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"Kritik ist erst recht naheliegend": Basler Messe-Präsident Vischer

"Aus heutiger Sicht hat die Branche ihre Zukunft falsch eingeschätzt"

MCH-Präsident Ueli Vischer über die Krise des Basler Messeunternehmens und den Niedergang des einstigen Flaggschiffs "Baselworld"


Von Peter Knechtli


Mit dem Niedergang der einstigen Basler Messe-Perle "Baselworld" geriet MCH Group-Präsident Ueli Vischer unter heftigen Beschuss. Den nimmt der 68-Jährige zwar gelassen hin, kündigt im OnlineReports-Interview allerdings an, dass er spätestens auf die Generalversammlung vom kommenden Jahr zurücktreten werde.


OnlineReports: Die Grünliberalen haben heute den Rücktritt von Ihnen, aber auch der Regierungsräte Christoph Brutschin und Tanja Soland aus dem Messe-Verwaltungsrat gefordert. Was sagen Sie dazu?

Ueli Vischer: Ich nehme das zur Kenntnis. Dass es im Verwaltungsrat im Zusammenhang mit der beabsichtigten Erweiterung des Aktionariats durch einen privaten Investor Veränderungen geben wird, haben wir bereits im Rahmen der ausserordentlichen Generalversammlung kommuniziert. Die Vinkulierung von fünf Prozent wird fallen, dadurch wird der Einfluss der öffentlichen Hand reduziert, und der Verwaltungsrat wird verkleinert und erneuert. Das betrifft auch die Besetzung des Präsidiums.

OnlineReports: Haben Sie für sich selbst ein Rücktritts-Datum definiert?

Vischer: Für mich steht das Interesse des Unternehmens im Vordergrund, aber ja, diese Frage haben wir im Verwaltungsrat konkret besprochen.

OnlineReports: Generalversammlung 2021?

Vischer: Spätestens, ja.


"Es wäre ja dreist zu behaupten,
man habe keine Fehler gemacht."


OnlineReports:
Ist die heftige Kritik an der Messe auch ein Profilierungsversuch von Basler Parteien – ein halbes Jahr vor den kantonalen Wahlen?

Vischer: Es ist legitim, im politischen Umfeld seine Meinung zu sagen, und nach einem für die Unternehmung derart schwerwiegenden Ereignis ist Kritik erst recht naheliegend – und sei sie auch nicht immer mit Fakten unterlegt. Bei der begreiflichen Kritik wird leider aber oft zu wenig berücksichtigt, was für eine Art Gesellschaft wir sind …

OnlineReports: … nämlich?

Vischer: Die Statuten sehen vor, dass die MCH Group Messen an den Standorten Basel und Zürich durchführen soll. Die Idee ist, dass an diesen Standorten Wertschöpfung erzielt werden soll. Somit macht eine gewisse öffentliche Mitsprache auch Sinn. Sonst ist es eine Gesellschaft nach normalem Aktienrecht, die auf lokale Gegebenheiten und Befindlichkeiten keine Rücksichten nimmt.

OnlineReports: Wenn Sie als Präsident zurückblicken: Würden Sie sich einen Vorwurf machen?

Vischer: Es wäre ja dreist zu behaupten, man habe keine Fehler gemacht. Im Nachhinein kann man auch feststellen, dass der Verwaltungsrat einiges früher hätte feststellen und entsprechend handeln können.

OnlineReports: Denken Sie da an den unerwarteten Weggang der fünf Top-Marken von der "Baselworld" nach Ostern?

Vischer: Eben bezüglich der im Raum stehenden Vorwürfe gerade nicht. Die Corona-bedingte Verschiebung der "Baselworld" auf Januar 2021 wurde durch das neue Management der "Baselworld" sorgfältig vorbereitet. Es war mit den Ausstellern in den letzten zwei Jahren intensivstens in Kontakt, was von diesen auch anerkannt wird.

