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"Ohne Feuer keinen Sinn": Lese-Promoter Matthyas Jenny

Der Höhlenbär vom Bachletten

Matthyas Jenny, Basler Literaturvermittler der ersten Stunde, gibt seinen Verlag "Nachtmaschine" auf


Von Anna Wegelin


Matthyas Jenny, Initiator von "Literaturhaus", "Buchmesse", "Lyrikfestival" und viel mehr: Wir statten dem Lesemann einen Besuch an seinem Arbeitsort ab. Die Tür zur "Buchhandlung Bachletten" steht offen. Belletristik auf der einen Seite, Kinder- und Jugendbücher auf der anderen. Fein säuberlich in den Regalen, kreuz und quer überall im Laden. Das Telefon klingelt. "’Corpus Delicti’ von Julie Zeh?" Matthyas Jenny zieht den Band aus einem Bücherturm am Boden: "Ist abholbereit." Zu mir präzisiert er: "Ich finde alle Bücher, immer. Manchmal dauert es etwas länger, weil sie sich bewegen."

Ladenschluss. Wir gehen in die Küche hinter dem Lokal – Matthyas Jenny lebt und arbeitet in drei kleinen, miteinander verbundenen Räumen im Hochparterre. Er macht einen Kapselkaffee, zündet die nächste Marlboro an. Hier dasselbe: Der Raum voller Bücher, nur das Abwaschbecken ist noch frei. Er koche nie daheim, erzählt Jenny: "Ich esse nur Müesli", aus dem Multipack mit Milch angerührt oder fix und fertig vom Quartierbeck nebenan. Er räumt den Sessel frei von Literatur und legt ein frisches Abtrocktüechli auf die Sitzfläche: "Bitte sehr." Wir unterhalten uns über das Ende des Ammann-Verlags, das für Schlagzeilen gesorgt hat. "Ist halt der Lauf der Zeit", so Matthyas Jenny zur Schliessung des renommierten Hauses aus Zürich. Dann teilt er völlig unerwartet mit, er gebe seinen Verlag "Nachtmaschine" per sofort auf, ganz ohne Hang-up: "Ohne inneres Feuer hat es keinen Sinn mehr." Eine Medienkonferenz brauche es dazu nicht.

Was ist los mit Matthyas Jenny, der seit über 30 Jahren unermüdlich Literatur in verschiedenen Spielarten "vermittelt", wie er sagt, und mit seinen Projekten weit über Basel hinaus strahlte? Woher dieses innere Feuer, diese Selbstausbeutung bis zum Geht-nicht-Mehr?


Am Anfang, erzählt er, war seine Mutter, die viel gelesen habe und eine kleine Bibliothek anlegte. Mitte der 1970-er Jahre gründet Jenny den Verlag "Nachtmaschine". Tagsüber zieht er seine beiden kleinen Kinder Zoë und Kaspar auf. Nachts druckt er auf einer alten Maschine zunächst Einladungskarten für Ausstellungen und Künstlerzeichnungen, dann die Literaturzeitschrift "Nachtmaschine", später auch Flugblätter für das Basler AJZ. Und schliesslich Bücher: Mehr als 150 Titel sind hier erschienen, unter anderem von Hansjörg Schneider, Dieter Fringeli, Rolf Lappert, Manfred Gilgien, Jürgen Ploog, Jörg Fauser. Soeben erschienen ist der Roman "Das böse Mädchen Gisela" von dem in Basel lebenden Autor und Museumskurator Markus Stegmann. Erste Kritiken sind begeistert.

 

"Wie bringt man Literatur, Gedichte
unter die Leute?"


1976 gründet Matthyas Jenny in Basel das weltweit erste funktionierende Poesietelefon. Bis 1982 erhält er dieses von der Warhol-Factory in New York inspirierte "Call a poem"-Projekt, das im Gegensatz zum amerikanischen Vorläufer funktioniert habe, am Leben. Von 1979 bis 1988 führt er jeden März im Tag den "Tag der Poesie" durch. Die Idee auch hier: "Wie bringt man Literatur, Gedichte unter die Leute?" Es folgen zehn Jahre des Geldverdienens: Von 1987 bis 1995 als stellvertretender Direktor der Verlagsauslieferung Azed AG in Basel, danach zwei Jahre als Einkaufsleiter bei Ex Libris und schliesslich neun Monate beim Ammann-Verlag, wo es zwischen den beiden so unterschiedlichen, markanten Charakteren gehörig gekracht haben soll.

