© Fotos by Peter Knechtli, OnlineReports.ch
"Respekt vor der Risikobereitschaft": Gastronomie-Ehepaar Linsalata

Ein Gewerbler investierte, damit in Sissach die "Sonne" wieder aufgeht

Michele Linsalata und seine Frau bauten ein sanierungsbedürftiges Traditions-Hotel geschmackvoll in ein Multifunktions-Gebäude um


Von Peter Knechtli


Der Sissacher Sanitärunternehmer Michele Linsalata rettete mit einer Millionen-Investition das regional bekannte Traditions-Gasthaus "Sonne" vor dem Untergang. Mit architektonischer Sorgfalt und diskretem Design verwandelte er die sanierungsbedürftige Immobilie am Eingang des Dorfkerns in eine multifunktionale Liegenschaft, worin der alte Beizen-"Stamm" genauso Platz findet wie Hotelgäste und eine Altersresidenz.


Besonders alte oder qualitativ besonders hochstehende Gasthäuser stehen immer eng mit der Gemeinde in Beziehung, in der sie stehen. In Eptingen, Bubendorf und Schönenbuch ist es das "Bad", in Langenbruck war es der "Bären", in Basel ist es das "Trois Rois" – und in Sissach die "Sonne".

 

An der Kreuzung, an der das Gasthaus steht, ist auch der "Löwen" anzutreffen, aber die Schnittstelle wird im Volksmund "Sonnen-Kreuzung" genannt. Das hat auch damit zu tun, dass die "Sonne" eine 500-jährige Tradition hat. Ihre historische Bedeutung lag – wie die nahegelegene Autobahn A2 zeigt – an der Verkehrsader von Norden nach Süden zu einer Zeit, als Reisende mit Ross und Wagen unterwegs waren. Mit ihren damaligen Stallungen war die Herberge beliebter Rastplatz für Mensch und Tier.


Rastplatz auf der Nord/Süd-Achse
 

Noch vor wenigen Jahren waren es immer dieselben Holländer, die auf ihrer Auto-Reise auf der Gotthard-Strecke in der "Sonne" ihren Halt einlegten. Nicht umsonst hatte sich der damalige Wirt und gelernte Metzger Franz Lüdin, der die "Sonne" zusammen mit seiner Frau Trudi 35 Jahre lang führte, dafür stark gemacht, dass Sissach eine Autobahnausfahrt erhielt.  "Die Metzgerei, die zur Gaststätte gehörte, war jahrzehntelang eine Institution", weiss der in lokalen Dingen bewanderte Autor Heiner Oberer, der selbst die Berufsbezeichnung "Fleischfachmann Veredelung" trägt.

 

Laut seinen Quellen war die markante Liegenschaft am Diegterbach auch Spielball politischer Auseinandersetzungen. So soll der Wirt anlässlich der Kantonstrennung 1833 Morddrohungen erhalten haben, weil er mit den Basel-Städtern sympathisierte.


Das Dorfgespräch am "Stamm"
 

Für den Sissacher Peter Matter war der "Stamm" in den letzten Jahrzehnten das Prägende an der Wirtschaft: "Jeden Morgen um neun Uhr trafen sich mehr als ein Dutzend Leute – Handwerker, Juristen, Ärzte – am grossen runden Tisch. Da erfuhr man alles, was im Dorf gerade lief." Hier trafen sich jeweils auch die Mitglieder des "Lions Clubs".

 

Beinahe wäre in den letzten Jahren die wechselhafte Geschichte der "Sonne" zu Ende gegangen, wenn sich nicht 2018 der lokale Sanitär- und Spenglerunternehmer Michele Linsalata (60) mit seiner Frau, der Dolmetscherin und Wirtepatent-Inhaberin Adriana (58), sowie Tochter und ETH-Architekturstudentin Chiara ein Herz gefasst und die Gaststätte vor dem Ruin bewahrt hätten. Die drei bilden den Verwaltungsrat des Familienunternehmens.

 

Die Familie um René Girod hatte 1990 den Anbau mit Kegelbahn zum Ausbau der Hotelkapazitäten genutzt und mit Feiern und Banketten in den Sälen gut gewirtschaftet.

 

In die Wirts-Tochter verguckt

 

Girod war gelernter Polizist. Als er auf der "Sonne"-Kreuzung den Verkehr lenkte, verguckte er sich in Wirt Franz Lüdins Tochter Doris. Als der künftige Schwiegervater Girod zur Bedingung machte, dass seine Tochter nur erhalte, wer Koch oder Metzger lernte, begann der Polizist seine Zweitlehre als Koch: Die prosperierende Zukunft der "Sonne" war gesichert.

