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"Für Sie wie ein 'Zertifikat'": Akquisition von Antikörpertest-Patienten

Ein Basler Hautarzt bietet umstrittenen Corona-Antikörper-Test an

Basler Kantonsarzt rät von solchen Tests ab: "Schutz ist zu wenig geklärt" / Fachleute bestreiten den Nutzen


Von Peter Knechtli


Mitten in die Corona-Verunsicherung der Bevölkerung bietet ein Basler Arzt seinen Patienten einen Antikörper-Test an – bei positivem Ausgang mit Immunitäts-"Zertifikat". Doch die Gesundheitsbehörden in Kanton und Bund und Immunologen warnen vor falscher Sicherheit der Getesteten ebenso wie vor "wissenschaftlich falscher Grundlage".


Regina Süssmuth* staunte, als sie neulich ihre Mailbox öffnete. Als "krass" habe sie die Nachricht empfunden, die sie als "Patientin" der "Praxis Dr. Schermesser" in Basel erreicht habe. Der Hautarzt mit Praxis an der Aeschenvorstadt bot seinen "lieben Patientinnen und Patienten" einen "guten Antikörper-Test" an der "nun verfügbar" sei.

Falle der Test "positiv" aus, dann wäre das "für Sie wie ein 'Zertifikat', denn Sie wüssten, dass Sie für andere wahrscheinlich keine Gefahr mehr sind und zudem wahrscheinlich eine Immunität gegen das Virus besitzen". Doch dann folgt die Einschränkung: "Wie lange und wie stark diese Immunität ist, kann man zum aktuellen Zeitpunkt nicht ganz sicher voraussagen, doch dürfte diese ähnlich wie bei anderen viralen Infekten sein."

Komme es zu einem "negativen" Ergebnis, lasse dies den Schluss zu, "dass Ihre Vorsichtsmassnahmen richtig waren und Sie entweder durch Kontaktvermeidung nicht infiziert wurden, oder wenn Sie Kontakte hatten, die hygienischen Massnahmen korrekt waren".

Nur Analysekosten selbst bezahlen

"Sinnvoll" seien solche Tests, so Schermesser, zudem aus einem andern Grund: "Wir müssen als Gesellschaft Daten sammeln, um das Verhalten des Virus besser beschreiben und so voraussagen zu können, denn es ist anzunehmen, dass uns dieses Virus in den nächsten Jahren in Wellen heimsuchen wird. Wenn wir Näheres zur Ausbreitung und Durchseuchung wissen, kann unsere Gesellschaft Massnahmen sinnvoller und gezielter vornehmen."

Das recht gemeinnützig beschriebene Geschäftsmodell aus der Praxis Schermesser sieht vor, dass dem Patienten oder der Patientin in der Praxis Blut abgenommen wird, das in einem externen Labor auf Antikörper untersucht wird. Die Blutentnahme – so heisst es in der Mail – werde von der Krankenkasse übernommen. Die Blutanalyse werde von den Kassen hingegen nicht vergütet und zu rund 42.50 Franken vom Labor in Rechnung gestellt.

Eventuell ein zweiter Test nötig

Ergänzend heisst es, die Bildung der Antikörper könne "manchmal verzögert sein, weshalb Ihnen Ihr Arzt einen zweiten Test empfehlen kann". Allerdings erfahren die angeschriebenen Kunden nicht, ob es sich um einen amtlich validierten Test handelt, wie es um die Zuverlässigkeit bestellt ist und ob der Test im Einklang mit der behördlichen Corona-Bekämpfungspolitik steht.

Es war OnlineReports nicht möglich, mit Herrn Schermesser in Kontakt zu treten. Ein Praxis-Mitarbeiter beschied uns, er sei bis 28. Mai krankheitshalber abwesend und erst danach für eine Besprechung verfügbar. Auch sei er der Einzige in der Praxis, der dazu Auskunft geben könne. So bleiben Fragen an den Dermatologen unbeantwortet – etwa jene, ob die Bewerbung der Antikörper-Tests mit den ärztlichen Standesregeln vereinbar sei.

"Keine Verletzung der Standesregeln"

"Ja, das Anbieten des Tests ist mit den Standesregeln vereinbar", meinte stellvertretend der Chirurg Felix Eymann, der Präsident der "Medizinischen Gesellschaft Basel". Doktor Schermesser sei mit seinem Angebot halt einer der Ersten unter seinen Berufskollegen. Es stehe durchaus im Einklang mit der Basler Corona-Politik von Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger, der eine breite Testung der Bevölkerung durch die Basler Ärzteschaft anstrebe.

Der Arzt nehme die Tests nicht selbst vor, sondern arbeite mit grossen Labors zusammen. Laut Eymann soll demnächst ein Test-Aufruf an die Ärzte des Basler Kantonsarztes über die "Medizinische Gesellschaft" erfolgen.

Amtliche Warnung vor "falscher Sicherheit"

Die OnlineReports-Rückfrage bei Kantonsarzt Thomas Steffen ergibt ein anderes Bild. Den Antikörpertest empfiehlt er "für den Einzelnen im Moment im Rahmen der Coronavirus-Bekämpfungsstrategie nicht". Dies, "weil auf diese Weise keine akuten Erkrankungen erkannt werden können und der Zusammenhang zwischen positivem Antikörpertest und Schutz noch zu wenig geklärt ist".

Und vor allem: "Der Getestete kann sich so in falscher Sicherheit fühlen." Gegenwärtig wissen die Fachleute laut Steffen "noch zu wenig, ob, wer und wie lange man bei einem positiven Antikörpertest-Ergebnis wirklich geschützt ist." Wenn eine Person "aus rein persönlichem Interesse" einen solchen Test machen wolle, "ist dagegen nichts einzuwenden, wenn sich die Betroffenen weiterhin strikt an die Schutzregeln halten".

Zertifikats-Versprechen "ganz einfach falsch"

Auch beim Bundesamt für Gesundheit herrscht Skepsis. Sprecherin Katrin Holenstein auf die OnlineReports-Frage, ob das Amt individuelle Tests bei Ärzten empfehle, sagte sie: "Nein, im Moment empfehlen wir sie nicht." Zwar gebe es "mittlerweile gute serologische Tests". Ihr Nutzen sei für Einzelpersonen allerdings "noch nicht sehr gross, weil man nicht weiss, wie gross die Immunität ist". Auch wenn man die Krankheit durchgemacht hat, könne man "nicht davon ausgehen, dass und wie lange man dagegen immun ist", so die Sprecherin weiter.

Auch der Basler Immunologe Marcel Tanner kann mit Antikörper-Tests auf Individualebene nichts anfangen: Die Vorhersagekraft sei klein; den Kunden gar ein "Zertifikat" zu versprechen, sei " ganz einfach falsch". 50 Prozent der positiven Ergebnisse seien "falsch positiv". Es gebe "keinen Test, der auf individueller Ebene den Schutz zu 100 Prozent garantieren kann". Solche Testergebnisse verursachten "falsche Sicherheit auf wissenschaftlich falscher Grundlage".

* Name der Redaktion bekannt

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12. Mai 2020

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"Der hat nicht nur die Kantonen, sondern auch Politikern verärgert."

Aargauer Zeitung
im Artikel "Fehler können passieren" vom 4. August 2020 über BAG-Direktor Pascal Strupler.
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Böcken schiessen auch Journaliste.

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Auch das Regionaljournal zog die OnlineReports-Geschichte über Probleme in den Familiengärten nach, verzichtete aber vornehm auf eine Quellenangabe.

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