OnlineReports: Der Messe wird vorgeworfen, den neuen Termin nicht einvernehmlich abgesprochen zu haben.

Vischer: Dieser Vorwurf entspricht nicht dem tatsächlichen Hergang. Feststellen müssen wir allerdings, dass in letzter Zeit unter den wichtigsten Ausstellern über den passenden Zeitpunkt der "Baselworld" keinerlei Einvernehmen bestand beziehungsweise besteht. Da blieben leider alle unsere Versuche, Einvernehmen zu erzielen, erfolglos. Und dieser Aspekt entwickelte sich immer mehr zu einem grossen Risiko.    

OnlineReports: Immer wieder war der Vorwurf der Arroganz zu hören.

Vischer: Auch hier möchte ich das nicht einfach negieren. Aber auch hier gilt: Man kann es nicht allen untereinander in Konkurrenz stehenden Ausstellern recht machen. Wenn es beispielsweise um Standorte innerhalb einer Halle oder Kostenentlastungen geht, die man nicht zugestehen kann, wird das den handelnden Personen als Arroganz ausgelegt. Aber natürlich spielt auch eine Rolle, wie man mit den Kunden kommuniziert.


"Behördenvertreter haben immer
höchst konstruktiv und wertvoll mitgearbeitet."


OnlineReports:
Ist für Sie ein Messe-Verwaltungsrat ohne Staatsvertreter denkbar?

Vischer: Das ist denkbar, aber fraglich, ob das sinnvoll ist. Die Behördenvertreter haben immer höchst konstruktiv und wertvoll mitgearbeitet. Sie leisten ausgesprochen wertvolle Beiträge bei der strategischen Führung der Gesellschaft. Unzutreffend ist auch, dass bei der Auswahl der Verwaltungsräte nicht auf ihre individuellen Fähigkeiten geachtet worden sei. Das Gegenteil ist wahr. Sie werden nach genau definierten Kriterien ausgewählt. Und es handelt sich um kompetente Persönlichkeiten. Vier der sechs von den Kantonen delegierte Verwaltungsrats-Mitglieder sind übrigens nicht Behördenmitglieder. Sie werden nach fachlichen Kriterien rekrutiert.

OnlineReports: Man kann den Regierungsräten politische Kompetenz zubilligen, aber nicht typischerweise fachspezifisches Knowhow im komplexen Messegeschäft.

Vischer: Das ist richtig. Aber nicht alle Verwaltungsräte müssen über alle Fähigkeiten verfügen. Die Messe ist mit ihren Produkten auf gute Beziehungen mit den Standortbehörden angewiesen – und umgekehrt. Da macht es Sinn, wenn staatliche Exponenten dem Verwaltungsrat angehören.

OnlineReports: Wird durch die Einsitznahme staatlicher Verwaltungsräte verschiedener Parteien nicht die kritische parlamentarische Kontrolle beeinträchtigt, weil die Parteien – derzeit sind es mit der SP die grösste Links- und mit der LDP die grösste bürgerliche Partei – ihren Vertretern nicht in den Rücken fallen möchten?

Vischer: Die MCH ist ein privates Unternehmen. Das Schweizer Recht regelt die Kontrolle. Der Einfluss der Aktionäre kann im Verwaltungsrat ausgeübt werden. Und deshalb ist es sinnvoll, dass die wichtigen Aktionäre dort vertreten sind. Dass die Kontrolle und Einflussnahme in einem Unternehmen, an dem das Gemeinwesen ein Interesse hat, von politischen Kräfteverhältnissen beeinflusst wird, wenn Politiker im Verwaltungsrat sitzen, mag stimmen. Aber ich weiss nicht, wie man dies bei einer Unternehmung, die so strukturiert ist wie die MCH, ändern könnte. Im politischen Prozess gibt es immer Auseinandersetzungen. Es gibt keine Themen, bei denen alle politischen Exponenten gleicher Meinung sind. Das macht auch nichts.


