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"Zwischen zwei Welten": Vertraute Markus Somm, Christoph Blocher*

"Was hältst du unter deinem Mantel ...?"

Markus Somm, die Verlockungen der nationalkonservativen Reaktion und der Kampf um die "Basler Zeitung"


Von Giorgio Girardet


Mit Markus Somm (1965) verbindet mich nicht nur der Jahrgang, nein auch der Besuch des altsprachlichen Gymnasiums in Baden, wo wir in den mittleren achtziger Jahren gemeinsam an einer Rezitationsübung romantischer Gedichte teilnahmen. Unauslöschlich bleibt mir in Erinnerung, wie er mit demselben Selbstbewusstsein, mit dem der Dauphin des ABB-Chefs jeweils den Samstagmorgen schwänzte und im Kaffeehaus "Himmel" in Privatlektionen seine Lesefrüchte vor der jeunesse doré Badens ausbreitete, an die Rampe trat und mit seiner sonoren, gepressten Stimme Novalis' "Erste Hymne an die Nacht" in die Aula schmetterte.

 

Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht.

 

In ihr besingt der genialische, adlige Frühromantiker Friedrich von Hardenberg (1775-1801) 1797 kurz nach dem frühen Tod seiner 15-jährigen Verlobten, mitten im Vernunftlärm der siegreichen französischen Revolution, die Abwendung vom Licht der Aufklärung und die Hinwendung:

 

Zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt – in eine tiefe Gruft versenkt – wüst und einsam ist ihre Stelle.

 

Unsere Männergeneration steht wie Novalis zwischen zwei Welten: Wir sahen noch Guisan im Wirtshaus hängen (Willy Gautschi, sein Biograf war unser Lehrer in Baden) und blätterten als Buben interessiert im "Zivilverteidigungsbüchlein", entschlossen uns aber – den Müttern und dem "Fortschritt" zuliebe – den feministischen Aufbruch nach 68 ("Modernisierung") fortschreiben zu wollen. Christoph Blocher begleitete unser Heranwachsen als dämoniserter Unstern, auf den unsere Mütter alles projizierten, was sie unglücklich machte und ein braver "Sinnbegabter" zu verabscheuen hatte.

Uns dämmerte aber, die entfesselten Jahrgängerinnen würden uns die Reproduktion schwer machen: Das "Oberhaupt der Familie" wurde gegen den Widerstand Blochers abgeschafft, männerbündlerische Strukturen wurden diskreditiert und brachen weg. Kaum einer von aus unseren Matura-Jahrgängen wurde Offizier in der Armee. Roger Köppel, damals Hoffnung grüner Pädagogen, war gar "dienstuntauglich".

 

"Einer Frau 'Kinder machen'
wurde zum Verbrechen an ihren Talenten."


Allem Emanzipations- und Gendergeschwätz zum Trotz blieb in uns der alte Auftrag lebendig; Ernährer werden, Familie gründen, das Vaterland der Vorväter bewahren, "Verantwortung" übernehmen, ein Werk hinterlassen. Doch bei allem Einsatz konnte dies nicht mehr wie bei Genraldirektor, Nationalrat, Oberst Dr. iur. Christoph Blocher mit einer zudienenden Gattin an der Seite erreicht werden, denn unsere potentiellen Gefährtinnen durften, sollten, ja mussten im Namen der Modernisierung selber "Karriere machen" wollen. Einer Frau "Kinder machen" wurde zum Verbrechen an ihren Talenten, am Fortschritt, am Weltgeist. So wurde Köppel erst als selbstständiger Unternehmer Vater eines Sohns einer Vietnamesin. Markus Somm begann seine Karriere als "emanzipierter Linker" in der familienfreundlichen Tamedia mit einheimischer Gefährtin. 1999, als Bundeshausredaktor geriet er in das Gravitationsfeld des dämonisierten Blocher:

 

Was hältst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kräftig an die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüts hebst du empor. Dunkel und unaussprechlich fühlen wir uns bewegt – ein ernstes Antlitz seh ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt.

