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"Kein Übergangs-CEO": Clariant-Chef Roland Lösser

Clariant ist im eigenen Netz gefangen

Tendenz fallend: Der Muttenzer Spezialitätenchemie-Konzern steht vor einer unsicheren Zukunft


Von Peter Knechtli


Dem Muttenzer Spezialchemiekonzern Clariant steht das Wasser am Hals: Ein riesiger Schuldenberg, sündhaft teure Akquisitions- und Investitions-Flops und eine völlig unklare Strategie drücken auf das Vertrauen von Mitarbeitern und Anlegern, der Aktienkurs fällt und fällt. Konzernchef Roland Lösser schliesst gegenüber OnlineReports Entlassungen in den kommenden zwölf Monaten nicht aus.


"Mit dieser Firma ist alles denkbar", sagt einer, der es aufgrund seiner Karriere wissen muss. "Vom Teilverkauf von Geschäftseinheiten bis zur Übernahme des ganzen Konzerns." An der Börse ist der in Muttenz BL domizilierte Spezialitätenchemiekonzern Clariant gerade noch 1,9 Milliarden Franken Wert.

In der Konzernzentrale am Rande des Hardwalds herrscht derzeit alles andere als Hochstimmung: 650 Millionen Franken Verlust im vergangenen Jahr und Verlust von Vertrauen in Verwaltungsrat und Konzernleitung sind aktuelle Befindlichkeitsmerkmale jenes Konzerns, der 1995 als ehemaliges Chemikaliengeschäft - und relativ geringen Schulden - aus der Sandoz ausgelagert wurde.

McKinsey bereitet neue Strategie vor

Wohin der Multi mit seinen 28'000 Mitarbeitern steuert, ist ungewiss. Sicher ist heute einzig, dass Clariant den Fokus auf strategische Wachstumsgebiete aufgibt, das künftige Portfolio neu definiert und die von McKinsey-Beratern vorbereitete "neue Unternehmensstrategie" am 5. August präsentiert.

Anfänglich schien sich das verselbstständigte Unternehmen prächtig zu entwickeln. Unter der Ägide von Präsident und CEO Rolf W. Schweizer, einem langjährigen Sandoz-Top-Manager, fand Clariant in den Anfängen des Börsenbooms rasch das Interesse der Anleger. Im Sommer 1997 landete Schweizer, heute 73-jährig, den wohl grössten Coup seiner Karriere: Für 4,6 Milliarden Franken übernahm er das deutlich grössere
Spezialitätenchemie-Geschäft von Hoechst und katapultierte Clariant auf einen Schlag in die Riege der Weltgrösste.

Mit diesem Deal erwarb sich Clariant immenses technologisches Know-how, aber auch Probleme. "Die Hoechst wurde nie richtig integriert", heisst es aus dem Unternehmen: Hier der in guter Sandoz-Tradition abgespeckt Clariant-Bereich, dort die bürokratisch-barocke Hoechst-Kultur, die gemäss dem Basler GBI-Sekretärs Matthias Bonert selbst den Betriebsratsvorsitzenden fürstlich honorierte und mit Dienstwagen samt Chauffeur ausstattete. Noch heute präsentiert sich der Frankfurter Zweig nach Meinung eines Kenners beider Örtlichkeiten optisch "wie ein Weltkonzern", der Clariant-Hauptsitz dagegen "wie eine Hinterhoffirma".

Mit Hoechst hatte sich Schweizer zudem nicht nur Grösse, Synergiegewinn und Respekt, sondern auch ein kontaminiertes Areal eingekauft. Von einem ehemaligen Ciba-Konzernleitungsmitglied weiss OnlineReports, dass dies – nebst kartellrechtlichen und persönlichen Unverträglichkeiten – mit ein Grund war, weshalb Ciba die von Schweizer angestrebte Fusion im Herbst 1998 platzen liess.

Clariant fasst nie richtig Tritt

Anders als die aus dem damaligen Ciba-Konzern ausgelagerte Ciba Spezialitätenchemie, die unter Armin Meyer zügig ihre Strukturen vereinfachte und auf die Kundenmärkte ausrichtete, fasste Clariant trotz Restrukturierungen nie nachhaltig Tritt und leistete sich mehr sündhaft teure Fehlentscheide als die Konkurrenz.

Dazu gehört der gegen die Warnung interner Finanzleute massiv überzahlte Kauf des englischen Chemiekonzerns BTP, der die Clariant-Bilanz, Kapitalkosten und entgangene Geschäfte inbegriffen, um gegen vier Milliarden Franken belastet. Die frühere Teerfirma hätte das Vehikel zum Einstieg in das lukrativ scheinende Geschäft der Auftragssynthese werden sollen. Eine Due diligence, die diesen Namen verdient, soll indes nicht gemacht worden s
ein. Auch Lonza, die bereits vor 25 Jahren als Pionierin in die Kundensynthese einstieg und mit diesem Geschäft schön Geld verdiente, hatte sich sich BTP "näher angeschaut", laut Sprecher Walter Eschenmoser aber klar entschieden: "Hände weg!"

