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"Enorme Kraft zur Nuancierung": Bassbariton Nathan Berg

Spektakulär geglückt: Der Heilige trotzt dem Corona-Virus

"Saint François d’Assise" von Olivier Messiaen, die erste Opernpremiere der neuen Saison am Theater Basel


Von Sigfried Schibli


Welch ein Saisonstart auf der Grossen Bühne des Basler Theaters, welcher Kraftakt und welche Ensembleleistung! Zum ersten Mal erklingt in der Schweiz die Monumentaloper "Saint François d’Assise" von Olivier Messiaen, zugleich die erste Opernproduktion in der Ära des neuen Theaterdirektors Benedikt von Peter.

Trotz Corona-Einschränkungen ging das Theater in der Premiere am Donnerstag aufs Ganze. Zwar wurden nur 420 der insgesamt 870 Plätze besetzt, und Chor und Orchester agierten deutlich abgespeckt. Von den im Original fast viereinhalb Stunden Spieldauer blieben durch Kürzungen noch gute dreieinhalb übrig – genug für einen Opernabend, der alle Eigenschaften dieser luxuriösen Gattung vereinigte: Masslosigkeit und Opulenz, Farbenreichtum und Schwulst.

 

Der Franzose Olivier Messiaen (1908–1992) war Katholik, Organist, Komponist – und Ornithologe. Der Gesang der Vögel war für ihn ein Ausdruck der Allmacht und Liebe Gottes. In ungezählten Werken huldigte er den Vogelstimmen, liess die Orgel, das Klavier und die Orchesterinstrumente zwitschern und tirilieren, oft ohne Rücksicht auf das Tonsystem der klassischen Musik. Die Vögel, die Messiaen in allen Erdteilen beobachtete und deren Gesänge er notierte, verhalfen ihm zu einer unverwechselbaren modernen Tonsprache, die gleichermassen von Jazz, Atonalität und Neoklassizismus entfernt ist.

 

Mit einer musikalischen Gattung hatte Messiaen allerdings Schwierigkeiten: mit der Oper. Die üblichen Opernstoffe – Macht und Machtmissbrauch, Treulosigkeit und Eifersucht – interessierten ihn nicht. Als Rolf Liebermann, der Schweizer Intendant der Pariser Oper, ihm 1971 den Auftrag zu einer abendfüllenden Oper erteilte, aktivierte Messiaen ein altes Lieblingsthema seines Denkens und religiösen Fühlens: das Leben des heiligen Franz von Assisi. Des Mannes also, der auf materiellen Wohlstand verzichtete, zu den Tieren predigte und sich ganz dem Dienst an den Armen und Kranken und der Anbetung Gottes widmete. Das Textbuch dazu verfasste Messiaen gleich selbst.

 

Es dauerte nochmals zwölf Jahre, bis das Werk vollendet war und in Paris uraufgeführt werden konnte. Es sprengte mit seiner wie aus der Zeit gefallenen Thematik, der langen Spieldauer und der gigantischen Chor- und Orchesterbesetzung alle Dimensionen. Seither wird das Riesenwerk alle paar Jahre mal wieder irgendwo aufgeführt, fast immer an Festspielen und grossen Häusern, praktisch nie in der raumsprengenden Originalbesetzung – Messiaen fordert 120 Instrumentalisten und 150 Chorsängerinnen und -sänger.


In Basel wird eine auf ein Drittel des Personals abgespeckte Fassung von Oscar Strasnoy gespielt; aber auch so muss das Theater mit dem Widerspruch leben, dass diese Feier von Armut und Bescheidenheit nur dank prall gefüllter Kultur-Kassen möglich ist.

"Es war ein Kraftakt sondergleichen, der am
Premierenabend über die Basler Bühne ging."

Der neue Basler Theaterdirektor Benedikt von Peter (er nennt sich nach deutscher Sitte "Intendant") hat ein Faible für religiös angehauchte Bühnenwerke. Das hat er mit seinen Inszenierungen von Wagners "Parsifal" und Poulencs "Dialogen der Karmeliterinnen" am Theater Basel schon vor Jahren eindrücklich, wenn auch nicht immer überzeugend, dokumentiert.