 

Er wandte sich dem zu, was dem helvetischen "juste milieu" der Leibhaftige war: dem "nationalkonservativen Populisten". Er wechselte zu Roger Köppels "Weltwoche" und legte 2008 eine 550 Seiten starke, lesenswerte Blocher-Biografie vor. Und wie bei Novalis 1799 und Guisan und Churchill 1933-45 geht es Somm nun, zum Mann gereift, um: "Die Christenheit oder Europa". Nun, mit fünf Kindern gesegnet, will er, nach einer Guisan-Biografe, durchstarten, nach Jahren als Köppels Stellvertreter und erster Offizier, sein eigenes Kommando.

Es sind aber nicht die alten Waffenplatz- und Manöver-Führungserlebnisse, die er in seinem Blocher-Buch episch ausbreitet, die ihm dabei helfen – woher sollte er sie haben. Nein, es stehen neoliberale Göttis in katholischen Steuerparadiesen bereit ("Freunde der NZZ"), denen es (noch) nicht gelungen ist, sich in Zürich die "Alte Tante", den ehemaligen Leuchtturm des neoliberalen Katho-Kapitalismus von Gerhard Schwarz, gefügig zu machen, und die nun die zwischen Kultur-Daig und FCB-Fans von der Verlegerfamilie aufgegebene und etwas konzeptlos dahintreibende "Basler Zeitung" gekapert haben.

 

Basel tickt anders. Schon immer war die älteste Universitätsstadt der Schweiz ihrer geografischen Lage wegen auf sehr eigensinnige Weise "eidgenössisch". Basler Juweliere halfen den raffgierigen Bauern- und Bürgerkriegern der "Tamedia-Schweiz" die Diademe und Diamanten Karls des Kühnen sortieren, Erasmus fand hier seinen Drucker, die Basler blieben beim "Basler Bekenntnis", hassten Calvin, von hier starteten nach Waterloo die süddeutschen Pietisten die Gutmenschenoffensive des 19. Jahrhunderts, die "Basler Mission".

 

"Befindet sich das bürgerliche und geistige
Basel in einer wohlgeplanten Schrumpfung?"


Immer war Basel geistiger Leuchtturm. Noch immer schmückt "Professor -ckdt" (Jacob Burckhardt) die Tausendernote. Karl Barth, der Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, wirkte hier, Karl Jaspers, Edgar Bonjour erklärte die Neutralität in fünf Bänden, Georg Kreis, Leiter des "Europa-Institus", durfte immerhin am sagenhaften (weil zumeist ungelesenen) Bergier-Bericht mitschreiben und als ehrenamtlicher Vollzugsbeamter des Antirassimus-Gesetz wirken. Die Baslerinnen durften schon 1966 abstimmen. Die Frage ist nun: Hat der Daig "noch der Söhne wie St. Jakob sie sah"? Oder gibt es nur noch Gigi Öris Fussball-Söldner und das globalisierte Multi-Kulti der Forschungslabore der Pharma-Industrie? Gibt es noch Basler (Städter wie Landschäftler), die wie der Metzgermeister 1444 schreien: "Uff se mit grien!" Oder befindet sich das bürgerliche und geistige Basel wie seine reformierte Kirche in einer wohlgeplanten Schrumpfung?

 

Was alarmiert ist die kolportierte Gewinn-Vorgabe von Blochers Beratungsfirma "Robinvest". Zehn Prozent liegen über der calvinistischen Höchstgewinngrenze (5 bis 7 Prozent), die Genf und Zürich in der "old economy" nachhaltig reich machten, und die noch dem Appenzeller Niklaus Senn selbst für das Bankgeschäft heilig war. Der Herrliberger "old man" halluziniert noch von der "new economy" ("pro facile"), die er mit seinem katholischen Kumpan Ebner (Pharmavision) betrieb.


