Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

<< [ 1 | (...) | 61 | 62 | 63 | 64 | 65 | 66 | 67 | 68 | 69 | 70 | (...) | 174 ] >>

Theater Basel, Schauspielhaus
Schweizer Uraufführung

"Edward II. Die Liebe bin ich"

Autor: Ewald Palmetshofer nach Christopher Marlowe
Regie: Nora Schlocker
Dramaturgie: Constanze Kargl
Bühne: Marie Roth
Musik und Komposition: Hannes Marek
Licht: Kathrin Kölsch, Oliver Mathias Kratochwill
Kostüme: Sanna Dembowski

Mit Elias Eilinghoff, Florian Jahr, Thomas Reisinger, Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter, Simon Zagermann, Noah Zanolari


Blut, Kot und Geilheit

Der Bub verzieht keine Miene, als man ihm den Kopf Mortimers als einen mit Theaterblut beschmierten Ball reicht. Wenn dann der kleine Prinz Edward Anlauf nimmt, um den Kopf des Mörders seines Vaters ins Auditorium zu kicken, ertönen verschreckt-lachende "Hou-Hou"-Rufe im Schauspielhaus. Es ist der schrille Epilog auf eine in zweieinhalb Stunden erzählte Geschichte voll Blut und Kot, voll Machtkampf und Geilheit (man ist Regisseurin Nora Schlocker dankbar, dass sie davon nicht alles ausspielen liess).

Sein Vater, der englische König Edward II., wusch lieber seinen Günstling Gaveston in der Badewanne oder schaukelte ihn während nächtelangen Schlossfesten, als sich um die Franzosen zu kümmern, die die Normandie (kurz vorher noch in englischem Besitz) besetzten, oder um die Schotten, die einen Diplomaten entführten, um von der englischen Krone Lösegeld zu erpressen.

Am Ende wird er, mit Bühnenkot verschmiert, im Kerker, in den man die Schlosskanalisation eingeleitet hatte, sagen: "Liebe bin ich sucht ich fand ich lebenslänglich nicht", bevor man ihn mit einer glühenden Stange durch den After aufspiesst. Hatte er denn seinen Günstling nicht geliebt? Für dessen Aufnahme am Hof nahm er einen dauernden, schliesslich blutigen Machtkampf mit den aufsässigen Peers in Kauf, die seine (erneute) Verbannung forderten. Für ihn zog er sich die Feindschaft seiner vernachlässigten Königin Isabella zu, die sich bald mit dem machtgierigen Mortimer zusammen tat. Ihn überhäufte er mit Kleidern und mit Ämtern, die der nach eigener Aussage gar nie erfüllen konnte.

In der Version Ewald Palmetshofers, der das Historiendrama Marlowes (um 1593) überschrieb, kann dieser König im Spiegel nichts entdecken, ausser der Krone, deren Pflichten er hasst. Seine Liebe scheint kaum mehr zu sein, als sich mit Willen eine eigene Definition zu geben: der des Liebhabers. Als die Peers seinen Gaveston töten, bäumt er sich für kurze Zeit auf als Tyrann, der die Köpfe rollen lässt. Mit seinem Ersatz-Liebhaber Spencer wollen sich nicht mehr die gleichen Sensationen einstellen wie vordem mit Gaveston. Als man ihm, mittlerweile inhaftiert, die Krone abnimmt, erkennt er sich nur mehr als nichts.

Diese Interpretation folgt aber weniger einer psychologischen Differenzierung als vielmehr einer äusserlichen Stilisierung, die aus dem alten Stoff Marlowes ein heute ausführlich beschriebenes Konfliktmuster herausputzt; aus der Tragödie eines möglicherweise auch nur homoerotisch verliebten Regenten (so klar ist das weder bei Marlowe noch geschichtlich), dem es für das Amt an Lust oder Talent fehlte, wird das Drama des schwulen Königs, der fast nur seiner sexuellen Präferenz wegen von seiner Aussenwelt abgelehnt wird. Raunt das Stück nun aktuelle Brisanz herbei oder ist Marlowes Zeit gemeint? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Nicht von ungefähr wird in der Aufführung ein Stück von Michael Nyman (bekannt aus Greenaway-Filmen) mehrfach eingesetzt, der aus Barock und Klassik Elemente zu eigenen Pop-Klassik-Kompositionen verwob. Ähnlich tut es Palmetshofer mit dem Stoff und auch der Sprache; eine auch Barock verkünstelte Verssprache mit vielen Satzeinschüben und ältlichem Vokabular, aber mit Worten wie "Schwanz" oder "Ficker-Franzenland" auf heutig gestimmt.