1997 ruft Jenny mit den Autorin Verena Stössinger und Autor Martin R. Dean ("Literaturgruppe Basel") das erste "Internationale Literaturfestival Basel" im Schützenmattpark ins Leben. Ebenfalls auf sein Konto gehen die Gründung des "Literaturhaus Basel" im Jahr 2000, das erste Literaturhaus in der Schweiz, und die Gründung der Messe "Buch.Basel" 2003, die er bis Anfang 2007 leitete (die künstlerische Leitung hat seither – Ironie des Schicksals – Egon Ammann). Das "Internationale Lyrikfestival Basel", das seit 2001 jeden September stattfindet, auch es "sein Kind", führt dieses Jahr erstmals ein neu gegründeter Verein am 5. und 6. September im Literaturhaus Basel durch. Matthyas Jenny: "Es passt nicht mehr in mein anderes Leben."

 

"Ich, nicht sie hätte sterben sollen."


Sein "anderes Leben" beginnt mit dem Tod seiner Lebensgefährtin Ursula Wernle, die vor zwei Jahren an Krebs starb. Nach der Diagnose im Januar 2007 gab Matthyas Jenny den Rückzug von der "Buch.Basel" bekannt. Am 8. Mai eröffnete die Messe unter der neuen Leitung. Am 13. Mai schloss sie – und am selben Tag starb seine Frau. Jenny, der 17 Jahre älter ist als sie: "Ich, nicht sie hätte sterben sollen."

Die "Buchhandlung Bachletten", Ursula Wernles Vermächtnis, strukturiert seinen Alltag ab morgens um vier bis fünf Uhr, wenn die Lastwagen ihre Lieferungen aus dem Buchzentrum Olten und aus Stuttgart bringen. Er sei schon immer ein Wenigschläfer gewesen, erzählt Jenny: "So wird der Tag länger." Die Buchhandlung läuft gut, sogar besser als im Vorjahr. Neben Lieferungen an Bibliotheken und Schulen, die eine Aushilfe für ihn erledigt, lebt er zu einem wesentlichen Teil von privater Kundschaft. Seitdem er seine Buchempfehlungen im Internet-Facebook aufschaltet, ist sie gewachsen – und beschert ihm, dem "Höhlenbär", wie er sich selber nennt, ein soziales Kontaktnetz.

Matthyas Jenny führt ins Schlaf- und Schreibzimmer neben der Küche. Wieder ein Meer von Büchern und Papieren, auf Bett, Stuhl und Pult. Er liest seine jüngsten Facebook-Kommentare vor: Der Roman "Frau Sorgedahls schöne weisse Arme" von Lars Gustafssons, "ein Buch wie ein strahlend blauer Himmel", "leicht, flockig". Jennys jüngster Eintrag von heute morgen zu Peter Stamms "Sieben Jahre": "Währschafte Schweizer Literatur", "nicht spannend, aber gut geschrieben". "Unglaublich, einfach toll" sei seine Facebook-Community, schwärmt Jenny. "Mamablog"-Autorin Michèle Binswanger, die schräg vis-à-vis im Bachletten wohnt, gehört dazu, wie auch der Schriftsteller Alain Claude Sulzer und viele andere.

 

"Der Computer wurde
Jennys neue Nachtmaschine."


Überhaupt ist der Computer Jennys neue Nachtmaschine geworden. Hier frönt er seiner Leidenschaft des Schreibens, wann immer er nur kann. Über 5'000 Seiten sind es schon, Geschichten, Tagebucheintragungen, Essays und so weiter. Und der "faszinierende Irrsinn" des Ganzen: Man drückt auf die "Delete"-Taste und alles ist gelöscht, "ohne das ganze Theater der Manuskriptverbrennung". Was geschieht mit all den Texten in seinem Computer? Die wolle er nicht publizieren, sagt Jenny, von dem bis Mitte der neunziger Jahre mehrere Gedicht- und Prosabände erschienen sind. "Ich habe mich nie wohl gefühlt in der Öffentlichkeit", fügt er an.

