "Erklärung von Bern" noch die gegen zwei Dutzend Schweizer NGO weiter akzeptieren. Den "Unkräutern" könne erfahrungsgemäss mit sanfteren Methoden zu Leibe gerückt werden. Jedenfalls dürfe das "giftigste Pflanzengift", zitieren die Paraquat-Gegner Studien, nicht mehr zu Haut- und Augenschäden, Schädigungen von Finger und Zehennägeln, Hirnerkrankungen oder - nach einer Einnahme - zu Organschäden oder Atemstillstand führen.

Sie geben sich entschlossen, den auf Paraquat zurückzuführenden Vergiftungen endgültig den Riegel zu schieben. Und zwar mit einer in der Schweiz noch wenig bekannten Taktik. Diese basiert auf einem "Öffentlichen Gericht" und auf zwei Fragen, die an die ganze Schweizer Bevölkerung gerichtet sind: "Schuldig"? Oder "nicht schuldig"?

Mit solchen "Schuldfragen" werden sich in Zukunft Schweizer Grosskonzerne konfrontiert sehen, die nach Auffassung der "Erklärung von Bern" rücksichtslos vorgehen und ein Geschäftsgebaren an den Tag legen, das vor allem den Menschen in Entwicklungs- oder Schwellenländern schadet. "Fehlbare" Firmen, hinter denen denkende und fühlende Menschen stehen, sollen nach dem Prinzip des "naming and shaming" genannt, beurteilt und notfalls öffentlich an den Pranger gestellt werden.

"Urteil" kann manipuliert werden

Mit dem "plebiszitär erzeugten Imageverlust", erhofft sich die Organisation, werden die aus der Schweiz operierenden transnationalen Unternehmen zu einem rücksichtsvolleren Verhalten im Ausland motiviert werden können. "Diese Praxis haben wir in Davos an den jährlich am Rande des Weltwirtschaftsforums WEF verliehenen 'Public Eye Awards' erfolgreich angewendet. Sie praktizieren wir nun auch in Abstimmungskampagnen, die über das Internet geführt werden", so EvB-Mediensprecher Oliver Classen.

Das "Öffentliche Gericht" (Fragestellung: "Macht sich Syngenta Ihrer Meinung nach schuldig?") ist vor allem ein virtuelles Kampfmittel. So könne sich die - zuvor durch eine Informationskampagne ins Bild gesetzte - Bevölkerung im Internet (www.paraquat.ch) oder auch per Postkarte "demokratisch" an der Beurteilung des "Falls Paraquat" beteiligen. Im Web werden Usern zwar auch die Argumente von Syngenta nicht vorenthalten, doch kann das Urteil zumindest bei der Eingabe manipuliert werden. OnlineReports gelang dies problemlos. Klicks auf "schuldig" oder "nicht schuldig" mit falschem Namen und falscher E-Mailadresse kamen glatt durch. Refüsiert wurde lediglich der Versuch, die gleichen Daten doppelt zu platzieren. Nicht ganz so "demokratisch" ist auch die Auswertung: Wer auf "Zwischenstand" klickt, erhält nur die Anzahl der "Schuld"-Sprüche geliefert, die Zahl der "Unschulds"-Voten wird unterdrückt. Dazu Oliver Classen: "Wir werden die Eingaben überprüfen."

"Chiquita" verzichtet auf Paraquat

Eine Herkulesarbeit, sollte der Grossteil der 50'000 angepeilten Urteile auch tatsächlich eingehen. Fällt das Verdikt - wie von den Kampagne-Teilnehmern erhofft - ungünstig aus für den Basler Multi, werde dies für Syngenta "unbequeme Konsequenzen haben", droht die EvB. Denn bereits hätten beispielsweise die skandinavischen Länder Paraquat verboten. Und selbst der Bananen-Multi "Chiquita" habe das Herbizid aus seinen Plantagen verbannt. Nicht zuletzt, betont François Meienberg, sei Paraquat auch in der Schweiz geächtet - und seit 1989 aufgrund der hohen akuten Toxizität für den Menschen "nicht mehr zugelassen".

Etwas, das Syngenta-Mediensprecher Medard Schönmäckers ganz anders formuliert haben will: "1989 hat Syngenta aus markttechnischen Gründen beschlossen, die Registration für Paraquat nicht mehr zu erneuern."