Gallig ist die Ironie, brutal der eiskalte Witz, mit der die Peers auf den König, der König auf die Königin und die Peers verbal einstechen. Das bereitet dem Ensemble, das mit Prägnanz und konzentriert aufspielte, und dem Publikum sichtlich Spass. In der aus dem viel längeren Marlowe-Stück reduzierten Dichte, und da die Attacken bei den daran gewöhnten Leuten nichts mehr bewirken, wirken sie jedoch auf Dauer wie ein Geballere gegen die Wand.

Denn nicht mit Personen haben wir es zu tun, sondern mit stilisierten Figuren (Palmetshofer strich von bei Marlowe etwa 30 Rollen deren 20), bei denen das Kostüm (Sanna Dembowski) starke Zeichen setzt. Simon Zagermann als Edward ist eine infantile Groteske in goldenen Pumphosen, Strümpfen und ebensolchem Cape, oft weinerlich wie Peter Ustinov als Nero, aber mit weniger Wahnsinnsdimension. Die Peers in weissen Halskrausen, einer mit Mitra, und schwarzen Leggins oder Pluderhosen, wirken wie entstellt: steif und doch schlüpfrig.

Myriam Schröder als Königin rutscht immer wieder mal das Reifgestell unter dem Riesenrock heraus, wenn sie über die Riesenstufen der Kupferbühne springt, die das Machtgefälle zeigen. Sie ist die Einzige, der man innere Widersprüche zubilligte – man nimmt sie ihr ab, aber ohne mit ihr zu leiden. Mortimer (Michael Wächter) darf mit tiefen Bücklingen und blitzenden Augen zeigen, wie hoch er im Grunde genommen hinaus will.

Thiemo Strutzenberger zeigt als Lustknabe Gaveston viel Brust und Bein, wechselt mysteriös von kindlich schüchtern in herrisch auffahrend, wenn er etwa einen Bischof in den Kot drückt. Mit seiner sinnlichen Ausstrahlung sorgt er für das schönste Bild des Abends, wenn er blutüberströmt daliegt, ähnlich wie ein von Gott verlassener Heiliger bei Caravaggio. Wirklich erschütternd aber wirkt der junge Prinz (Noah Zanolari), wenn er mit wächsernem Gesicht auftritt, ein Malträtierter und Missbrauchter der Machtkämpfe.

Das Stück in der Inszenierung von Nora Schlocker wurde bereits Ende Mai anlässlich der Wiener Festwochen uraufgeführt, und nicht nur mit freundlichen Kritiken bedacht. Das Basler Publikum spendete zur Schweizer Uraufführung langen, warmen Applaus.

13. November 2015
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade. © Foto by OnlineReports.ch

Claude.Buehler@gmx.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

Veranstaltungs-Hinweis


Buchvernissage
29. November 2022, 19.30 Uhr

Christiane Widmer und Christian Lienhard: "Eine Prise Leidenschaft. Gespräche mit 81 Köchinnen und Köchen in der Schweiz"
Vernissage mit Urs Hofmeier, Direktor Schweizer Salinen; Lukas Ott, Stadtentwickler; Daniel Jenzer, Restaurant Wanderruh; Christiane Widmer, Autorin.

Anmeldung erforderlich, Teilnahme gratis: ticket@biderundtanner.ch
061 206 99 96
Mehr Infos
 

https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Wie wollen Sie die Landwirtschaft dazu bringen, weniger tierische und dafür mehr menschliche Nahrungsmittel zu produzieren?"