Möglicherweise unterschätzte Clariant auch das erforderliche Knowhow. Jedenfalls sprangen die Muttenzer ungefähr als Letzte auf dieses riskante Geschäftsfeld auf - und erst noch zu einem Zeitpunkt, als Pharmafirmen bereits wieder begannen, Spezialchemikalien selbst herzustellen.

200 Millionen Franken in den Sand gesetzt

Ein weiterer teurer Rückschlag wurde in diesen Tagen aus der Division Funktionschemikalien bekannt: Clariant legte in North Carolina eine grosse Anlage zur Produktion von Waschmittelzusätzen still, bevor sie überhaupt in Betrieb ging. Grund: Sie lieferte weder die gewünschte Menge noch die erforderliche Qualität. Der Schaden, Strafen inbegriffen: um 200 Millionen Franken.

Hauptverantwortlich für den BTP-Flop war der damalige Präsident und CEO Schweizer. Der frühere Armee-Oberst war die klar richtungsweisende Figur im Verwaltungsrat, in dem es erkennbar keiner der Nicht-Chemie-Profis wagte, ihm Paroli zu bieten. Schweizer war es auch, der Hoechst-Mann Reinhard Handte in der konjunkturell schweren Zeit zum Konzernchef ernannte - wohl auch in der trügerischen Meinung, auf diese Weise die alten Hoechst-Seilschaften unter Kontrolle zu bringen.

Ein CEO mit Übernamen "Willi"

Doch auch die Wahl des lebefreudigen Süddeutschen war kein Glückstreffer. Der 57-Jährige war nicht nur - zusammen mit Divisionschef Reinhart Meyer - für das Produktionsanlage-Debakel verantwortlich. Es war dem Chemiker auch nicht gelungen, im viertgrössten Spezialchemiekonzern der Welt zeitgemässe Personalführungssysteme und Nachfolgepläne zu etablieren. Kaum zwei Jahre an der Konzernspitze, begann selbst das Management zu rebellieren. Intern erhielt er durch seinen monokratischen Entscheidungsstil ("das will i" oder "das will i nit") bald den Spitznamen "Willi". Als sich der Verwaltungsrat im März mit sofortiger
Wirkung vom isolierten Handte trennte, "flogen in der Firma die Champagnerkorken", wie sich ein Mitarbeiter erinnert.

Ob Handte mit einer Abfindungssumme ausgestattet wird, ist laut Sprecher Rainer Weihofen immer noch "Gegenstand von Verhandlungen". Und ob der heutige Verwaltungsrat unter dem früheren Nestlé-Generaldirektor Robert Raeber über den erforderlichen strategischen Weitblick verfügt, wird sich erst noch weisen müssen.

Lösser geniesst überraschend viel Kredit

Eher überraschenden Kreditvorschuss geniesst dagegen Handte-Nachfolger Roland Lösser (61). Der Diplom-Betriebswirt war bis 2001 Clariant-Finanzchef, bevor er in den Verwaltungsrat wechselte und nun wieder operativ führt. Er wolle "eben kein Übergangs-CEO" sein, sondern "zusammen mit meinem Team den Turnaround schaffen und das Unternehmen darüber hinaus in eine solide finanzielle Verfassung zurück führen".

Auf Lösser warten immense Probleme. Nicht nur schliesst er einen weiteren Stellenabbau in den nächsten zwölf Monaten nicht aus. Auch frisst die Schuldenlast von 3,5 Milliarden Franken jährlich einen dreistelligen
Millionenbetrag an Zinsen. Die Eigenkapital-Decke hat ein alarmierende Dünne von 11 Prozent erreicht (Ciba und Lonza über 35 Prozent, Ems-Chemie über 40 Prozent), so dass notwendige Abschreibungen nicht getätigt werden können. Für die Mittelbeschaffung müssen - im ungünstigsten Zeitpunkt - nicht zu den Kernaktivitäten gehörende Geschäfte verkauft werden, wozu die Renditedivision Masterbatches nicht gehören soll. "Clariant sitzt in der Liquiditätsfalle", bringt es Gewerkschafter Bonert auf den Punkt. Ungelöst ist auch der Streit mit der indischen Börsenaufsicht um die aus der Hoechst-Übernahme stammende 50,1-Prozent-Beteiligung an der Colour Chem. Clariant wehrt sich gegen den Entscheid, für 20 Prozent der im freien Markt gehandelt Aktien ein Übernahmeangebot zu müssen.

Ein Weisser Ritter warf eine Auge auf Clariant

Wie im Markt zu erfahren ist, warfen bereits Konkurrenten als Weisse Ritter ein Auge auf Clariant. Doch angesichts von Börsenwert und Schuldenberg schwand das Interesse rasch. Branchenkenner glauben, das Unternehmen komme nächstes Jahr um eine Kapitalerhöhung nicht herum: Ein Aufschwung im zyklischen Geschäft ist nicht in Sicht. Ein langjähriger Feinchemie-Manager meint: "Clariant ist in der eigenen Situation gefangen. Die Lage ist relativ ernst."

30. Juni 2003


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