"Wir waren schon vor Corona
und erst recht mit Corona in der Krise.


OnlineReports:
Die Börsenkapitalisierung der MCH Group ist in gut drei Jahren um fast 340 Millionen Franken gesunken. Es gibt viele Verlierer. Wird die Messe zum Sanierungsfall?

Vischer: Was immer man als Sanierungsfall bezeichnet – wir waren schon vor Corona, und erst recht mit Corona, in der Krise. Das wirkt sich natürlich auch auf den Börsenkurs aus. Aber nicht erst seit wenigen Wochen, sondern schon seit zwei, drei Jahren, durchaus im Zusammenhang mit der negativen Entwicklung des langjährigen Erfolgsprodukts "Baselworld".

OnlineReports: Die MCH-Aktien haben einen regelrechten Absturz hinter sich.

Vischer: Wenn man den aktuellen Börsenwert mit dem realen Wert unserer Gesellschaft vergleicht, dann ergibt sich eine grosse Differenz. Deshalb gehen unsere Bemühungen mit unserer neuen strategischen Ausrichtung dahin, uns den neuen Erfordernissen des Marktes anzupassen, damit wir künftig – speziell dann auch nach Corona - wieder auf Erfolgskurs kommen können. Denn die MCH ist ein Unternehmen einer Branche, der Eventbranche, die vom Corona-Virus am intensivsten geschädigt wird.

OnlineReports: Wird es unter den neuen Bedingungen im Jahr 2021 eine "Baselworld" geben?

Vischer: Eine "Baselworld", wie wir sie in der Vergangenheit kannten, wird es leider nicht mehr geben, weder 2021 und auf absehbare Sicht auch nachher nicht mehr.

OnlineReports: Es gibt aber noch andere Aussteller, die nicht weggelaufen sind.

Vischer: Da sind jetzt viele Gespräche zu führen. Man muss evaluieren, wo die Bedürfnisse der verbliebenen Aussteller liegen und was kommerziell verantwortbar ist. Wir haben schon die Zielsetzung, die verbleibende Substanz aus der bisherigen "Baselworld" in etwas Neues überzuführen. Das können wir aber nicht am Schreibtisch machen, sondern in engem Kontakt mit unseren Kunden.


"Die Uhrenindustrie forderte eine Umgebung,
in der sie ihre Werte präsentieren kann."


OnlineReports:
Der Abgang von Rolex, Patek Philippe, Chanel, Chopard und Tudor ist eine konzertierte Machtdemonstration. Hat die Messe vor ihnen zu lange gekuscht?

Vischer: Nein, Kuschen ist nicht die richtige Bezeichnung. Es sind unsere Kunden, welche ihre Vorstellungen, ihre Forderungen als selbstbewusste Unternehmen anmelden ...

OnlineReports: … und auch Ansprüche stellten wie jene nach einer neuen Halle, die sie dann auch bekamen.

Vischer: Das ist richtig. Auch dies war seinerzeit eine klare Forderung. Man forderte von uns eine für die Schweizer Uhrenindustrie adäquate Umgebung, in der sie ihre Werte präsentieren kann. Es ging durchaus darum, ob die "Baselworld" in Basel bleiben kann oder ob sie wegzieht. Zum Zeitpunkt der Eröffnung investierten diese Aussteller dann immerhin mehr in ihre Stände als wir in die Halle.

OnlineReports: Und jetzt ziehen sie schon aus?

Vischer: Aus heutiger Sicht hat die Branche selbst damit ihre Zukunft falsch eingeschätzt. Wir haben diese Halle zwar primär auf die "Baselworld" hin ausgerichtet. Aber sie bewährt sich heute als Messehalle auch für alle anderen Messen. Auch diese wollen für ihre Veranstaltungen diese Halle. Die Rundhofhalle 2, die sich für die "Art Basel" noch bestens eignet, lässt sich sonst kaum mehr verwenden.


