© by Ruedi Suter, OnlineReports.ch


Warnung vor dem Totschläger im eigenen Kopf

Nicht verdrängen, beherzt hinschauen. Nicht vertuschen, mutig aufklären: Die Soziologie-Fachleute suchten an ihrem Basler Kongress friedliche Kampfmethoden gegen den Krieg.
Basel, 15. September 2007

Kriege müssen in der Öffentlichkeit intensiver, objektiver und kritischer thematisiert werden. Ebenso ihre Ursachen, Abläufe, Auswirkungen – und natürlich auch ihr Ende. Alles Forderungen, welche die meisten Medien je länger desto weniger zu erfüllen im Stande sind. Weil sie zu wenig unabhängig und ehrlich sind, zu wenig investieren, riskieren und hinterfragen. Dies dürfte eine der wichtigsten Schlussfolgerungen des am Freitag zu Ende gegangenen internationalen Kongresses "Krieg" der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie sein.

Drei Tage rangen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt mit dem tausendköpfigen Monster Krieg, versuchten mit viel Wissen, viel Datenmaterial und unterschiedlichem Geschick Analysen vorzustellen, Friedenslösungen anzudeuten und, eher selten, konkret fassbar zu machen, was drei tschetschenische Frauen als Direktbetroffene am Basler Kongress mit schlichten Worten und Gesten zum Ausdruck brachten:

Mit Aufklärung gegen Desinformation

Krieg ist so entsetzlich, dass er nicht nur verwundet, tötet und zerstört, sondern letzten Endes auch alle heillos überfordert. Selbst jene, die ihn "nur" studieren oder "nur" über ihn berichten müssen. Und trotzdem, so eine Forderung des Zürcher Soziologieprofessors Kurt Imhof, müsse sich die Soziologie mehr denn je als "Aufklärungswissenschaft" verstehen. Klar, dass diese auf engagierte Verlage und Medienschaffende zählen möchte.

Kein Zweifel herrschte, dass fortlaufende Recherchen, Analysen und Aufklärungen notwendig sind. Zumal die Kriege um die Sicherung der rasch knapper werdenden Ressourcen zunehmen dürften und sich die Kriegstreiber jeder Couleur zur Durchsetzung ihrer Interessen und gegen ihre Demaskierung immer mehr legaler oder illegaler Mittel bedienen. Diese können von der gut geölten PR-Maschinerie über die Streuung bewusster Falschinformationen bis hin zu Geheimdienstaktionen und vorfabrizierten Kriegsgründen reichen. Als ein typisches Beispiel wurde der amerikanisch-englische Irak-Feldzug genannt. Oder die folgenschweren Anschläge auf das New Yorker World Trade Center, bei deren Urheberschaft für den Basler Historiker Daniele Ganser zentrale Fragen immer noch unbeantwortet sind. "Wir wissen nicht, was genau passiert ist."

"Mit der Unsicherheit leben lernen"

Zum Schluss, dass in der Bush-Regierung und seiner Entourage weiterhin gelogen, vertuscht und manipuliert wird, kommt der deutsch-iranische Politologe Ali Fathollah-Nejad von der Universität Münster. Seriöse Friedensangebote der Iraner hätten die Amerikaner einfach in der Schublade verschwinden lassen. Möglicher Grund: "Ein Militärschlag gegen den Iran ist beschlossene Sache. Präsident Bush braucht nur noch das 'Go!' zu befehlen." Mit neuen Terroranschlägen und tödlichen Konflikten, dies der allgemeine Tenor, müsse eher vermehrt gerechnet werden. Ebenso mit der Verdrängung laufender Völkermorde wie jener im sudanesischen Darfur.

Es sei daher "ratsam", so Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam zum Abschluss des Kongresses, "mit der Unsicherheit und dem Restrisiko leben zu lernen". In Zeiten der Globalisierung gelte es auch "immer die Differenz auszuhalten". Da die Fremdheit nicht nur den Anderen, den Fremden betreffe. Die Fremdheit trage jeder und jede auch immer in sich selbst. So endete dieser erste Basler Soziologiekongress zum Thema "Krieg" mit einem Friedensappell – an die lauernden Totschläger im eigenen Kopf.




Weiterführende Links:
- "Ich glaube nicht an das Böse im Menschen"
- "Die Gewalt hat viele Gesichter"
- Drei Tage Friedenssuche an der Uni Basel


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