26. September 2006

Weiterführende Links:


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"Schutzvorrichtungen unerreichbar und unerschwinglich"

Vielen Dank für den informativen Artikel. In Nicaragua habe ich selber erlebt, wie Menschen mit Agro-Chemikalien umgehen: Völlig unbeschwert, als ob es Wasser wäre. Die allermeisten waren, mangels Schulbildung, nicht in der Lage den Text auf dem Behälter lesen zu können. Schutzvorrichtungen wie Gummistiefel oder - Handschuhe hätte es ev. in der Hauptstadt Managua zu kaufen gegeben, unerreichbar und unerschwinglich. Das kümmert die Menschen nicht.

 

Was aber passiert, wenn die Folgen nicht unmittelbar mit der ursächlichen Substanz in Verbindung gebracht werden können?

 

In Honduras haben wir salvadorianische Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder, an der Grenze abgeholt, die all ihr Hab und Gut auf sich trugen, mehrere Tage auf Fusspfaden durch die Berge unterwegs. Das Trinkwasser trugen Einzelne in 5-Liter-Plastikkanister mit der Aufschrift von Agrochemie-Firmen mit sich.

 

Was passiert mit all den Menschen, die schleichenden, respektive orgenschwächenden Wirkungen von Chemikalien ausgesetzt sind, bei denen die Zusammenhänge nicht augenfällig werden? Diese Menschen merken nicht einmal, weshalb sie krank werden oder gar sterben.


Viktor Krummenacher, Bottmingen




"Ohne Unterstützung des WWF"

Wer sich zum Pflanzenschutzmittel Paraquat informieren will, dem möchte ich sehr gerne die beiden Internetseiten www.paraquat.com und www.paraquat.ch empfehlen, die dabei ganz gegensätzliche Ansichten vertreten. Das Logo des WWF Schweiz und die dazugehörigen Texte auf der kommerziellen Paraquat-Seite wurden unterdessen auf Druck des WWF entfernt.


Andreas Bamert, Tuggen




"Die Firma macht sich schuldig ..."

Die Firma macht sich schuldig unter dem Gesichtspunkt einer sozial und ökologisch verantwortlichen Wirtschaft.


Marius Cottier, Fribourg




"Multinationale Firmen leisten respektablen Grosseinsatz"

Die "Erklärung von Bern" disqualifiziert sich selbst. Der Ansatz ist billig und - wie richtigerweise festgestellt wird - manipulierbar. Multinationale Firmen leisten einen sehr respektablen Grosseinsatz im Bereich "product stewardship" (Verantwortung für ein Produkt von der "Wiege bis zur Bahre"). Es ist sicher nicht im Interesse von Syngenta, Produkte zu vertreiben, deren Risiken grösser als ihr Nutzen sind. Soziale Verantwortung wird bei Syngenta sehr ernst genommen. Keine ethischen Skrupel haben hingegen lokale Generika-Anbieter. Viele Tonnen Pestizide "lagern" in durchrostenden Fässern irgendwo in Afrika und Asien. Obwohl unschuldig, haben hier die Multinationalen auf eigene Kosten "fremden Dreck" entsorgt. Dies als Beispiel an die Adresse der "Berner".


Christoph Buxtorf, Basel




"Hohe akute Toxizität von Paraquat für den Menschen"

Der Sprecher von Syngenta macht seinem Namen alle Ehre, wenn er sagt, Syngenta habe 1989 "aus markttechnischen Gründen beschlossen, die Registration für Paraquat nicht mehr zu erneuern." In der Antwort des Bundesrates vom 20. November 2002 auf ein Postulat Zisyadis, Paraquat zu verbieten, heisst es: "Pflanzenschutzmittel (PSM) dürfen in der Schweiz nur in Verkehr gebracht werden, wenn sie zugelassen sind (...). PSM, welche den Wirkstoff Paraquat enthalten, sind in der Schweiz seit dem 31. Dezember 1989 nicht mehr zugelassen, dürfen also seit diesem Datum nicht mehr in Verkehr gebracht werden. Die Schweiz hatte mit dieser restriktiven Massnahme schon damals auf die hohe akute Toxizität von Paraquat für den Menschen - insbesondere bei missbräuchlicher Verwendung - reagiert." Nachzulesen unter search.parlament.ch/cv-geschaefte


Balz Engler, Basel




"Diese Organisation ist nicht mehr glaubwürdig"

Die Erklärung von Bern ist eine linke Organisation, denen es nur darum geht, Industriefirmen zu verunglimpfen.Wenn eine Organisation nur Schuld-Sprüche liefert und die Unschulds-Voten unterdrückt, so ist diese Organisation nicht mehr glaubwürdig.


Felix Schäfli, Hersberg



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