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"Der Fussball ist so komplex": Basler Fussball-Karrierist Siegenthaler

Vom Kleinbasler Arbeiterkind zu Jogi Löws "rechter Hand"

Urs Siegenthalers Karriere: Heute Samstag endet sein Chefscout-Vertrag mit dem Deutschen Fussball-Bund


Von Franz Baur


Vom tiefsten Kleinbasel führte Urs Siegenthalers Fussballer-Karriere in die ganze Welt. Erfolgreich als Spieler mit dem FC Basel 1893 und den Young Boys verpflichtete ihn der Deutsche Fussballbund nach der Trainerausbildung an der Sporthochschule in Köln vor 17 Jahren als Chefscout. Mit der Demission von Joachim "Jogi" Löw als Bundestrainer läuft jetzt auch Siegenthalers Vertrag aus.


Siegenthaler (73) hatte – als Ausbildner – Jogi Löw, den Deutschen aus dem nahen Schönau im Wiesental, in Magglingen als Praktikant kennen gelernt. Siegi – wie der Basler von seinen Freunden genannt wird – war Löw damals schon aufgefallen: "Er war in besonderem Masse interessiert, stellte vor und nach den Unterrichtstunden stets kantige Fragen. Die Sympathie wurde gegenseitig."

 

Als Löw Assistent vom damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann wurde, rief er Siegi an: "Du, wir müssen uns unbedingt treffen." Gesagt, getan. Bei einem "Käffeli" im "Goldenen Sternen" am Unteren Rheinweg verriet Löw, dass er den Basler in seinem Trainerstab möchte. Siegi war anfänglich skeptisch: "In Deutschland denkt man doch, was will der kleine Schweizer hier bei uns?"

 

Bei einem weiteren Treffen, dannzumal mit Klinsmann, kam jener Deal zustande, der erst jetzt zu Ende ging.

 

Löws frühmorgendlicher Anruf

 

Die Freundschaft zwischen Löw und Siegenthaler war so gefestigt, dass eine besondere Episode fast Symbolcharakter hat: Eines Morgens in der Frühe telefonierte Löw seinem Freund: "Du, bist du zu Hause, ja? Ich komme so rasch als möglich vorbei und bringe Gipfeli mit." Wenig später klingelte es. Beim Morgen-Espresso sagte Löw mitfühlend: "Jetzt, in dieser Situation sollst du nicht allein sein."

 

Was war denn passiert? Die Bild-Zeitung publizierte an diesem Tag einen grossen Artikel über Urs Siegenthaler mit Ausschnitten aus seinem Zeugnis und mit der Frage: "Was soll der uns bringen???"

 

Ganz Deutschland sollte sich täuschen. Vor der WM 2016 beobachtete Siegi mehrere Mal Brasiliens Nationalteam. Löw machte er Mut: "Also, wenn ihr alles gebt, hundertprozentig bei der Sache seid und offensiv spielt, erhält ihr eine Menge Torchancen!" Das Resultat ging in die WM-Geschichte ein. Deutschland gewann im Halbfinal 7:1.

 

Hatte denn Siegi keine Bedenken, der Vater dreier Kinder müsse seinen Wohnsitz nach Deutschland verlegen? Nein, der DFB meinte, wenn Löw im Umkreis von Freiburg im Breisgau wohnt, könne Siegenthaler in Basel bleiben.

Abenteuer in aller Welt

 

Siegenthaler strich sich äusserlich nie hervor: Ob in Afrika oder Südamerika, überall trat der Basler in seinen privaten Kleidern auf. Nie sah man ihn auf seinen Reisen mit der Aufschrift "DFB" oder "Deutschland" oder "Germany" an seiner Jacke oder seinem Veston. "Da hatte ich viel leichteren Zugang zu Trainingsplätzen und Stadien. Ich war praktisch 'inkognito' dort oder eben als 'der kleine Schweizer'. Und so bekam ich einen vertieften Einblick in andere Fussballzentren", schmunzelt Siegi.

 

Am Confederation-Cup 2013 – ein Turnier zur Vorbereitung der WM 2014 in Brasilien – hat Siegi den Auftrag, in Salvador de Bahia die Partie Nigeria-Uruguay zu beobachten. Anruf von Löw: "Du, ich steig in den nächsten Flieger und komme auch." Siegenthaler: "Aber komm ja frühzeitig! Da herrscht stets ein riesiges Verkehrs-Chaos." Urs sitzt rechtzeitig im Stadion. Wieder ein Anruf: "Du, bist du im Stadion? Ich habe Probleme im Stau." Lakonische Antwort: "Habs dir ja gesagt, komm frühzeitig."

