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"Sortiment drastisch reduziert": Basler Vorzeige-Einkaufsmeile Freie Strasse

Aus der stolzen Einkaufs-Stadt Basel ist eine Shopping-Wüste geworden

Eine Erfahrung aus persönlicher Sicht: Wer gut einkaufen will, fährt auswärts besser oder geht ins Internet


Von Christian Hilzinger


Die Corona-Pandemie hat den Detailhandel in Basel drastisch verändert: Die Sortimente wurden gestrafft, der Donnerstags-Abendverkauf wurde gestrichen, die Laden-Öffnungszeiten sind reduziert auf Normalmass. Eine Chance für andere Schweizer Einkaufsstädte oder – ob man ihn mag oder nicht – den Onlinehandel.


Irgendwann fällt es jedem auf: Das Angebot an Waren ist in Basel vielfach reduziert auf Produkte, die hohen Absatz haben, das heisst auf Mehrheiten ausgerichtet ist. Beispiel Papeterie Zumstein in der Freie Strasse, die das Sortiment vor wenigen Jahren drastisch reduziert hat. Früher fand ich dort für jedes administrative Problemchen die passende Lösung. Die Mappe mit den farbigen Mehrfach-Abteilen, die gerade richtig auf meine Bedürfnisse abgestimmt war; der Leim, der genau das Material klebte, was zusammenhalten musste, die Versandschachtel mit dem Extraabteil. Freundliche und sehr kundige Verkäuferinnen halfen mir jeweils bei der Suche.

 

Freundlich und kundig sind die Verkäuferinnen geblieben, nur die grosse Auswahl an Produkten steht nicht mehr im Laden. Sehr nett werde ich darauf hingewiesen, dass sich alle Artikel auch bestellen lassen. Doch ich will die Waren in die Hand nehmen, anfühlen, betasten und testen, ob sie auch wirklich geeignet ist für meinem Zweck. Das geht seit einigen Jahren nicht mehr!

Das unwiderstehliche Tabak-Parfüm

 

Ein weiteres Beispiel aus der Freien Strasse: Im "Pfeifen-Wolf" deckten sich Pfeifenraucher während Jahrzehnten mit ihrem Lieblings-Tabak ein. Was für ein unwiderstehliches Kraut-Parfüm umschmeichelte die Kundschaft beim Betreten des Ladens. "Wieviel darf's denn sein?" Dann das Auspressen des Plastikbeutels mit dem frischen, aus wuchtigen Glasbehältern entnommenen Tabak, und die erste Vorfreude auf die nächste Pfeife.

 

Nun gut, das Angebot gibt es weiterhin, in einem fusionierten Laden an der Aeschenvorstadt. Es ist aber nicht mehr der Pfeifen-Wolf. Und die Bedienung scheint mässig lustvoll. Ein Ver-Lust jedenfalls.

 

Mainstream-Läden: Wie Mainstream-Journalismus

 

Die Situation im Detailhandel ist ein wenig wie im Journalismus, wenn alle Tageszeitungen und Online-Medien sich nur noch auf die wichtigsten Meldungen konzentrieren und deshalb inhaltlich alle etwa dasselbe Themenangebot präsentieren. Einige bringt dies auf die seltsame Idee, diese Themenbeschränkung als grosse "Verschwörung" zu deuten. Jene reden schon von "Mainstream-Medien", die von einflussreichen Politikern und Wirtschaftsleuten bezahlt und somit auch gelenkt werden. Das ist natürlich blanker Unsinn!

 

Der Medien-Einheitsbrei ist die Auswirkung eines langen Konkurrenzkampfes im technologischen Wandel unter schwindenden Werbeeinnahmen (die dafür in die Taschen von Zuckerberg und Co. flossen), bei dem die Verlagshäuser das Redaktions-Personal abgebaut haben und kaum noch Budget für Freie Journalisten verwenden.

Die Mechanik im Journalismus ist vergleichbar mit jener in den Shopping-Läden: Die Medienschaffenden sollen Berichte liefern, die im Internet möglichst viele Hits erzielen. Viele Chefredaktoren und Chefredaktorinnen messen den Wert ihrer Untergebenen denn auch vorwiegend am beim Publikum aktivierten Click-Reiz und nicht mehr an der Qualität oder Relevanz des gelieferten Inhalts.

