Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

<< [ 1 | (...) | 71 | 72 | 73 | 74 | 75 | 76 | 77 | 78 | 79 | 80 | (...) | 176 ] >>

Theater Basel, Kleine Bühne
Uraufführung

"Isoldes Abendbrot"

von Christoph Marthaler und Ensemble

Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Duri Bischoff
Kostüme: Sara Kittelmann
Licht: Heidvoegelinlights
Dramaturgie: Malte Ubenauf

Mit Anne Sofie von Otter, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Ueli Jäggi, Graham F. Valentine


Die Melancholie des Unzulänglichen

Gerade eben war Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen" verklungen. In den Spiegel hatte die Mezzospranistin Anne Sofie von Otter Rückerts Zeilen des Rückzugs von der Welt gesungen, inmitten ihrer Bartresen, die nun wirken wie eine Burg. An den Hockern, die auf Drehbühne die Bar endlos umkreisten, lagen und hingen die Hosen, Jackets, Hemden jener Herren, die eben noch den mondänen Raum bevölkerten, mit ihren Geschichten anfüllten. Leger, aber kunstvoll drappiert wirkten sie wie erstarrt in jener letzten Bewegung, die wir von Menschen in Erinnerung behalten bevor sie verschwanden.

Wenn nun begeisterter Applaus mit Jubelrufen losbrach, so sicher aus Dankbarkeit für so klug durchdachte Sinnbilder, die hier ihr finales im Begriff "Verschwinden" fanden, der die ganzen zwei Stunden durchwehte.

Poetische Bilder, bei denen man gern verweilt, ihren Geschmack zu kosten. Hinreissend etwa jenes des Schattens an der Wand, den von Otter wirft, wenn sie auf der Bar wie auf dem Hochseil balanciert und dazu Erich Korngolds Lied "Versuchung" intoniert. Man fühlt sich in einen alten Schwarzweiss-Klassiker versetzt. Glasklar dieses, wenn drei Männer auf ihren Barhockern wie Kandidaten um von Otter kreisen, während sie im heiteren Chanson "Le Tourbillon" von einer On-Off-Liebschaft berichtet. Die Komik des Bildes hätte auch einem Tati oder dem späten Bunuel einfallen können. Ob es der 63-jährige Marthaler gewollt hat oder nicht, sein Liederabend über das Verschwinden besingt auch das Zuendegehen einer romantischen Erotik und Kunstauffassung.

Allein das Interieur: Solche Hotelbars mit hohen, dunklen Kassettendecken, schweren, knarrenden Ledersesseln auf grünem Teppich, mit Klavier, Harmonium und elektrischem Kaminfeuer werden heutzutage hierzulande nicht mehr gebaut. In solch kühler Sphäre prätentiöser Teppich-Gutbürgereleganz wirkt der geschliffene Zank zweier ehemals Verliebter, die sich zufälligerweise, beide in den Flitterwochen, treffen, sehr delikat, weil die benimmgeschulten Leute Form bewahren, auch wenn sie Gift verspritzen. Überschäumend ist die Energie, wenn Graham F. Valentines das Wort "ecstaticly" ausspuckt, um sein neues Liebesglück zu beschreiben.

Verweilen will man nicht nur, weil die Bilder alle so rein schön wären – da hat Marthaler mit seinen üblichen Gags für Brüche gesorgt –, aber weil sie immer wieder von Schönheit, sogar Erhabenheit künden. Etwa, wenn Ueli Jäggi das Schubertlied "Dass sie hier gewesen" mit seiner Schauspielerstimme anstimmt, so hören wir nicht die höchste Ausformung, aber wir fühlen, was gemeint ist und erleben zugleich die Melancholie des Unzulänglichen. Den Liebestod aus dem "Tristan" wagt das Ensemble, noch zu summen oder es bricht aus ins Hundeheulen vor dem Mond. Noch träumt man vom Traum, aber er ist weit weg gerückt. Isoldes Abendbrot, das sind die Erinnerungen.

Sie, in der Rolle der Barkellnerin, erinnert sich geformt in Liedern, nimmt die Gäste kaum zur Kenntnis. Seelisch weniger kultiviert sind die Herren, die ihr etwa mit Brunstrufen zur Bar folgen, ihr mit allerlei Verrenkungen nachgucken. Raphael Clamer redet nur vom Geld, das ihn mit Liebe verbindet, Ueli Jäggi tischt ihr den mütterlichen Eintopf auf, der das grösste kulinarische Ereignis seines Lebens geblieben sei. Alle sind sie bereit, Isoldes roten Trunk zu kosten, den sie lächelnd in blauen Handschuhen serviert, der hier aber nicht wie in der Wagneroper zur Liebe führt, sondern den Tod bringt. Der verblüffende Todessturz Clamers' ist in Worten kaum wiederzugeben.

