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© Fotos by Environmental Protection und Agency und Firmenarchiv der Novartis AG
"Keineswegs ein Einzelfall": Ciba-Geigy-Altlastengelände in Toms River

Der ökologische Albtraum von Toms River: Cibas giftiges Vermächtnis

Der amerikanische Pulitzer-Preisträger Dan Fagin lanciert eine neue Debatte um die schädlichen Folgen von Chemiemüll


Von Lukas Straumann


Während 44 Jahren produzierte der Basler Chemiekonzern Ciba in New Jersey an der US-Ostküste Farbstoffe und Chemikalien. Die Abfälle wurden auf dem Firmengelände entsorgt oder ins Meer geleitet. Die Entseuchung von Grundwasser und Boden dauert Jahrzehnte und kostet Millionen. Droht der Baselbieter Gemeinde Muttenz ein ähnliches Schicksal?


Im amerikanischen Städtchen Toms River an der Atlantikküste von New Jersey fördern 37 Grundwasserpumpen jahraus, jahrein täglich 7,5 Millionen Liter Wasser aus dem Boden. Doch niemand darf das Wasser trinken, das hier aus dem sandigen Untergrund an die Oberfläche sprudelt. Denn es ist mit Chemikalien der Novartis-Vorläuferfirma Ciba-Geigy verseucht. Das abgepumpte Grundwasser wird filtriert und nach der Reinigung wieder in den Boden geleitet. Noch mindestens bis ins Jahr 2025 laufen die Pumpen als Teil einer Aufräumaktion, die vor zwei Jahrzehnten begann und schon über 165 Millionen US-Dollar gekostet hat.

"Toms River" heisst das packend geschriebene Buch von US-Journalist Dan Fagin, das 2014 dafür einen Pulitzerpreis gewann und der Region Basel zu denken geben sollte. Es liest sich als Lehrstück über die amerikanische Gesellschaft, einen Schweizer Konzern und die Chemiebranche mit ihrem einst leichtfertigen Umgang mit hochgiftigen Abfällen. Und es zeichnet die Schicksale von Familien mit krebskranken Kindern, die gegen die Verschmutzung ihrer Umwelt vor Gericht zogen.

Vom Chemiewerk zur Geisterstadt

Über 1'400 Menschen arbeiteten Mitte der 1970er-Jahre auf dem 546 Hektaren grossen Gelände des Ciba Geigy-Werks Toms River. Doch aus der Luft wirkt die 1996 geschlossene Fabrik heute wie eine seit Jahrhunderten verlassene Römerstadt. Zwischen dem rechtwinklig angelegten Strassennetz spriessen aus Industrieruinen Gras und Büsche. Von ehemals dreissig Produktions- und Verwaltungsgebäuden steht kaum eines mehr. Einsam thront auf hohen Spinnenbeinen ein weisser Wasserturm.

Wie Wunden in der Landschaft liegen rund um die ehemalige Fabrik grosse Deponien, kenntlich an der ockerfarbenen, vegetationslosen Oberfläche. Hier, an Orten mit phantasievollen Namen wie "Smudge Pot" (Schmutztopf), "Acid Pit" (Säuregrube), "Moon" (Mond) und "Black Lagoon" (Schwarze Lagune), wurden über die Jahre Tausende von Tonnen Chemiemüll versenkt und später, wenn noch auffindbar, unter grossem Aufwand wieder ausgegraben.

Basler Expansion in die USA

Ihren Anfang nahm die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, als die damalige "Gesellschaft für chemische Industrie in Basel" (Ciba) einen neuen Produktionsstandort in den USA suchte. Bereits 1920 hatte Ciba zusammen mit den damaligen Partnerfirmen Geigy und Sandoz zwei alte Fabriken in Cincinnati, Ohio, erworben, wo die Basler Farbstoffe für Militäruniformen, Kunstharze und das Insektizid DDT herstellten. Doch in Cincinnati waren die Verhältnisse prekär: Arbeiter erkrankten wegen der giftigen Chemikalien reihenweise an Blasenkrebs, und die starke Verschmutzung des Ohio River erregte das Interesse des US-Kongresses für die Chemiefabriken. Es war Zeit für den Sprung an einen neuen Produktionsstandort.