Dass er jetzt die Messiaen-Oper als erstes grosses Bühnenwerk seiner Amtszeit präsentierte, sichert ihm zweifellos grosse Aufmerksamkeit, ist dieses Monumentalwerk doch bisher noch nie in der Schweiz gespielt worden. Statt religiöser Symbole bringt er mit Bühnenbildner Márton Ágh apokalyptische Bilder auf die Bühne: Überreste eines Supermarkts, ein von Algen überwachsenes Boot, Metall-Schrott auf dem Boden und tote Vögel auf Stromleitungen, die zwischen gigantischen Masten in der Luft hängen.

 

Benedikt von Peter hat aus einem Stück, das fast ohne Handlung ist und damit einem Oratorium ähnelt, eine veritable Oper gemacht. Ein Musikdrama mit vielen kleinen Handlungen, die sich zum grossen Ganzen fügen, das da heisst: Leben und Sterben des gottesfürchtigen Franz von Assisi. Dieser lebt auch nach der Apokalypse mit seinen Vögeln weiter, immer wieder kramt er einen schwarzen Vogel aus seinem Aktenkoffer, biegt ihm die Flügel zurecht und setzt ihn auf die Stromleitung. So vergeblich sein Bemühen auch sein mag: Er bewirkt damit einen Sinneswandel bei seinen kindisch-verspielten Ordensbrüdern, die alsbald den Ball und die Bierdosen links liegen lassen und zum Gottesglauben zurückfinden.
 

Dass Franziskus sich als Wiedergeburt Jesu Christi empfindet, wird in der Basler Inszenierung eher unterdrückt; der Heilige zeigt zwar blutige Flecken am Körper, aber Anspielungen auf die Kreuzigung fehlen. Es ist ein ganz und gar menschlicher Heiliger, den die Produktion uns zeigt: ein leidender, aber auch im Vogeltanz verzückter Mensch, dessen Sterben sich quälend lang und schmerzhaft hinzieht. Menschliche Züge zeigt auch der Engel, der als androgyner Rucksacktourist gezeichnet ist.

Die Regie macht aus ihm eine weiblich sorgende Figur, die den todkranken François füttert und pflegt und schliesslich den Leichnam zudeckt, bevor sie ihm zwei Vögel als Grabbeigaben schenkt. Der Leprakranke, den Franziskus wunderbarerweise heilt, ähnelt mit seinem Schiffsruder dem Fährmann der Unterwelt, Charon. Sein gellendes Lachen zerschneidet scharf die von Nebelschwaden erfüllte Luft.

 

Es war ein Kraftakt sondergleichen, der am Premierenabend über die fast nicht wiederzuerkennende Basler Bühne ging. Das Sinfonieorchester Basel spielte unter der Leitung von Clemens Heil ungemein farbenreich und engagiert, man vergass rasch, dass es sich eigentlich um eine pragmatische Kompromissfassung handelte, denn statt der vom Komponisten gewünschten 120 Instrumentalisten waren nur deren 45 im Einsatz. Praktisch ungekürzt kam das Schlagzeug davon, dem Messiaen viele prägende "Vogelkonzerte" widmete. Auch die jaulenden Klänge der "Ondes Martenot" fehlten nicht. Der von Michael Clark einstudierte Chor klang dank technischer Hilfen fülliger, als seine bescheidene Stimmenzahl erwarten liess.

 

Unter den Gesangssolisten ragt der kanadische Bassbariton Nathan Berg hervor, der die Titelpartie ohne Ermüdungserscheinungen, mit stets geradlinig und differenziert geführter Stimme darbot. Nicht nur seine Gedächtnisleistung ist zu bewundern, sondern auch seine enorme Kraft zur Nuancierung. Den Engel singt mit lupenreinem, charismatischem Sopran die isländische Sängerin Álfheidur Erla Gudmundsdóttir. In einer kleineren, aber wirkungsvoll ausgefüllten Rolle ist Rolf Romei als Leprakranker zu erleben. Auch die kleineren Partien sind ausgezeichnet besetzt.

Der Opernstart des neuen Theaterleiters Benedikt von Peter ist damit rundum gelungen, und da insgesamt nur zehn Aufführungen angesetzt sind, muss man sich beeilen, noch ein Ticket zu erhalten.


Theater Basel, Grosse Bühne. Nächste Aufführungen 18., 21., 24., 28. und 30. Oktober 2020

16. Oktober 2020


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Das kann man auch nicht mit Schweizer-Hochdeutsch erklären.

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