 

Das Ehepaar Girod arbeitete den längsten Teil seiner 37-jährigen Herrschaft über die "Sonne" erfolgreich. Doch der Strukturwandel im Gastgewerbe und die Zeichen der Zeit machten sich bemerkbar: Die teilweise unter Denkmalschutz stehende Liegenschaft war sanierungsbedürftig, doch die Erträge reichten nicht aus, um die Gaststätte mit Hotelzimmern auf Vordermann zu bringen.

 

Es wäre wohl ein Einfaches gewesen, diesen Standort wenige Schritte vom Bahnhof entfernt in einen renditeträchtigen Gewerbe- und Wohnungsblock zu mutieren. Doch Linsalatas hatten andere Pläne: Sie erkannten das Potenzial der Liegenschaft und gründeten Anfang Jahr die "Hotel-Restaurant zur Sonne AG", die von Adriana Linsalata präsidiert wird. Sie ist für Administration und Finanzen zuständig, ihr Mann, dessen Firma "ML Design" die Innenarchitektur leistete, für Unterhalt und Baumanagement.


Altes Mauerwerk sichtbar gemacht
 

Was sich nach Abschluss der Aus- und Umbauarbeiten äusserlich harmonisch ins Dorfbild einfügt, entpuppt sich im Inneren als eine Raumwelt von überraschender Dimension: Zwei Restaurants mit Haupt- und Showküche, zwei grosse Säle, 19 Hotelzimmer, 12 Altersresidenzen (die Hälfte davon ist laut Michele Linsalata bereits vermietet), ein Physiotherapie-Raum und ein noch nicht vermietetes "Ärztehaus" auf der Seite Richtung Bahnlinie. Der frühere grosse Parkplatz wurde zugunsten einer grosszügigen Garten-Lounge verkleinert, beziehungsweise in ein unterirdisches Parking für Gäste und Bewohnende verschoben.

 

In der "Kellerwelt" (Linsalata) bestechen mehrere stimmungsvoll beleuchtete gewölbte Räume, an denen geschmackvoll altes Mauerwerk sichtbar wird. Hier befinden sich eine grosszügige Bar, die sich auch als Konzertlokal verwenden liesse, ein Weinkeller mit grossem Massiveiche-Tisch, ein Fondue/Raclettestübli mit besonderer Be- und Entlüftung sowie ein Fumoir (Bild), dem Domizil des "Cigarren-Clubs" (Slogan: "Hier kommt nur rein, wer Humor hat").


 Faible für Stilsicherheit und Italianità
 

Michele Linsalata ist Secondo und stammt als Sohn eines Itinger Spenglers aus einfachen Verhältnissen. Nun, auf dem Höhepunkt seines Berufslebens, lässt er in seinem "Bijou" (wie es Heiner Oberer nennt) sein Faible für Stilsicherheit und Italianità erkennen. Vor Jahren hatte er schon Aufsehen erregt, als er dem Sissacher Bahnhof als Privatinitiative ein WC-Häuschen besorgte.

 

Im Dorf, wo wie überall auch Getuschel herrscht und ein gewisser Neidfaktor latent vorhanden ist, hörte OnlineReports  gegenüber dem "Sonne"-Investor nichts Negatives – ganz im Gegenteil: "Ich habe Respekt vor seiner Risikobereitschaft", war beispielsweise die Einschätzung eines Bürgers. "Er hatte als Gewerbetreibender Erfolg und will jetzt vielleicht der Gesellschaft etwas zurückgeben." Eine andere Stimme meinte, der Umbau (Lehner+Tomaselli Architekten) sei "unverschämt gut" gelungen. Teile der früheren Wirtschaft seien immer noch erkennbar.


Gutes aus der Küche
 

Allmählich kehrt das Leben in die "Sonne" zurück. An Ostern feierte die neue Gaststätte mit 14 Mitarbeitenden offizielle Eröffnung. Die ersten Reaktionen aus dem kulinarischen Bereich seien "positiv" ausgefallen, sagt der Chef. In der Küche gibt mit Eduard Jaisler, der früher die Gäste des Landgasthofs "Kemmeriboden-Bad" bekochte, einer von Europas besten Jungspitzenköchen den Ton an.

 

Das Restaurant ist vorerst jeweils von Dienstag bis Samstag geöffnet. Im September ist ein Tag der offenen Tür geplant.

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7. Juni 2022


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"Denkmalschutz war Grund des Abbruchs"

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