"Ich fühle mich leicht", meint Matthyas Jenny. "Alles ist so weit weg." Alles, was vor Ursula Wernle war. Er habe keine Mühe mit Loslassen, sagt er. Loslassen, sich vom öffentlichen Parkett der Literatur zurückziehen ist sicher einfacher, wenn eine tüchtige Person das "Literaturhaus Basel", seine Erfindung, leitet.

So findet er denn auch nur positive Worte für Katrin Eckert, die auch das "Internationale Lyrikfestival Basel" mitveranstaltet. Sie sei unaufgeregt normal und mache ein interessantes professionelles Programm, so Jenny. An ihrem allerersten Arbeitstag sei Katrin Eckert bei ihm in der Buchhandlung vorbeigekommen. Ganz anders ihre Vorgängerin Margrit Manz, die ihn einen Monat nach ihrem Antritt ins Literaturhaus zitiert habe und mit der Bemerkung begrüsste: "Wir haben da ein Problem." – "Von da an hatten wir ein Problem", sagt Matthyas Jenny, der sich öffentlich mit der umstrittenen ehemaligen Intendantin anlegte.

Die Zeiten, als Jenny Literatur in Basel zum Stadtgespräch machte, verhöhnt und bewundert wurde, sind vorbei. 2009 ist es, als würde sich Matthyas Jenny von dieser Welt verabschieden.

Doch ganz hinter den Büchern seiner Buchhandlung und seinem Computer wird er nicht verschwinden. Sein mit Ursula Wernle ins Leben gerufene "Kleines Literaturhaus" im Untergeschoss seines Wohn- und Arbeitsortes im Bachletten-Quartier wird er vorerst weiterführen, wenn auch mit reduziertem Programm.

Und dann sind da noch seine beiden Kinder: Der Sohn Kaspar doktoriert gerade in Ethnologie an der Universität Basel. Die Tochter, die Schriftstellerin Zoë Jenny, die seit Jahren in London wohnt, bekommt nächsten Februar ein Kind und Matthyas Jenny wird Grossvater. Das Leben geht weiter. Das Schreiben darüber auch: Letztes Jahr hat Matthyas Jenny einen Werkbeitrag von Basel-Stadt für seinen autobiographischen Roman "Durch die Luft" erhalten, eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, die vorwiegend in Basel spielt.

 

Matthyas Jenny: www.bachletten.ch
Lyrikfestival: www.literaturhaus-basel.ch

4. September 2009


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"Der geborene stille und senkrechte Macher"

Matthyas Jenny ist ein Mann der Taten, nun gibt er seine "Nachtmaschine" auf, doch er rastet nicht. Voller Hingabe hat er seine Frau Ursula Wernle sel. bis zum letzten Atemzug begleitet und umsorgt, was hiess, dass er die Buch.Basel in andere Hände gab.

Matthyas Jenny ist ein Macher, der ruhig und mit vollem Einsatz die Basler zum Lesen bewegt. Nun hat er beschlossen, seine "Nachtmaschine" aufzugeben, doch von ausruhen keine Spur. Jenny rostet nicht, er ist der geborene stille und senkrechte Macher. Möge er noch lange Jahre bei Gesundheit aktiv bleiben dürfen. In diesem Sinn weiter so, wir danken es ihm von Herzen.


Yvonne Rueff-Bloch, Basel



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Kontroverse am Weihnachtstisch
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"Eine Anfrage hat deswegen Grünen-Politiker Harald Friedl beim Regierungsrat platziert."

BZ Basel
vom 4. Januar 2022
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Hat nun die Anfrage Friedl oder Friedl die Anfrage bei der Regierung platziert?

Alles mit scharf

Kleider machen Leute
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RückSpiegel


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Weitere RückSpiegel

 

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