A
ls hanebüchenes Himmelfahrtskommando erscheint es, einen solchen Gewinn mit einem Verlagsunternehmen in Basel erwirtschaften zu wollen. Ob Basel weniger Morin und mehr Sarrazin gut täte, darüber liesse sich in guten Treuen vernünftig streiten. Wer aber, wie Somm gegenüber dem "Tages-Anzeiger", leutselig seine heroischen Ambitionen ausplaudert (Inkaufnahme der Auflagenschrumpfung von 80'000 auf 50'000), weckt Assoziationen zu den Begriffen "Stahlhelm", "Reduit", "Führungsbunker" und "Untergang".

 

Denn wie die katholische Kirche mit der Druckerpresse das Lehr- und Meinungsmonopol verlor, so verloren die Zeitungen mit dem Internet das Monopol der veröffentlichten Meinung.

Dies soll mein Jahrgänger und Badener Mitgrieche im Auge behalten. Von der romantischen Todessehnsucht Novalis' erster Hymne an die Nacht führt – gerade über den heroischen Protestantismus des abgewählten Herrlibergers – ein fataler Traditionsstrang in die teutonische Götterdämmerung des "Untergangs" im Führungsbunker. Und wie das "Cabaret Cornichon" gegen die Deutschtümelei jener Jahre dichtete: "Um mängs in der Schwyz, wärs ewig schad." So auch um die "Basler Zietung" und den "sinnbegabten" Markus Somm. Möge der Kampf zwischen dem humanistischen Basel und dem Zeitgeist 2010-13 einvernehmlicher Ausgehen als 1830-33.

 

* bei der Präsentation von Somms Blocher-Biografie am 12. Februar 2009 im Haus Appenzell an der Zürcher Bahnhofstrasse

19. November 2010


Der Autor



Giorgio Girardet
, Jahrgang 1965, ist Historiker. Er arbeitet als Freier Journalist unter anderem für den "Nebelspalter", die "Neue Zürcher Zeitung" und die "Basler Zeitung". Er wohnt im Zürcher Oberland, ist verheiratet und ist Vater zweier Töchter.


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"Weiterhin viel Glück"

Wortmächtig und gut formulierter Artikel mit positiv rotem Faden für Markus Somm, dem ich an der Redaktionsspitze der BaZ weiterhin viel Glück und Durchhaltevermögen wünsche, auf dass die Basler Zeitung allmählich wieder zu den "Basler Nachrichten" transformiert wird.


Albert Augustin, Gelterkinden




"So geht man nicht vor"

Grossartiger Artikel, schöne Geschichtslektion, danke. Gut zu wissen, was Leute prägt und was sie treibt. Leider ist bei der aktuellen Führungscrew der BaZ einiges aus dem Ruder gelaufen; ein Hauch Überheblichkeit, viel Unsensibilität sowie eine gewisse Art von Geringschätzung der aufgeklärten Leserschaft ist zu spüren. Der Kommunikationsgau lässt sich nicht schönreden, der Markenartikel BaZ ist beschädigt. Zwar mag das Produkt BaZ der Vor-Somm-Zeit Mängel gehabt haben, und einige Änderungen drängten sich bestimmt auf, aber so geht man nicht vor, es sei denn, man will Heerscharen von Leserinnen und Lesern vergrämen.

 

Es sei verwiesen auf zwei riesige Marketingfehler der letzten Jahrzehnte: unnötige Rezeptänderung bei Coca-Cola mit Massenaufstand der Konsument oder dummer Verpackungswechsel bei Cailler-Schoggi. Nur, bei Coca und Cailler gab es Alternativen, bei der BaZ vorerst eher nicht. Eine Tageszeitung kommt ja täglich neu und hat neben Kommentar und Analyse trotz Internet quasi rituell einen Service public wie Berichterstattung über Dies und Das bis hin zu Todesanzeigen zu bieten.

 

Anders als eine Wochenzeitung wie die "Weltwoche" ist eine Zeitung immer noch auch ein papierner Dorfplatz, der meines Erachtens breiter gefächert sein sollte. Änderungen sind im Leben in allen Bereichen unabdingbar, nur das Vorgehen sollte so sein, dass die Nutzer mit auf die Reise genommen werden und sie sich nicht vor den Kopf gestossen fühlen.


Edwin Tschopp, Basel



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