Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

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Theater Basel, Schauspielhaus
Uraufführung/Auftragswerk


"Julien – Rot und Schwarz"


Schauspiel von Lukas Bärfuss nach Stendhal
 
Inszenierung: Nora Schlocker
Bühne: Jessica Rockstroh
Kostüme: Caroline Rössle Harper
Musik: Simon James Philipps
Licht: Cornelius Hunziker
Dramaturgie: Julia Fahle
 
Mit Holger Bülow, Martin Butzke, Julischka Eichel, Sebastian Schulze, Germaine Sollberger, Friederike Wagner, Leonie Merlin Young, Vincent zur Linden
 
Livemusiker Simon James Philipps


Geknechtet unter einer verdorbenen Elite

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen: drei amüsante Theaterstunden mit Tiefgang zwar, aber Lukas Bärfuss sei an seiner ersten Dramatisierung eines Weltklassikers gescheitert. Stendhals vielschichtiger 600 Seiten-Roman lasse sich nicht allein auf die Machtfrage und den Standesdünkel reduzieren, wie es der Träger des Büchner-Preises 2019 zu grossen Teilen getan hat; die Figuren hätten vielfältigere Regungen.
 
Die psychologisch schwer auslotbare Dimension des zutiefst widersprüchlichen Zimmermannssohns Julien Sorel, der es aus der Provinz in die aristokratische Machtzentrale von Paris schafft, komme zu kurz. Und: Dass Bärfuss herrliche Grotesken schreiben kann, hat er dem Basler Publikum etwa mit "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" (2003) gezeigt – aber hat es jetzt noch eine weitere Satire über den dekadenten Adel des 19. Jahrhunderts gebraucht?
 
Aber dann sollte man es mit dem Blickwinkel versuchen, dass wir nicht einfach Bärfuss' Darstellung der Welt anno 1830, sondern Juliens von eigener Verstellung und Vorstellungen verzerrte Weltsicht vorgesetzt bekommen. Auf einmal wird schlüssig, warum wir hier eine enge, verlogene Sphäre voller Absichten und geistiger Öde erleben, in der gerade auch Zuwendung sofort von Machtspielen überlagert wird. Es ist die Perspektive eines krankhaft Geknechteten unter einer verdorbenen Elite.
 
Julien Sorel ist ein verschlagener Kerl. Von seinem Vater blutig geschlagen, liegt er vor seinem Abbé. Die Bibel hat er auswendig gelernt, kann auf Abruf jede beliebige Stelle zitieren. Eine Kirchenkarriere sieht er als Weg nach oben. An Gott glaubt er nicht. Sein autistisch anmutendes Gedächtnis gibt ihm den Anschein von Intelligenz.
 
Als er seinen Aufstieg als Hauslehrer beim örtlichen Bürgermeisters de Rênal beginnt, bewegt sich Julien nur mehr in einer illusionären, einer tapezierten Kulissenwelt (Jessica Rockstroh), die sich per Drehbühne um sich selber dreht und Regisseurin Nora Schlocker ein flottes Erzähltempo mit raschen Szenenwechseln erlaubt. Nie stellt sich das Gefühl von Ruhe oder Intimität ein, überall lauern Horcher und plötzliche Auftritte.
 
Bei den de Rênals erlebt Julien vor allem die dauernde Sorge des Hausherrn vor Amts- und Statusverlust. Auf die Demütigungen der kaprizierten Hausherrin Louise, die ihn einen "Brettersäger" schimpft, fällt ihm nur ein Reflex ein, den ihm Geltungsdrang und Ehrgeiz, vielleicht auch Rache eingeben: sich ihrer auf abwartende Weise bemächtigen, eine Affäre.
 