Basler Zeitung
Interviewfrage
am 2. November 2022
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Die visionäre BaZ stellt sich frühzeitig auf Menschenfleisch ein.

RückSpiegel


20 Minuten nahm die OnlineReports-Recherche über den Angriff auf den Stiefvater vor dem Muttenzer Gerichtsgebäude auf.

Die Basler Zeitung und die BZ Basel nahmen die OnlineReports-News über die Rückkehr von Christine Keller in den Basler Grossen Rat auf.

In ihrer Analyse über die unklare Gesundheitsversorgung des Laufentals ging die Basler Zeitung auf eine OnlineReports-Recherche ein.

Telebasel konfrontierte die SVP-Regierungsrats-Kandidatin Sandra Sollberger mit einem Kommentar aus OnlineReports (worauf sie die Stellungnahme verweigerte).

Die BZ Basel und die Basler Zeitung nahmen den OnlineReports-Bericht über Pläne zum Abbruch des Spitals Laufen auf.

Die OnlineReports-News über den Wechsel des Telefon-Anbieters durch die Basler Verwaltung wurde von der BZ Basel und Happy Radio aufgenommen.

In seiner Aufstellung über "Politiker, die Wasser predigen und Wein trinken", nahm der Nebelspalter auch auf einen Artikel in OnlineReports Bezug.

20 Minuten griff die OnlineReports-Meldung über einen Autolenker, der bei der verbotenen Fahrt durch eine Einbahnstrasse in Birsfelden eine Radfahrerin schwer verletzte, auf.

Die OnlineReports-Nachricht vom Tod des früheren Baselbieter Regierungsrats Urs Wüthrich nahmen Telebasel, die BZ Basel, die Basler Zeitung, das SRF-Regionaljournal, Prime News, die Nachrichtenagentur SDA, 20 Minuten und Happy Radio auf.

Die BZ Basel nahm die OnlineReports-Recherche über Lärm-Überschreitungen im Osten des Gundeldinger-Quartiers auf.

Auf die OnlineReports-News über den Rücktritt der Laufener Finanzkommission reagierte die BZ Basel mit einem Nachzug.

Die Basler Zeitung nahm in ihrer Analyse der Basler FDP auf einen OnlineReports-Artikel aus dem Jahr 2005 Bezug.

Die BZ Basel nahm in ihrem Bericht über den Protest gegen entwässerte Basler Brunnen auf OnlineReports Bezug.

Die OnlineReports-News über stehengelassene BVB-Buspassagiere wurde von der BZ Basel aufgenommen.

Die BZ Basel und die Basler Zeitung nahmen die OnlineReports-News über die Aufnahme von Frauen in die drei Kleinbasler Ehrengesellschaften auf.

Die BZ Basel zog die OnlineReports-News über Login-Probleme bei der Basler Kantonalbank (BKB) nach. Ebenso das Regionaljournal, das aber keine Quelle nannte.

Die BZ Basel und das SRF-Regionaljournal nahmen die OnlineReports-Meldung vom Tod des ehemaligen Baselbieter LdU-Nationalrats Claudius Alder auf.

In ihrem Bericht über den Störungs-Aufruf von "Basel nazifrei" zitierte die Basler Zeitung aus OnlineReports.

Weitere RückSpiegel

 

In einem Satz


Die Baselbieter Regierung hat die Mietung von Räumlichkeiten für das Amt für Migration und Bürgerrecht im Helvetia Tower in Pratteln beschlossen.

Auf die im Februar zurücktretende "Basta"-Grossrätin Beatrice Messerli (70) wird die Präsidentin des Jungen Grünen Bündnisses Nordwest, die Klimaaktivistin Fina Girard (Jahrgang 2001) folgen.

Lorenz Amiet, bisher Vizepräsident, wird neuer Präsident der SVP-Grossratsfraktion als Nachfolger von Pascal Messerli, der neu Parteipräsident wurde.

In Lörrach bewarf dieser Tage ein Unbekannter die Fassade der Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde mit Eiern.

