Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

<< [ 1 | (...) | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | (...) | 163 ] >>

Theater Basel, Kleine Bühne

"Yerma"

Schauspiel von Federico Garcia Lorca

Inszenierung: Mateja Koleznik
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Alan Hranitelj
Komposition: Malte Preuss
Choreografie: Matija Ferlin
Licht: Roland Heid
Dramaturgie: Constanze Kargl

Mit Liliane Amuat, Chantal Dubs, Steffi Friis, Evelyne Gugolz, Myriam Schröder, Kathrin Störmer, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann und Statisterie des Theater Basel


Weib sein, automatisch auf Empfang

Es gibt das laute Theater des Ausagierens, des Schreis, der Dezibel-Gewalten aus dem Lautsprecher. Und es gibt das stille Theater, wo die gleiche oder sogar stärkere Intensität in den Figuren eingesperrt ist, die sich nur in einer kleinen Bewegung mit dem Arm, in der Färbung einer Silbe verrät. Wo sich etwa die Eheleute Yerma und Juan aus Distanz völlig reglos, sogar ohne Kälte, lange ansehen, und man nicht nur den Hass zwischen ihnen fühlt, sondern auch, dass sie diesen dem anderen nicht gestehen dürfen, nicht mal ganz sich selbst.

Keine Regung will man da im Publikum sitzend verpassen. Kaum je in den letzten Jahren war hier so eine präzis, ja fast streng durchkomponierte und ausproportionierte Ensemble-Leistung zu erleben, in der alle nach einer Schule spielen und eine geschlossene Welt bilden. Nichts ist der Laune des Moments überlassen. Das Kammertheater entfaltet dann seine volle Wirkung, wenn die Spielenden dabei in der zweiten Natur ihrer Rolle völlige Bewegungsfreiheit gefunden haben. Diesem Ideal ist die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik bei ihrem Schweizer Inszenierungs-Debut über die gesamte Spielzeit von fast 90 Minuten sehr nahe gekommen.

Eine einfache Erklärung bietet Federico Garcia Lorca in seiner Tragödie von 1934 nicht an, warum sich seine Titelfigur Yerma (zu deutsch: Brache) mit ganzer Lebensintensität ein Kind wünscht. Koleznik skizziert dazu das Panorama einer entwurzelten Existenz. Sie entreisst Yerma der rural-archaischen Blut- und Ackerwelt Lorcas, wo der Katholizismus regiert und der Animismus die Menschen beseelt. In die frühen sechziger Jahre versetzt, spricht aus Yerma dennoch oft ein bäuerlicher Ehrbegriff: Die Ehre der treuen Gattin, die Ehre als Tochter einer alten Familie. In der sterilen Wohnungseinrichtung mit Spannteppichen, der funktionalen Küchenkombination, den die Fensterfront verhüllenden Vorhängen, wirkt das leer, wie eine fixe Idee. Von überkommenen Vorstellungen handelt Kozelniks Inszenierung.

Der hochgestellte, mit übertrieben breiten Rändern betonte Guckkasten zeigt nicht nur, dass ihr Mann Juan sie in eine Komfortzone einsperrt; Yerma lebt in einer Art Zwischenreich in völliger Isolation: Hinter einer straff gespannten Gaze, in seltsam weisslich schimmerndem Licht, in der Öde leisen Radio-Ambients. Ohne Anteilnahme stellt sie die Blumenvase mal auf den Tisch, mal auf das Radio, deckt den Tisch, räumt ab, hegt ihre Traurigkeit, das Gefühl der Nutzlosigkeit. Den weiblichen Zyklus andeutend kippt das Licht zwischen den Szenen ins Rötliche. Aber wie auch ihre Zeit so dahingeht, stets trägt sie dasselbe grüne Kostüm, das sich ganz ins beige Interieur einfügt, so als wäre alles nur ein Tag. Der auffällig hochgedrückte Busen sagt: Ich will Weib sein, automatisch auf Empfang.

Ihre schwangeren Freundinnen tauchen wie Gespenster in verlangsamt choreographierten Gruppenbildern auf, reden von der Schuld des Mannes, dass Yerma noch immer kinderlos geblieben ist. Juan schläft ohne Begehren mit ihr. Unverhohlen sagt er ihr, dass er nur seine Ruhe haben will. Er verbietet ihr, das Haus zu verlassen, später sogar das Sprechen. Im Grunde überfordert ihn schon ihre schweigende Gefühlsintensität. Yerma ist nicht eigentlich devot. Aber sie unterwirft sich Juan, zurrt selber die Verhältnisse fest, gesteht sich kaum selber, dass sie den Untergebenen ihres Mannes, Viktor, begehrt.