Daraus kann nur Mainstream entstehen! Die Folgen sind sichtbar: Feuilletons und Kulturbeiträge werden gekürzt, Randsportarten, Regionalsport-Berichte und interessante Themen für ein kleines, aber fachkundiges Publikum finden keinen Platz mehr.

 

Viele Läden, aber ähnliche Waren

 

Zurück zum Detailhandel: Dasselbe Phänomen hat OnlineReports beim Basler Bahnhof SBB kritisiert, wo seit kurzem kaum noch Zeitschriften und Zeitungen zu finden sind, die früher vorhanden waren. Der Grund: Das Valora-Management legte vor zwei Jahren eine Strategie für ihre 2'700 Filialen weltweit fest, die auf Food und Frischwaren setzt, weil der Zeitungs- und Zeitschriftenverkauf unrentabler geworden ist. Entsprechend hat Valora 2019 das Standardsortiment für alle k-Kioske geändert und das Papierangebot stark reduziert zugunsten von Getränken und Esswaren.

Deshalb legen alle neun (!) Kioske rund um den Basler SBB-Bahnhof in etwa dasselbe kleine Mainstream-Angebot an Zeitungen und Zeitschriften aus. Für Besonderheiten bleibt kein Platz mehr. Nur: Wir gehören nicht nur Mehrheiten an, sondern immer auch Minderheiten, wie der Philosoph Herbert Marcuse einst festhielt.

 

Auf den Kiosk umgemünzt heisst das: Der eine sucht seine spezielle Zeitschrift für Jagd, Garten, Makrame, Eisenbahnmodelle, Geschichte, Yoga und ähnliches. Wenn man dies nicht mehr am Kiosk findet, muss man sich heute ein Abonnement überlegen (anstelle der Papierausgabe vielleicht sogar gleich die günstigere Online-Ausgabe); oder man kauft die Lieblingszeitschrift ohnehin im Ausland, wo sie zuweilen schon zum halben Preis erhältlich ist. Der Weg zum Bahnhofskiosk in Frankreich oder Deutschland ist für Basler und Baslerinnen ja nicht weit.

 

Natürlich gibt es Branchen in Basel, für die diese Beobachtung nicht stimmt, wie beispielsweise den Buchhandel oder Optiker-Geschäfte. Das sind die löblichen Ausnahmen.

 

Online-Shoppen wird interessanter

 

Freundlich hat mich die Verkäuferin auch beim "Chrüterhüsli" darauf auf die Bestellmöglichkeit aufmerksam gemacht, als mein Lieblings-Müsli dort nicht mehr im Regal stand. Nur: Wenn ich schon bestellen muss, dann kann ich es gleich selbst im Internet besorgen. Für viele Produkte ist online einkaufen sowieso die günstigere und erst noch schnellere Lösung.

 

Auf der Redaktion traf ich einst die jüngeren Frauen über die Mittagszeit beim Online-Shoppen von Kleidern und Schuhen an. Was, dachte ich als alter weisser Mann, gehen die jungen Frauen heute nicht mehr gemeinsam shoppen?

In meiner Jugendzeit trafen sich junge Frauen regelmässig für einen amüsanten Nachmittag zum Shoppen, Schwatzen und Kaffee trinken. Die Antwort der jungen Frauen heute lautete lapidar: "Dafür haben wir keine Zeit!" Lieber klicken sie auf eine international betriebene App und suchen nach Gebrauchtkleidung. 

 

Einkaufen im Internet hat die Jungen also schon voll erfasst, und der Detailhändler, der einen realen Laden betreiben will, sollte sich gut überlegen, was er den Kundinnen bieten kann, was das Internet nicht leistet. Zum Beispiel ein breites, Sortiment mit gut ausgewählten Produkten zum Anfassen und Ausprobieren.

 

Kurzum: Das früher als Einkaufsparadies angepriesene Basel ist zu einer Shopping-Wüste verkommen. Man fühlt sich als Kunde um Jahrzehnte zurückgeworfen. Und da ist nicht nur Corona Schuld!

 

Andere Städte bieten mehr und länger
 

Ich habe die Konsequenzen gezogen und reise zum Einkaufen immer häufiger nach Bern oder Zürich, wo das Angebot sehr viel breiter ist. (Manchmal genügt sogar ein Blick in die benachbarte Kantonshauptstadt Liestal.) Beispiel gefällig? Kürzlich wollte ich mir einen Einkaufswagen besorgen. Ich suchte eine dieser praktischen Einkaufshilfe für Senioren und Seniorinnen, um schweres Gepäck zu transportieren.