Gleich reagiert er bei seiner nächsten Station in Paris, bei Mathilde, der hochmütigen Tochter des Marquis de la Mole, des ersten Strippenziehers des Königs, beim dem Julien Privatsekretär wird. Er schwängert sie. Der ebenso prüden wie geilen Madame Ferravaque macht er den Hof. Die vor Langeweile herumliegenden Adligen fordert er mit trotziger Verachtung heraus. Andere Ideen hat der notorische Bücherfresser nicht. Der Marquis nennt ihn einen Maschinenmenschen. Eine Intrige beendet die Karriere des Emporkömmlings. Von seiner letzten Tat aus leidenschaftlichem Reflex erfahren wir durch Erzählung: Er hat in einer Kirche auf Louise geschossen.
 
Im Kerker, wo Julien am Ende auf den Henker wartet, kulminieren Stückidee und Inszenierung in einer Geisterbahn: Die Bühne dreht sich in rötlicher Färbung. Julien stolpert haltlos umher. Louise und Mathilde, die Adligen und der Abbé tauchen auf, und es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob als Realfiguren oder als Erinnerungsgespenster. Julien hat stets in einem Zwischenreich gelebt. Zu einer Berufung gegen das Todesurteil fehlt es ihm an Lebenssinn.
 
Das Ensemble agiert stets ironisch und überspitzt, selbst wenn etwa den Marquis real tragische Anwandlungen überkommen: Der bald kühle, bald heftig auffahrende Normalo Julien wird darin von allein zum Fremdkörper. Das differenzierte Spiel mit dem schlank und klar durchgeführten Text, die brüchige Klaviermusik im Hintergrund, die labyrinthisch anmutende Kulisse mit den rückwärtigen Räumen, aber auch das Licht, das von der Rampe herauf für verzerrte Perspektiven sorgt: Hier ist alles aus einem Guss.
 
Es gibt herrliche Theatermomente. Wenn Julien sich beim Marquis als «"selbstständig" vorstellt, und der Marquis sich gefühlt minutenlang darüber amüsiert, tritt der Doppelsinn hervor: Du Depp, gesellschaftlich selbständig wirst du niemals. Wenn man Bärfuss vorhält, sein Julien entwickle nicht die Gefühlsmonströsität der Romanvorlage, so gelingt ihm doch, seinen Julien dunkel schillern zu lassen – auch dank der zupackenden Verkörperung des ideal besetzten Vincent zur Linden.

17. Januar 2020
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Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade. © Foto by OnlineReports.ch

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"Damit die Bevölkerung dieses Fussballfest auch in den Basler Restaurants, Bars und Cafés gebühren feiern kann, ..."

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in einer Medienmitteilung
vom 7. Juni
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Neue Freizeitbeschäftigung: Gebühren feiern.

RückSpiegel


Telebasel, 20 Minuten und Primenews nahmen die OnlineReports-Exklusivmeldung über den Ausnahmezustand im überfüllten Gartenbad St. Jakob auf.

Die BZ Basel nahm die OnlineReports-News über die Berufungen im Fall der Grellinger Kassengriff-Kassiererin auf.

Prime News nahm im Interview mit dem neuen Telebasel-Chefredaktor Philippe Chappuis Bezug auf einen Kommentar von OnlineReports.

Die OnlineReports-News über das Urteil des Aargauer Obergerichts gegen den früheren ASE-Präsidenten wurde von der Aargauer Zeitung aufgenommen.

20 Minuten nahm in der Nachricht über einen Hacker-Angriff auf die Basler Gewerbeschule auf OnlineReports Bezug.

In ihrem Report über die Basler LDP nimmt die WochenZeitung (WoZ) Bezug auf ein OnlineReports-Interview mit LDP-Grossrat Michael Hug.

20 Minuten nahm die OnlineReports-Recherche über den Psychoterror in einem Arlesheimer Wohnblock auf.

Die BZ greift in ihrem Artikel "Bikini-Gate im Schrebergarten" einen Artikel von OnlineReports auf.