Koleznik sieht Yermas übertriebenen Kinderwunsch als Auswuchs einer tief internalisierten patriachalischen Co-Autorenschaft. Im Grunde hasst Yerma Juan nicht für seine Unterdrückung, sondern weil er ihr zu keinem Zeitpunkt gewachsen ist. Als er sich ihr liebevoll nähert, bringt sie ihn um.

Man mag einwenden, Kozelnik transportiere nicht aktuelle Geschlechterbilder. Aber sie horcht aus heutiger Sicht nach, wie angeblich überwundene Positionen funktionieren, arbeitet heraus, wie viel schwer bestimmbare Regungen in uns stecken. Ihr Ansatz liesse sich weiterdenken: Wie Gefangenschaft in Vorstellungen weitere zwangshafte Vorstellungen gebiert.

Myriam Schröder zeigt die Titelfigur Yerma mit der leicht gedämpften Stimme, die höchste Anspannung verrät, als drückte ihr jemand dauernd den Fuss auf das Brustbein. Das Gefühl überträgt sich. Man leidet mit ihr, und stösst sie gleichzeitig von sich. Unaufdringlich und auf das Nötige reduziert stellt Florian von Manteuffel Ehemann Juan als farblosen Kleinunternehmer vor, dem es recht ist, sich nie ganz zu einem sexuellen Mann entwickelt zu haben. Man folgt beiden atemlos. Hingehen!

12. April 2019
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade. © Foto by OnlineReports.ch

Claude.Buehler@gmx.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/echo.gif

"Eindrückliche Regie der Langsamkeit"

Seit langem das bewegenste Theatererlebnis. Eindrückliche Regie der Langsamkeit. Präzise Figurenführung. Grosse Bühne auf der Kleinen Bühne. Entschädigt für die Räuber.


Walter P. von Wartburg, Basel


www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

Theater Basel

"Un sentiment de vie"
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Da schaue ich lieber zu Hause auf dem Fernseher und werfe meinen Hund durch die Stube, wenn sie nicht gewinnen."

Timm Klose
vereinsloser Fussballer
und FCB-Fan
in der BZ Basel
vom 9. Oktober 2021
über seine Gemütsverfassung,
wenn der FCB verliert
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Ein Fall für den Tierschutz.

RückSpiegel


20 Minuten nahm die OnlineReports-Geschichte über einen FCB-Hooligan und vor Appellationsgericht erfolglosen DNA-Verweigerer auf.

Die BZ Basel, Telebasel, Bajour und Prime News nahmen zum Rücktritt des Basler Nationalrats Christoph Eymann Bezug auf ein OnlineReports-Interview.

Die BZ Basel zog die OnlineReports-News über die Polizei-Kontrolle von Rechtsextremen in Bubendorf nach.

Telebasel nahm den OnlineReports-Primeur über die Sichtung einer Waschbären-Familie in Gelterkinden auf.

20 Minuten nahm die OnlineReports-Meldung über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen den Basler Grossrat Eric W. auf.

20 Minuten, Telebasel und die BZ Basel nahmen die OnlineReports-News über die Durchführung der Basler Herbstmesse auf. Die Basler Zeitung kam einen Tag später und unterliess die Quellennennung.

Bajour nahm im Artikel über die Basler Nano-Forschung auf eine OnlineReports-Meldung Bezug.

Im Beitrag von Prime News über die "zunehmende Missachtung der Aufgabentrennung zwischen Staat und Medien" wird OnlineReports zitiert.

Telebasel und die BZ Basel nahmen die OnlineReports-News über den Grund des Tramunglücks vom Oktober 2019 auf.

Die OnlineReports-Erstmeldung über die zweite Beschwerde von ex ASE-Präsident Simon Müller vor Bundesgericht wurde von der BZ Basel aufgenommen.

Die Medienwoche nahm den OnlineReports-Leitartikel über die Förderung von Onlinemedien ohne Subventionen in ihr Monitoring auf.

Telebasel, 20 Minuten und Primenews nahmen die OnlineReports-Exklusivmeldung über den Ausnahmezustand im überfüllten Gartenbad St. Jakob auf.

Weitere RückSpiegel

 

In einem Satz


Die baselstädtische EVP nominiert Gemeinderätin Chris­tine Kaufmann für das Riehener Gemeindepräsidium und gleichzeitig für den Gemeinderat, und Bürgerrat Daniele Agnolazza als Gemeinderat.
 