Am Riehenring entsiegelt das Basler Bau- und Verkehrsdepartement als Versuch ab 31. Oktober insgesamt 14 Parkfelder, so dass dort zukünftig Regenwasser in den Untergrund geleitet wird.

Witterungsbedingt muss die Eröffnung der Kunsteisbahn Eglisee in diesem Jahr um zwei Wochen nach hinten verschoben werden, nämlich auf den 12. November.

Ab 1. November müssen sämtliche Personen, die den Kanton in strategischen Führungsorganen der Beteiligungen des Kantons Basel-Landschaft vertreten, ihre Vergütungen offenlegen.

Der Kanton Baselland beteiligt sich mit 900'000 Franken an der von der Wirtschaftskammer organisierten grössten Berufswahlmesse der Schweiz.

Am 29. Oktober, ab 10.15 Uhr, findet an der Oristalstrasse 100 A in Liestal die öffentliche Fahrzeug-Versteigerung von rund 140 Velos diverser Marken, 4 Autos (BMW X6 xDrive30d, Honda Civic 2.0i Typ R, VW T5 Kombi D 4M BMT, VW Polo Blue GT) und ein Arbeitsanhänger (BZS MA MA MA) statt.

Die Kunsteisbahn Margarethen eröffnet am 22. Oktober, die Eislaufsaison und eine Woche später; ab dem 29. Oktober, ist auch die Kunsteisbahn Eglisee geöffnet.

Die Evangelische Volkspartei Baselland (EVP) feierte am vergangenen 9. Oktober mit Partei- und ihren 100. Geburtstag.

Das Bau- und Verkehrsdepartement erteilt der Wyniger Gruppe den Zuschlag für den Betrieb der Flora-Buvette ab 2023; es soll sich um die "erste klimaneutrale Buvette" handeln.

Per 1. Januar 2023 übernimmt Christopher Henry Tütsch (49) die Geschäftsleitung des Ausländerdienstes Baselland als Nachfolger von Oliver Bolliger, der zum selben Zeitpunkt die Geschäftsleitung der Stiftung Wohnhilfe in Basel übernimmt.

Die Delegierten des Gewerbeverbandes Basel-Stadt haben am 20. September Hansjörg Wilde zum neuen Präsidenten gewählt.

Nach einjährigem Studium am Basler Gymnasium Kirschgarten konnten dieses Jahr 65 junge Erwachsene ihre Passerelle-Ausweise entgegennehmen, die ihnen nach der Berufs- oder Fachmatur den Zugang zu sämtlichen Studiengängen an den Schweizer Hochschulen ermöglichen.

In Muttenz beim Hallenbad beginnen im September /Oktober die Bohrarbeiten zur Erkundung des Untergrundes, da es dort zu Dolineneinstürzen und grossflächigen Absenkungen gekommen ist.

Der Verein "Treffpunkt Arlesheim" (ehemals "Verkehrsverein Arlesheim") beschloss bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung, sich aufzulösen.

Gleichzeitig mit dem Start der Bundeskampagne zum Energiesparen senkt die Basler Regierung die Heiztemperatur in seinen Verwaltungsgebäuden auf 19 Grad Celsius.

Der Liestaler Stadtrat hat beschlossen, den "Engel-Saal" unter dem Namen "Stadtsaal" in eigener Regie zu betreiben, womit er den Liestaler Vereinen zukünftig zu vergünstigten Konditionen angeboten werden kann.

Die Baumann & Cie übernimmt rückwirkend per 30. Juni 100 Prozent der Aktien der Vögeli Vermögensverwaltung AG.

In Basel-Stadt ist am 19. August die aus Lehrerkreisen angeregte Initiative zur Erweiterung der Integrativen Schule durch heilpädagogisch geführte Förderklassen eingereicht worden.

Die beiden Ludotheken Bläsi und St. Johann der Robi-Spiel-Aktionen werden nach 2022 nicht weiter betrieben.

Anouk Feurer, die Co-Präsidentin des "Jungen grünen Bündnisses Nordwest", ist Nachrückende für die zurücktretende grüne Basler Grossrätin Michelle Lachenmeier.