Den OnlineReports-Bericht über Masken-Sicherheit an Spital-Porten nahm die Konsumenten-Sendung "Espresso" von Radio SRF zum Anlass, das Thema vertieft zu untersuchen.

Blick, Telebasel, 20 Minuten und die BZ nahmen die OnlineReports-News über die Strafanzeigen gegen den ausländerfeindlichen Basler Grossrat E. W. auf.

Die BZ, die zu Recht die Intransparenz der Baselbieter Steuer(ab)rechnungen kritisierte, nahm in ihren Nachzug auf einen bestätigenden OnlineReports-Kommentar Bezug.

Prime News ging in der Kritik an "Weltwoche"-Kolumnist Christoph Mörgeli auf einen satirischen OnlineReports-Text über Lukas Engelberger ein.

Der Tages-Anzeiger bezog sich in einem Artikel über Impf-Privilegien auch auf einen OnlineReports-Artikel über UKBB-CEO Marco Fischer.

Die Basler Zeitung nahm in ihrem Abschiedstext über den Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels in Text und Bild auf OnlineReports Bezug.

Die OnlineReports-Todesnachricht über alt-Landrat Peter H. Müller wurde von der BZ aufgenommen.

Die BZ nahm die OnlineReports-News über die Schliessung des Zeitungsladens "Press&Books" auf der Basler SBB-Passerelle auf.

Telebasel, das Regionaljournal und die Basler Zeitung nahmen in ihren Nachrufen auf Corina Christen auf OnlineReports Bezug.

Der OnlineReports-Primeur über den Rücktritt das Basler Grünen-Präsidenten Harald Friedl nahmen die BZ, Prime News, das Regionaljournal, die Basler Zeitung und Telebasel auf.

Die Medienwoche berichtete bezüglich einer "Weltwoche"-Falschmeldung über den Basler Regierungsrat Lukas Engelberger darüber, dass Mörgeli die humoristische Gedankenspielerei auf Onlinereports.ch für bare Münze nahm.

In ihrer Presseschau über die Basler Regierungsratswahlen zitierete die BZ ausführlich aus OnlineReports.

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Die Wochenzeitung ging in ihrem Bericht über den Abbau in grossen Schweizer Zeitungsredaktion auch auf "kleinere Player" wie OnlineReports ein.

Die BZ zieht den OnlineReports-Report über den Verzicht auf das Muttenzer Multiplex-Kino der "Kitag AG" nach.

Die OnlineReports-News über die Schliessung eines Tanzlokals in der Basler Innenstadt nahm die BZ auf.

In ihrer Besprechung von Roland Starks Kolumne-Buch "Stark!" nimmt die Volksstimme auf OnlineReports Bezug.

Die BZ kritisierte den designierten Basler SP-Regierungsrat Beat Jans für seinen Twitter-Tweet: "Wieso muss man in unserer Region eigentlich 'Onlinereports' lesen, wenn man sich umfassend informieren, statt belehren lassen will?"

Weitere RückSpiegel

 

In einem Satz


Corinne Hügli wird per 1. Oktober neue Leiterin des Statistischen Amts Baselland und Nachfolgerin von Johann Christoffel, der Ende September in den Ruhestand tritt.

Als Nachfolger von Felix Keller übernimmt am 1. Juli Simon Oberbeck das Präsidium der Baselbieter CVP/GLP-Fraktion.

Der diplomierte Ingenieur Florian Kaufmann wird per 1. September im Baselbieter Amt für Raumplanung die Leitung der Abteilung Öffentlicher Verkehr übernehmen (Nachfolge von Eva Juhasz).

Laurent Métraux wird per 1. August neuer Leiter der Baselbieter Finanzverwaltung und Nachfolger von Tobias Beljean, der nach drei Jahren eine neue Herausforderung in der Privatwirtschaft angenommen hat.

CEO Roland Heri hat sich entschieden, den FC Basel zu verlassen und sich "umzuorientieren" und sich "neuen Aufgaben zu widmen".