In Toms River wurden die Basler mit offenen Armen empfangen. Das verschlafene Küstenstädtchen zwei Stunden südlich von New York nahm die Nachricht vom Bau einer neuen Chemiefabrik mit Begeisterung auf, und als der spätere Ciba-Präsident Robert Käppeli am 4. Juni 1953 die Fabrik eröffnete, feierte auch der Gouverneur von New Jersey mit. Innerhalb weniger Jahre wurde Ciba zum grössten Arbeitgeber der Region.

Eine Tonne Farbe – vier Tonnen Abfall

In der neuen Fabrik produzierte Ciba wasserunlösliche Textilfarbstoffe – sogenannte Küpenfarbstoffe –, die in den USA reissenden Absatz fanden. Mit ihrer Herstellung aus Kohleteer hatte die Ciba in Basel bereits seit 1907 Erfahrung. Die Produktion hatte jedoch einen grossen Nachteil: Bei jeder der mehreren Produktionsstufen fielen hoch toxische, teils krebserregende Nebenprodukte an – pro Tonne Farbe über vier Tonnen Abfall. Mit anderen Worten: das mengenmässige Hauptprodukt der neuen Fabrik waren Giftabfälle. Bei einer Produktion von jährlich 1'800 Tonnen Farbe mussten über 8'000 Tonnen Abfall-Chemikalien auf dem grossen Firmenareal ausgekippt oder in den nahen Fluss geleitet werden.

Nach nur zwei Jahren Betrieb waren die Grundwasserbrunnen auf dem Ciba-Gelände verschmutzt; ein Jahr später waren die Schadstoffe im Untergrund bereits 600 Meter weit gewandert. Trotzdem setzte Ciba weiter auf die billigste Entsorgung, als sie 1960 die Produktion massiv ausweitete und weitere Farbstoffklassen und Kunststoffe herstellte. Der Müll wanderte in offene, nicht abgedichtete Gruben, das Abwasser unbehandelt direkt in den Fluss. Die lokalen Gesundheitsbehörden waren einverstanden

Die Ciba-Atlantik-Pipeline

Inzwischen hatten auch Geigy und Sandoz eine Minderheitsbeteiligung am Werk Toms River erworben, wo sich Basler Manager und Forscher die Klinken in die Hand gaben. Als sich 1963 nach einem Fischsterben erstmals organisierter Widerstand regte, sagte der damalige Schweizer Werkleiter Robert Sponagel: "Wenn die verantwortlichen Leute hier in der Gegend eine florierende Gemeinde mit anhaltendem Wachstum wollen, müssen wir Umweltveränderungen in Kauf nehmen. Trotz unserer idyllischen Träume sind nur sehr wenige von uns willens, wie die Indianer zu leben."

Als das Ciba-Abwasser im Sommer 1965 drei Trinkwasserbrunnen verseuchte, die 7'000 Einwohner versorgten, kam es zu einer ersten ernsthaften Krise. Doch dank gutem Einvernehmen mit den Behörden und der Wassergesellschaft konnte die Verschmutzung vertuscht werden. Heimlich bezahlte Ciba die Bohrung eines neuen Grundwasserbrunnens.

Doch was sollte mit dem Abwasser geschehen? Die scheinbar geniale (und billigste) Lösung lag im Bau einer 15 Kilometer langen Pipeline direkt in den Atlantischen Ozean. Als einziges Industrieunternehmen in New Jersey durfte Ciba ihr ungeklärtes Abwasser fortan direkt ins Meer leiten.

Rang 134 für die Schweiz

Es sollte noch bis 1978 dauern, bis der Basler Konzern, der inzwischen mit Konkurrentin Geigy zur Ciba-Geigy fusioniert hatte, sein Abwasser reinigte und seine Müllgruben abdichten liess. Zuvor galt firmenintern die Direktive, dass die Entsorgungskosten auf einem absoluten Minimum gehalten werden mussten. Doch Anfang der 1970er-Jahre wurde Umweltschutz in den USA zur Bundessache und die neu gegründete Environmental Protection Agency (EPA) trat auf den Plan.