 

Kurz darauf ein letztes Klingeln: "Jetzt bin ich in dieser Stadt zwei Stunden unterwegs und komme nicht vorwärts. Ich kehre um und fliege heim." Nur reichlich Spesen für eine nervenauftreibende Stadtrundfahrt in Salvador de Bahia.

 

Pyjama-Party in Bangkok

 

Auch als Spieler des FC Basel 1893 erlebte Siegenthaler unvergessliche Episoden. Einst weilte das Team in Bangkok im Trainingslager. Nach dem Nachtessen erklärte Trainer Helmut Benthaus: "Bin noch mit Teamcoach Ruedi Wirz weg. Um 23 Uhr seid ihr alle im Pyjama!" Mittelfeldspieler Jürgen Sundermann animierte seine Kollegen um 23 Uhr, ihr Pyjama anzuziehen. In diesem ungewöhnlichen Tenue setzten sie sich im Hotel ins Restaurant und tranken noch ein Bier.

 

Benthaus staunte nicht schlecht bei der Rückkehr, hatte Verständnis für das lustige Spielchen und präzisierte: "Also morgen um 23 Uhr im Pyjama im eigenen Bett!"

 

Polizei drückte ein Auge zu

 

Während drei Saisons spielte Siegenthaler auch bei den Young Boys. Mit YB gewann er am Ostermontag 1977 gegen St.Gallen (1:0) den Schweizer Cup. Logisch wurde in Bern gefestet. Spätabends fuhr Siegi im eigenen Auto Richtung Basel zurück und kam in Burgdorf prompt in eine Polizeikontrolle.

 

"Uff", dachte er, "jä nu!" Der Mann in Uniform schaute in den Wagen und fragte: "Losed, sit ihr dä Sigu vom Beäsze YB?" Demütig nickte der vom Feiern Gezeichnete. «Sitzet uf e Bifahrersitz!» Was heute undenkbar ist, geschah tatsächlich. Der Polizist fuhr den Basler YB-ler nach Egerkingen. Dort wartete der Baselbieter Kollege und fuhr den Kicker nach Basel. Zum Dank erhielten die Freunde und Helfer Matchtickets für ein YB-Spiel.

 

Auch Schattenseiten erlebt

 

In seiner Fussballer-Karriere erlebte Siegenthaler auch die Schattenseiten des Geschäfts. Als ihn die Gebrüder Rihs in den YB-Verwaltungsrat holten, machte sich der gelernte Architekt keine Freunde, als er dem Team keine Steigerung prophezeite, wenn sich klubintern nichts ändere.

 

Als der FCB 1988 in die damalige Nationalliga B abstieg, firmierte Siegi als Trainer. Natürlich empfand er dies als schlimm. Aber viel schlimmer war die desolate finanzielle Situation des Klubs: "Einige Spieler wohnten bei mir, hatten keinen Lohn. Den Bus mussten wir mal auf der Wettsteinbrücke stossen, weil er kein Benzin mehr hatte. Kein Warmwasser beim Duschen."

 

Die heutige Situation beim FC Basel beurteilt er diplomatisch: "Der Fussball ist so komplex. Man muss alle Bedürfnisse und Zielsetzungen kennen. Auf alle Fälle wünsche ich Trainer Patty Rahmen alles Gute und viel Erfolg."

 

"Wir sind noch nicht am Ende!"
 

Wenn heute Samstag Siegenthalers und Löws Verträge mit dem DFB enden, so interessiert auch die Zukunft der beiden Freunde. "Wenn Löw nochmals einen renommierten Club übernimmt, braucht er mich nicht mehr. Wenn er aber zu einem ambitionierten Verein wechselt, der ein reizvolles Projekt anstösst, dann kann ich mir eine erneute Zusammenarbeit gut vorstellen."

Dass es so weit kommen könnte, ist nich unmöglich. Denn erst kürzlich sagte Löw zu seinem langjährigen Mitarbeiter im Vertrauen: "Wir sind noch nicht am Ende!"

31. Juli 2021


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vom 22. November 2021
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Gender-Polizei her: Stella ist eine Frau.

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