Diesbezüglich hatte das Warenhaus "Loeb" beim Berner Bahnhof mit etwa 15 verschiedenen Modellen das viel breitere Angebot an Wägeli-Typen als alle Basler Geschäfte "Coop", "Migros" und "Manor" zusammen. Und erst noch in jeder Qualitätsklasse. Wer "nur" ein Wägeli für den normalen Einkauf sucht, und damit nicht 40 Kilo sperrige Ware transportieren will wie ich, der würde möglicherweise auch im "Pfauen" in der Freien Strasse ein geeignetes Modell finden.
 

Und wenn man schon den Aufwand auf sich nimmt, nach Bern oder Zürich zu reisen, lassen sich andere Einkäufe auch gleich erledigen – zum Schaden des Basler Gewerbes, versteht sich. Für Luxusartikel bietet Zürich sehr viel mehr Läden als Basel, und in Bern entdeckt man exquisite Kleinstläden, die in Basel wegen der hohen Mietkosten sowieso schon lange verschwunden sind.
 

"Fir en offe Basel" chancenlos

 

Wenn die Freie Strasse abends fast menschenleer ist, hängt das damit zusammen, dass fast alle Läden seit Ausbruch der Corona-Pandemie schon um 18.30 Uhr schliessen, obschon sie länger geöffnet bleiben dürften. Man erinnert sich: Der Kampf des Gewerbeverbandes um längere Öffnungszeiten war lang und beschwerlich.

 

Den Abendverkauf haben die Basler und Baslerinnen erstmals 1976 abgelehnt, und sie straften das Gewerbe 1988 erneut, als sie die Initiative 'Nein zum Abendverkauf' annahmen. Erst 1994 wurde der Abendverkauf am Donnerstag bis 20 Uhr eingeführt, 1998 an Donnerstagen sogar bis 21 Uhr. Die Initiative "Fir en offe Basel" mit ihrer scharfen Liberalisierung dagegen lehnten die Basler und Baslerinnen 2002 mit 57 Prozent Nein-Stimmen ab.

2003 erhöhte die Regierung die Ladenöffnungen an Werktagen auf 20 Uhr und an Donnerstagen sogar bis 21 Uhr (Bewilligung auf Antrag). Diese Antragspflicht fiel 2005 mit einem Bundesgerichtsentscheid weg. Fortan galt für alle Läden die Öffnungszeit an Werktagen bis 20 Uhr. Nur am Abendverkauf-Donnerstag mussten Läden schon um 20 Uhr statt wie zuvor um 21 Uhr schliessen. Weitere Versuch, die Ladenöffnungszeiten bis 22 Uhr auszudehnen, waren erfolglos.

45 Jahre Gewerbekampf für nichts

 

Die Argumente von Gewerbe und Detailhandel in ihrem politischen Kampf waren immer dieselben: Sie befürchteten, auf dem Markt benachteiligt zu sein und fürchteten die Konkurrenz aus dem nahen Ausland, sofern die Ladenöffnungszeiten in Basel nicht liberalisiert würden. Seit zehn Jahren droht eine neue Konkurrenz im Internet.

Man erinnere sich, dass der Basler Gewerbeverband noch vor drei Jahren laut aufheulte, ohne ausgedehnte Ladenöffnungszeiten verliere der Detailhandel wichtige Käufer und Käuferinnen an Deutschland und ans Baselbiet, die liberalere Öffnungszeiten kannten.

 

Kaum ein Geschäft nutzt die Oase "Abendverkauf" als Magnet für ausländische Kundschaft. Welcher Badenser oder Elsässer will schon nach Basel fahren, wenn um 18.30 Uhr fast alles dicht macht. Wir sind – von wenigen Ausnahmen abgesehen – wieder im Jahr 1942 angekommen. Damals wurde die Ladenschliessung im baselstädtischen Gesetz an Werktagen auf 18.30 Uhr festgelegt.

