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"Diese Musik entwickelt Sogwirkung": Szene aus "Einstein on the Beach"

Freie Liebe, Naturverbundenheit, Meditation: Flowerpower lebt

Die Oper "Einstein on the Beach" von Phil Glass wird am Theater Basel stürmisch gefeiert


Von Sigfried Schibli


Die Musik der amerikanischen Minimalisten – Steve Reich, Terry Riley, Phil Glass, John Adams – hatte es in Basel lange Zeit nicht leicht. Die führenden Köpfe des Musiklebens setzten hartnäckig andere Prioritäten, und so war es fast eine Revolution, als der Dirigent Dennis Russell Davies vor bald zehn Jahren mit dem Sinfonieorchester Basel vermehrt Stücke dieser hierzulande etwas belächelten Erfolgskomponisten zu Gehör brachte.

Als dann 2017 das Theater Basel mit "Satyagraha" von Phil Glass in einer bemerkenswerten Inszenierung (mit Rolf Romei in der Hauptrolle) nachzog, war der Bann gebrochen, und mancher Musikfreund dürfte erstaunt festgestellt haben, dass die sogenannte Neue Welt neben viel Entbehrlichem auch ernstzunehmende zeitgenössische Musik hervorgebracht hat.
 

Jetzt also "Einstein on the Beach", die 1976 in Avignon uraufgeführte Oper von Phil Glass und Robert Wilson. Sie gilt inzwischen als eines der Referenzwerke des 20. Jahrhunderts und bildet gemeinsam mit ihren Schwesterstücken "Satyagraha" und "Echnaton" eine Art "Ring des Nibelungen" des 20. Jahrhunderts.

Trotz der Mehrteiligkeit und der ungewöhnlichen Zeitdauer – "Einstein" dauert allein rund dreieinhalb Stunden – unterscheidet sich die Trilogie von Phil Glass allerdings in einem wesentlichen Punkt von der Wagner-Tetralogie: Es gibt keinen Text, den man nacherzählen könnte, und keine eigentliche Botschaft. Selbst Einstein, der Physiker, ist mehr eine geigende Chiffre als eine Person. Die gesungenen Zahlen und Silben, ratternden Rhythmen und unentwegt auf- und absteigenden Tonleitern der Instrumente sprechen für sich selbst.


Zugegeben, mir fiel während der Premiere am Samstag im Stadttheater unweigerlich dieser alte, böse Theaterwitz ein: "Die Aufführung begann um 19 Uhr. Als ich nach zwei Stunden auf die Uhr schaute, war es erst halb acht." Denn die Opernmusik des 1937 in Baltimore geborenen Phil Glass braucht Zeit, viel Zeit. Und sie kommt praktisch ohne das aus, was man auch in der klassischen Musik als Spannungsbögen bezeichnet. Die Musik entwickelt sich nicht, die einzelnen Teile bestehen meist aus unentwegt wiederholten Tonleitern, einfachen, manchmal pentatonischen melodischen Floskeln oder aus gebrochenen Dreiklängen, und die Sätze werden blockartig und übergangslos nebeneinander gestellt. Dramatische Spannung klingt anders.
 

Und doch harrte das Publikum bis zum bitteren Ende aus. Nur wenige verliessen den Saal vorzeitig, manche holten sich ein Getränk und kehrten bald zurück – denn das ist ausdrücklich erlaubt, und auch, im Saal herumzulaufen, sogar die Bühne darf man betreten. Feste Sitzplatz-Zuordnungen gibt es nicht. "Begehbare Installation" nennt das Theater diese von Susanne Kennedy und Markus Selg gestaltete Inszenierung. Am Anfang herrschte noch ein emsiges Kommen und Gehen, aber spätestens nach zwei Stunden zogen es die meisten Premierenbesucher vor, ihren einmal eingenommenen Platz zu behalten. Und sie taten gut daran.


Denn es zeigte sich, dass die grosse Bühne des Theaters Basel mit ihren fest montierten Stuhlreihen nicht für ein Wandelkonzert geeignet ist – es ist einfach zu unbequem, ständig aufstehen zu müssen, weil sich jemand durch die engen Reihen quetschen und einen anderen Platz suchen will. Ausserdem, und das spricht für die Qualität der Produktion, entwickelt Phil Glass' Musik ähnlich der Richard Wagners eine Sogwirkung, der man sich schwerlich entziehen kann. Das Ensemble Phoenix unter André de Ridder bewältigte die Partitur mit nicht nachlassender Energie und zog einen in seinen Bann. Weshalb sollte man dann ständig die Perspektive wechseln?
 

Albert Einstein ist in dieser Oper nicht wirklich das Thema, und der Strand ist es auch nicht. Eine ausgedehnte Violinstimme – hinreissend gespielt von Diamanda Dramm – erinnert an den musikliebenden Physiker, und das Atom-Symbol flattert munter auf einer Fahne. Mehr Einstein ist da nicht. Es sind andere Geschichten, die uns die Inszenierung erzählt: Geschichten aus der Flowerpower-Zeit, von freier Liebe, von Meditation, Trance und Naturverbundenheit (mit lebenden Haustieren auf der Bühne), von Friedenssehnsucht und Indienliebe. Im Schlussbild hockt eine heilige Kuh träge im Zentrum.

Auch ein wenig Kitsch darf sein: Die Sängerinnen und Sänger von den exzellenten Basler Madrigalisten (Leitung Raphael Immoos) sind in bunte Gewänder gekleidet, schreiten zeremoniell durch den Raum und tragen Kopflämpchen, die sie wie Glühwürmchen aussehen lassen. Am Rande darf man fragen: Weshalb leistet sich das Theater einen Opernchor, wenn bei einer etwas spezielleren Aufgabe wie dieser ein anderes Vokalensemble hinzuengagiert werden muss?
 

Grosser, herzlicher Premierenjubel nach dreieinhalb pausenlosen Stunden. Könnte es sein, dass viele Premierenbesucher älteren Semesters mit diesem Werk und dieser Inszenierung leicht sentimentale Erinnerungen an ihre Jugendzeit verbanden?

5. Juni 2022


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