Geblieben ist diese Liebe zum Detail, zur Ausformung. Auch wenn Marthaler 28 Lieder in zwei Stunden aneinanderreiht: Keine szenische Handlung wird zum blossen Übergang degradiert. Alles hat Zeit und Raum. Das Ensemble – eine Wohltat – wirkt so souverän, dass es bei aller Präzision in jeder Sekunde spontan wirkt. Die Atmosphäre des Bühnenbilds von Duri Bischoff hält, auch mit Hilfe eines etwas zu weissen Lichts, genau die Waage von nicht heruntergekommen aber gebraucht.

Weniger geworden sind aber gegenüber den letzten Schauspiel-Produktionen die Gags. Natürlich muss beim Öffnen des Zigarrenkastens eine männliche Lautsprecherstimme erklingen, und klar, dass sich das elektrische Kaminfeuer auf Knopfdruck nach hinten schwingen lässt, damit das Harmonium hervorkommen kann. Soviel Markenzeichen muss sein. Aber die Figuren etwa sind weniger Marthalersche Spielpuppen, mehr ungebrochenes Sentiment war erlaubt. Der Meister skurrilen Humors entpuppte sich hier als einer, der die Menschen liebt.

18. Mai 2015
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade. © Foto by OnlineReports.ch

Claude.Buehler@gmx.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

Theater Basel

"Die Aufdrängung"
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"In der Nacht auf Dienstag kam am Totentanz in Basel zu einem Totenfall."

nau.ch
vom 3. Januar 2023
https://www.onlinereports.ch/fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Ein anschauliches Fall-Beispiel.

RückSpiegel


Telebasel nahm im "Wahltalk" auf ein Zitat in einem OnlineReports-Artikel Bezug.

Die BZ Basel zog die OnlineReports-Erstmeldung über die Verhaftung eines Gewerbetreibenden nach.

Zum aktuellen Thema "Krise des Kulturjournalismus" bezeichnet die Basler Zeitung die Theater- und Opernkritiken in OnlineReports als "löbliche Ausnahme".

In ihrem Text über die Bundesratswahlen zitierte die Luzerner Zeitung aus dem OnlineReports-Leitartikel über die Basler Kandidatin Eva Herzog.

In seiner Bestandesaufnahme über Basler Online-Medien startet das Wirtschafts-Magazin Trend von Radio SRF1 mit OnlineReports.

Die Basler Zeitung ging in ihrem Bericht über den Telebasel-Weggang von Claude Bühler auf dessen Rolle als Theaterkritiker bei OnlineReports ein.

Telebasel zog den OnlineReports-Bericht über Fassaden-Probleme am Markthalle-Hochhaus nach. Die BZ Basel zog auch nach, unterschlug aber eine Quellennennung.

In ihren Presseschauen zu den Bundessratswahlen zitierten bajour.ch und primenews.ch aus dem OnlineReports-Leitartikel über Eva Herzog.

matthiaszehnder.ch nimmt die beiden News-Artikel aus OnlineReports zum Anlass, sich über die schrumpfende Kulturberichterstattung in den Schweizer Medien Gedanken zu machen.

Bajour zitierte OnlineReports in seinem Bericht über die Verwicklung von Bundesratskandidatin Eva Herzog in umstrittene Basler Geschäfte.

In ihrer Recherche über die sterbende Kulturberichterstattung in Basler Medien bezieht sich Bajour auf OnlineReports.

20 Minuten nahm die OnlineReports-Recherche über den Angriff auf den Stiefvater vor dem Muttenzer Gerichtsgebäude auf.

Die Basler Zeitung und die BZ Basel nahmen die OnlineReports-News über die Rückkehr von Christine Keller in den Basler Grossen Rat auf.

In ihrer Analyse über die unklare Gesundheitsversorgung des Laufentals ging die Basler Zeitung auf eine OnlineReports-Recherche ein.

Telebasel konfrontierte die SVP-Regierungsrats-Kandidatin Sandra Sollberger mit einem Kommentar aus OnlineReports (worauf sie die Stellungnahme verweigerte).

Die BZ Basel und die Basler Zeitung nahmen den OnlineReports-Bericht über Pläne zum Abbruch des Spitals Laufen auf.

Die OnlineReports-News über den Wechsel des Telefon-Anbieters durch die Basler Verwaltung wurde von der BZ Basel und Happy Radio aufgenommen.

In seiner Aufstellung über "Politiker, die Wasser predigen und Wein trinken", nahm der Nebelspalter auch auf einen Artikel in OnlineReports Bezug.

20 Minuten griff die OnlineReports-Meldung über einen Autolenker, der bei der verbotenen Fahrt durch eine Einbahnstrasse in Birsfelden eine Radfahrerin schwer verletzte, auf.