"In zehn Jahren wird es noch Messen geben,
an denen sich Menschen physisch treffen."


OnlineReports:
Ist denkbar, dass die Halle 2 verkauft und für völlig andere Zwecke genutzt wird?

Vischer: Diese Halle ist uns vom Eigentümer Stadt Basel im Baurecht überlassen, mit der Auflage, dort Messen zu veranstalten. Ausserdem steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Die Halle 5 konnten wir kürzlich dem Baurechtgeber zurückgeben. Er wird dort Wohnungen erstellen. Wir prüfen natürlich – zusammen mit dem Eigentümer – alternative Verwendungen der Liegenschaft.

OnlineReports: Haben sich die Top-Aussteller gegen "Baselworld" verschworen?

Vischer: Nein, ich würde das nicht auf dieser persönlichen Ebene qualifizieren. Es handelt sich um unternehmerische Entscheide. Erfolgreiche Unternehmer wie Hayek verlassen die "Baselworld" nicht, weil das Management arrogant ist, sondern weil für sie das bisherige Messeformat nicht mehr stimmt. Das gilt auch für die aktuellen Abgänge. Sie gehen nicht, weil ihnen die Rückerstattung für die Kosten der "Baselworld" 2020 nicht passt, sondern weil sie sich von einem Luxussalon in Genf, ihrem Unternehmens-Standort, mehr versprechen. Sie waren sich schon immer bewusst, dass sie die Träger der "Baselworld" seien, von denen alle andern Mitaussteller profitierten.

OnlineReports: Spielte Hayek mit seiner Swatch-Gruppe, der ja als Erster Reissaus nahm, für die fünf andern Top-Marken den Winkelried?

Vischer: Nein, im Gegenteil. Die Manager von Rolex & Co. bemühten sich seinerzeit persönlich, Hayek als einen der Grossen davon abzubringen, die "Baselworld" zu verlassen.

OnlineReports: Wie wird die MCH Group mit den Ansprüchen umgehen, welche die fünf Top-Aussteller wegen bereits getätigter Investitionen in die abgeblasene diesjährige "Baselworld" stellen kann?

Vischer: Es geht wohl weniger um die Ansprüche dieser Grossen als vielmehr um jene einer Vielzahl von Ausstellern. Die Situation, in der die "Baselworld" 2021 nicht wie geplant stattfinden wird, bedingt, dass wir uns das nun sorgfältig überlegen werden. In den nächsten Wochen werden wir einen neuen Vorschlag präsentieren müssen.

OnlineReports: Wie müssen wir uns die Basler Messe in zehn Jahren vorstellen?

Vischer: Es wäre angesichts der aktuellen, sich dauernd ändernden Entwicklung in dieser Branche verwegen, auf diesen Zeithorizont hinaus eine Bild der Messe entwerfen zu wollen. Es ist aber anzunehmen, dass es auch in zehn Jahren noch Messen geben wird, an denen sich Menschen physisch treffen und kommerziellen Austausch pflegen wollen. Vor 15 Jahren dachte man auch, dass es angesichts des aufkommenden Internets diese Form der physischen Messe heute nicht mehr geben werde. Nichtsdestotrotz sind Messen immer noch gefragt, vom Volumen her einfach nicht mehr im bisherigen Ausmass.

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16. April 2020

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Gesprächspartner




Ueli Vischer ist seit 2006 Verwaltungsrats-Präsident der MCH Group. Der 68-jährige Wirtschaftsanwalt ist Partner der Kanzlei Vischer und gehörte von 1992 bis 2004 als Finanzdirektor der Basler Kantonsregierung an. Vischer war auch Präsident des Universitätsrates der Universität Basel. Er ist Mitglied der Liberalen Partei LDP und gilt als eine der einflussreichsten Personen des Stadtstaates.


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