23. November 2021

Weiterführende Links:


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"Endgültige Gewohnheiten"

Guter Journalismus kehrt vielleicht zurück, da bin ich nicht so pessimistisch. Endgültiger sind die Gewohnheiten, auf dem Weg zur Arbeit beim Umsteigen an Haltestelle oder Bahnhof die Einkäufe zu tätigen, an Orten, wo bisher Amtsstellen, die Post oder eine Wechselstube anzutreffen waren. Einschneidend ist die Rochade von der Innenstadt zum Bahnhof, weil für die grossen Einkaufshäuser die Besorgungen des Alltags eine Schlüsselrolle spielen. Und die Einkaufsstrasse wiederum kann nicht ohne Detailhandel sein.  Interessierte werfen einen Blick in den lesenswerten Beitrag 'Einfluss der Fussgängerzonen auf den Detailhandel' in Plan, der Zeitschrift für Planen, Energie, Kommunalwesen und Umwelttechnik. Online auf http://doi.org/10.5169/seals-781871


Tilmann Schor, Basel




"Basel braucht einen City Manager"

Wieder einmal liefert OnlineReports eine hervorragende Analyse, in diesem Fall zur Situation des Detailhandels in Basel. Der Vergleich mit der Entwicklung in der Medienlandschaft ist hervorragend. Aus meiner Sicht heisst das Wort der Stunde "Oberflächlichkeit". Wenn man die Freie Strasse renoviert, dann verlegt man zwar einen schönen und sehr teueren Bodenbelag, aber daneben passiert gar nichts. Dabei könnte man Gastroflächen schaffen, mit Bäumen und Wasser (wie in Freiburg DE) spielen, Spielplätze bauen (Indoor und Outdoor), unterirdische Bühnen aufstellen, die man hochfahren kann und Basler Musikerinnen und Musiker auftreten können. Vielleicht könnte man sogar einen Teil der Freien Strasse überdachen.

 

Wenn es noch eine Chance gäbe, das Gewerbe in der Innerstadt zu retten, dann brauchen wir unbedingt einen City Manager. Jemand der diese Innerstadt wie ein Shopping Center führt, der schaut, dass es etwas läuft, dass eben auch Spezialisten ihr Angebot zeigen können (z.B. mittels eines Samstagmarkts und Produkte aus der Region verstärkt präsentiert werden).

Aus meiner Sicht sollte die Stadtentwicklung diesen City Manager in einer ersten Phase lancieren, sehe aber auch eine Refinanzierung durch die Vermieter. Denn die Vermieter haben bis heute am wenigsten unter dem Frequenzverlust in der Innerstadt gelitten. Die Innerstadt hat immer noch Potential, aber es braucht eine aktive Belebung und die kommt nicht von selbst.

 

Was auch sehr wichtig ist, dass die Behörden viel kulanter sind, was das Bewilligungsverfahren betrifft. Als die Innerstadt für den Tramverkehr gesperrt war, habe ich einmal die Idee von einem Touristenzügli auf Pneu für die Sommermonate in der Freien Strasse vorgeschlagen. Das BVD sagte mir, das sei unmöglich, eine Einbahnstrasse (Freie Strasse) mit einem solchen Zügli in beide Richtungen zu befahren. Früher haben wir noch Seilbahnen über den Rhein gebaut!


David Friedmann, Basel




"Da macht der Einkauf wieder Spass"

Das Gewerbe jammert zu Recht über die restriktiven Öffnungszeiten. Freie Öffnung mit entsprechendem Lohnschutz ist ein Win-Win für Kunden und Geschäfte. Das ist die eine Seite. Der Onlinehandel macht ein unermessliches Sortiment zugänglich, dem kein KMU Paroli bieten kann. So wird an beiden Fronten der fatale Weg eingeschlagen: Man reduziert das Angebot bis zum Nichts.

Dass es anders geht, ist so offensichtlich, dass es erstaunt, dass die Baslerinnen und Basler nicht darauf kommen: Öffnungszeiten rund um die Uhr mit einem Mega-Sortiment und professioneller Beratung! Der geneigte Kunde muss seinen Lieblingsartikel im Internet finden und in Basel abholen können. Da macht der Einkauf wieder Spass – ich habe, was ich will, werde top beraten und finde noch das eine oder andere dazu. Und muss mich nicht mit der leiden Paketpost, dem Zoll und unnötigen Rücksendungen herumschlagen.


Daniel Kobell-Zürrer, Zürich



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