Flavio Casanova und Thomas Schneider werden neue Verwaltungsräte der Basler Verkehrs-Betriebe anstelle von Sibylle Oser und Kurt Altermatt, die nicht mehr zur Wiederwahl antreten.

Die SP Riehen nominierte den bereits amtierenden Gemeinderat Guido Vogel zusammen mit Grossrätin Edibe Gölgeli für den Gemeinderat.

Die grünliberale Fraktion wählt Grossrat Bülent Pekerman ins Büro des Basler Grossen Rates und nominiert ihn damit im kommenden Jahr für das Amt des Statthalters und im 2023 zum ersten Grossratspräsidenten der GLP.

Das Basler Silvester-Feuerwerk kann auch dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden.

Die frühere Baselbieter SP-Landrätin und Landrats-Präsidentin Heidy Strub ist am 21. September im Alter von 83 Jahren gestorben.

Die Birsfelder EVP-Landrätin Sara Fritz tritt nach zwölf Jahren zurück, um ihren Muttenzer Parteikollegen Thomas Buser nachrücken zu lassen.

Der Kanton Basel-Stadt budgetiert für das Jahr 2022 einen Überschuss von 78 Millionen Franken.

Ab dem 1. Oktober übernimmt Jonathan Koellreuter die Leitung des Portfolio-Managements bei Immobilien Basel-Stadt (IBS).

Raffael Kubalek wird per 1. Oktober neuer stellvertretender Generalsekretär in der Baselbieter Sicherheitsdirektion und Nachfolger von Katrin Bartels, die Gemeindeverwalterin von Arlesheim wird.

Laut Beschluss der Mitgliederversammlung stehen Patricia von Falkenstein als Präsidentin und Michael Hug als Vize "für (mindestens) vier weitere Jahre" (so die offizielle Medienmitteilung) der Basler LDP vor.

Der 52-jährige Museumsfachmann Werner Hanak übernimmt auf 15. Oktober 2021 die stellvertretende Leitung der Abteilung Kultur Basel-Stadt.

Die Basler Regierung beantragt für die Weiterführung der kantonalen Entwicklungs-Zusammenarbeit für die Jahre 2022 bis 2025 Ausgaben in der Höhe von acht Millionen Franken.

Im Baselbiet sinkt der Leerwohnungsbestand auf 1 Prozent, was einem noch tieferen Wert entspricht, der derzeit in Basel-Stadt gilt.

Die Baselbieter Juso haben am 16. August über 2’100 Unterschriften für ihre Initiative "ÖV für alle" eingereicht, die das U-Abo für alle im Kanton wohnhaften Personen gebührenfrei machen will.

Die imposante Kanada-Pappel auf dem Basler Wiesendamm steht nicht mehr stabil und ihr Stammfuss ist teilweise faul, weshalb sie am 16. August gefällt und durch einen Jungbaum ersetzt wird.

Der 30-jährige Rechtsverteidiger Michael Lang wechselt per sofort von Borussia Mönchengladbach zurück zum FC Basel.

Barbara Rentsch wird neue Geschäftsleiterin der staatlichen Liegenschafts-Verwaltung Immobilien Basel-Stadt (IBS) und Nachfolgerin von Rolf Borner, der das Finanzdepartement per Ende Juli verlassen wird.

Christoph Gloor wird per 1. Juli neuer Präsident der Stiftung des Kunstmuseums Basel als Nachfolger von Markus Altwegg.

Sämtliche Nacht-S-Bahnen, Nachttrams und Nachtbusse des TNW-Nachtnetzes verkehren ab dem ersten Wochenende im Juli wieder gemäss Fahrplan.

Hptm Pascal Geiger wird per 1. Juli 2021 die Leitung der Sicherheitspolizei Ost von Hptm Armin Reichenstein übernehmen, der intern in die Verkehrspolizei wechselt.

Das Basler Gesundheitsdepartement hebt die befristete Verfügung "Allgemeine Maskentragpflicht und Konsumationsverbot von Speisen und Getränken auf Allmend in der Steinenvorstadt" per Samstag, 26. Juni, auf.

Corinne Hügli wird per 1. Oktober neue Leiterin des Statistischen Amts Baselland und Nachfolgerin von Johann Christoffel, der Ende September in den Ruhestand tritt.

Als Nachfolger von Felix Keller übernimmt am 1. Juli Simon Oberbeck das Präsidium der Baselbieter CVP/GLP-Fraktion.

Der diplomierte Ingenieur Florian Kaufmann wird per 1. September im Baselbieter Amt für Raumplanung die Leitung der Abteilung Öffentlicher Verkehr übernehmen (Nachfolge von Eva Juhasz).