Josiane Tinguely Casserini wird per 1. August neue Baselbieter Kantonsapothekerin und Leiterin der Abteilung Heilmittel im Amt für Gesundheit.

Das Hafenfest Basel 2021, das vom 3. bis 5. September hätte stattfinden sollen, wurde vom Organisationskomitee aus epidemiologischen Gründen abgesagt.

Die Basler Regierung hat die kantonalen Einschränkungen für "Einrichtungen im Sportbereich" aufgehoben, so dass der Sportunterricht und die Nutzung der Garderoben auf Sekundarstufe I und II ab 3. Mai wieder möglich sind.

Marc-André Giger und Guy Lachappelle werden neue Mitglieder des Verwaltungsrats des Universitäts-Kinderspitals beider Basel (UKBB).

Das Landratspräsidentinnen-Fest zu Ehren der Grünliberalen Regula Steinemann muss aus Pandemie-Gründen vom 24. Juni auf den 26. August verschoben werden.

Rolf Borner, Geschäftsleiter Immobilien Basel-Stadt, verlässt das Finanzdepartement nach 16 Jahren per 1. August und wird Direktor "Infrastruktur und Betrieb" und Mitglied der Universitätsleitung der Universität Basel.

Ab 19. April sind die Sportanlagen im Kanton Basel-Stadt gemäss den Vorgaben des Bundes und unter Einhaltung der Schutzmassnahmen wieder zugänglich.

Salome Bessenich wird Nachfolgerin des zurücktretenden Basler SP-Grossrats Sebastian Kölliker, der Co-Generalsekretär des Basler Präsidialdepartements wird.

Der 615. Liestaler Banntag vom 10. Mai ist durch einen Beschluss der vier Rottenchefs aus pandemischen Gründen abgesagt worden.

Innerhalb von zwei Wochen sind über 3’000 Unterschriften gegen die vom Grossen Rat beschlossene Abschaffung der Parkplätze beim Friedhof Hörnli zusammengekommen.

Daniel Urech, Gemeinderat der Freien Wähler Dornach und Kantonsrat der Grünen Solothurn, tritt für das Gemeindepräsidium Dornach an.

Mit einer Geschwindigkeit von 124 km/h statt der erlaubten 60 km/h erwischte die Polizei am 29. März auf der Oristalstrasse in Liestal einen 33-jährigen italienischen PW-Lenker, der in Richtung Büren raste und es jetzt mit der Justiz zu tun bekommt.

Die neugewählten Basler Regierungsmitglieder Esther Keller (GLP) und Kaspar Sutter (SP) wurden zu neuen Verwaltungsratsmitgliedern des EuroAirport ernannt.

Das Referendum gegen eine flächendeckende Parkraum-Bewirtschaftung in Allschwil ist mit über 800 Unterschriften zustande gekommen; das Quorum beträgt 500 Unterschriften.

Waltraud Parisot wird neue Verwaltungs-Chefin an der Musik-Akademie Basel und damit Nachfolgerin von Marc de Haller, der nach 18 Dienstjahren regulär pensioniert wird.

Lina Arti hat heute als 10'000. Baslerin im Impfzentrum die Corona-Zweitimpfung und von Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger einen grossen Blumenstrauss erhalten.

Der Kanton Basel-Stadt hat bis 2. März gesamthaft 25,2 Millionen Franken A-fonds-perdu-Beiträge aus dem Härtefall-Programm an Unternehmen ausbezahlt und 4,9 Millionen Franken Bürgschaften für KMU-Kredite bewilligt.

Dominik Scherrer wird als Nachfolger von Titus Hell neuer Präsident der Jungfreisinnigen Basel-Stadt.

Die Fluxdock AG wird den Kasernen-Hauptbau betreiben, in dem Anfang 2022 das Kultur- und Kreativzentrum seine Tore öffnet.