1972 verklagte die EPA Ciba-Geigy erstmals wegen Gewässerverschmutzung. In langjährigen Verhandlungen einigten sich die Basler mit den US-Behörden auf den Bau einer Abwasserreinigungs-Anlage. Weiteres Ungemach kündigte sich 1983 an, als die EPA eine Liste der 400 gefährlichsten Giftmülldeponien der USA erstellte. Das Chemiewerk in Toms River lag auf Rang 134. Auf den Betrieb der Firma hatte das zunächst wenig Einfluss. Dank Pipeline und Kläranlage galten die Entsorgungsprobleme als gelöst und die Bevölkerung von Toms River war stolz auf den Schweizer Industriebetrieb, dem es Arbeit und Wohlstand verdankte.

Schlacht um ein Leck

Ciba-Geigys amerikanischer Traum platzte am 12. April 1984, als sich auf einer dicht befahrenen Kreuzung in Toms River aus rätselhaften Gründen der Strassenbelag hob. Das Lokalfernsehen war dabei, als ein Bagger des Tiefbauamts der Sache auf den Grund ging und unter dem Asphalt auf eine schmutzige Chemikalienbrühe stiess. Wie sich herausstellte, war die Ciba-Geigy-Abwasserpipeline geborsten, die mitten durch die Stadt führte. Plötzlich war für alle zu sehen, was die Chemiefabrik täglich ins Meer spülte.

Das Pipeline-Leck war der Beginn einer Schlacht zwischen Umweltschützern, Behörden und Ciba-Geigy, die zwölf Jahre später mit dem Rückzug der Schweizer aus Toms River enden sollte. Greenpeace-Aktivisten verstopften den Pipeline-Ausfluss in den Atlantik und besetzten medienwirksam den Wasserturm auf dem Fabrikgelände. Bürgerkomitees setzten Politiker unter Druck. Die Lokalpresse berichtete, dass der Ableger der Basler Chemie über Jahre die Behörden getäuscht und Chemieabfälle illegal entsorgt hatte. Es folgten Anklagen durch die Behörden, jahrelange Untersuchungen und gerichtliche Auseinandersetzungen.

Verbrannte Erde

Schliesslich bekannte sich Ciba-Geigy der illegalen Giftmüll-Entsorgung für schuldig, bezahlte 13,5 Millionen Dollar Busse und begann mit der Sanierung der Deponien auf dem Werkgelände. Doch das Vertrauen in Toms River war weg und die Erde verbrannt für den Schweizer Konzern. Als Ciba-Geigy 1988 in Toms River eine neue Pharma-Produktionsanlage errichten wollte, verweigerten die US-Behörden die Baubewilligung. Sie wollten keine neue Industrieanlage an einem Standort mit so vielen ungelösten Problemen.

Damit war das baldige Ende des einstigen amerikanischen Vorzeigewerks der Basler Chemie besiegelt. Ciba-Geigy verlagerte ihre Investitionen nach Alabama und andere Standorte in den USA und stellte die Produktion in Toms River schrittweise ein. Ende 1996 wurde den letzten 170 Angestellten gekündigt, und das Werk schloss seine Tore für immer.

Krebskranke Kinder

Für die Bewohner von Toms River war die Chemiefabrik aber noch lange nicht vergessen – besonders für Dutzende von Familien, deren Kinder an Leukämie, Hirntumoren und weiteren, teils seltenen Formen von Krebs erkrankt waren. Schon lange war Linda Gillick die hohe Zahl von krebskranken Kindern in Toms River aufgefallen und sie führte eine Liste mit den Namen und Adressen aller Betroffenen. Dazu zählte auch ihr Sohn Michael, bei dem kurz nach der Geburt ein bösartiges Neuroblastom diagnostiziert wurde.

Auf Betreiben einer Kinderkrankenschwester erarbeiteten die Gesundheitsbehörden von New Jersey 1996 eine Studie über Kinderkrebs in Toms River und bestätigten eine erhöhte Krebsrate. Für Linda Gillick und die betroffenen Familien stand die Umweltverschmutzung durch Chemikalien ganz oben auf der Liste der möglichen Ursachen. Neben Ciba-Geigy kam auch eine illegale Deponie des Chemiekonzerns Union Carbide in Frage.