Die OnlineReports-Nachricht vom Tod des früheren Baselbieter Regierungsrats Urs Wüthrich nahmen Telebasel, die BZ Basel, die Basler Zeitung, das SRF-Regionaljournal, Prime News, die Nachrichtenagentur SDA, 20 Minuten und Happy Radio auf.

Weitere RückSpiegel

 

In einem Satz


Melanie Thönen übernimmt am 1. Mai die Leitung des Pädagogischen Zentrums PZ.BS. Sie folgt auf Susanne Rüegg, die Ende August 2022 pensioniert worden ist.

Sarah Baschung leitet ab 1. April den Swisslosfonds Basel-Landschaft in der Sicherheitsdirektion und folgt auf Heidi Scholer, die in Pension geht.

Basel-Stadt und Baselland wollen zusammen die psychiatrische Versorgung in der Gemeinsamen Gesundheitsregion weiterentwickeln.

Nicola Goepfert, seit Juni Mitglied des Basler Grossen Ratse, wurde als neuer Co-Präsident der Links-Partei "Basta" gewählt.

Heiko Vogel (47), der frühere Cheftrainer, kehrt am 1. Januar 2023 als Sportdirektor zum FC Basel zurück, um den "gesamten operativen Fussball-Alltag des FCB" zu verantworten.

Die Baselbieter Regierung hat die Mietung von Räumlichkeiten für das Amt für Migration und Bürgerrecht im Helvetia Tower in Pratteln beschlossen.

Auf die im Februar zurücktretende "Basta"-Grossrätin Beatrice Messerli (70) wird die Präsidentin des Jungen Grünen Bündnisses Nordwest, die Klimaaktivistin Fina Girard (Jahrgang 2001) folgen.

Lorenz Amiet, bisher Vizepräsident, wird neuer Präsident der SVP-Grossratsfraktion als Nachfolger von Pascal Messerli, der neu Parteipräsident wurde.

In Lörrach bewarf dieser Tage ein Unbekannter die Fassade der Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde mit Eiern.

Am Riehenring entsiegelt das Basler Bau- und Verkehrsdepartement als Versuch ab 31. Oktober insgesamt 14 Parkfelder, so dass dort zukünftig Regenwasser in den Untergrund geleitet wird.

Witterungsbedingt muss die Eröffnung der Kunsteisbahn Eglisee in diesem Jahr um zwei Wochen nach hinten verschoben werden, nämlich auf den 12. November.

Ab 1. November müssen sämtliche Personen, die den Kanton in strategischen Führungsorganen der Beteiligungen des Kantons Basel-Landschaft vertreten, ihre Vergütungen offenlegen.

Der Kanton Baselland beteiligt sich mit 900'000 Franken an der von der Wirtschaftskammer organisierten grössten Berufswahlmesse der Schweiz.

Am 29. Oktober, ab 10.15 Uhr, findet an der Oristalstrasse 100 A in Liestal die öffentliche Fahrzeug-Versteigerung von rund 140 Velos diverser Marken, 4 Autos (BMW X6 xDrive30d, Honda Civic 2.0i Typ R, VW T5 Kombi D 4M BMT, VW Polo Blue GT) und ein Arbeitsanhänger (BZS MA MA MA) statt.

Die Kunsteisbahn Margarethen eröffnet am 22. Oktober, die Eislaufsaison und eine Woche später; ab dem 29. Oktober, ist auch die Kunsteisbahn Eglisee geöffnet.

Die Evangelische Volkspartei Baselland (EVP) feierte am vergangenen 9. Oktober mit Partei- und ihren 100. Geburtstag.

Das Bau- und Verkehrsdepartement erteilt der Wyniger Gruppe den Zuschlag für den Betrieb der Flora-Buvette ab 2023; es soll sich um die "erste klimaneutrale Buvette" handeln.

Per 1. Januar 2023 übernimmt Christopher Henry Tütsch (49) die Geschäftsleitung des Ausländerdienstes Baselland als Nachfolger von Oliver Bolliger, der zum selben Zeitpunkt die Geschäftsleitung der Stiftung Wohnhilfe in Basel übernimmt.

Die Delegierten des Gewerbeverbandes Basel-Stadt haben am 20. September Hansjörg Wilde zum neuen Präsidenten gewählt.

Nach einjährigem Studium am Basler Gymnasium Kirschgarten konnten dieses Jahr 65 junge Erwachsene ihre Passerelle-Ausweise entgegennehmen, die ihnen nach der Berufs- oder Fachmatur den Zugang zu sämtlichen Studiengängen an den Schweizer Hochschulen ermöglichen.

In Muttenz beim Hallenbad beginnen im September /Oktober die Bohrarbeiten zur Erkundung des Untergrundes, da es dort zu Dolineneinstürzen und grossflächigen Absenkungen gekommen ist.