35 Millionen Dollar Schadenersatz

Gillick mobilisierte die Familien der Krebsopfer; 1997 zogen sie gegen Ciba-Geigy, Union Carbide und den Wasserversorger Toms River Water mit einer Sammelklage vor Gericht. Die Beweislage war schwierig. Statistisch signifikant nachweisen liess sich einzig ein erhöhtes Leukämie-Risiko bei Mädchen, die in der Hauptwindrichtung von den Ciba-Abluftkaminen und im Trinkwasser-Einzugsgebiet der Union-Carbide-Deponie wohnten.

Die Klagen endeten 2001 mit einem Vergleich: 69 Familien von krebskranken Kindern erhielten rund 35 Millionen Dollar Schadenersatz von den drei Firmen - eine der höchsten in den USA je bezahlten Schadenersatzsummen in einem Umweltgiftfall. Ciba-Geigy gab es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Der Konzern war nach der Fusion mit Sandoz in Novartis aufgegangen. Die Marke Ciba wurde von der ausgegliederten Chemie-Sparte bis zur ihrer Übernahme durch BASF im Jahr 2008 weitergeführt.

Risiken in der Region Basel

Für Schweizer Leser stellt sich die bange Frage, ob sich das Drama von Toms River nicht auch in Basel hätte abspielen können. Schliesslich wurden viele der in Toms River fabrizierten Produkte auch am Rheinknie hergestellt. Die Abfälle wurden in den Rhein und in 18 verschiedene Deponien in der Region gekippt. Allein im Boden der Baselbieter Gemeinde Muttenz lagern bis zu 40'000 Tonnen Chemiemüll – teils unweit der Trinkwasserbrunnen der Stadt Basel im Hardwald. Der Basler Geograf und Altlastenexperte Martin Forter warnt seit Jahren vor dieser Gefahr.

Besonders gerungen wird derzeit um die Sanierung der ehemaligen Feldrebengrube, wo Ciba und Konsorten in den 1950er-Jahren rund 10'000 Tonnen Müll ablagerten. Ein Sanierungsprojekt für 165 Millionen Franken soll 2015 in Angriff genommen werden; die Verfügung des Kantons Baselland zur Sanierung der Grube wird noch diesen Herbst erwartet.

Während einer siebenjährigen Bauphase sollen die gefährlichsten Abfälle in Muttenz gehoben und der Schadstoff-Abstrom der Deponie aufs gesetzlich erlaubte Mass reduziert werden. Ansonsten verweisen die Behörden auf den schützenden "Grundwasserberg" aus Rheinwasser rund um die Basler Trinkwasserbrunnen.

Kritiker wie Forter lehnen das Muttenzer Projekt als "Billigsanierung" ab, da nur ein Teil des Chemiemülls entfernt werden soll. Sie befürchten eine langfristige Kontamination des Grundwassers und hohe Folgekosten für die Öffentlichkeit, falls nicht sämtliche Abfälle ausgegraben und in Sondermüllöfen verbrannt werden.

Ciba war "kein Einzelfall"

Während in Muttenz noch gekämpft wird, ist die Schlacht um Toms River längst entschieden. Ein Stück Basler Industriegeschichte hat einen unrühmlichen Abschluss gefunden. Dafür macht Autor Dan Fagin gegenüber OnlineReports auch den Zeitgeist verantwortlich: "Das Verhalten von Ciba war keineswegs ein Einzelfall. Viele amerikanische und europäische Firmen haben sich ähnlich benommen." Schade nur, dass für sein äusserst lesenswertes Buch, das Fagin einen Pulitzer-Preis bescherte, noch keine Übersetzung ins Deutsche geplant ist.

 

Literaturhinweis:
Dan Fagin, "Toms River: A Story of Science and Salvation", New York 2013 (Random House).

 

Autor Lukas Straumann ist Historiker und Geschäftsleiter des Bruno Manser Fonds. Er recherchierte schon verschiedentlich für OnlineReports.

1. Oktober 2014


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bz
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